E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Peitz SchattenSommer
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-7828-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manche Echos bleiben, bis sie jemand hört
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-6951-7828-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Peitz, Jahrgang 1977, ist Singer/Songwriter und Autor. Er wuchs mit Mixtapes, VHS-Kassetten und den Abenteuergeschichten der 80er Jahre auf und verknüpft sowohl in seiner Musik als auch in seinem frisch veröffentlichten Debütroman autobiografische Themen mit Fantasie, Atmosphäre und Tiefgang. SchattenSommer ist nicht nur eine fesselnde Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch eine liebevolle Hommage an die Abenteuer- und Mysterygeschichten seiner Kindheit und Jugend.
Autoren/Hrsg.
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UNSICHTBARES GEPÄCK
1
Sommer 1989
Als die Boeing 737 ihren Landeanflug auf London Heathrow begann, die Anschnallzeichen aufleuchteten und die Flugzeuggeräusche lauter wurden, war Mark überrascht. Mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Thomas war er schon ein paar Mal in den Urlaub geflogen und diese Flüge waren ihm deutlich länger vorgekommen. Natürlich hatte er sich dabei nie Gedanken über die Länge der Strecke gemacht und genauso wenig war ihm diesmal vor der Reise in den Sinn gekommen, sich damit zu beschäftigen, wie lange er wohl von Düsseldorf nach London unterwegs sein würde.
Eigentlich war ihm das auch ziemlich egal. Aber mit einer Flugzeit von nur einer Stunde hatte er nicht gerechnet. War in der Ansprache des Kapitäns beim Start nicht auch etwas über die Ankunftszeit gesagt worden? Mark hatte es nicht richtig mitbekommen, weil die beiden kleineren Kinder in der Reihe vor ihm – genau wie jetzt – ziemlich laut gewesen waren und die daneben sitzende Mutter auf ihn wirkte, als würde sie sich davon grundsätzlich nicht stören lassen.
Er runzelte die Stirn, überlegte und zog dann das Flugticket aus der Plastikhülle mit der Aufschrift , die er um seinen Hals trug. Dabei stieg ihm erneut dieser typische, trockene Flugzeuggeruch in die Nase – eine Mischung aus Plastik, Kaffee und etwas, das er nicht genau benennen konnte. Sein Blick wanderte von der weißen und sterilen Innenverkleidung des Flugzeugs zum Ticket. Darauf stand:
Die Art und Weise, wie Mark jetzt sein Ticket studierte, schien dem Sitznachbarn rechts neben ihm auf dem mittleren der drei Plätze dieser Seite aufzufallen. Der ältere und etwas beleibtere Herr mit dem kurzärmeligen beige-blau-karierten Hemd und der großen Hornbrille lehnte sich ein Stück nach vorne, schaute ihn an und fragte schließlich amüsiert: „Komisch, wenn man um 14:30 Uhr in Düsseldorf startet und um 14:40 Uhr schon in London ist, oder?“
Mark war zuerst verwirrt und fragte: „Äh, was?“, aber dann verstand er schnell, was gemeint war, und sagte: „Ach, Sie meinen die Zeitverschiebung. Ja, auf dem Ticket sieht das schon lustig aus. Aber ich hab’ mich einfach nur darüber gewundert, dass wir nur so kurz unterwegs waren.“
Die Tatsache, dass die Zeitverschiebung für Mark keine Überraschung war, schien den Mann etwas zu beeindrucken. „Dann bist du wohl ganz gut informiert, junger Mann.“ Er rutschte in seinem Sitz etwas weiter nach hinten, räusperte sich kurz und fuhr dann fort: „So ein Flug von Düsseldorf nach London ist wirklich nicht besonders spannend. Man startet, es gibt etwas zu essen, und dann landet man auch schon fast wieder.“ Er lächelte, um schließlich zu fragen: „Du reist offensichtlich allein?“
Eigentlich eine Frage, die Mark gerne selbstbewusst mit „Ja, genau!“ beantwortet hätte. Aber durch die nervige und peinliche Plastikhülle um seinen Hals war es wohl ziemlich offensichtlich, dass er nicht ganz so selbstständig unterwegs war, wie er gerne in diesem Moment vorgegeben hätte. Der -Service, den seine Eltern gebucht hatten, bedeutete, dass er in Düsseldorf von einem Airline-Mitarbeiter bis zum Gate begleitet worden war. In London sollte er dann später in der Ankunftshalle seinem Onkel Eddie übergeben werden.
Er steckte das Flugticket zurück, deutete auf die Hülle und sagte schulterzuckend: „Irgendwie schon allein.“
„Und wohin geht es genau, wenn ich fragen darf? London?“
„Nein, mein Onkel holt mich ab, und dann fahren wir mit dem Auto weiter nach Fernleigh. Er wohnt da.“
Der Mann hob seine Augenbrauen und sagte: „Interessant. Ich war früher Englischlehrer und bin eigentlich schon fast überall in England gewesen, aber in Fernleigh noch nicht. Nur mal in der Nähe. Kennst du Bournemouth? Das liegt so ungefähr 20 bis 25 Kilometer weiter südlich und ist um einiges größer als Fernleigh. Ist eine schöne Ecke da.“
Mark zuckte erneut – diesmal aber noch gleichgültiger – mit den Schultern. „Kann schon sein. Aber London wäre mir lieber gewesen.“
Der Mann lachte verständnisvoll.
„Ja, das kann ich mir vorstellen. In London gibt es natürlich viel zu sehen. Aber der Süden von England kann im Sommer als Urlaubsort schon wirklich toll sein. Glaub bloß nicht, dass es in England ständig regnet. Das erzählen sie einem in Deutschland häufig, aber das stimmt so nicht. Das Wetter ist nur manchmal etwas wechselhafter, als wir es bei uns gewohnt sind. Ich habe hier aber auch Sommermonate erlebt, in denen es fast durchgehend sonnig war. Vielleicht hast du Glück, und dann wird es in und um Fernleigh herum bestimmt eine gute Zeit.“
Mark nickte zwar, aber teilte diese Einschätzung eigentlich nicht. Was er bislang über Fernleigh gehört und gelesen hatte, entsprach definitiv nicht seinen Wunschvorstellungen von einem Ferienaufenthalt in England. Von einer Kleinstadt mit 40.000 Einwohnern konnte man aus seiner Sicht nicht sonderlich viel erwarten.
Das Fahrwerk wurde ausgefahren, und kurz darauf setzte die Maschine mit einem leichten Ruck auf.
Als die Fluggäste dem Kapitän applaudierten, fing Mark bereits an, seine Sachen zusammenzupacken. Er hatte schon bei seinen ersten Flugreisen nicht verstanden, warum man einem Piloten nach der Landung applaudierte und einem Busfahrer beim Erreichen der Haltestelle nicht. Dieser kurze Flug konnte doch eigentlich keine große Meisterleistung gewesen sein. Gleichzeitig fragte er sich, ob sich Piloten nach einem Flug ähnlich fühlen wie Musiker, die sich nach einem Konzert verbeugen und dann beklatscht werden.
Die Leuchtzeichen mit den Anschnallgurten erloschen, nachdem das Flugzeug vollständig zum Stehen gekommen war, und Marks Gedanken über Piloten, Applaus und sich verbeugende Musiker waren schnell verflogen.
Wenige Minuten später war er gemeinsam mit den anderen Passagieren in dem hat eckigen und kalten Verbindungstunnel, der zum Gate des Flughafens führte, und setzte kurz darauf zum ersten Mal in seinem Leben Fuß auf englischen Boden.
2
Im Vergleich zu den wenigen kleinen Urlaubsflughäfen, die Mark bislang gesehen hatte, glich Heathrow einem Wimmelbild. Neben den vielen Menschen, Flughafenshops und englischsprachigen Schildern war es in diesem riesigen Gebäude mit Laufbändern – sogenannten – und grauen Teppichen vor allem die hektisch wirkende Geräuschkulisse aus Stimmen, klappernden Rollkoffern, Fußschritten und Lautsprecherdurchsagen, die ihn etwas überforderte. Der Geruch von abgestandener Luft, Parfüm, Reinigungsmitteln und Kaffee tat sein Übriges.
Aus der Aufregung heraus war es ihm nicht einmal unangenehm, dass ihn Carol – eine blau uniformierte und stark geschminkte Mitarbeiterin von British Airways – an die Hand nahm, als sie ihn vom Gate zuerst durch die Passkontrolle und dann zum Gepäckband führte, auf dem nach etwa 20 Minuten sein Koffer zu sehen war.
Mark erkannte ihn trotz der vielen ähnlich aussehenden Gepäckstücke sofort. Sein Vater hatte schon vor längerer Zeit einen Aufkleber von seiner Arbeit mitgebracht und ihn in die Mitte des Koffers geklebt. Ein runder Sticker mit weißem Hintergrund, dem blauen Schriftzug Glasurit und einem großen,überwiegend roten Papageien daneben, dessen lange, bunte Schwanzfedern leicht aus dem Kreis hinausragten. Schon während der letzten Familienurlaube war dieses Erkennungsmerkmal oft nützlich gewesen.
Carol zog den schweren schwarzen Hartschalenkoffer vom Gepäckband, klappte gekonnt den Handgriff aus und zeigte Mark den Weg zu einem weiteren Korridor mit grauem Teppich. Als er den Koffer von hier aus ziehen wollte, schüttelte Carol den Kopf. Fürsorglich lächelnd und mit ruhiger Stimme sagte sie: „Schon ok. Es ist nur ein kurzer Weg und du hast ja schon deinen Rucksack. Komm einfach mit.“
Seine Aufregung war ihm offensichtlich anzusehen, denn kurz darauf fügte sie noch ergänzend hinzu: „Du machst das wirklich gut, Mark. Keine Sorge!“
Nach wenigen Minuten erreichten sie einen Bereich mit kühlen Betonwänden, beleuchteten Reklametafeln, Abstellflächen für Gepäckwagen und schwarz-gelber Beschilderung mit den Wörtern , und . Neonröhren beleuchteten den großen Raum von der Decke aus und hinter einer riesigen Glaswand war ein Empfangsbereich zu erkennen, der Mark auf den ersten Blick an die Eingangshalle vom heimischen Hauptbahnhof in Münster erinnerte. Darin wiederum war ein...




