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„Hier Head 413 blau, erbitte Unitstatus“, erklingt Rose Sullys Stimme laut und ungewohnt förmlich im Funkkanal unserer Unit. Obwohl sie vermutlich irritiert wäre, wenn ich sie außerdienstlich mit Rose oder Captain Sully ansprechen würde. Kampfpiloten haben immer irgendeinen Spitznamen – das ist eben unser Ding. Aufgrund ihrer feuerroten Mähne trägt sie den Beinamen Red. Ja, ich weiß: sehr einfallsreich. Aber hey, ich habe mir das nicht ausgedacht.
Red ist zwar genauso alt wie ich, aber dennoch hat sie es geschafft, zum Head unserer Unit aufzusteigen. Damit ist sie die Verantwortliche für unsere Einheit. Unit 413 der blauen Kampfstaffel besteht, wie alle anderen Units auch, aus einem Head, einem Wing, einem Tail und dem Core. Head, Wing und Tail sind kleine, wendige und schnelle T-20 Kampfschiffe und dafür verantwortlich, ihrem Core den Rücken freizuhalten, damit der seine schweren Waffen möglichst zerstörerisch einsetzen kann. Den T-41 Plasmabomber unserer Unit, welcher den schwer bewaffneten Core abbildet, fliege ich. Das Baby ist zwar unheimlich schwerfällig, dafür habe ich aber auch die besten Spielzeuge an Bord. Plasmatorpedos, zwei Railguns und einen F-18 Ionenlaser.
„Captain Sully, hier Wing 413 blau, bereit!“, ist Felipe Santanas Meldung zu hören. Die Anrede mit Dienstgrad und Nachnamen bringt mich erneut zum Schmunzeln, aber so sind die Regeln im offenen Funkkanal. Felipe oder auch Tiger, wie wir ihn nennen, ist ein alter Hase. Mit seinen 48 Jahren ist er eigentlich schon zu alt für einen Kampfpiloten. Dennoch möchte ihn keiner aus unserem Team missen, da er der Einzige von uns ist, der bei der Weltraumschlacht um den Mars tatsächlich selbst dabei war.
Plötzlich springt vor mir eine rote Warnlampe an und durchbricht meine Routine.
Hüllenintegrität nicht gewährleistet!
Mist, nicht heute. So einen Scheiß kann ich kurz vor der ersten intergalaktischen Raumreise der Menschheit nicht gebrauchen. Möglichst entspannt, um mich selbst nicht unter Druck zu setzen, frage ich laut, jedoch ohne den Funk zu aktivieren: „KAIA, was ist los? Ich habe das gesamte Schiff vor dem Start nochmal auf Herz und Nieren geprüft.“
Sofort erklingt die sanfte, weibliche Stimme von KAIA, der künstlichen Assistentin für Informationsverarbeitung und Analyse, in meinem Headset: „Nach der Auswertung der vorliegenden Daten ist die Hülle intakt. Jedoch kann deren Integrität nicht mit Sicherheit gewährleistet werden.“
Oh Mann, die modernste künstliche Intelligenz, mit der die Earth-Defense-Force auftrumpfen kann, und doch gibt sie mir lediglich die Fehlermeldung in anderen Worten wieder. Sie ist erst vor wenigen Wochen in die Core-Schiffe installiert worden und hat das veraltete Feuerleitsystem abgelöst. Eine Neuerung war zwar bitter nötig, aber diese dämliche KI halte ich dennoch für einen Fehler – meine Meinung interessiert im Flottenkommando jedoch niemanden.
„Captain Sully, hier Tail 413 blau, bereit!“, führt Jarek Sintio den Meldezyklus weiter fort. Der 21-Jährige ist erst letztes Jahr von der Pilotenakademie gekommen und daher nennen wir ihn traditionell einfach Rookie, bis uns etwas Besseres einfällt.
Nun wird es für mich langsam eng. Ich muss melden, sonst wird unsere Unit wegen technischen Problemen in die ‚Hope of Humanity‘, dem Hangarschiff der blauen Staffel, zurückbeordert. Das wäre schlecht. Wir alle wollen das durchziehen und nicht vom Fenster aus zusehen.
Obwohl ich weiß, dass ich mit einem Computer spreche und ein emotionaler Ausbruch sinnlos ist, blaffe ich dennoch verärgert: „Was soll der Scheiß, KAIA? Das sehe ich selbst!“
Immer noch im selben freundlichen Ton antwortet die KI: „Das ist der aktuelle Status des Schiffes. Es tut mir leid, Pilot Bennet, dass die Antwort Ihre Erwartungen nicht erfüllt.“
„Oh Mann, wenn man nicht alles alleine macht“, fluche ich nach wie vor sauer auf eine Software, „und hör auf, mich Pilot Bennet zu nennen. So nennen mich nur die Generäle. Sag einfach Lou oder Sunny.“
Währenddessen öffne ich die Datenkonsole und prüfe die Ursache für die Fehlermeldung – ohne meine Assistentin für Informationsverarbeitung und Analyse.
„Hier Head 413 blau für Core 413 blau, wie ist Ihr Status?“, vernehme ich Reds Stimme mit mehr Nachdruck aus dem Lautsprecher – auch sie wird langsam nervös. Der Status-Check ist eigentlich eine reine Formalität.
„Hey Sunny, was soll der Mist? Bist du eingepennt?“, höre ich sie anschließend verärgert in meinem Ohr. Auch ohne das Kommunikationsdisplay zu sehen, verraten mir die Wortwahl und der Ton, dass dies kein offener Kanal mehr ist. Den Spitznamen Sunny habe ich bekommen, weil ich stets mit gut sitzendem Haar, gebräunter Haut und Sonnenbrille unterwegs bin. Red meint immer, ich sei ein kleiner Weiberheld und ein Schönling, aber eigentlich achte ich einfach nur gern auf mein Äußeres. Stets ein Auge auf hübsche Mädels zu haben, hat auch noch nie jemandem geschadet. Egal, ich finde Sunny ganz lässig und daher habe ich mich nie darüber beschwert.
„Ich hab ein kleines Problem, Red, gib mir fünf Minuten!“, antworte ich, während ich die Fehlermeldungen durchgehe.
„Wenn du dich in einer Minute nicht meldest, docke ich an deinem Schiff an und versohl dir eigenhändig den Arsch. Wenn wir wegen dir zum Zuschauen verdonnert werden, mach ich dich alle!“, antwortet sie verständnisvoll.
„Da haben wir doch das Problem“, sage ich halblaut zu mir selbst und sehe endlich die Ursache der Fehlermeldung.
Inkonsistente Datenstruktur:
Magnetkontakt T316x4 = 1 = Magnetkontakt T315x4
„Was soll der Mist denn bedeuten?“, fluche ich laut. Wer zur Hölle legt solche kryptischen Ausgabeparameter für Fehler fest?
„Die Auswertung der Sensoren zeigt zwei Rückmeldungen, die miteinander nicht zu vereinbaren sind“, ertönt plötzlich wieder KAIAs liebenswürdige Stimme. Sie hat meinen Fluch offenbar als Frage verstanden.
Bevor ich reagieren kann, fährt sie mit ihrer Antwort fort: „Der Magnetkontakt T316x4 löst aus, wenn die Tür komplett geschlossen ist. Magnetkontakt T315x4 hingegen schaltet, wenn die Tür komplett geöffnet ist. Beide wurden jedoch ausgelöst und haben daher den Wert 1.“
„Was? Wie kann das sein? Die Tür ist zu“, entgegne ich irritiert.
Sofort beantwortet KAIA auch diese Frage: „Beim Betreten des Raumschiffes bist du mit deiner Schulter an dem Feuerlöscher hängengeblieben, wobei sich dieser aus seiner Halterung gelöst hat und sich seitdem frei im Innenraum bewegt. Vor 158 Sekunden flog dieser bedingt durch eine Kurskorrektur vor den Magnetkontakt T315x4, wodurch dieser schaltete. Dadurch ist sich die Steuerung des Raumschiffes nicht sicher, ob die Tür geöffnet oder geschlossen ist und nimmt an, dass die Hüllenintegrität gefährdet ist.“
Verdutzt starre ich auf den Bildschirm und mich beschleicht so langsam das Gefühl, dass diese verdammte KI mich verarschen will.
„Hier Captain Sully Head 413 blau für Core 413 blau, wie ist Ihr Status, Pilot Bennet?“, ist nun wieder Reds förmlich drängende Stimme im offenen Kanal zu hören.
Mit offensichtlicher Verärgerung schiebt sie weniger förmlich im privaten Kanal nach: „Was soll der Scheiß, Sunny? General Lii hat mir gerade ein Zeitfenster von sechzig Sekunden eingeräumt. Wenn du bis dahin dein Problem nicht gelöst hast, müssen wir zurück!“
Jetzt wird es eng.
„Fuck! Wieso sagst du das nicht gleich, KAIA? Ich schaffe es in sechzig Sekunden niemals, mich aus dem Pilotensitz zu schnallen, zur Luke zu schweben, den Feuerlöscher zu entfernen, wieder zurückzukehren, einen neuen System-Check durchzuführen und meinen Status zu melden“, schimpfe ich die KI an. Obwohl ich genau weiß, dass es eigentlich meine Schuld ist, da ich beim Einsteigen unvorsichtig war, reizt mich das Verhalten von KAIA.
Noch bevor ich mich abschnallen kann, kommt von der KI: „Mit einer gezielten Abfolge von Kurskorrekturen kann ich den Feuerlöscher so bewegen, dass er sich von der Tür löst und anschließend mit einer Wahrscheinlichkeit von 96 % im Ausrüstungsnetz am Rumpf verfängt. Soll ich diese Korrektur vornehmen?“
„Sunny? Hast du kalte Füße bekommen, oder was?“, drängelt nun auch Tiger im privaten Kanal.
„Großer Gott, ja!“, blaffe ich angespannt. In derselben Sekunde macht mein Plasmabomber drei kaum wahrnehmbare Bewegungen, woraufhin die Fehlermeldung verschwindet und mein Statuslicht grün wird.
Ich wechsle in den offenen Kanal und versuche, meine Stimme trotz des aufkeimenden Ärgers ruhig zu halten: „Captain Sully, hier Core 413 blau: bereit!“
„Hier Head 413 blau für Staffelführer blau: Unit 413 bereit!“, meldet Red sofort und beendet damit unsere Öffentlichkeitsarbeit. Ab jetzt gibt es nur noch den privaten Kanal unserer Unit. In diesem wird umgehend meine Unfähigkeit, welche für alle anderen anscheinend ohne Kenntnis irgendwelcher Vorgänge auf meinem Schiff offensichtlich ist, kommentiert.
„Mann“, stöhnt Rookie, „ich dachte, ich bin derjenige, der mit seinem Schiff noch nicht vertraut ist!“
„Ja“, schiebt Tiger nach, „der Flottenarzt hat mir empfohlen, die Abstände zwischen meinen Tests für die kognitiven Fähigkeiten zu verkürzen. Vielleicht solltest du auch mal mit dem sprechen, Sunny.“
„Ach, fickt euch!“, blaffe ich zurück, muss aber dennoch grinsen, denn ich würde es nicht anders machen.
„Du schuldest uns allen ein Bier in der Messe, sobald wir wieder zurück sind, Sunny!“, schließt Red die Debatte,...