E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Peters Sonntag das Rennen
41. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7549-6964-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vlamma T3 Teil IV
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-7549-6964-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
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Aufgewachsen in Esens (Ostfriesland) und Bad Bederkesa. Seit 2013 lebt Oliver Peters in der Wesermarsch und arbeitet als freier Autor.
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Schuld
1985
Der Regen fiel schwer an dem Tag, da sich die kleine Gemeinde traf, Angus’ Mutter, der geschätzten Carola Hold, das letzte Geleit zu geben. Es war eine erschrockene Gruppe Menschen, die schwarz gekleidet Eleganz und Würde zu zeigen versuchte. In schlechtsitzenden Anzügen, zu engen, weißen, vom Bierbauch gespannten Hemden, muffigen Kleidern mit gesprengter Naht. Regungslos trotzte sie dem Wetter und folgte dem schmalen Sarg von der Kapelle zum Grab. Die opulente Totenlade glich einem verkitschten Holzschrein in Eiche, das Regenwasser leckte an ihr herab.
Angus und sein Onkel Werner bildeten die Spitze des Zugs. Es folgte eine versprengte Gruppe, zusammengesetzt aus Bekannten vom , die in den letzten Monaten eine unerklärliche Nähe zu Carola verspürt hatten: Bert, der Wirt, Ernest, John. Und entfernte Familienangehörige der Holds, eher flüchtige Bekannte. Sie kamen teils aus Sensationslust, teils wegen eines diffusen Gefühls von Mitleid.
Auf dem Ast einer der den Friedhof umstehenden Linden saß jung und unförmig Hagen Finwe, schloss mit einer Hand fest den Mantel am Hals, hielt sich mit der anderen am Holz des Baumes. Sein Hut, tief ins Gesicht gezogen, leitete in Rinnsalen Wasser ab. Eine magische Aura schützte vor Regen und die Kleidung vom eintragenden Dreck des Mooses. Dennoch spürte er die aufsteigende Kälte.
Für Wesen der waren die religiösen Rituale der Menschen so unverständlich wie absurd. Hagen wusste: Pastor Lothar Martens schätzte es, eine größere Gruppe Angehörige und Freunde im Zug zum Grab vereint zu sehen. Bevor er anhob, biblischen Worte über den Leichenacker zu treiben, erinnerte sich der Vertreter Gottes, wie häufig er allein mit einem Sarg gewesen war und sich seine Predigt über den weiten Friedhof ungehört verlor.
Das Grab für Carola Hold war neben der letzten Ruhestätte von Bernhard Graf ausgehoben. Der erste Fall, den Martens vor Jahren zu behandeln hatte; seinerzeit Besitzer eines jener herrlichen, bürgerlichen Wohnhäuser im Norden der Stadt. Eine karge Begleitung für ihn, der ohne Familie gelebt hatte und einsam gestorben war. Einige Mieter seines Hauses waren gekommen. , das dachte der Pastor jedes Mal, sah er den Stein von Bernhard Graf. Hagen konnte ihm hinter die Stirn blicken, sah die Zweifel, sah die Angst.
Beerdigungen sind klamme Konstellationen. Hagen sah Martens größte Sorge: am Ende keinen Trost zu spenden. Denn er stellte den Glauben an Gott und die Wiederauferstehung infrage. Hagen zog die Nase hoch. Er meinte, die Haltung Lothar Martens zu verstehen. Die Menschen, sie verwechselten oft die Begegnung mit den Geisterwesen mit ihrem Gott und zirkulieren so über spirituellen Abgründen.
Den Gesichtszügen der Gemeindemitglieder hing ein matter Spott nach. Der Tod brachte den Lebenden eine Erfahrung von endloser Grausamkeit. Martens wunderte sich, dass sie nicht von ihren Zweifeln aufgebracht aufsprangen, wenn er predigte. Satt von seinen Worthülsen. Ihn anklagten. Den Vertreter Gottes. Nichts, aber auch rein gar nichts änderte es am Resultat, dass der Tod alles zu Ende brachte. Wie stark man auch war, wie schwach man sich gab, welche Fehler man gemacht und Wunder im Leben vollbracht hatte. Was sollte er ihnen sagen?
Hagen schloss die Augen. Er kannte die Selbstzweifel Martens. Diese Verbindung höherer Ziele mit dem Moment einer Entscheidung. Während den Pastor nachts die Angst wachhielt, dass die feine Blase des Respekts vor der Kirche beim Beerdigungsritual zerplatzte, war sich Hagen seiner Schuld gegen die Menschen seit heute gewiss.
Ein Windstoß ging durch die feuchten Blätter, hob Geruch an, ließ ihre Feuchtigkeit auf den Boden stürzen. Hagens Griff am Baum wurde fester. Er war noch jung. Das Wachstum der Flügel einer Fee brauchte Zeit und wurde von guten Taten begünstigt. In seinem Schulterblatt waren nur ledrige, braune Stumpen ohne Entwicklungschancen verwachsen. Bewegliche Flecken, als ob unter der Haut eine Larve aus dem Nest strebt und an dem gummiartigen Überzug zurückgeworfen wird. Mit Blick auf den Zug, der dem Sarg von Carola Hold folgte, war klar, dass er sein Leben lang ohne Flügel bleiben würde. Er fühlte Schuld.
Martens Probleme mochten im Vergleich zu seinen klein sein. Für den Geistlichen wirkte die Aussicht auf Veränderungen am Ablauf von Gottesdiensten, Glaubenslehre oder Beerdigung beunruhigend. Jede Panne – und es gab Pannen genug beim Gang zum Grab – glich dem Knirschen einer Eisfläche, auf der man Schlittschuh fuhr, ohne die Dicke geprüft zu haben. Wie neulich der Junge, der an der offenen Grube der Bekannten zum letzten Gruß eine Rose ins Grab nachgeworfen hatte. Sie wurde von einer Böe erfasst und auf das Erdreich neben der Öffnung getragen. Dieser Schmerz.
Martens erinnerte sich. Der Name war Domrös, Spitzname Dornröschen. Daher die Blume, die sie wie mit letztem Atemzug aus ihrem Grab blies. Wie wenn ihr Tod zur Silvesternacht, 3 Tage vor dem Umzug aus dem zugigen, unbeheizbaren Haus ihrer Kindheit in eine neue Sozialhilfewohnung, nicht akzeptabel gewesen wäre. Es hatte Martens fast den Boden unter den Beinen weggezogen, wie er den Jungen auf dem Aushub krabbeln gesehen hatte. Gefährdet, jederzeit ins Grab zu stürzen. Er hatte die verloren gegangene Blume gesucht und sie dann, um sicherzugehen, wie einen Wurfpfeil in die Begräbnisstätte geschleudert. Mit einem schwachen auf dem Holz des Sarges erreichte sie ihr Ziel. Der Versuch von Dornröschen, den Protest aus dem Grab zu tragen, war zurückgeworfen. Amen.
Hagens Verwicklung in die Beerdigung ging auf tiefere Verwerfungen zurück. Der Zug kam näher und er konnte jetzt Angus erkennen. Der Junge zeigte ein kaltes, starres Gesicht. Der Regen wusch sein Haar, verklebt und zerzaust rahmte es seinen ausdruckslosen Blick. Auf seiner Schulter Werner Buchholzes Hand, der Bruder Carolas; aus Hockenheim angereist, um seiner Schwester in den letzten Wochen beizustehen und nun die Obhut über den Jungen zu übernehmen.
»Angus«, flüsterte Hagen Finwe, wie zu einer Entschuldigung. Der Feenrich schüttelte seinen Kopf und senkte beschämt den Blick.
Ein Seufzen entfuhr der Gruppe, nachdem der Sarg in die Erde rückte. Der Schauer verwischte die Figuren, Linien und Farben, die schwarze Kleidung der Anwesenden sog sich voll und glänzte wie eine künstliche Haut. Schirme und Hüte verdeckten die Gesichter, Tränen verschmolzen mit dem Wetter. Man blieb, bis die Kränze der Angehörigen und Freunde von Helfern arrangiert worden waren. Wollte sehen, wer das Dahinscheiden Carola Holds zur Kenntnis genommen hatte, aber nicht den Weg zum Friedhof gefunden hatte. Da entfaltete sich schon das Band von dem Kranz der Kolleginnen aus der Boutique, in der sie zuletzt gearbeitet hatte. . Der Standard der Mittelmäßigkeit.
Weitere letzte Grüße wurden dem nicht enden wollenden Regen ausgesetzt. Die Verwandtschaft von Carola aus dem Ostfriesischen, denen der Weg zu lang war, schickte ihren Abschied. Der Sportverein. Zwei Freundinnen.
Man trat den Weg ins Restaurant an. Nahe dem Friedhof, bevorzugter Veranstaltungsort des Leichenschmauses. Diesem bitteren Kaffeetrinken, das den Angehörigen Fassung abverlangte und zugleich Solidarität vermittelte. Veranstaltungen, die der Gastronomie im Volksmund den Namen angetragen hatten.
Der Weg über den Friedhof, durch ein Meer an gleichförmigen, zeitlos aus dem Boden ragenden Grabsteinen – Zeugnisse vergangener Lebensspannen, wie erschreckt sich aus der Erde streckende Hände. Grüße, aus dunkler Liegestatt, bevor auf immer diese eine Existenz aus der Erinnerung verschwinden würde. Der alle Konturen auflösende Regen schwemmte diesen Chor an Hilferufen weg und erstickte ihre Stimmen im Rauschen und Gurgeln.
Der Trupp gebeugter Menschen fand zwischen ihnen seinen Weg. Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts, manchmal stach einer der Steine hervor. Automatisch orientierte man sich: War der Name bekannt? Wie stand es um die Lebensdaten? Welche Zeit hatten sie gehabt? Stetig am Rechnen kam man auf beunruhigende Weise zu immer neuen Zahlenergebnissen. 39 Jahre, 22 Jahre, 78 Jahre, 14 Jahre. Es gab kein Muster.
Versuche der letzten Selbstdarstellung, mit Leitspruch und den numerischen Eckpfeilern. Versuche, der Existenz Sinn zu verleihen. Verdichtet zu einer hoffnungsvollen Stimme, die Verzweiflung in sich trug: . Oder: . Manchmal: . Nicht zu vergessen: . Sie sagten in unheimlicher Einigkeit: Wir sind nicht tot. Wir dürfen nicht tot sein. Wir können nicht aufhören zu existieren. Doch waren sie alle gestorben. Genauso wie Carola Hold, die viel zu jung starb und nicht mehr da war. Trotz der von Pastor Martens gepredigten und bezweifelten Aussicht auf eine wie auch immer gearteten Wiederkehr aus dem Reich der Toten. Hagen Finwe sah den ungeordneten Zug zur Gaststätte hinterher. Er würde ihnen nicht ins Lokal folgen können. Geschickt balancierte er auf dem Ast zurück zum Hauptstamm und glitt herunter auf den Boden. Durchs Fenster, dachte er, würde er der Gemeinde beiwohnen.
Angus saß allein an der einer Tafel. Der Leichenbestatter Erdreich hatte ihn mit unverhohlener Abscheu empfangen. Hagen...




