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Pichler Quergänge



Vorarlberger Geschichte in Lebensläufen

1. Auflage 2019, 265 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-7065-5738-2
Verlag: Studien Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Pichler Quergänge

Anhand von 16 Lebensläufen erzählt der Historiker Meinrad Pichler eine Vorarlberger Regionalgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Es geht um Wanderarbeiter und Stadtdamen, um Industriepioniere und Landstreicher, um kämpferische Engagierte und Kollaborateure, um Diener und Herren. Kurz: um bewegte Biografien, die jeweils auch die Hinter- und Abgründe ihrer Zeit widerspiegeln.

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Trotz seiner Aversion gegen die politischen Forderungen des aufkommenden Bürgertums ließ sich Kaiser Franz I. um 1820 in der Wiener Hofburg ein Arbeitszimmer im Stil des Biedermeier, also nach bürgerlicher Mode, einrichten. An dem Stehpult beim kaiserlichen Schreibtisch (links) dürfte zeitweise auch der Kammerdiener Kaspar Kalb gearbeitet haben, der selbst nach seinem Tod noch Akten produzierte. (Bildquelle: Architectural Digest)  
  Der Rest ist Schweigen. – Shakespeare IM DIENSTE SEINER MAJESTÄT
KAMMERDIENER
KASPAR KALB (1756–1841)
AUS WOLFURT Das Pochen auf Kontinuität und das starre Festhalten am Überkommenen zählten zu seinen hervorragendsten Lebensund Regierungsprinzipien: Dennoch setzte der erste österreichische Kaiser Franz I. gezwungenermaßen den tiefsten Einschnitt in der langen Geschichte der habsburgischen Herrscher. Er war es nämlich, der 1806 das römisch-deutsche Kaiserreich liquidierte, nachdem er bereits zwei Jahre zuvor das Erzherzogtum Österreich zum Kaisertum ausgerufen hatte. Insgesamt war die erste Hälfte seiner über vierzigjährigen Regentschaft (1792–1835) von schweren politischen und militärischen Niederlagen und von persönlichen Demütigungen, zugefügt vom revolutionären Frankreich und seinem Schwiegersohn Napoleon, bestimmt. Die Restaurierung seiner voraufklärerischen Ideale war erst nach der Niederwerfung Napoleons und mit Hilfe seines Regierungschefs Fürst Metternich möglich. Die Jahre ab 1814 stehen für totale Reaktion, durchgesetzt mit polizeistaatlichen Methoden und schärfster Zensur. Und so wie Metternich diesem Kaiser und dessen Sache bis über dessen Tod hinaus diente, tat es zwar ohne Macht und Öffentlichkeit, aber vielleicht mit Einfluss auch ein Wolfurter: als kaiserlicher Kammerdiener. Voraussetzung für einen solchen Posten waren neben verschiedenen Kenntnissen und Fertigkeiten vor allem Ergebenheit und absolute Diskretion. Diese Eigenschaften scheint Kaspar Kalb aus Wolfurt in sich vereinigt zu haben. Anders wäre sein beruflicher Aufstieg am Wiener Hof nicht denkbar gewesen. Ein Dasein im tiefsten Schatten des strahlenden Monarchen machte den Höfling allerdings zu seinen Lebzeiten nahezu unscheinbar, und das schlägt sich auch in der Quellenlage nieder: Wer von Berufs wegen kaum in Erscheinung treten und ja kein Aufsehen erregen darf, hinterlässt auch kaum Spuren. Massiv aktenkundig wurde der diskrete Diener erst nach seinem Tode, als sich die Erben um die Nachlassenschaft stritten. Erstmals auf den ungewöhnlichen Sohn der Gemeinde hingewiesen hat der Wolfurter Ortshistoriker Siegfried Heim, der auch den familiären Hintergrund ausgeleuchtet hat.1 Demnach wurde Kaspar Kalb als neuntes von 17 Kindern am 9. Jänner 1756 als Sohn des Anton Kalb und der Benedikta, geb. Metzler, im Wolfurter Ortsteil Strohdorf geboren, und zwar in einem der wenigen wirklich alten Häuser, die heute noch stehen (Kirchstraße 7). Da die in der Sippe gängigen Vornamen Franz Josef, Johann Georg, Benedikt, Andreas und Anton schon vergeben waren und seine Ankunft kurz nach Dreikönig geschah, taufte man ihn Kaspar. Ein Melchior und ein Balthasar sollten bald noch folgen. ZÄHES STUDIUM
Dass gerade Kaspar von den elf Söhnen für eine Bildungslaufbahn ausgewählt wurde, mag damit zusammenhängen, dass die Eltern selbst schon zur damaligen Dorfelite gehörten (der Vater konnte beispielsweise schreiben) und dass ebendieser Knabe von den Eltern oder vom Pfarrer als besonders begabt angesehen wurde. Wo Kalb das Gymnasium absolviert hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls scheint er aber eine Zeitlang in der Mehrerau gewesen zu sein. Denn der dortige Oberamtmann erhielt im Jahre 1771 aus einer Ausbildungsstiftung der Pfarre Bildstein 27 Gulden, und zwar „für Caspar Kalb an sein Handwerkdeputat für erlernte Rechnungskunst“. Und weil es im darauf folgenden Jahr keine Ansuchen um handwerkliche Ausbildungsunterstützungen gab, erhielt Kalb nochmals 28 Gulden.2 Ab 1775 finden wir Kaspar Kalb als Student der Philosophie in Wien. Die Reichshauptstadt war damals für alle, die nicht Theologie oder Medizin studierten, die erste Adresse, weil man hier am ehesten mit Hausunterricht oder im Gastgewerbe das Geld für das Studium verdienen konnte. Die Reise nach Wien war etwas beschwerlich, aber billig. Die Vorarlberger Studenten begaben sich meist zu Fuß nach Ulm und trachteten, von dort auf einem Floß oder Schiff gegen ein geringes Entgelt donauabwärts mitgenommen zu werden. Eine solche Wienreise dauerte manchmal mehrere Wochen. Den Aufzeichnungen der Willischen Stipendienstiftung der Pfarre Bildstein ist zu entnehmen, dass Kaspar Kalb in den folgenden Jahren kein besonders eifriger Student war: Das Philosophiestudium brach er nach einigen Jahren ab, um mit Jus zu beginnen, und seine Studien zogen sich sehr lange hin, ohne dass sie mit einer akademischen Würde abgeschlossen wurden. Mehrmals mussten väterliche Garantien die fehlenden Zeugnisse ersetzen. 1784 wurde ihm das Stipendium schließlich aberkannt, da „das Verhalten und Vorhaben des dermaligen Stipendiati Johann Caspar Kalb so, wie seine wanckelmütige Bestimmung von solcher Art und Beschaffenheit, dass selbe in allem Betracht der frommen Absicht und Meinung des Stifters zuwiderlaufet“3. Im Jahr darauf wurde die Unterstützung allerdings wieder gewährt, „da nun gedachter Stipendiat sich über sein fortgesetztes Studium mit guten Attestatis ausgewiesen hat“. Nach dreizehnjähriger Studienzeit verschwindet Kalb 1787 endgültig aus dem Rechnungsbuch der Pfarre Bildstein. Auffällig an diesen Eintragungen und Vergaben ist, dass Kalb im Gegensatz zu anderen Studenten nie selbst den Geldempfang quittiert hat, sondern stets sein Vater. Dies deutet darauf hin, dass er selten oder nie auf Heimaturlaub weilte. ANSTELLUNG BEI HOF
Wie und wovon der wohl gescheiterte Student in den folgenden zwölf Jahren in Wien seinen Lebensunterhalt bestritten hat, war bisher nicht herauszufinden. In der Regel waren unbemittelte Studenten und Akademiker, die nicht Theologie oder Medizin studierten, als Hauslehrer tätig. Gerade im Wien der Aufklärungszeit, als neben wohlhabenden Bürgern auch immer mehr Adelige ihren Kindern eine angemessene Bildung zukommen ließen, waren gute Hofmeister – so die Berufsbezeichnung der privaten Erzieher – sehr gefragt. Da es zu dieser Zeit eine akademisch-pädagogische Ausbildung noch nicht gab, waren besonders Generalisten begehrt, die Sprachen beherrschten und zugleich über philosophische, literarische und naturwissenschaftliche Kenntnisse verfügten. Jedenfalls muss Kalb berufliche Erfahrungen und Verbindungen vorzuweisen gehabt haben, die ihn für die kommende Aufgabe am kaiserlichen Hofe qualifizierten und auch dorthin brachten. Denn ab 1799 diente er ohne Unterbrechung bis zu seinem Tode im Jahre 1841 in verschiedenen Positionen und unterschiedlichen Kammern des Wiener Hofes. In den ersten drei Jahren war er in der Kammer „Ihrer Königlichen Hoheiten deren jüngsten durchlauchtigsten Erzherzogen“4 als Kammerdiener zugeteilt. Diese Verwendung spricht auch dafür, dass er sich als Hofmeister verdient gemacht hatte und deshalb als Ausbildner engagiert wurde. Insgesamt bestand der innere Hof damals aus vier männlichen Kammern: der des Kaisers, der des Erbkronprinzen Ferdinand, der des Erzherzogs Karl (Feldherr) und eben jener der jungen Erzherzoge Joseph, Johann, Rainer und Ludwig. Im Jahre 1803 drang Kalb in den innersten Kreis vor, indem er in die kaiserliche Kammer berufen wurde. Kurze Zeit darauf bewarb er sich um die Stelle des kaiserlichen Burginspektors. In seinem in gestochen schöner Handschrift verfassten Ansuchen vom 16. Juni 1807 begründete er seinen Anspruch, „indem Bittsteller erstens in der Architektur nicht unerfahren ist, und sich durch Studium und Erfahrung deutliche Begriffe von Recht und Unrecht erworben hat“5. Die umworbene Stelle wurde allerdings anderweitig besetzt; sei es, weil man Kalb in der Kammer behalten wollte oder weil ein anderer Bewerber bessere Qualifikation oder bedeutendere Protektion vorzuweisen hatte. So verblieb Kalb also in seinem Kammerdienst. DIE HOFDIENSTE
Die kaiserliche Kammer war eines von vier Obersthofämtern: Neben dem Oberstkämmerer gab es den Obersthofmeister, der für Buchhaltung, Hofbaudirektion, Gärten und Leibgarde zuständig war; weiters den Obersthofmarschall (Quartiermacher) und schließlich den Oberststallmeister, welchem Hofstallungen, Hofreitschule und Gestüte unterstanden. Die jeweilige Oberst-Position konnte nur von Adeligen bekleidet werden, die sich in unbedeutenderen Hofämtern bereits bewährt und eine einschlägige Familientradition vorzuweisen hatten. Alle wichtigen österreichischen Adelsfamilien versuchten, zumindest ein Familienmitglied in einem hohen Hofamte zu plaztieren, um auf diese Art einen direkten Zugang, wenn vielleicht nicht zum Kaiser selbst, so doch zum innersten Hofe zu haben. Zur Zeit Kalbs dienten Mitglieder der Geschlechter von Starhemberg, Stadion, Taaffe, Montcuccoli, Hoyos, Auersperg, Khevenhüller, Strachwitz und Leiningen in führenden...


Pichler, Meinrad
DER AUTOR
Meinrad Pichler, geb. 1947 in Hörbranz; ab 1972 Geschichte- und Deutschlehrer am BRG Dornbirn-Schoren, von 1994 bis 2010 Direktor des BG Bregenz Gallusstraße; Gründungsmitglied der Johann-August-Malin-Gesellschaft; zahlreiche Publikationen zur neueren Vorarlberger Landesgeschichte. Zuletzt erschien im StudienVerlag "Nationalsozialismus in Vorarlberg. Opfer. Täter. Gegner" in der Reihe "Nationalsozialismus in den österreichischen Bundesländern".


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