Popov | Schneeweißchen und Partisanenrot | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 328 Seiten

Popov Schneeweißchen und Partisanenrot


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7017-4455-8
Verlag: Residenz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 328 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4455-8
Verlag: Residenz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die unglaubliche Geschichte der Partisanenzwillinge Kara und Jara Alek Popovs wüste Politsatire über die heldenhaften Partisanen des Zweiten Weltkriegs wird Fans des schwarzen Humors begeistern. Die attraktiven Zwillinge Kara und Jara schließen sich in den Wäldern Bulgariens den Kämpfern gegen den Faschismus an. Wegen ihrer bürgerlichen Herkunft geraten sie jedoch in den Verdacht, Verräterinnen zu sein. Auf der Flucht werden sie getrennt und treffen einander erst Jahre später zufällig wieder - doch Jara hat die Seiten gewechselt... Respektlos mixt Popov einen Cocktail aus abenteuerlichen Kämpfen, zerstörten Utopien und tragikomischen Helden, aus Spannung, Witz und Absurdität, bis zumindest ideologisch kein Stein auf dem anderen bleibt.

Alek Popov 1966 in Sofia geboren, studierte dort bulgarische Philologie und war u.a. als Kulturattaché der bulgarischen Botschaft in Großbritannien und Nordirland tätig. Er arbeitet als Schriftsteller und ist zudem Autor einer Reihe von Erzählungen, Drehbüchern und Hörspielen. Popovs Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem 'Helicon' für das beste Prosawerk 2002, 'Mission: London' (Residenz Verlag 2006). Sein zweiter Roman,'Die Hunde fliegen tief' (Residenz Verlag 2008), stand wochenlang an der Spitze der bulgarischen Bestsellerlisten und erhielt 2007 den renommierten Elias-Canetti-Preis. Alek Popov lebt in Sofia.
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Kuckuck, Kuckuck ruft’s aus dem Wald


Schon seit zwei Stunden gingen sie so, schweigsam und ohne anzuhalten. Nur der kleine Ziegenhirt, der vorauslief, drehte sich von Zeit zu Zeit um und prüfte, ob die anderen auch nicht zurückblieben. Er war es gewohnt, alle möglichen Leute ins Balkangebirge zu führen, aber nicht solche wie diese beiden. Schon als er ihren Duft einatmete, begriff er, dass sie waren, und er konnte nicht aufhören, sich zu wundern, was sie hier zu suchen hatten. Sowohl ihre Kleidung als auch ihre Hände und Gesichter, ja sogar ihre Stimmen, soweit er sie vernommen hatte, hatten nicht das Geringste mit der rohen, kargen Wirklichkeit zu tun, die er kannte. Sie waren zusammen mit dem Studenten gekommen, den er zu den Waldleuten führen sollte, wie man die Partisanen auch nannte. Voll ausgerüstet – mit Rucksäcken, Knickerbockern, Windjacken und hohen Schuhen mit so dicken Sohlen, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. »Schau sich die einer an!«, sagte sich der kleine Ziegenhirt.

»Der Zonenstab schickt sie!«, versicherte ihm der Student.

Aber da war er sich irgendwie nicht ganz sicher … Der Student taugte nicht viel. So ein Langer, mit Nickelbrille und Uniformmütze, eingehüllt in einen Stadtmantel, der mit einem Gürtel zugebunden war. Er trug weiche Stiefel, die höchstwahrscheinlich beim ersten Schnee kaputtgehen würden. Über seiner Schulter hing eine Tasche aus Zeltleinwand, selbst genäht und nicht sonderlich voll. Lozan, wie sich der Bebrillte vorgestellt hatte, war schon nach einer Stunde Fußmarsch am Ende. Er begann schwer zu atmen, japste, stolperte über die Unebenheiten auf dem Weg und strauchelte. Aber aus Ehrgeiz und Trotz erlaubte er nicht, dass sie seinetwegen stehen blieben. Dafür schritten die Stadttussis, die so aussahen, als würden sie schon am Hügel über dem Dorf die Segel streichen, flink den Berg hinauf, ohne überhaupt außer Atem zu geraten. Nur ihre Gesichter röteten sich in der Gebirgsluft und wurden noch schöner.

Wer weiß warum, aber der kleine Ziegenhirt ärgerte sich und begann noch schneller zu laufen. Das Röcheln hinter seinem Rücken verstärkte sich. Einige Klumpen Erde kullerten in die Talschlucht. Er grinste schadenfroh, wobei er seine verfaulten Zähne entblößte, als ihn jemand heftig am Ärmel zog. Er konnte nicht sagen, welche von beiden. Sie ähnelten sich, mussten Zwillinge sein.

»Lauf nicht so schnell!«, das Mädchen sah ihn böse an.

Als sie zu einem kleinen Brunnen kamen, versteckt zwischen dem Wurzelwerk dreier ineinander verstrickter Buchen, blieb der kleine Ziegenhirt stehen, lauschte und rief fünfmal wie ein Kuckuck. Keine Antwort. Lozan ließ sich schwer ins Gras fallen, eines der Mädchen drehte den Verschluss seiner Feldflasche auf und gab ihm zu trinken. Der kleine Ziegenhirt rief erneut Kuckuck, diesmal sogar siebeneinhalb Mal. Er lauschte – nichts. Irgendwo in der Ferne hämmerte ein Specht.

»Zu dieser Jahreszeit gibt es keine Kuckucke«, merkte eine der Zwillingsschwestern an. »Das haben wir in Zoologie gelernt.«

Er schenkte ihr jedoch keine Beachtung und fuhr konzentriert fort, wie ein Kuckuck zu rufen, bis etwas durch die Luft zischte. Der kleine Ziegenhirt jaulte auf wie ein getretenes Kätzchen und fasste sich an die Schulter. Zwei sichtlich verärgerte Männer sprangen aus den Büschen und stürzten auf die Gruppe zu.

»Verdammt, Rajco!«, rief der eine, der einen gekürzten Karabiner über die Schulter gehängt hatte. »Dass du dir aber auch nicht eine einzige Parole merken kannst! Alles was recht ist, aber … Wie oft, haben wir dir gesagt, sollst du Kuckuck rufen?«

»Na ja … was weiß ich«, stotterte der kleine Ziegenhirt, während er sich die Stelle rieb, an der ihn der Stein getroffen hatte.

»Neun!«, der Mann zeigte ihm die Finger seiner beiden Hände und knickte einen ab.

»Aber ich habe doch neunmal Kuckuck gerufen!«

»Neun, Pustekuchen! Fünf! Fünfzehn … Zehn … Wir werden noch verrückt wegen dir!«

»Das hängt davon ab, wie du zählst«, mischte sich eine klare Mädchenstimme ein. »Kuck oder Kuck-kuck. Im Prinzip macht der Kuckuck Kuck-kuck, deshalb heißt er ja und nicht .«

»Und wer bist du?«, der Mann nahm instinktiv das Gewehr von der Schulter.

»Wir sind zwei!«

»Onkel Vanjo«, Lozan erhob sich. »Sie gehören zu mir!«

Der Genosse Partisan brach in Gelächter aus. Er trug eine Försterjacke, und an seiner Hüfte baumelte eine Parabellum mit kurzem Lauf. Er hatte ein breites, flaches Gesicht mit einem ins Blonde gehenden Bart.

Der Mann mit dem Karabiner stürzte sich auf den Studenten, umarmte ihn und sagte halblaut:

»Jetzt bin ich Lenin.«

Er war der Ältere von beiden und hatte offenbar das Kommando. Lozan setzte an, ihm von der Arbeiterjugendorganisation in Jucbunar zu erzählen, doch jener unterbrach ihn unbestimmt mit einem »später, später« und warf den Zwillingsschwestern einen scharfen Blick zu.

»Was sind das für welche?«

»Die Genossinnen Gabriela und Monika von der Diversionsgruppe beim Ersten Mädchengymnasium.«

»Warum hast du sie hergebracht?«

»In der Schule ist was schiefgelaufen. Es besteht die Gefahr, dass sie enttarnt werden, und deshalb wurde der Entschluss gefasst, dass sie in die Illegalität gehen sollen.«

»Wer hat das entschieden?«, fragte Lenin scharf. »Das Komitee in der Hauptstadt? Der Stab? Deine Oma?«

»Nuuun …«, der junge Mann senkte den Blick und begann zu stammeln. »Also, zweckmäßigerweise …«

»Wir wollen Partisaninnen werden!«, meldeten sich die Mädchen gleichzeitig zu Wort.

»Das ist ja schön und gut …«, Lenin nahm die Mütze ab, darunter hatte er wie der echte Lenin so gut wie keine Haare mehr, und kratzte sich am Kopf. »Aber das geht nicht! Haltet ihr das etwa für ein Spiel?« Er wandte sich dem kleinen Ziegenhirten zu: »Du bringst sie wieder zurück ins Tal!«

»Wir gehen nirgendwohin!«, widersetzten sich die Mädchen.

Ihre Augen leuchteten mit einem harten, ins Graue gehenden Schein, und Lenin begriff, dass er nur schwer mit ihnen fertigwerden würde. Auch Lozan mischte sich ein:

»Onkel Ivan …«

»Lenin!!!«

»Genosse Lenin«, begann der Junge mit unerwarteter Feierlichkeit. »Die Genossinnen schweben in Lebensgefahr. Die Faschisten sind ihnen auf den Fersen. Ich habe versprochen, ihnen zu helfen. Wenn du sie wegschickst, gehe auch ich mit ihnen zurück. Und dann geschehe, was da wolle!«

»Diese Büchsen haben ihm das Gehirn rausgeblasen«, schüttelte der andere den Kopf, wobei er ein leises, zischendes Geräusch zwischen seinen Zähnen erzeugte.

»Gräber, du wirst die Genossinnen nicht so nennen!«, wies ihn Lenin zurecht. »Man hat dich schon einmal vor versammelter Mannschaft gerügt. Wenn ich so etwas noch einmal höre, werde ich es Medved melden!«

Bei der Erwähnung dieses Namens trat eine vielsagende Pause ein. Die Mädchen sahen sich an und nickten einander zu.

»So sprechen wir eben zu Hause in Pernik, was ist schon dabei …«, brummte der Mann, der soeben der Gräber genannt worden war.

Natürlich war das nur sein Partisanenname und noch nicht einmal sein ganzer. Niemand jedoch hatte die Zeit, ihn »Totengräber des Kapitalismus« zu nennen – der Name, den er sich ausgesucht hatte, als er in die Einheit kam. Nicht einmal Totengräber. Sie nannten ihn einfach den Gräber.

»Was soll ich jetzt mit euch machen …?«, Lenin knetete gereizt seine Mütze. »Seid ihr Schwestern?«

»Wir sind Schwestern.«

»Seid ihr aus Sofia?«, er betrachtete sie vom Kopf bis zu den Füßen und winkte ab. »Was frage ich da, es ist offensichtlich, dass ihr aus Sofia seid …«

»Medved soll entscheiden!«, meldete sich der Gräber. »Habt ihr Brot dabei?«

»Wir haben Sandwiches«, sagte die eine.

»Wir haben auch Waffen«, ergänzte die andere.

Sie setzten die Rucksäcke ab und zogen zwei schwere, längliche Pakete hervor, eingewickelt in Zeltleinwand. Darin lagen zwei zerlegte Jagdgewehre von »Smith & Wesson« mit übereinanderliegenden Läufen. Die Mahagonikolben waren mit Schnitzereien verziert.

»Schau...



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