E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Poppe Liebe beginnt, wo Pläne enden
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-1010-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-7517-1010-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Leben mischt die Karten, spielen musst du selbst.
Kristin entdeckt beim Brötchenholen, dass ihr Mann eine Geliebte hat. Um Abstand zu gewinnen und sich zu sortieren, nimmt sie kurz entschlossen an dem Projekt 'Gelebte Geschichte' teil und zieht mit ihren zwei Töchtern für die Sommerferien ins Freilichtmuseum. Sechs Wochen leben wie im 18. Jahrhundert - Einschränkungen und harte Arbeit inklusive. Dafür kein Termindruck, kein Stress, kein Handy. Kristin gewinnt eine ganz neue Perspektive auf ihr Leben. Zudem sorgen ihre Mitbewohner:innen im Museum für emotionalen Tapetenwechsel und machen den historischen Alltag viel bunter als erwartet. Kristin lernt skurrile, aber auch sehr liebenswerte Menschen kennen und vor allem einen Mann, der ihr Herz höher schlagen lässt. Obwohl die Liebe nun wirklich nicht in Kristins Pläne passt ...
Charmant, witzig und romantisch!
Ein Roman wie ein leckeres Schokotörtchen: macht einfach glücklich!
Sandra Poppe, geboren 1975, lebt mit ihrer Familie (2 Kinder) in Bonn. Nach dem Geschichtsstudium arbeitet sie heute bei einer NGO, die sich der fairen Mode verschrieben hat. Sie liebt es, zu nähen, im Garten zu arbeiten oder zu kochen. "Es ist schön, wenn man am Ende etwas hat, was man anfassen, anschauen oder aufessen kann." Sie hat unter Pseudonym bereits zwei Frauenromane veröffentlicht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Flugbrötchen
»Ins Museum? Mit dir und Liv?«
Maja schaut mich entgeistert an. So, als hätte ich ihr gerade eröffnet, sie möge bitte ab morgen wieder zur Grundschule gehen. »Du bist bescheuert. Das kannst du total vergessen. Da mach ich auf keinen Fall mit.«
Ich habe versucht, es attraktiv zu verpacken. Aber die Abneigung meiner älteren Tochter ist elementar. Dabei weiß sie noch nicht einmal, dass das Handy zu Hause bleiben wird.
Mein Nesthäkchen Liv sagt gar nichts, aber es rattert in ihrem Kopf.
»Schatz, sieh es so: Nach Rügen wollt ihr nicht ohne Papa. Das verstehe ich. Aus dem Reiturlaub wird auch nichts. Ich habe in den letzten Tagen alles durchforstet, es ist nichts mehr frei. Willst du die kompletten Sommerferien zu Hause hocken?«
»Aber was soll ich denn da machen?«
»Es gibt dort andere Kinder. Ihr werdet neue Freundschaften schließen und tolle Wochen verbringen. So eine Gelegenheit bekommt man nur einmal im Leben.«
Ich krame in meiner Handtasche und reiche Maja ein Faltblatt. Leben wie anno dazumal steht vorne drauf. Seit fast zwei Jahren plant mein alter Studienfreund Daniel die wohl aufwendigste Ausstellung, die ein Freilichtmuseum je gesehen hat. Daniel van Berg ist der Direktor eines über die Grenzen der Eifel hinaus bekannten Freilichtmuseums und sein Vorhaben ein wahres Mammutprojekt. Sechs Wochen lang verwandelt er sein Freilichtmuseum in ein belebtes Dorf. Während der Sommerferien werden dort fast hundertfünfzig Menschen aller Altersgruppen leben und arbeiten und den Museumsbesuchern einen Eindruck des Lebens in früheren Jahrhunderten vermitteln. Living History lautet der Fachbegriff – die möglichst realistische Darstellung historischer Lebenswelten. Und wir haben die Möglichkeit teilzunehmen.
Maja löst ihre verschränkten Arme und nimmt mir den Flyer aus der Hand. Ein erstes Entgegenkommen. Ich wittere meine Chance. Schließlich kenne ich meine Tochter seit dreizehn Jahren. Vielleicht hilft es ja, zuerst Liv zu überzeugen. Mit ihren zehn Jahren ist sie deutlich begeisterungsfähiger und lugt schon neugierig in den Flyer, den Maja mit gekrauster Stirn studiert.
»Liv, was meinst du? Hast du Lust auf ein paar Wochen wie in alten Zeiten?«
»Schon. Aber nur, wenn Maja mitfährt.« Sie blickt ihre Schwester mit großen Kulleraugen an. Es fehlt nur noch, dass sie klimpert. Damit kriegt sie ihren Vater immer rum. Sie ist eben das Nesthäkchen und weiß genau, wie man sich als solches benimmt.
Ich schaue meine Älteste an und ihr Gesichtsausdruck lässt mich innerlich schon fast Bingo! schreien, als sie zielsicher fragt: »Gibt es in dem Museumsding überhaupt WLAN?«
Mist, Mist, Mist. Blöde Teenager!
Abends lege ich Maja den Flyer wortlos auf den Nachttisch. Sie registriert es, sagt aber nichts, was ich positiv bewerte. Ohne lautstarken Protest sehe ich wenigstens minimale Chancen. Vielleicht arbeitet ja die Zeit für mich.
Letztendlich hilft mir nicht die Zeit, sondern Liv.
Beim Mittagessen am nächsten Tag verkünden meine Töchter mir die frohe Botschaft.
»Von mir aus können wir in das Museum ziehen«, verkündet Maja beiläufig.
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Woher der Sinneswandel?«
Maja ziert sich ein bisschen und verpackt ihre Antwort schließlich so unaufgeregt wie möglich. »Ach, ich wollte doch eh später Geschichte studieren, da ist es doch praktisch, da mitzumachen.« In etwas vorwurfsvollem Ton setzt sie hinterher: »Auf die Idee hättest du auch kommen können, Mama.«
»Dabei war es meine Idee, Maja mit dem Geschichtsdingsbums zu überzeugen.« Meine Kleine strahlt wie die Sonne über Mallorca. Obwohl – dieses Jahr kann man Mallorca getrost weglassen. Deutschland braucht den Vergleich nicht scheuen.
»So toll ist die Idee auch nicht«, würgt Maja ihre Schwester ab. »Ich wäre noch alleine draufgekommen.«
Livs Gesichtsausdruck wechselt binnen einer Millisekunde zu muffelig. Ich rette die Stimmung gerne. »Aber so haben wir das Problem früher gelöst. Ihr fahrt also wirklich mit mir ins Museum?«, vergewissere ich mich. Die beiden nicken einmütig, und ich freue mich, wie einfach alles zu sein scheint.
Jetzt muss ich es nur noch meinem Mann Carsten sagen. Wie wird er reagieren? Er hat den Stein ins Rollen gebracht, wegen ihm fällt der Familienurlaub aus. Weshalb genau, das weiß bisher allerdings nur ich …
***
Fünf Wochen zuvor
In unserer grünen Brotkiste herrscht gähnende Leere. Ein Abendessen ohne Brötchen gestaltet sich schwierig, also stapfe ich die Treppe hoch, werfe einen Blick in die Kinderzimmer, stelle fest, dass meine Töchter beschäftigt sind, und informiere sie über meinen Ausflug zum Bäcker. Anschließend schnappe ich mir die Haustürschlüssel, stolpere fast über den um diese Uhrzeit gerne im Weg herumlungernden Kater (es ist Essenszeit und effektvolles Im-Weg-Rumstehen kündigt seinen dringenden Bedarf an hochwertigem Nassfutter an), verlasse unser schmuckloses Reihenendhaus Baujahr 1982, schwinge mich aufs Fahrrad und radle durch eine kleine Wohngebietsstraße des Aachener Westens. Drei Minuten dauert die Fahrt zum Bäcker, zwei der Brötchenkauf und schon bin ich wieder auf dem Rückweg. Einhändig, weil ich meine Fahrradtasche vergessen habe, steuere ich das Rad nach Hause.
Auf der Hälfte der Strecke entdecke ich meinen Mann Carsten. Er radelt gemütlich vor mir her, und ich trete in die Pedale, um ihn einzuholen. Ich freue mich, ihn zu sehen, denn das bedeutet, dass wir endlich einmal wieder gemeinsam zu Abend essen können. Seit Monaten stöhnt er unter der Last seiner Arbeit und der ständigen Dienstreisen, und es gibt Wochen, in denen ich das Gefühl habe, die Kinder alleine zu erziehen. Dennoch habe ich Verständnis, er steht an einem wichtigen Punkt seiner Karriere. Eine Beförderung liegt in Griffweite und danach beruhigt sich die Lage sicher wieder. Es wäre unfair, ihm deswegen Vorwürfe zu machen.
Ich habe ihn fast eingeholt und will gerade mit einem lockeren Spruch auf mich aufmerksam machen, als sein Handy klingelt. Routiniert fischt er es aus der Hosentasche, während er weiterradelt.
»Hey, du«, begrüßt er den Anrufer, »ja, ich bin auf dem Weg nach Hause. Hm. Ja, morgen klappt.«
Was klappt morgen? Er ist doch auf Geschäftsreise.
»Alles gut. Kristin denkt, ich fahre zu einem Meeting nach Hannover. Ich freu mich total auf dich. Ja. Ich dich auch.«
Ich bremse abrupt, die Brötchen fliegen in hohem Bogen auf die Straße. Mein Mann säuselt weiter, entfernt sich, und ich starre ihm hinterher, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Kreuz und quer fliegen sie mir durch den Kopf. Irren hierhin, irren dorthin. Jeder einzelne weigert sich beharrlich, Platz zu nehmen.
In Zeitlupe steige ich vom Rad, sammle die Brötchen auf, stopfe sie mit zitternden Händen zurück in die Tüte und befestige diese akribisch auf dem Gepäckträger. Anschließend betrachte ich gewissenhaft das Ergebnis meiner Mühen. Hält die Tüte? Kann man die Brötchen überhaupt noch essen? Und dann kriege ich den einen merkwürdigen Gedanken zu fassen. Habe ich das gerade richtig verstanden? Mein Mann hat eine Geliebte?
Es ist der erste Gedanke, der geruht, Platz zu nehmen. Und der offensichtlichste. Der zweite ist ebenso sonderbar. Es ist so weit! Genau das denke ich. Jetzt ist eingetreten, womit ich seit Langem rechne. Je mehr Sand in unser Ehegetriebe geriet, desto öfter malte ich mir dieses Szenario aus: Streit, Missverständnisse, fehlende Zeit, mangelnder Sex. Die Liste schien endlos. Doch mit den Jahren verlor die Vorstellung, Carsten könne fremdgehen, ihren Schrecken. Soll er doch eine Geliebte haben, wenn er nur bei mir und den Kindern bleibt. So dachte ich. Nüchtern, praktisch, lebensnah. Bis ich vor drei Minuten mit der Realität konfrontiert wurde.
Und jetzt?
Ich klettere wieder aufs Rad, atme tief durch, radle nach Hause. Ich schließe das Rad an unseren Fahrradständer, nehme die Brötchentüte, betrete das Haus, begrüße meinen Mann. Wie immer. »Hi, Schatz. Wie war dein Tag?«
»Gut. Hast du meine Hemden abgeholt?«
Das ärgert mich jetzt doch. Arschloch, denke ich, trete an die Pinnwand, nehme den Abholzettel und drücke ihm diesen entschieden in die Hand. Den verdutzten Blick ignorierend, marschiere ich in den Keller und hänge Wäsche auf. Liebevoll und voller Konzentration. Nicht, dass ich aus Versehen eine Socke falsch herum aufhänge.
Was soll ich tun? Was soll ich tun? Was soll ich tun?
Nichts. Ich muss in Ruhe nachdenken. Als die letzte Socke hängt, gehe ich mit mulmigem Gefühl im Bauch nach oben. Carsten steht tief gebeugt an der Arbeitsplatte in der Küche und überfliegt den Sportteil der Zeitung.
»Was gibt’s zum Abendessen?«, fragt er, als ich an ihm vorbeigehe, um Gläser aus dem Schrank zu holen.
»Brötchen. Aber ich habe nur sechs gekauft. Ich wusste ja nicht, dass du heute zum Abendessen da bist.«
»Muss ich das vorher ankündigen?«, fragt er, ohne von der Zeitung aufzusehen.
»So oft, wie du in letzter Zeit NICHT mitgegessen hast, wäre das vermutlich eine gute Idee«, kontere ich.
»Warum so patzig?« Carsten ist immer noch tief über die Zeitung gebeugt. »Hast du deine Tage, oder was?«
»Sehr witzig«, antworte ich schnippisch, »natürlich sind es die Hormone, die für schlechte Laune bei uns Frauen sorgen.«
»Krieg dich ein.«
»Und wenn ich das gar nicht will?«
Seine Erwiderung bleibt mir...




