E-Book, Deutsch, 240 Seiten, gebunden
Powell Die Ziellosen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96160-064-9
Verlag: Elfenbein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-96160-064-9
Verlag: Elfenbein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anthony Powell (1905-2000) besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Verlagslektor, schrieb Drehbu?cher und Beitra?ge fu?r britische Tageszeitungen, leitete den Literaturteil des Magazins 'Punch' und war Autor zahlreicher Romane. Jene gesellschaftliche Oberschicht Großbritanniens, der er selbst angeho?rte, portra?tierte er in seinem zwo?lfba?ndigen Romanzyklus 'Ein Tanz zur Musik der Zeit'. Wa?hrend seine Altersgenossen und Freunde Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell sich auch im deutschsprachigen Raum bis heute großer Popularita?t erfreuen, ist Anthony Powell hierzulande noch zu entdecken. Ebenfalls lieferbar: 'Ein Tanz zur Musik der Zeit' (2015-2018)
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Teil 1
––––––––––––––
Montage
1
»Wann nimmst du es ein?«, fragte Atwater.
Pringle sagte: »Man soll es nach jeder Mahlzeit einnehmen. Aber ich nehme es nur nach dem Frühstück und nach dem Abendessen ein. Ich finde, das genügt.«
Sie blieben unten, wo die Bar war. Im oberen Stockwerk spielte eine Band, aber der Tanz hatte noch nicht so recht begonnen, denn es war noch früh am Abend. Der Raum unten war niedrig. Die Bar nahm eine ganze Seite des Raumes ein, und es gab einige Tische und einige wenige Diwane. Die Fenster in der Wand gegenüber der Bar waren alle geöffnet, aber sie gingen auf einen Lichtschacht hinaus, so dass der Raum ziemlich stickig war und nach Ammoniak roch. Mehrere Bekannte von ihnen saßen an Tischen oder an der Bar, aber sie suchten sich einen Platz in der Ecke des Lokals und setzten sich. Pringle sagte:
»Wenn du diese Runde bezahlst und mir drei Shilling und neun Pence gibst, sind wir quitt.«
Atwater, der an den Brandy dachte, den sie während des Abendessens getrunken hatten, sagte nichts. Der Brandy war von erbärmlicher Qualität gewesen. Aber er gab Pringle eine halbe Krone und drei Pence. Sie redeten nicht miteinander, bis der Kellner am anderen Ende des Lokals die Bestellungen einer großen Gruppe aufgenommen hatte und zu ihnen herüber kam. Pringle sagte:
»Ich bleibe beim Brandy.«
»Doppelte?«, fragte der Kellner.
»Doppelte«, sagte Atwater.
Pringle sagte: »Was mich betrifft, so möchte ich nie wieder eine Frau sehen. Ich möchte mich gerne aufs Land zurückziehen und malen. Genauer gesagt, ich bin gerade in Verhandlungen über ein Haus auf dem Land.«
Atwater antwortete nicht. Er war in eine Zeitung vertieft, die jemand auf dem Tisch liegengelassen hatte. Er las den Comic und danach einen Artikel mit der Überschrift »Aristokratin in einer Auto-Tragödie«. Er war ein schmächtig aussehender junger Mann mit strohblondem Haar und ziemlich langen Beinen, der zweimal durch die Aufnahmeprüfung für das Außenministerium gefallen war. Er trug manchmal eine hellbraune Hornbrille zur Korrektur eines leichten Schielens, und durch Beziehungen hatte er kürzlich einen Job in einem Museum bekommen. Sein Vater war ein pensionierter Beamter, der in der Grafschaft Essex lebte, wo er zusammen mit seiner Frau eine Hühnerfarm betrieb.
»Wie lange gibt es diesen Club hier schon?«, fragte Pringle.
»Nicht lange. Jeder kommt hierher.«
»Wirklich?«
»Meistens.«
Sie hatten sich drei Jahre zuvor in Paris kennengelernt, wo Pringle an der Kunstakademie Colarossi zu lernen versucht hatte, seinen Zeichnungen kurzer Posen mehr Bedeutung zu geben, und Atwater bei einer Familie in Saint-Cloud lebte, wo, wie man annahm, es ihm schließlich doch noch gelingen mochte, Französisch sprechen zu lernen. Es war an einem Abend in der Bar »La Coupole« gewesen. Von Anfang an hatten sie eine gewisse gegenseitige Antipathie empfunden, aber an diesem Abend waren ihnen Landsleute im Vergleich eher als fast erträglich erschienen, als das in anderen Umgebungen der Fall gewesen sein mochte. Doch irgendwie hatte die Bekanntschaft fortbestanden, und sie gingen, lange nachdem sie den ursprünglichen Grund, ihre jeweiligen Capricen zu ertragen, vergessen hatten, ziemlich oft zusammen aus, wenn Pringle sich in London aufhielt. Pringle stammte aus einer fortschrittlichen Familie. Sein Vater, ein Geschäftsmann aus Nordirland, hatte 1911 einen Cézanne gekauft. Das war der Anfang gewesen. Dann hatte er sich von seiner Frau scheiden lassen. Später war er einem religiösen Wahn verfallen und hatte sich von einer Hängebrücke gestürzt. Aber obwohl er seine Kinder während der religiösen Periode schlecht behandelt hatte, hatte er ihnen allen einiges Geld hinterlassen, und so bezog Pringle ein komfortables Einkommen – von dem sich zu trennen er allerdings auch immer nur wenig Bereitschaft zeigte. Seine Kindheit hatte ihn zu einem schmerzlich verklemmten Menschen gemacht, und er war ein von Natur aus schlechter Maler, aber eine schreckliche routinierte Oberflächenglattheit, die er sich in Paris angeeignet hatte, veranlasste die Leute gelegentlich dazu, seine Werke zu kaufen. Pringle war achtundzwanzig, und seine roten Haare, wegen denen er, als er jünger war, oft gehänselt wurde, gaben ihm ganz entschieden das Aussehen des traditionellen Judas. Jetzt trug er das blaue Hemd der französischen Arbeiter und Lackschuhe. Hin und wieder zuckte er nervös und fummelte an den Dingen auf dem Tisch herum.
»Das Ärgerliche an Frauen«, sagte er, »ist, dass man ihnen nicht trauen kann.« Es war erst vierzehn Tage her, dass Olga ihn für immer verlassen hatte, und obwohl er dadurch immens viel Geld sparte, entrüstete ihn der Gedanke daran immer noch.
»Sagen Sie ›stopp‹«, sagte der Kellner beim Einschenken.
»Stopp«, sagte Pringle. »Falls ich jetzt aufs Land zöge und dort malte, könnte ich wahrscheinlich im Frühling eine weitere kleine Ausstellung bekommen.«
Atwater bot ihm von seinen Zigaretten an, sah aber nicht von der Geschichte über den Unfall auf. Es handelte sich um die Frau eines Barons, sie war in einem Bentley auf der Straße nach Brighton unterwegs gewesen.
»Was ist deine Meinung?«
Atwater sann über den Cognac während des Dinners nach. Er sagte: »Ich würde das tun.«
»Hast du etwas von Undershaft gehört?«, fragte Pringle, das Thema wechselnd, denn er hatte den Plänen über die beabsichtigte Reorganisation seines Lebens praktisch nichts hinzuzufügen, und Atwater, der von ihnen schon während des Dinners gehört hatte, war offenkundig nicht bereit, in diesem Augenblick eine aktive Rolle in ihrer erneuten, ausführlicheren Erörterung zu spielen.
»Er ist in New York.«
»Er spielt dort Klavier?«
»Er spielt dort Klavier.«
Atwater legte die Zeitung weg und schaute sich in dem Lokal um. Er sah, dass Harriet Twining an der Bar saß, neben einem Mann mit einem feisten Nacken. Sie trug ein Jackett und einen Rock und sah sehr blond und hinreißend aus. Sie hatte helles Haar und eine leicht dunkle Haut, so dass die Männer oft ganz verrückt wurden, wenn sie sie sahen, und ihr fast augenblicklich einen Heiratsantrag machten. Aber wenn es dann ernst wurde, heiratete sie nie jemanden, weil sie des jeweiligen Mannes, nachdem sie mit ihm zusammen gewesen war, müde war, oder weil der Mann sagte, er könne nicht mehr mithalten oder er habe einfach kein Geld mehr. Sie winkte Atwater zu, der oberflächlich mit ihr bekannt war, und kam zu ihnen herüber. Ohne Pringle zu beachten, sagte sie:
»Kommst du heute Abend zu der Party?«
Atwater sagte: »Ich kann nicht. Ich liege im Sterben. Wessen Party ist es?«
»Du musst kommen.«
»Ich bin nicht eingeladen.«
»Komm mit uns. Wir nehmen dich mit.«
»Wer ist ›wir‹?«
»Ich und mein fetter Freund.«
»Wer ist das, Harriet?«
»Sein Name ist Scheigan.«
»Wirklich?«
»Er ist ein amerikanischer Verleger.«
»Warum ist er hier?«
»Er wird mein Buch verlegen, wenn es fertig ist.«
»Nimmst du ihn mit zu der Party?«
»Ja. Er ist ganz versessen auf Partys. Er sagte, alle Iren seien so. Verrückt nach Vergnügungen.«
Sie ging zurück zu ihrem Hocker an der Bar. Atwater beobachtete sie. Sie schob ihre Schultern ein wenig vor und wiegte sich, auf Wirkung bedacht, leicht in den Hüften, aber nicht sehr. Der Mann mit dem feisten Nacken saß an der Bar, als ob er jeden Augenblick darüberklettern und dabei den Hocker als Stütze benutzen wolle. Er rauchte eine Zigarre. Atwater sagte:
»Kennst du sie nicht?«
»Für mich sehen sie alle gleich aus«, sagte Pringle. »Hat Undershaft dir denn geschrieben?«
»Er lebt mit einer Vietnamesin zusammen.«
»In New York?«
»Er sagt, sie sei ganz toll.«
»Ich kann nicht sagen, dass ich deinen Club besonders mag«, sagte Pringle. »Diese Hitze hier und noch so einiges.«
»Es ist heiß.«
»Und dann die Leute.«
»Also, das sind die üblichen Leute. Du kannst nicht erwarten, dass es andere sind, nur weil es den Club noch nicht lange gibt.«
»Ich mag den Laden nicht.«
»Dann führ mich irgendwo anders hin.«
»Nein«, sagte Pringle. »Wir trinken hier noch einen.«
»Lass uns irgendwo anders hingehen.«
»Nein. Hector ist gerade reingekommen.«
»Ich bestehe darauf, dass du mich irgendwo anders...
Barlow sagte: „Wenn es wirklich dein Leben vergiftet, warum bittest du sie nicht, dich zu heiraten? Ich tu das manchmal. Frauen mögen das. Nebenbei bemerkt, du hättest überhaupt nichts zu befürchten. Ich glaub nicht im Geringsten, dass sie dich akzeptieren würde. Was du auch tun könntest, wäre, das Museum dazu zu bringen, dir einen Vierteljahresvorschuss auf dein Gehalt zu geben und sie für ein Wochenende nach Brighton einzuladen. Aber ich vermute, das würde sie auch nicht mitma-
chen. Sie hat Wichtigeres zu tun.“
Atwater sagte: „Die Luft in Brighton macht mir Leberbeschwerden.“
„Dann wirst du sie wohl heiraten müssen“, sagte Barlow. „Den alten Nunnery als Schwiegervater zu haben wiegt die Mühe und die Kosten schon fast wieder auf.“




