E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Price Cash
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402662-6
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-10-402662-6
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Richard Price wurde 1949 in der Bronx geboren. Sein Roman »Cash« war »SPIEGEL«-Bestseller und auf Platz 1 der KrimiWelt-Bestenliste. Für seinen Roman »Die Unantastbaren« wurde er mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Price verfasste zahlreiche Drehbücher für Filme von und mit Martin Scorsese, Al Pacino und Paul Newman. 2007 gewann er den Edgar Award für seine Arbeit an der hoch gelobten TV-Serie »The Wire«. Er lebt in Harlem, New York.
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1 Wumme
Um zehn Uhr morgens verließ Eric Cash, fünfunddreißig, seine Wohnung in der Stanton Street, steckte sich eine Zigarette an und ging zur Arbeit.
Als er vor acht Jahren her zog, war ihm die Lower East Side verwunschen vorgekommen, und hin und wieder konnte ihn, wie heute, ein schlichter Spaziergang noch immer bezaubern, Spuren überall der jiddischen Boomtown des neunzehnten Jahrhunderts: in der klaustrophobischen Enge der Straßenschluchten mit ihren hängenden Gärten aus uralten Feuertreppen, in den verwitterten Steinsatyrn, die lüstern zwischen den angenagten Fensterrahmen über der Erotic Boutique herabfeixten, in dem verblichenen hebräischen Schriftzug über der alten sozialistischen Kantine, die einem asiatischen Massagesalon gewichen war, der dem Szenetreff für Kids gewichen war; das und mehr in den vier Blocks auf Erics täglichem Weg zur Arbeit. Nach knapp einem Jahrzehnt in diesem Viertel, selbst an einem solch sonnendurchfluteten Oktobermorgen, erschien ihm dieses ganze ethnohistorische Mischmasch allerdings langsam etwas gestrig. Genau wie er.
Eric war ein jüdischer Upstate New Yorker, fünf Generationen entfernt von hier, aber er wusste, wo er war, er verstand den Witz; das laboratorio dei gelati, die tibetischen Hutläden, Forsyth House 88 mit seinen originalgetreu restaurierten Kaltwasserwohnungen, die sich nicht allzu sehr von den unrestaurierten Mietwohnungen um sie herum unterschieden, und in seiner Funktion als Geschäftsführer im Café Berkmann, dem Flaggschiff des Wir-sind-dabei, war er, an den seltenen Tagen, da das Biest ein Nickerchen einlegte, gern Teil der Pointe.
Was ihn an dieser Gegend allerdings wirklich packte, war nicht ihre nostalgische Ironie, sondern ihr Jetzt, ihr unbedingtes Hier und Jetzt, das ihn im Innersten antrieb, ein Verlangen, es zu schaffen, das durch seine vollkommene Ahnungslosigkeit, wie dieses »Es« auszusehen hatte, um ein Vielfaches verschärft wurde.
Er hatte keine besondere Begabung oder Neigung, schlimmer noch, eine gewisse Begabung, eine vage Neigung: Er spielte die Hauptrolle in einer vor zwei Jahren vom Forsyth House 88 gesponserten Kellertheater-Produktion des , seine dritte kleine Rolle seit dem College, und hatte in einem inzwischen eingegangenen Alphabet-City-Literaturblättchen eine Kurzgeschichte veröffentlicht, seine vierte in zehn Jahren, wobei nichts davon irgendwo hinführte. Und diese unerfüllte Sehnsucht nach eigenen Meriten machte es ihm praktisch unmöglich, einen Film anzusehen, ein Buch zu lesen oder auch nur ein neues Restaurant auszuprobieren – sämtlich Errungenschaften von Gleichaltrigen oder Jüngeren –, ohne mit dem Schädel voran gegen die nächste Wand laufen zu wollen.
Zwei Blocks von seinem Arbeitsplatz entfernt stutzte er, als er zu einer träge kriechenden Prozession aufschloss, die sich weiter, als sein Auge reichte, nach Westen die Rivington Street hinaufschlängelte. Was immer das war, es hatte nichts mit ihm zu tun, in der Schlange standen überwiegend Latinos, höchstwahrscheinlich aus den unsanierten Wohnungen unterhalb der Delancey und dem halben Dutzend unsterblicher Sozialbausiedlungen, die dies hier, das goldgelbe Herz der Lower East Side, umfingen wie ein Jai-Alai-Wurfkorb. Alle, darunter viele Kinder, wirkten herausgeputzt wie für den Kirchgang oder irgendeinen religiösen Feiertag.
Eric konnte sich auch nicht vorstellen, dass es irgendwas mit dem Berkmann zu tun hatte, und tatsächlich führte die Schlange geradewegs am Café vorbei, versperrte allerdings gründlich und gedankenlos den Eingang. Eric sah, wie zwei Partien jeweils behutsam versuchten, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, schnell aufgaben und woanders essen gingen. Ein flüchtiger Blick durch eines der großen Seitenfenster zeigte ihm, dass das Café ungewöhnlich leer war und die vormittägliche Notbesetzung die Zahl der Gäste übertraf. Was ihm aber wirklich an die Nieren ging, war der Anblick des Besitzers Harry Steele, seines Chefs, hinten allein an einem Zweiertisch, dessen ewige Leichenbittermiene durch die Aufregung auf Apfelgröße geschrumpft war.
Zumindest konnte Eric von hier aus endlich sehen, wohin die Schlange führte: dem Sana’a 24/7, einem von drei jemenitischen Brüdern geführten Minimarkt drei Blocks westlich vom Berkmann an der Ecke Rivington und Eldridge. Sein erster Gedanke war, dass jemand am Vortag einen riesigen Powerball-Jackpot geknackt hatte oder vielleicht die staatliche Lotterie wieder mal in die Hundertmillionen geklettert war, aber nein, es war etwas anderes. Eric folgte der Schlange westwärts, vorbei an den frischen Ruinen der zuletzt eingestürzten Synagoge und am angrenzenden People’s Park bis zur Ecke direkt gegenüber dem Sana’a, wo die Schatten der zwei Jahre alten Banner NEUERÖFFNUNG über sein Gesicht spielten.
»Hallo, Eric …« Ein junger chinesischer Uniformierter, Fenton Ma, der den Verkehr auf der Kreuzung regelte, nickte ihm zu. »Verrückt, oder?«
»Was ist denn los?«
»Maria ist da drin.« Ma wurde von der wogenden Menge, die er in Schach hielt, vorwärtsgespült.
»Was für eine Maria?«
»Die Jungfrau. Sie ist gestern Abend im Kondenswasser auf einer der Tiefkühlertüren erschienen. Spricht sich schnell rum so was hier, nicht?« Wieder wurde er vorgespült.
Dann sah Eric, wie sich auf der dem Seitenfenster gegenüber liegenden Straßenseite eine zweite Menschenmenge bildete: eine Menge, die die Menge beobachtete, in diesem Fall überwiegend jung, weiß und amüsiert. »Sie ist hiiiier«, tönte es aus dieser Gruppe.
Eric war schon immer gut darin gewesen, sich durch eine Meute zu schlängeln, gut trainiert allein schon durch den täglichen zigfachen Versuch, bei Berkmann zum Reservierungspult vorzudringen, und so schaffte er es in den engen Laden, ohne dass ihm jemand hinterherpöbelte. Drinnen spielte Nazir, einer der jemenitischen Brüder, ein großgewachsener, hagerer Mann mit einem Adamsapfel wie ein Tomahawk, Türsteher und Kassierer, eine Hand mit einem fetten Bündel Dollarnoten besetzt, die andere den einlaufenden Pilgern mit lockenden Fingern entgegengestreckt. »Grüßt Maria.« Seine Stimme forsch und melodisch. »Sie liebt euch sehr.«
Die Jungfrau war eine vierzig Zentimeter große kürbisrunde Silhouette aus Reif an der Glastür des Bier- und Seltersregals, ihr geschmeidig sich verjüngendes Haupt über dem breiteren Unterbau leicht zur Seite geneigt, was Eric ein wenig an all die Marias in der Kunstgeschichte erinnerte, die ihr bedecktes Haupt neigen, um das Kind in ihren Armen zu betrachten, aber eigentlich war das ziemlich weit hergeholt.
Die Leute, die um Eric herum knieten, hielten Fotohandys und Camcorders in die Höhe, legten im Laden erstandene Blumensträuße nieder, Kerzen, Ballons – auf einem stand DU BIST SO EINZIGARTIG –, handschriftliche Botschaften und weitere Andenken, vor allem aber blickten sie ausdruckslos, zum Teil mit gefalteten Händen, bis Tariq, der zweite jemenitische Bruder, zu ihnen trat, »Maria sagt jetzt auf Wiedersehen«, und die Gemeinde mit diesen Worten zum Lieferanteneingang hinauskomplimentierte, um für die nächste Gruppe Platz zu schaffen.
Als Eric wieder am Eingang des Ladens angekommen war, hatte ein älterer Polizist Fenton Ma abgelöst, auf seiner Marke stand LO PRESTO.
»Darf ich Sie was fragen?«, sagte Eric vorsichtig, da er den Mann nicht kannte, »haben Sie sie da drin gesehen?«
»Wen, die Jungfrau?« Lo Presto sah ihn unbewegt an. »Kommt drauf an, was Sie ›sehen‹ nennen.«
»Na ja. Sehen.«
»Also, ich sag Ihnen was.« Er blickte in die Ferne und tastete in seiner Brusttasche nach einer Zigarette. »Gegen acht heute Morgen, ja? Gehen paar Typen vom neunten Revier rein, ja, von wegen nur mal gucken? Kniet direkt vor dem Ding Servisio Tucker, der hat vor circa sechs Monaten auf der Avenue D seine Frau umgebracht. Also, die Kollegen haben seitdem die ganze Gegend umgekrempelt, ja? Und heute Morgen brauchen sie nur reinmarschieren, und da hockt er, auf den Knien. Er guckt sie an, feuchte Augen, streckt die Arme aus für die Handschellen und sagt: ›Okay, gut, bin jetzt bereit‹.«
»Hm.« Eric war ganz gebannt und spürte einen Anflug von Optimismus.
»Also …« Lo Presto steckte sich endlich eine an und blies genüsslich den Rauch aus. »Ob ich sie gesehen hab? Wer weiß. Aber wenn das, was ich Ihnen da grad erzählt hab, kein Wunder ist, weiß ich auch nicht.«
An einem strahlenden, ruhigen Morgen wie diesem, wenn das Berkmann leer war, befreit von der dichten, alkoholisierten Fieberhaftigkeit des Vorabends, war der Raum ein luftiger Palast, und nirgends sonst im Viertel war es schöner als hier in einem lackierten Korbstuhl mit dem entspannten Luxus eines Café au lait und der , während das Sonnenlicht von den Naturfliesen schwappte, umgeben von Weinregalen mit kryptisch schablonierten Nummern auf den Flaschen, Drahtglas und teilentsilberten Spiegeln, dies alles aus diversen Lagerhäusern in New Jersey aufgestöbert vom Besitzer Harry Steele: ein Restaurant im Gewand eines Theaters im Gewand der Nostalgie. Für Eric waren die ersten Augenblicke im Café jeden Tag wie die ersten Augenblicke in einem Major-League-Baseballstadion: mit diesem schwirrenden Rausch von Raum und geometrischer Perfektion, kam er doch aus seiner knochenschmalen Dreizimmerwohnung, in der eines der beiden Fenster auf den Lichtschacht ging, der eigentlich für Querlüftung gedacht war, seit dem Jahr des McKinley-Attentats jedoch als Müllschlucker diente.
Obwohl er an diesem Vormittag nichts weiter zu tun...




