E-Book, Deutsch, 191 Seiten
Rabisch Duplik Jonas 7
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-946086-25-3
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 191 Seiten
ISBN: 978-3-946086-25-3
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Birgit Rabisch studierte Soziologie und Germanistik und lebt als Autorin in Hamburg. Sie hat bisher zehn Bücher veröffentlicht, darunter den utopischen Roman 'Duplik Jonas 7', der zum Bestseller und Standardwerk für den Schulunterricht zum Thema Gentechnologie avancierte.
Autoren/Hrsg.
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Der Todesautomat
Jonas wartet am Nachmittag vergeblich auf seinen Vater. Der lässt durch seinen Kundenbetreuer, Herrn Schulz, einen Blumenstrauß vorbeibringen, schöne Grüße ausrichten und sich entschuldigen. Welthandelskonferenz in Paris. In zwei Tagen kommt er zurück. Professor Reimann hält ihn über Jonas’ Genesung auf dem Laufenden. Wenn er irgendwelche Wünsche hat … Herr Schulz steht ihm zur Verfügung. Jonas bedankt sich bei Herrn Schulz und schickt ihn wieder weg. Er braucht nichts, was Herr Schulz ihm beschaffen könnte. Die stechenden Schmerzen haben nachgelassen. Jetzt braucht er nur noch eins: Licht!
Am nächsten Tag besucht Ilka ihn wieder. Er freut sich über ihren Besuch. Aber dann liest sie ihm einen Artikel über die Duplikhaltung vor, der morgen in ihrer Newsline Pro Würde erscheinen soll. Mit einem erwartungsvollen »Hmm?« beendet sie ihren Vortrag.
»Willst du meine ehrliche Meinung hören?«
»Was sonst?«
»Also gut. Pathetisch, oberflächlich, unrealistisch. Ich weiß nicht, was an der Duplikhaltung unmenschlich sein soll, jedenfalls bei uns in den fortschrittlichen, strukturalistischen Gesellschaften. Dass es da in einigen Staaten Missstände gibt – nun gut, die haben einfach nicht unseren wirtschaftlichen und ethischen Standard. Aber das liegt ja nicht in unserer Verantwortung.«
»Du wirst in deinen Argumenten Papa immer ähnlicher!«
Das sitzt! Das ist die härteste Kritik, die Ilka an jemandem üben kann. Aber warum ist das nur so? Warum ist Papa für sie der Inbegriff des Verabscheuungswürdigen? Immer, wenn Jonas sie danach fragt, gibt sie ausweichende Antworten, beruft sich auf Papas unmögliche politische Ansichten. Trotzdem versucht Jonas es noch einmal.
»Ilka, warum hasst du Papa so?«
»Weil er ein Idiot ist. Komm, lass uns das Thema nicht wieder aufrollen.«
»Aber irgendetwas muss zwischen euch vorgefallen sein. Schon früher. Hat es … hat es vielleicht mit Mamas Tod zu tun?«
»Ich weiß nicht, warum wir jetzt darüber reden müssen. Außerdem – du hast dich ja für dein Recht auf Nicht-Wissen entschieden.«
»Was meine Genkarte angeht – ja. Aber was hat das … hat das mit Papa zu tun?«
Da Ilka schweigt, überlässt sich Jonas seinen eigenen Überlegungen.
Warum hat er sich eigentlich nicht gleich, als er volljährig wurde, an die Zentralerfassung gewendet und sich seine Genkarte erläutern lassen? Darauf hatte er schließlich einen Anspruch.
Aber er hatte sich für das Recht auf Nicht-Wissen entschieden, das nach heftigen Debatten als unveräußerliches Menschenrecht in der Verfassung verankert worden war. Er wollte nichts wissen von seiner ererbten Veranlagung für bestimmte Krankheiten. Schrecklich – jetzt schon zu wissen, dass man mit fünfzig Jahren an Alzheimer leiden wird. Oder an multipler Sklerose. Nein, er hatte es nicht wissen wollen. Andererseits – ein schlechtes Gewissen hat er auch. Mit seinem Verhalten gehört er einer allgemein als irrational und rückschrittlich belächelten Minderheit an. Und es gibt ja auch eine Menge Krankheiten, deren Ausbruch man verhindern kann, wenn man von seiner Veranlagung weiß. Würde ihm die Gesellschaft später nicht zu Recht vorwerfen, leichtfertig eine Erkrankung in Kauf genommen zu haben? Also eigentlich sollte er wohl doch irgendwann sein Genom kennenlernen. Und was sollten Ilkas merkwürdige Anspielungen? Gibt es vielleicht etwas, das er wissen müsste?
»Wenn ich aus der Klinik raus bin, werde ich mir meine Genkarte erläutern lassen. Werde ich dann erfahren, was du mir nicht erzählen willst?«
Ilka schweigt weiter so beharrlich, dass Jonas die Hoffnung aufgibt, von ihr etwas zu erfahren. Doch plötzlich redet sie los: »Na gut, ich werde dir jetzt alles erzählen. Aber es ist keine schöne Geschichte, mach dich darauf gefasst. Willst du sie wirklich hören?«
»Ich will sie hören.«
»Als Mama starb, warst du zwölf Jahre alt. Erinnerst du dich überhaupt noch an sie?«
»O ja, sie war … sehr zärtlich, aber auch oft krank, oder? Ich erinnere mich, dass ich oft leise sein musste, weil sie krank im Bett lag. Was für eine Krankheit hatte sie eigentlich? Krebs, ja?«
»Nein, keinen Krebs. Hat Papa dir das erzählt? Das sähe ihm ähnlich. Nein, sie litt unter starken Depressionen. Ich war ja schon siebzehn damals und ich wurde immer mehr zu ihrer Vertrauten. Papa hatte nie Zeit für sie. Es war schrecklich! Wenn sie in ihrem Bett lag und sich aller Schlechtigkeit der Welt anklagte! Was muss mein armer Mann unter mir leiden! Und die Kinder! Und überhaupt. Sie war es nicht wert, auf der Welt zu sein, sie war eine Belastung für alle und und und. Sie konnte sich da dermaßen reinsteigern! Zweimal hat sie einen Selbstmordversuch gemacht, aber so dilettantisch … es war eigentlich nur ein Hilfeschrei.
Ich wollte ihr so gern helfen, aber ich konnte es nicht. Wenn ich an ihrem Bett saß, um sie zu trösten, jammerte sie: Jetzt verderb ich auch noch meiner Tochter ihre Jugendzeit! Und dann ging das wieder los mit ihrer Selbstzerfleischung. Ich war manchmal so verzweifelt! Und Papa war so gleichgültig. Er ging seinen Geschäften nach. Und dass er andere Frauen hatte, war ein offenes Geheimnis. Auch Mama wusste es.
Aber es gab auch schöne Zeiten. Zeiten, in denen sie lachen konnte und voller Energie steckte, Pläne für die Zukunft schmiedete …«
Ilka macht eine Pause. Jonas hört sie schlucken.
»Eines Tages fand sie mich heulend auf meinem Bett liegen, weil mein erster Freund, meine erste große Liebe, mich verlassen hatte. Aber sie fragte mich gar nicht nach dem Grund. Sie schrie mich entsetzt an: Du darfst dich nicht hängen lassen! Du darfst nicht so werden wie ich! Ich versuchte sie zu beruhigen, aber sie war völlig aufgelöst. Und auf einmal sprudelte es aus ihr heraus und ich erfuhr, was Papa mit ihr gemacht hatte. Ihre Depressionen hatten damals gleich nach meiner Geburt begonnen …«
»Post-partum-Depressionen.«
»Ja, so nennt ihr Mediziner das wohl. Jedenfalls wollte Papa trotzdem unbedingt ein zweites Kind und sie war bald darauf wieder schwanger. Dieses Kind kam tot zur Welt. Mamas Depressionen wurden immer schlimmer. Sie klagte sich an, das Kind durch ihre negative Energie im Mutterleib getötet zu haben. Papa wollte sich scheiden lassen. Doch dann hätte er die Hälfte seines Kapitals hergeben müssen und er war gerade dabei, die Helckens-Ketten aufzubauen. Aber Papa ist ja ein findiger Kopf, nicht wahr? Nach ein paar Jahren hatte er Mama so weit, dass sie bereit war, eine Eispende anzunehmen, um für Papa ein zweites Kind auszutragen, das genetisch nicht von ihr stammte. Papa hatte nämlich höllische Angst, sie könne ihre depressive Veranlagung auf sein Kind vererben. Möchtest du noch mehr hören?«
Jonas’ Herz rast. Er begreift. Dieses Kind ist er. Mama ist also gar nicht seine Mutter. Er ist der Sohn einer anonymen Eispenderin. »Erzähl weiter!«, presst er hervor.
»Nach deiner Geburt ging es Mama erstaunlicherweise zuerst gut. Ich erinnere mich noch, wie wir zusammen mit dem Kinderwagen durch die Gegend geschoben sind. Du warst aber auch wirklich ein süßes Kerlchen! Und ich war ganz die stolze große Schwester. Mama hat offenbar geglaubt, das Baby würde Papa wieder an sie binden. Doch in dieser Hoffnung wurde sie bitter enttäuscht. Er hatte wieder eine Freundin und ließ sich kaum noch zu Hause blicken. Und bei Mama ging alles von vorn los. An dem Tag, als sie mich heulend auf dem Bett fand, hat sie offenbar geglaubt, ihre Krankheit wäre nun auch bei mir ausgebrochen.«
»Ich kenne keinen Menschen, der weniger depressiv wäre als du, Ilka.«
»Vielleicht – vielleicht bin ich aber auch nur deshalb so pausenlos aktiv, weil ich panische Angst davor habe, in dieses große, schwarze Loch zu fallen. Das behauptet jedenfalls meine Therapeutin. Wie dem auch sei: Mama jedenfalls fiel in dieses Loch und sie kam nicht wieder raus. Nein, sie kam nicht wieder raus.«
»Und das kannst du Papa nicht verzeihen … dass er ihr nicht geholfen hat?«
»Nicht geholfen? Soll ich dir sagen, was er getan hat? Er hat ihr einen Todesautomaten ans Bett gestellt!«
»Nein, das ist nicht wahr!«
»Doch, das ist wahr!«
Jonas streckt seine Hand nach Ilka aus, doch sie ergreift sie nicht. Warme Tropfen zerplatzen auf seinem Handrücken. In Jonas’ Kopf überschlagen sich die Gedanken. Dass seine Mutter den Freitod gewählt hat, das hat er sich aus den vagen Andeutungen seines Vaters schon zusammengereimt. Aber er hat geglaubt, sie wäre unheilbar krank gewesen und der Freitod nur ein letzter Schritt, um sich furchtbare Leiden zu ersparen. Kann es denn wahr sein, was Ilka ihm eben erzählt hat? Einer Depressiven einen Todesautomaten ans Bett zu stellen – das ist ja … das ist einfach … Mord! Auch wenn man das seinerzeit noch anders gesehen hat.
Als der Todesautomat von einem englischen Arzt entwickelt worden war und zum ersten Mal eingesetzt wurde, hat man allgemein mit Abscheu und Empörung reagiert. Dabei ist der Todesautomat nichts weiter als ein einfaches Infusionsgerät, das vom Patienten nach einem mehrfach einzugebenden Befehl von einer physiologischen Kochsalzlösung auf ein schnell wirkendes Gift umgestellt werden kann. Der Gesetzgeber reagierte mit einem Verbot darauf, ebenso wie auf die Anwendung vieler Möglichkeiten...




