E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Racculia Schneekugeln am Strand
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-641-05691-9
Verlag: Limes
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-641-05691-9
Verlag: Limes
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Autoren/Hrsg.
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"20 Oneida unter Wasser (S. 309-310)
Der Song lief noch immer im Radio. Oneida wusste nicht, wer ihn sang oder wie er hieß, nur dass er noch immer im Radio ertönte, was lächerlich war; dass, nachdem die Windschutzscheibe gesplittert und das Auto ausgeschert und in die Luft geschossen und wieder zu Boden gekracht war und der Sicherheitsgurt ihr in Brust und Bauch und seitlich an ihrem Hals einschnitt; dass nach alledem, nachdem sie sich nicht mehr weiter vorwärtsbewegten und ihr Körper den Preis bezahlt hatte, der Song noch immer lief. Als wäre nichts passiert.
Oneida blinzelte. Wenn man nach draußen blickte, war es, als würde man von der Unterseite eines sich kräuselnden Sees nach oben schauen. Als würde man unter Wasser die Augen öffnen. Sie war unter Wasser, alles war verlangsamt, sie spürte einen unbestimmten Druck. Sie hatte sich etwas verrenkt und konnte nicht atmen. Bauch und Brust taten ihr weh, also griff sie nach unten und löste den Gurt und bekam dann auch wieder Luft. Einatmen, ausatmen. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und wackelte mit ihren Zehen und beugte ihre Beine an den Knien und spürte, dass sie sich gleich übergeben würde, also öffnete sie die Tür und kotzte auf die weiche Erde am Rande des Grabens, wo Eugenes Wagen liegen geblieben war. Eugene. »Eugene«, sagte sie. »Eugene, wach auf, wir hatten einen Unfall.
Etwas ist … runtergefallen, Eugene.« Eugenes Kopf ruhte auf dem Lenkrad. Er war angeschnallt gewesen, aber etwas musste passiert sein, er hatte sich offenbar seinen Kopf am Lenkrad angehauen oder … sie wusste nichts, konnte sich an nichts erinnern außer an das Netz aus Glas und das Ausscheren und den Sitzgurt und den Song. Da war Blut. Jetzt sah sie es, ein winziger Tropfen hing an seinen Lippen. Sie verfolgte den roten Tropfen, der eine Linie von seinem Mundwinkel über sein Kinn zog, verfolgte, wie sich das Blut zu einem Tröpfchen sammelte, baumelte, dicker wurde und schließlich heruntertropfte. Sie konnte nicht abwarten, bis es landete. Die Tür ging nicht ganz auf, aber sie öffnete sie, so weit es ging. Sie krabbelte aus dem Graben heraus.
Wäre dabei um ein Haar in ihre eigene Kotze getreten. Wo waren sie? Gleich hinter der Brücke an der Bleeker Road. Sie suchte die Straße in beiden Richtungen ab, aber sie war verlassen. Sie war immer verlassen. Wer wohnte denn hier? Brachte es was, wenn sie rief, würde jemand herauskommen? Hatte Eugene ein Mobiltelefon? Sie hatte keins; zum einen war der Empfang hier draußen nicht besonders und außerdem hatte sie keine Freunde und ging auch nirgendwohin, weshalb auch nie die Notwendigkeit bestand, zu Hause anzurufen … O Gott, und jetzt hatte sie einen Freund, aber der war bewusstlos.
»Hilfe, hilft denn keiner?«, schrie sie. Es hörte sich so dumm an, so lahm, tatsächlich das Wort Hilfe zu rufen. Ihre Stimme war so mickrig. Der Song lief noch immer. Sie konnte ihn durch ihre offen stehende Tür hören. Wie lang dauerte der denn? Wie lange war es her, seit – was auch immer – sie getroffen hatte? Mit wackeligen Beinen ging sie die Straße entlang, wobei sie ruckartig ihren Kopf vor und zurück bewegte auf der Suche nach … Wonach? Einem Stein? Einer Limodose? Was sollte sie bloß tun? Wohin sollte sie sich wenden? Jenseits des Grabens zu ihrer Linken war Wald und noch mehr Wald neben der Straße zu ihrer Rechten. Sie hatte keine Ahnung, wie weit es zum nächsten Haus war, sie hatte keine Zeit zu verlieren, sie konnte Eugene auch nicht bewegen, um nach einem Mobiltelefon zu suchen, ohne befürchten zu müssen, ihm den Hals zu brechen …"




