E-Book, Deutsch, 568 Seiten
Ramírez / Brovot / Ramirez Strafe Gottes
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-85990-192-6
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mehr als ein Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 568 Seiten
ISBN: 978-3-85990-192-6
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anfang der dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde in León, der damals zweitgrössten Stadt Nicaraguas, dem Guatemalteken Oliverio Castañeda, der seine Frau, seine Geliebte und deren Vater umgebracht hatte, der Prozess gemacht, an dessen Ende er als Giftmörder hingerichtet wurde.
Dieser historische Kriminalfall, mit dem er aus seiner Zeit als Jura-Student in León vertraut war, diente Sergio Ramírez als Vorlage für seinen Roman Castigo divino (Strafe Gottes), den er 1985-87, als schriftstellernder Vizepräsident von Nicaragua, schrieb. Der Autor schildert den Prozess, in dem zunächst alles auf Castañedas Schuld hindeutet; er leuchtet die sozialen, ökonomischen und amourösen Verstrickungen der Hauptfiguren aus und deutet schliesslich die Möglichkeit einer überraschenden Verschiebung der Schuldfrage an. Dabei entfernt sich Ramírez vom Fall Castañeda, so wie er überliefert ist, und zeigt die Brüchigkeit von Zeugenaussagen und Sachverständigengutachten auf und die gewaltige Wirkung von Vorurteilen, Eigeninteressen und politischen Zwängen auf den Verlauf des Prozesses.
Strafe Gottes ist vordergründig eine spannende Kriminalgeschichte, auf einer zweiten Ebene aber die subtile Radiografie der nicaraguanischen Gesellschaft am Vorabend des Abzugs der us-amerikanischen Invasionstruppen und des Beginns der Somoza-Diktatur. Ausserdem ist es eines der humorvollsten Bücher, die Lateinamerika uns geschenkt hat. Der Humor liegt in der Spache, mit der der Autor die Absurdität einer auf tönernen Füssen stehenden Formalkultur aufdeckt, deren Maxime lautet: Das Gesetz wird befolgt, aber nicht erfüllt.
Mit Strafe Gottes gelang Sergio Ramírez der Durchbruch in die erste Reihe der lateinamerikanischen Literatur. Der Roman wurde in viele Fremdsprachen übersetzt und 1990 mit dem Dashiell-Hammett-Preis für ›schwarze Literatur‹ ausgezeichnet. Dies ist die deutsche Erstausgabe.
Zielgruppe
alle
Weitere Infos & Material
2 Auf der Suche nach dem tödlichen Gift Äskulap, der Hund von Dr. Juan de Dios Darbishire, war das letzte Opfer des Feldzugs, den die Referendare Oliverio Castañeda und Octavio Oviedo y Reyes am Abend des 18. Juli 1932 starteten und wofür sie mit Strychnin vergiftetes Fleisch verwendeten. Das zumindest belegen verschiedene Zeugenaussagen. Die erste stammt von Señor Alejandro Pereyra, zweiundsechzig Jahre alt, verheiratet und Offizier im Ruhestand, zum fraglichen Zeitpunkt Sekretär im Polizeipräsidium und Hauptmann Morris Wayne vom Marineinfanteriekorps der Vereinigten Staaten unterstellt. Infolge eines Schlaganfalls halbseitig gelähmt, bezeugt er am 14. Oktober 1933 auf seinem Krankenbett: Dass an einem Tag im Juli 1932, wie er sich zu erinnern glaubt, die Referendare Oliverio Castañeda und Octavio Oviedo y Reyes gegen 10 Uhr morgens im Büro von Hauptmann Wayne erschienen seien; dem Zeugen seien die beiden als rechte Spassvögel bekannt, jeglichem Ulk und Klamauk zugetan, doch bei der Erledigung der verschiedenen gerichtlichen und polizeilichen Formalitäten, deretwegen sie des öfteren das Präsidium aufsuchten, hätten sie sich zu benehmen gewusst. Die Besucher hätten, während sie auf Hauptmann Wayne warteten, mit dem Zeugen ein Gespräch angeknüpft und neben verschiedenen anderen Themen die Erhöhung der Haushaltstarife für Trinkwasser angeschnitten, eine Angelegenheit, welche die ganze Bürgerschaft in Aufruhr versetzte; ebenso das Thema der sich immer stärker vermehrenden streunenden Hunde, wobei der Zeuge der Anregung durch die Tageszeitung Der Chronist, verantwortungsvollen Bürgern den Gebrauch von Gift zu genehmigen, zugestimmt habe; und an diesem Punkt des Gesprächs hätten ihm die beiden den Grund ihres Besuchs genannt, nämlich von Hauptmann Wayne eine Order zu erbitten, ihnen in einer der Apotheken der Stadt ein Fläschchen Strychnin zu verkaufen, womit sie die Hunde auf eigene Faust beseitigen wollten. Da die beiden als rechtschaffene und vertrauenswürdige Personen bekannt gewesen seien, habe sich der Zeuge für befugt gehalten, der Bitte zu entsprechen, und ohne auf die Rückkehr von Hauptmann Wayne zu warten, habe er ihnen ein fast volles Fläschchen Strychnin ausgehändigt, das sein Vorgesetzter in einer Schreibtischschublade aufbewahrte, in Grösse und Ausführung denen gleich, die in der Apotheke erhältlich seien; weshalb es auch nicht vonnöten gewesen sei, ihnen eine Order auszustellen. Dr. David Argüello, von Beruf Apotheker, verheiratet, zweiundfünfzig Jahre alt und Inhaber der in der Calle del Comercio niedergelassenen Drogerie Argüello mit Wohnsitz in den hinteren Räumen besagter Drogerie, sagt dagegen aus, er habe nach Vorlage einer vom Polizeichef unterzeichneten Genehmigung, die er in seinem Archiv aufbewahre und jederzeit beibringen könne, Oviedo und Castañeda ein volles, versiegeltes 1/8-Unzen-Fläschchen mit 30 Gramm Strychnin verkauft, ausreichend für die Zubereitung von zwanzig tödlichen 1,5-Gramm-Portionen für die gleiche Anzahl von Hunden; und er beschreibt das Fläschchen als identisch mit den Röhrchen von Doktor Ross’ rosa Abführpillen. Der Strafrichter, stutzig angesichts der Duplizität dieses Sachverhalts und fest entschlossen, herauszufinden, ob das Hundevergifterpaar tatsächlich bei zwei verschiedenen Gelegenheiten Strychnin erhalten hat, vernimmt schliesslich Octavio Oviedo y Reyes selbst zur Sache, verheiratet, siebenundzwanzig Jahre alt, von Beruf Rechtsanwalt und wohnhaft im Stadtteil San Juan in der Innenstadt. Der Zeuge, im Volksmund ›Oviedo der Ballon‹ genannt, erwidert dem Richter im Laufe seiner ausführlichen Aussage vom 17. Oktober 1933, sie hätten nur ein einziges Mal, und zwar an jenem 18. Juli 1932, seitens der Polizeibehörden Strychnin erhalten, als nämlich Pereyra sie mit der von Hauptmann Wayne nach dessen Rückkehr ins Büro unterzeichneten Order zur Drogerie Argüello geschickt habe; bei keiner Gelegenheit sei ihnen unmittelbar aus der Schublade eines Schreibtischs Gift ausgehändigt worden; weshalb er annehme, dass Pereyras Behauptung, mit der er sich konfrontiert sehe, auf ein mangelndes Erinnerungsvermögen des Zeugen zurückzuführen sei. Am Abend des 26. September 1933, noch vor Eröffnung des Verfahrens, wird Oviedo der Ballon von Cosme Manzo an den Lästertisch zitiert, worauf er sich in die Casa Prío begibt, unmittelbar nach der Kinovorstellung im Teatro González, die er gewöhnlich besucht, gleich welcher Film gezeigt wird, es sei denn, zwingende Umstände verhindern es. Die Absicht von Dr. Atanasio Salmerón, der, wie bereits angesprochen, am Tisch den Vorsitz führt, ist es, von Oviedo eingehende Auskünfte über die Umstände der Hundejagd an jenem Tag einzuholen; Auskünfte, die er aus Gründen, die uns später noch bekannt werden, in seinem Notizbuch – eine Aufmerksamkeit aus dem Hause Squibb – festhalten möchte. Und unter Einfluss des Champion-Rums, den er schluckweise mit Shaler-Kola mischt, dem Stärkungsgetränk für Rekonvaleszenten, erzählt er grossspurig die Einzelheiten des Abenteuers, ohne den eigentlichen Zweck des Verhörs zu erahnen. Am Morgen jenes 18. Juli 1932, nur in Hemd und Unterhose, die Arme auf den blanken Tisch gestützt, auf dem noch die Reste seines reichhaltigen Frühstücks stehen, liest Oviedo den Chronisten vom Vorabend, der entsprechend dem vom Herausgeber eingeführten Brauch mit dem Datum des folgenden Tages erscheint. Wie immer macht ihm seine Frau Yelba vom Hof aus, wo sie die Pflanzen giesst, Vorhaltungen, er habe wieder zu viel gegessen. Gleichfalls wie jeden Morgen trinkt er sein Glas Picott’s Traubensaft zur Linderung der Magenbeschwerden, die ihn bereits strafen. Als er den Artikel über die streunenden Hunde liest, muss er an die Meute von Dr. Darbishire denken, dem alten, an der Sorbonne promovierten Arzt, der seit dem Tod seiner zweiten Frau allein in der Gesellschaft einer Rotte Schäferhunde in seiner Praxis wohnt. Und wie ein unablässig kitzelnder Widerhaken setzt sich die Vorstellung, sie zu vergiften, in seinem Gehirn fest. Um neun Uhr geht Oviedo in seinem zimtfarbenen Anzug aus Hanfgarn, mit grüngepunktetem Schlips und schräg platziertem Strohhut auf den pomadeverkleisterten Locken aus dem Haus, um sich zum Hotel Metropolitano zu begeben und dort Oliverio Castañeda abzuholen, mit dem er das Pensum für ihr Abschlussexamen in Angriff nehmen will. Das Hotel Metropolitano liegt nur ein paar Strassen von seiner Wohnung entfernt, und an diesem Morgen ist er in Stimmung, die Strecke zu Fuss zurückzulegen. Unterwegs verwundert es ihn, weniger Hunden zu begegnen, als die alarmierende Nachricht im Chronisten erwarten liess, doch hält ihn dies nicht davon ab, weiterhin mit der Idee zu liebäugeln, Dr. Darbishires Hundesippschaft auszurotten. Oliverio Castañeda, ganz in Schwarz und mit einem Stock in der Hand, erwartet ihn schon an der Tür des Hotelzimmers, das er seit seiner Ankunft in der Stadt zusammen mit seiner Frau bewohnt, und gemeinsam gehen sie das kurze Stück bis zur Universität, in deren Bibliothek sie sich einige für die Repetition nötige Gesetzestexte und Nachschlagewerke besorgen wollen. Der Weg führt sie am Eckhaus der Familie Contreras vorbei, und im selben Augenblick tritt Don Carmen Contreras aus der Tür, den Chronisten in der Hand. Die beiden grüssen ihn im Vorübergehen, doch Don Carmen winkt sie mit der Zeitung herbei. Sie überqueren die Strasse, und auf dem Bürgersteig vor dem Geschäft ›Glanz und Gloria‹ warten sie, bis er zu ihnen kommt, worauf sich alle drei unter der grossen, mit zwei Ketten am Dachvorsprung befestigten hölzernen Heilwasserflasche der Marke Vichy Célestins unterhalten. »Dieses Pulver«, Oliverio Castañeda deutet mit dem Stock auf seine Schuhsohle voller gelber Flecken, »wozu ist das überhaupt gut?« »Zu gar nichts, mein Freund.« Don Carmen schüttelt betrübt den Kopf. »Es geht eben nichts über Gift, so wie es da steht.« Oviedo der Ballon weist hastig auf die Zeitung in Don Carmens Hand. »Hier drin? In dieser Zeitung ist doch alles erstunken und erlogen.« Mit einem ohnmächtigen Seufzer hält Don Carmen ihnen das Blatt hin. »Jetzt haben sie mich aufs Korn genommen. Wollen die vielleicht, dass die Wasserwerke in Konkurs gehen und wir verdursten? Die Gebühreneinnahmen reichen hinten und vorne nicht.« »Ich werde Ihnen behilflich sein, keine Sorge.« Oliverio Castañeda wechselt den Stock in die andere Hand und nimmt Don Carmen in den Arm. »Ich werde mal mit Rosalío reden, versprochen. Rosalío ist ein anständiger Kerl.« Oviedo hat den Artikel gegen die Tariferhöhung der Wasserwerke nicht gelesen und enthält sich eines Kommentars. Er denkt nur über die Hunde nach und die wirksamste Methode, sie auszurotten, schliesslich stellen sie eine ständige Belästigung für die...




