Ramírez | Der Himmel weint um mich | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

Ramírez Der Himmel weint um mich

Kriminalroman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-85990-235-0
Verlag: edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

ISBN: 978-3-85990-235-0
Verlag: edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



El cielo llora por mí - so der Originaltitel - ist ein meisterlich geschriebener Kriminalroman, der gleichzeitig sehr viel vermittelt über die aktuelle Lebensrealität in Mittelamerika. Er enthält Elemente der klassischen "Black Novel" und basiert auf der wunderbaren Fabulierkunst, für die die Prosa von Sergio Ramírez bekannt ist - ein lehrreiches Lesevergnügen. Inspektor Morales, ehemaliger sandinistischer Guerillero und inzwischen bei der nicaraguanischen Drogenpolizei tätig, ermittelt mit seinem "Sidekick" Lord Dixon im Fall einer an der Atlantikküste aufgefundenen Motorjacht, die offensichtlich von Drogenhändlern dort aufgegeben wurde. Der Fall wird bald zum Mordfall, und Zug um Zug tauchen immer mehr Indizien und Einzelheiten auf, die zeigen, wie tief der Drogenhandel in die mittelamerikanischen Gesellschaften eingedrungen ist und sie auf allen Ebenen korrumpiert hat.

Sergio Ramírez wurde 1942 in Masatepe, in der Kaffeezone Nicaraguas, geboren. Er ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren und Intellektuellen Lateinamerikas und kann auf eine lange Liste literarischer Werke zurückblicken, mit Übersetzungen in 15 Sprachen. Auf dieser Liste stehen neun Romane, acht Erzählungsbände und 19 Bücher, die in die Kategorien Essay, politische Schriften, Testimonio und Textsammlungen gehören. In deutscher Sprache liegen bisher zehn Titel vor, darunter in der edition 8 der Erzählband Vergeben und vergessen (2004) und der Kriminalroman Strafe Gottes (2012). Neben verschiedenen Auszeichnungen erhielt Sergio Ramírez im November 2014 in Mexiko den Carlos-Fuentes-Literaturpreis für sein Lebenswerk.

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1. Adiós Himmelskönigin
Das Fenster des Büros von Inspector Dolores Morales im zweiten Stock des Polizeipräsidiums an der Plaza del Sol, wo die Abteilung für Drogenkriminalität untergebracht war, stand immer weit offen, weil die Klimaanlage schon seit Ewigkeiten nicht mehr funktionierte. Er schloss es nicht einmal mehr, wenn es regnete, und der Vorhang aus billigem Kattun, der zusammengerafft an einer Seite hing, war nur noch ein von Nässe und Staub verklebter Stofffetzen. Das Gebäude, ein Würfel aus Glas und Aluminium, hatte vor der Revolution eine Versicherungsgesellschaft beherbergt. Als einzig neues Attribut besass es eine mittelgrosse Pyramide aus durchsichtigem Acryl, die der Polizeichef César Augusto Canda hatte aufs Dach setzen lassen, weil er als Mitglied der Esoterischen Gemeinschaft der Rosenkreuzer an die positiven Kräfte des Magnetismus glaubte. In einer Ecke des Büros, ziemlich weit entfernt vom Schreibtisch aus Metall, leuchtete der Monitor eines Computers, der in dem karg ausgestatteten Raum eher fehl am Platz wirkte. An den Wänden hingen verstreut Fotos verschiedener Grösse: ein Trupp magerer, bärtiger, schlecht bewaffneter Guerilleros im Urwald, unter ihnen Inspector Morales; Polizisten in Zivil, die rund um einen Tisch bei irgendeiner Geburtstagsfeier anstossen, auch hier Inspector Morales einer von ihnen; ein weiteres, auf dem er sein Dienstabzeichen verliehen bekommt, und noch eins, auf dem er den Chef der US-Drogenbehörde DEA für Zentralamerika und die Karibik bei dessen Besuch in Nicaragua begrüsst. Mit dem Handy am Ohr trat Morales ans Fenster. Die Nummer war immer noch besetzt. Unten auf dem Parkplatz erklangen schräge Stimmen, begleitet vom Zischen der Feuerwerksraketen, die, eine Rauchspur nach sich ziehend, am Himmel explodierten. Es war kurz nach Mittag, und die Krone der Jungfrau von Fatima glänzte in der Sonne der letzten Hundstage, während die Figur der Heiligen, auf Pilgerreise durch ganz Nicaragua, durch ein Spalier von Polizisten getragen wurde. Sie stand auf einem mit Jupiterblumen geschmückten Gestell, das auf den Schultern hochrangiger Offiziere, Männer und Frauen, ruhte. Die Klänge des festlichen Marsches der Militärkapelle kamen wie von weit her, so als ob der schwüle Luftzug sie genauso auseinandertriebe wie die Schwaden des Weihrauchfässchens, das der Feldkaplan langsam hin- und herschwenkte. Damit bahnte er, voluminös wie ein dreiteiliger Kleiderschrank, in seinem violetten Umhang mit goldenen Tressen der Prozession den Weg. Inspector Morales wusste, dass unten seine Abwesenheit nicht unbemerkt bleiben würde, und gab den Versuch zu telefonieren auf. Er zog sein Uniformhemd an – wegen der Hitze zog er es vor, in seinem olivgrünen T-Shirt zu arbeiten – und trat auf den Gang hinaus, der bis auf Doña Sofía menschenleer war. Alle – Offiziere, Streifenpolizisten, Kriminalbeamte, Sekretärinnen, Sachbearbeiter, Putzfrauen – waren unten im Hof und empfingen mit ihren Vorgesetzten die Jungfrau auf ihrer Pilgerreise, ausser Doña Sofía Smith, seine Nachbarin aus dem Viertel El Edén. Ohne auf den Lärm zu achten, der von draussen hereindrang, wischte sie weiter den Fliesenboden mit einem Aufnehmer. Der war in ein türkisfarbenes, süsslich riechendes Desinfektionsmittel getaucht, das – Gott allein weiss, weshalb – nur in Gefängnissen und Kasernen benutzt wird. Als Inspector Morales an ihr vorbeiging, nahm sie Haltung an und hielt dabei den Stiel ihres Aufnehmers wie ein Gewehr, eine Angewohnheit, die noch aus den alten Zeiten stammte, als sie noch ein wirkliches Gewehr besass – ein altes tschechisches ›BZ‹, das man auch ›Bullentöter‹ nannte – und als die Polizei noch ›Sandinistische Polizei‹ hiess. Und sie verbarg ihre Geringschätzung nicht. Schon in der Frühe hatte sie auf den Schreibtisch von Inspector Morales eine Aktennotiz gelegt, die mit Bleistift auf die Rückseite einer Bestellliste für Büromaterial geschrieben war und folgendermassen lautete:   Betreff: religiöse Veranstaltung an: Compañero Artemio Ich habe eine Aufforderung erhalten, zum Empfang der Jungfrau von Fatima zu erscheinen, aber rechnet nicht mit meiner Teilnahme. Ich schäme mich, dass revolutionäre Compañeros sich für eine solche Farce hergeben. Sie nannte ihn immer noch bei seinem Decknamen ›Artemio‹, unter dem sie ihn bei der Stadtguerilla kennen gelernt hatte, wo sie Aufgaben als Meldegängerin ausgeführt hatte. Beim Sturz des Diktators Somoza 1979 waren sie beide in die neu gegründete Sandinistische Polizei eingetreten. Weil ihr einziger Sohn José Ernesto mit dem Decknamen William in den Tagen des Aufstands im Viertel El Dorado von Managua im Kampf gefallen war, wurde sie bei den jährlichen Gedenkfeiern zur Gründung der Polizei immer mit den anderen Müttern der Helden und Märtyrer auf die Tribüne gebeten, wo sie alle in Trauerkleidung ein gerahmtes Foto ihrer Kinder im Schoss hielten. Wenn sie, die Tochter eines Leutnants der US-Marines, die während der bis 1933 dauernden Intervention in Nicaragua stationiert waren, und einer Schneiderin aus dem Viertel San Sebastián, die für die Frauen der Yankee-Offiziere nähte, den Nachnamen ›Smith‹ trug, dann nur deshalb, weil ihn ihre Mutter ihr einfach gegeben hatte, auch ohne mit ihrem Vater verheiratet zu sein. Als glühende Protestantin und glühende Sandinistin hing Doña Sofía einer seltsamen Mischung zweier Kulte an; und weil die Riten der Revolution inzwischen ausser Mode geraten waren, flüchtete sie sich in diejenigen des protestantischen Kults: Sie war Mitglied der Kirche des Lebendigen Wassers. Von ihrem Eintritt in die Polizei an übte sie ihre Arbeit als Putzfrau mit echter Parteidisziplin aus und widmete sich ihren Reinigungsarbeiten in olivgrüner Uniform, Hemd und Hose, ihr Parteiabzeichen auf die linke Brusttasche geheftet. Dort prangte es auch heute noch, obwohl es keine Sitzungen des Basiskomitees und keine freiwilligen Arbeitseinsätze mehr gab und sie jetzt eine graue Uniform mit Rock trug. Davon besass sie zwei, eine hing immer auf der Leine im Hinterhof ihres Häuschens. Weil sie Nachbarn waren, nahm Inspector Morales sie, wenn er konnte, in seinem himmelblauen Lada mit, auch dieser ein Überlebender jener Zeit. Morales beantwortete ihren tadelnden Blick mit einer ausweichenden Geste der Hilflosigkeit und stieg, so schnell es ihm die Prothese seines linken Beins erlaubte, die engen, im Halbdunkel liegenden Treppen hinab, denn der Aufzug war schon seit Jahren ausser Betrieb. Als er in der Frente Sur kämpfte, im November 1978, hatte ihm bei einem der Gefechte um den Hügel 33, denselben, an dem der Pfarrer Gaspar García Laviana aus Asturias fiel, eine Galil-Kugel das Knie zerschmettert. Man brachte ihn so schnell wie möglich zum Gesundheitsposten des Dorfes La Cruz, auf der anderen Seite der Grenze zu Costa Rica, und von dort per Sportflugzeug ins Calderón-Guardia-Hospital in San José, wo nichts anderes mehr übrig blieb, als das Bein zu amputieren, weil Wundbrand drohte. Die Prothese hatte man ihm später in Cuba verpasst, und obwohl das Bein gut gelungen war, passte das Rosa des Vinyls nicht besonders gut zu seiner braunen Haut. Er gesellte sich zur Gruppe der Offiziere im selben Moment, als die Jungfrau von Fatima, begleitet von lautem Applaus, auf den Altar unter den Akazien zu Füssen der grossen Glasfenster gestellt wurde. Die Inspectorin Padilla, Chefin der Personalabteilung, deren imposante Hinterbacken und Brüste kaum von der Uniform gebändigt werden konnten, nahm aus der Hand des würdevollen Feldgeistlichen ein Heft entgegen, ging damit zum Mikrofon, begrüsste die Anwesenden und las kurzatmig und ohne Punkt und Komma: »Unsere Liebe Frau erschien zum dritten Mal am dreizehnten Juli neunzehnhundertsiebzehn in Coba de Iria, um den Hirtenkindern Lucia, Francisco und Jacinta das zweite Geheimnis zu enthüllen, die plötzlich einen Blitz sahen, worauf Sie erschien, ganz in Weiss und von einem leuchtenden Lichtschein umgeben, und sagte, es werden Kriege kommen, Hunger und in Russland wird man die Kirche verfolgen und der Heilige Vater wird in Gefahr geraten, doch wenn meine Bitten befolgt werden, dann wird Russland bekehrt werden und es wird Frieden geben, wenn nicht, dann wird Russland den Kommunismus verbreiten und die Guten wird man zu Märtyrern machen …« Kaum war die Lesung beendet, da liess die Unterinspektorin Salamanca, die Leiterin des Zentralarchivs und Dokumentationszentrums, ein Taubenpaar frei, das in einem Speiseölkarton gefangen war, in den man mit einem Messer Löcher gebohrt hatte. Die Tauben liessen sich, nachdem sie einen Augenblick lang die Krone der Jungfrau umflattert hatten, auf der Spitze der Dachpyramide nieder, über die langsam die Wolken ihre Bahn zogen. Der Blick von Inspector Morales folgte den Tauben, doch seine Gedanken waren immer noch mit dem gescheiterten Telefonanruf beschäftigt. Er musste sich dringend mit dem Unterinspektor Bert Dixon in der Polizeiwache von Bluefields in Verbindung setzen, der ihn kurz nach sieben Uhr morgens angerufen hatte, um ihn über den Fund einer verlassenen Yacht in Pearl Lagoon zu unterrichten. Die Perlenlagune erstreckt sich in einem niedrig gelegenen, tropischen Waldgebiet nördlich von Bluefields, der Hauptstadt der Autonomen Region Südlicher Atlantik, wo sich die Flüsse ungehemmt ihren Lauf suchen und mit Nebenarmen, Kanälen, Lagunen und Seen zusammenfliessen und so die einzigen Verbindungen zwischen den Orten an der Küste bilden. Die grösste dieser Lagunen befindet sich zwischen dem Rio Escondido und dem Rio Grande und ist vom Meer nur durch einen schmalen Landstreifen getrennt, der bei Barra de Perlas...



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