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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Ramírez Zwischen Süd und Nord

Neue Erzähler aus Mittelamerika. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sergio Ramírez. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sergio Ramírez
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30860-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Neue Erzähler aus Mittelamerika. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sergio Ramírez. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sergio Ramírez

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-293-30860-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach Jahrzehnten der Befreiungskämpfe und Revolutionen ist Mittelamerika geprägt durch die Suche nach Jobs in den USA, den Drogenhandel, die damit zusammenhängende Gewalt, eine neue Armut und den Zerfall traditioneller Strukturen, denen sich neue, globalisierte Verhältnisse überstülpen. Sergio Ramírez, der Herausgeber dieser Anthologie, spricht von einer »Landstraße, auf der noch wie früher die Ochsenkarren ziehen, an der aber gleichzeitig die Mobilfunkmasten stehen«.

Diese Kurzgeschichtensammlung bietet ein Panorama, ein Kaleidoskop der in diesen Umbrüchen entstehenden Literatur. Die Vielfalt der Formen und Themen spiegelt dabei wider, wie sich die Menschen den dramatischen Veränderungen stellen – facettenreich, humorvoll und überraschend.

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Vorwort


Ein zerbrochener Spiegel

Sergio Ramírez

Trotz ihrer geografischen Nachbarschaft und der Tatsache, dass sie eine gemeinsame Geschichte teilen, die bis in vorkolumbische Zeiten zurückreicht, scheinen die Länder Mittelamerikas heute weit voneinander entfernt zu liegen. Ihre Geschichte war über die gesamte Kolonialzeit hinweg eine gemeinsame und blieb es bis zur Zeit der Unabhängigkeit im Jahre 1821. Die Katastrophe der verbissenen Trennung begann erst, als das Projekt einer Bundesrepublik zu Ende ging, das General Francisco Morazán angeführt hatte. 1842 wurde er durch ein Erschießungskommando hingerichtet, weil er ein vereintes Mittelamerika erreichen wollte.

Seither sind wir die Splitter eines zerbrochenen Spiegels. Hilfsbedürftige Randländer, durch niederträchtige Vorurteile voneinander getrennt und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in sinnlose Konflikte verstrickt. Zum Beispiel der berühmt-berüchtigte »Fußballkrieg« zwischen Honduras und El Salvador von 1969, der seine Wurzeln nicht in der scheinbaren Banalität des Anlasses hatte – dem Streit um die Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko –, sondern vielmehr in der sozialen Ungleichheit, die immer und überall die Migration der Ärmsten von einem Land in ein anderes nach sich zieht. Sie brachte denn auch das Projekt wirtschaftlicher Integration der Region zu Fall, das im Jahre 1960 begonnen worden war.

Doch auch dieser zerbrochene Spiegel bleibt ein gemeinsamer Spiegel. In ihm zeigt sich jeder Teil mit seinem eigenen Gesicht, das sich über das gesamte 20. Jahrhundert wenig gewandelt hat: Von Guatemalas feudal geprägter Gesellschaft (eine der größten indigenen Bevölkerungen des Kontinents war einer wahrhaften Apartheid unterworfen) bis zur moderneren Kaffeepflanzergesellschaft Costa Ricas mit ihren verlässlicheren demokratischen Strukturen und dem Stolz auf ihr europäisches Lebensgefühl. All dies unter dem gemeinsamen Nenner einer ländlich-patriarchalischen Kultur, in der im Schutz von Caudillos und Militärs die Oligarchien herrschten. Und diese Realität erhielt in der Literatur, der Prosa, eine dreifache Antwort.

Unsere Gesellschaften waren zwar in vielerlei Hinsicht immer noch ländliche Gesellschaften, doch die Behandlung der bäuerlichen und indigenen Themen war getränkt von einem Blick aufs »Archaische«, der eine romantisch idealisierte Heimatregion schaffen wollte, der aber die Literatur drastisch von der Wirklichkeit abhob. Daneben entstand eine Prosa sozialer und politischer Anklage, die sich vor allem mit den Enklaven der Bananenplantagen und den andauernden Interventionen der Vereinigten Staaten beschäftigte, die Regierungen stützten oder stürzten und Diktatoren an die Macht brachten. Und schließlich, genauso beharrlich, die Prosa, in der sich der gebildete Mensch der wilden Natur entgegenstellt, um sie zu zähmen und Zivilisation entstehen zu lassen.

Yolanda Oreamuno, die Autorin der costa-ricanischen Avantgarde, schrieb im Jahre 1943: »Ich gestehe, dass ich die Folklore gehörig SATT habe, genau so, in Großbuchstaben. Aus dieser Ecke Amerikas kann ich sagen, dass ich das ländliche Milieu fast aller Nachbarländer ziemlich gut kenne, von ihren anderen Problemen dagegen weiß ich kaum etwas. Die Tricks dieser Kunstrichtung mit ihren Lokalkolorits sind erschöpft … Es wird Zeit, dass wir mit diesem Unsinn Schluss machen.«

Heute erleben wir einen Generationswechsel mit tiefgreifenden Konsequenzen, und die alte Forderung von Yolanda Oreamuno ist nicht ohne Antwort geblieben. Die Suche geht jetzt in mehrere Richtungen, wie der Leser dieser Anthologie sehen kann. Die Literatur überwindet die traditionellen Schubladen und beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Realität, der sich die Gesellschaft gegenübersieht, und der sich deshalb auch die Autoren gegenübersehen, die Teil dieser Gesellschaft sind. Die Themen werden immer vielfältiger, vorgegebene Schemata überwunden, überkommene Richtlinien außer Kraft gesetzt. Unsere Autoren wollen ihren Platz in der Moderne einnehmen und überall verstanden werden. Die Universalität als Forderung. Diese Sammlung von Kurzgeschichten lässt uns die mittelamerikanische Prosa dabei beobachten, wie sie ihre alten Grenzen überwindet. Bei der Auswahl haben wir uns bemüht, vor allem die schöpferische Individualität zu werten, den Umgang mit der Sprache und die Vorstellungskraft, also – wie bei jeder guten Anthologie – die Qualität des literarischen Ausdrucks. Dieses Bündel authentischer Stimmen soll ein Panorama des heutigen Mittelamerika ausbreiten, in seiner ganzen komplexen Vielschichtigkeit und durchzogen von den unterschiedlichsten sozialen Phänomenen. Die Autorinnen und Autoren erzählen von fiktiven Personen, die jedoch der wirklichen Welt entstammen, wo das Privatleben permanent vom öffentlichen Leben durchdrungen wird. Anders gesagt: Die Geschichten entwickeln sich mitten im Lauf der Geschichte. Denn die Literatur ist und bleibt ein Reflex der Wirklichkeit, die sich als eine Bühne zeigt, auf der sich Überraschendes ereignet. Wie sehr hat sich doch die mittelamerikanische Gesellschaft im Laufe eines halben Jahrhunderts verändert! Was ist Mittelamerika überhaupt zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Wie schon das ganze 20. Jahrhundert über, zeigen sich unsere Gesellschaften auch heute als übereinanderliegende geologische Schichtungen, nur dass jetzt neue Schichten hinzukommen. Neue Schichten der Wirklichkeit bilden sich über den alten, doch existieren sie alle gleichzeitig in einer Art simultanem Anachronismus, mit gewissen Zügen einer Modernität, die fast alle vom Phänomen der Globalisierung herrühren. Über die Baumreihen an den Landstraßen, auf denen Ochsenkarren ziehen, ragen Parabolantennen, die Satellitensignale empfangen, und die Sendemasten des Mobilfunks, der längst die alte ländliche Welt erreicht hat; es gibt mehr Handys als Einwohner. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts und manchmal auch länger herrschten die archetypischen Diktatoren: Estrada Cabrera, der die Vorlage für den Roman Der Herr Präsident (1946) von Miguel Ángel Asturias bildete; Maximiliano Hernández Martínez, der das grausame Massaker an Tausenden Indigener befahl, von dem Claribel Alegría und D.?J. Flakoll in ihrem Roman Die Asche des Izalco (1964) berichten; Anastasio Somoza, der Begründer der Dynastie, von der mein eigener Roman Margarita, wie schön ist das Meer (1998) erzählt. Sie alle sind heute Teil einer Vergangenheit, die trotz alledem für die Literatur nicht gestorben ist und auf die immer zurückgegriffen werden kann.

Zwischen den Sechziger- und den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts kamen, eine nach der anderen, neue Diktaturen und neue Staatsstreiche. In jenen Jahren rissen die Armeen, mit Unterstützung der USA und der einheimischen Oligarchien, die Macht an sich und schränkten die demokratischen Spielräume drastisch ein, während gleichzeitig, inspiriert vom Sieg der kubanischen Revolution, die Guerillabewegungen entstehen und die erbarmungslose Unterdrückung der indigenen Bevölkerung und der Campesinos in Nicaragua, El Salvador und Guatemala – dort, wo sich der Aufstand am meisten ausbreitet –, neuerlich Völkermorde nach sich zieht. Im Jahre 1979 gelingt der Frente Sandinista in Nicaragua der Sieg, und die Familiendiktatur der Somozas wird gestürzt.

Im Namen der Aufstandsbekämpfung werden Tausende ermordet und in geheimen, anonymen Massengräbern verscharrt, die erst gegen Ende des Jahrhunderts gefunden und geöffnet werden. Nun sorgen die Menschenrechtskommissionen mit ihren Berichten, die Opfer und Täter nennen, auch für eine Wiedergeburt der geschichtlichen Erinnerung. 1989 wird Bischof Juan Gerardi von Auftragskillern mit einem Ziegelstein erschlagen, zwei Tage, nachdem er seinen Bericht »Guatemala, niemals wieder« vorgelegt hat, in dem die Namen von mehr als 20?000 Ermordeten niedergelegt sind.

Die über Jahre andauernden bewaffneten Konflikte zwischen den Armeen und der Guerilla wuchsen sich zu wahrhaften Bürgerkriegen aus und führten schließlich zur Unterzeichnung von Friedensabkommen, 1992 in El Salvador und 1996 in Guatemala. Sie eröffneten zum ersten Mal, nach Jahrzehnten der Militärherrschaft, die Option auf demokratische Regierungen, die sich noch immer nicht vollkommen konsolidiert haben. Panamá erlangte, durch die Unterzeichnung der Torrijos-Carter-Verträge im Jahre 1977, die Kontrolle über den interozeanischen Kanal wieder. 1989 kam es in diesem Land zur militärischen Intervention der USA, die den Diktator Manuel Noriega stürzte.

Diese jüngste Vergangenheit ist unverzichtbares Material für die Literatur, weil die sozialen und politischen Bewegungen für Abertausende von Menschen zum persönlichen Drama wurden. Aus diesen Dramen Geschichten zu entwickeln, die erzählt werden können, ist die Aufgabe der Zeugen und Zeitgenossen. Und gewiss bleibt dies auch die Aufgabe künftiger Schriftstellergenerationen, die diese Phänomene aus der Distanz und mit kritischerem Auge wahrnehmen können.

Aber auch das alltägliche Leben von heute, in dem die Vergangenheit noch lebendig ist und sich mit der Gegenwart überlappt, bietet viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden: die Illusion des Visums, das die Türen zum amerikanischen Traum aufstößt, und die, die auf der Suche nach diesem trügerischen Traum das Risiko eingehen, die Grenze zu den Vereinigten Staaten illegal zu überqueren; die Dealer, die ihre Drogen auf der Straße und vor den Schultoren an die Jugendlichen verkaufen; die Not...


Ramírez, Sergio
Sergio Ramírez, geboren 1942 in Masatepe, Nicaragua, gehört zur Generation lateinamerikanischer Autoren, die nach dem »Boom« der Literatur von Autoren wie Gabriel García Márquez und Carlos Fuentes in die Öffentlichkeit trat. In den 1980er-Jahren unterbrach er sein schriftstellerisches Schaffen, um in vorderster Front an der sandinistischen Revolution teilzunehmen, die die Somoza-Diktatur in seinem Land stürzte. Sein erzählerisches Werk ist in fünfzehn Sprachen übersetzt.



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