E-Book, Deutsch, Band 6, 500 Seiten
Reihe: Green Valley
Reid Winston Brothers
20001. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95818-461-9
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
When it counts
E-Book, Deutsch, Band 6, 500 Seiten
Reihe: Green Valley
ISBN: 978-3-95818-461-9
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Penny Reid ist USA Today Bestseller-Autorin der Winston-Brothers-Serie und der Knitting-in-the-city-Serie. Früher hat sie als Biochemikerin hauptsächlich Anträge für Stipendien geschrieben, heute schreibt sie nur noch Bücher. Sie ist Vollzeitmutter von drei Fasterwachsenen, Ehefrau, Strickfan, Bastelqueen und Wortninja.
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1
Scarlet
Der Eingang zum Musikraum war mit Absperrband versehen. Ich musste schlucken und mein Blick wanderte von dem Band zu einem weißen Schild neben der Tür. FRISCH GESTRICHEN – BETRETEN VERBOTEN.
»Nein. Oh nein, oh nein, oh nein.« Ich starrte wieder auf das gelbe Band, umklammerte mein Gratis-Lunchpaket und stieß einen Seufzer der Verzweiflung aus. Mein Herz fing an zu rasen, ich begann zu schwitzen und hatte den sauren Geschmack von Verzweiflung auf der Zunge.
Ich hatte wieder einmal einen meiner Augenblicke.
Wusste wieder einmal weder ein noch aus.
Offiziell war es mir nicht erlaubt, mein Mittagessen im Musikraum einzunehmen. Essen oder Trinken waren dort strengstens untersagt. Trotzdem schlich ich mich während der Mittagspausen täglich dort hinein, versteckte mich zwischen zwei Stuhlreihen, bevor Mrs. McClure zur Vorbereitung ihres Unterrichts erschien, und wenn die Schüler nach dem Gong zum Pausenende langsam eingetrudelt kamen, machte ich mich unauffällig wieder aus dem Staub.
Das funktionierte jetzt seit über einem Jahr, nur heute eben nicht. Und als wäre das nicht bereits schlimm genug, war dies der letzte Monat vor den Winterferien, und nachdem ich mich bisher so gut wie nie in der Cafeteria hatte blicken lassen, fiele ich dort sicher sofort allen auf.
Ich öffnete den reparierten Reißverschluss meines uralten Rucksacks und stopfte mit zitternden Händen die Papiertüte hinein. Dann aber holte ich tief Luft und sagte meinen Händen und meinem noch immer wild klopfenden Herzen, dass es keinen Grund zur Panik gab.
»Wie heißt das Reh mit Vornamen?«, fragte ich mich selbst, bevor ich mir auch selbst die Antwort gab. »Kartoffelpü.«
Ich lachte leise auf und meine Anspannung nahm etwas ab.
.
Mit meinen vierzehneinhalb Jahren hatte ich bereits so einiges gelernt. Vor allem, dass das Ausmaß der Enttäuschung stets dem Ausmaß der Erwartungen entsprach. Das hatte ich bereits seit Längerem gewusst, aber in diesem Jahr hatte ich in Physik den Grund dafür gelernt. Denn wie hatte es Newton formuliert? . Dieses Gesetz galt für Erwartungen, für Hoffnungen, für Träume und das Leben allgemein.
Ich hatte also endlich eine Gleichung, um das Ausmaß der zu erwartenden Enttäuschungen vorherzusehen. War das nicht nett?
Mein erster Fehler war gewesen, davon auszugehen, dass mir der Musikraum täglich zur Verfügung stehen würde, und als Zweites hätte ich mir nie erlauben dürfen, mich auf meine Zeit in diesem Raum zu freuen. Es war ein Luxus, mich zum Essen ganz allein an einen ruhigen und dazu geheizten Ort zurückzuziehen, an dem es keine Menschen, keine Kakerlaken und vor allem keine kakerlakengleichen Menschen gab. Und ohne den Musikraum gab es keinen Ort, an dem ich essen konnte, an dem keine kakerlakengleichen Menschen waren.
»Also bitte, Scarlet, das solltest du eigentlich besser wissen.« Ich rollte mit den Augen und reckte das Kinn. »Es könnte schlimmer sein. Es könnte statt des letzten Monats auch der erste Monat dieses Schuljahrs sein.«
Mein Lächeln wurde breiter und mit einem Seufzer wandte ich mich abermals dem Reißverschluss von meinem Rucksack zu. Ich durfte nur behutsam daran ziehen, denn wenn ich über einen ganz bestimmten Punkt hinaus zog, ging er nicht mehr zu, und dann fielen mir ständig irgendwelche Bücher, Hefte, Stifte raus.
Vor allem hätte ich dann einen neuen Reißverschluss besorgen müssen, und das wäre ein Problem geworden. Blythe Tanner, die mir für gewöhnlich alte Kleider oder anderes Zeug im Gegenzug für meine Hilfe beim Sortieren von Altmetall und Altglas überließ, behandelte mich seit zwei Monaten wie Luft. Mein Vater hatte ihrem Vater damals angedroht, ihm seine Eingeweide rauszureißen. Denn der hatte als gesetzestreuer Bürger die von meinem alten Herrn und seinen Jungs gestohlenen Wagen nicht auf seinem Schrottplatz unterstellen wollen.
Ich erschauderte, als ich an meinen Vater dachte, kämpfte aber dagegen an und wandte dabei einen Trick, den ich mir schon vor Jahren angeeignet hatte, an. Ich stellte mir die Szene wie in einer Slapstick-Show im Fernsehen vor:
Ich sprach andauernd mit mir selbst und lachte ständig über meine eigenen Witze. Vielleicht lag das einfach daran, dass der Mensch nun einmal jemanden zum Reden braucht und ich die meiste Zeit allein war. Aber das war für mich okay. Ich gab eine fantastische Gesprächspartnerin ab.
Ich schloss die Augen, kniete mich mit meinem Rucksack auf den Boden, packte meinen Lunch auf meine Jacke und berührte mit dem Handrücken den Discman, den ich immer bei mir trug. Er war mein kostbarster Besitz und ich behandelte ihn wie ein rohes Ei. Mit zusammengekniffenen Augen nahm ich die Geräusche aus dem Hintergrund viel deutlicher und lauter wahr. Das leise Murmeln all der anderen Schüler, die sich über ihrem Essen unterhielten, ihr Gelächter, die Geräusche der Tabletts, die unsanft auf die Tische knallten, und das Knacken und das Zischen, als sie ihre Limodosen öffneten, schwollen zu einem lauten Dröhnen an.
Wieder zog mein Magen sich zusammen, doch ich straffte meine Schultern, reckte abermals das Kinn und sagte meinem Magen, dass es keinen Grund gab, sich so aufzuführen. Nicht wegen so etwas Albernem.
In 45 Minuten ist die Mittagspause rum. . . Für den Fall, dass mich ein Lehrer sah, nestelte ich weiter mit dem Reißverschluss und dachte über meine Möglichkeiten nach.
Die Cafeteria war keine Option. Dort müsste ich versuchen, einen Platz am Tisch der anderen Iron-Wraiths-Kids zu ergattern oder hoffen, dass ich einen freien Platz an einem Tisch mit irgendwelchen anderen Leuten fände, denn die Zahl der Schüler unserer Highschool überstieg seit Jahren die Zahl der Plätze, die es in der Schulkantine gab.
Am Tisch der Iron-Wraiths-Kids gäbe es wahrscheinlich trotzdem einen Platz für mich, denn schließlich war mein Vater Präsident des Clubs. Aber wahrscheinlich würde dann Prince King mal wieder irgendwelchen Scheiß verzapfen, um sich interessant zu machen, oder Carla Creavers würde Cletus, der an jedem Tag an einem anderen Tisch saß, eifersüchtig machen wollen und Prince King anbaggern, der wie Jared Leto aussah, aber davon abgesehen ein echtes Arschloch war.
Auf alle Fälle würde Prince mal wieder übertrieben aggressiv auf Carla reagieren und dann würde Cletus sich gezwungen sehen, einzuschreiten, und dann käme es zu einer Schlägerei und der gesamte Tisch müsste mal wieder nachsitzen.
Und an den anderen Tischen wäre garantiert nichts frei. Auch bei den Schulprojekten wollte niemand mich zum Partner haben – was durchaus verständlich war. Denn welche Eltern wollten schon, dass ihre Kinder sich auch außerhalb des Unterrichts mit einem Iron-Wraiths-Kind trafen? Noch dazu, wenn dieses Kind die Tochter ihres Präsidenten war? Und dazu kamen noch der Zustand meiner Kleider und die mangelnde Hygiene, unter der ich selbst vielleicht am meisten litt. Klamotten und Aussehen waren an der Highschool alles, und am Anfang dieses Jahres hatten mich die anderen mit so schmeichelhaften Spitznamen wie Stinke-Scarlet oder Scarlet Skunk belegt.
»Ihr Pech«, tat ich die Schmähungen mit einem Achselzucken ab.
Vielleicht bliebe ich einfach hier im Flur, doch nein, denn schließlich hatte Schulleiter Sylvester alle Schüler in der Mittagspause aus dem Flur verbannt, nachdem es dort vor einem Monat zwischen Cletus Winston und Prince King zu einer wilden Prügelei gekommen war. Jetzt war der Flur verbotenes Terrain und wurde schwer bewacht.
Ich hörte ein Geräusch – eine Toilettenspülung – und ein paar Sekunden später kamen zwei Schülerinnen vom Mädchenklo. Sie waren ins Gespräch vertieft und nahmen mich gar nicht wahr. Trotzdem tat ich so, als würde ich erneut an meinem Rucksack nesteln, bis die zwei verschwunden waren, blickte dann auf die Toilettentür und dachte HEUREKA!
Mein Essen sicher in den Tiefen meines Rucksacks mit dem vorsichtig geschlossenen Reißverschluss verstaut, stand ich entschlossen wieder auf.
»Was fragt ein Klo das andere?«, murmelte ich auf dem Weg in Richtung der Toilette vor mich hin.
Ich lachte leise auf. »Warum bist du so angepisst? Das ist echt gut. Oder wie wäre es mit: .« Ich grinste, schüttelte den Kopf und gratulierte mir zu diesem Geistesblitz. »Der ist echt gut, Scarlet. Am besten schreibst du ihn dir auf.«
Ich war derart in mein Selbstlob wegen dieses wirklich guten Witzes vertieft, dass ich die Tür des Jungenklos, die plötzlich aufgestoßen wurde, fast gegen den Kopf bekam. Im letzten Augenblick machte ich einen Satz zur Seite, aber meine Brust und Schulter kollidierten derart heftig mit dem Jungen, der von der Toilette kam, dass ich hintüber fiel.
Wie hatte...




