E-Book, Deutsch, 341 Seiten
Reinbold Tod im Heidekloster
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-017-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 341 Seiten
ISBN: 978-3-96655-017-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Michael Reinbold, geboren 1956 in Lüchow, ist als Historiker an einem Landesmuseum tätig. Er studierte in Göttingen Geschichte und Archäologie und wurde 1986 über ein Thema der Stadtgeschichte Lüneburgs promoviert. In seiner Freizeit schreibt er gern und malt mit Vorliebe Kopien der »Alten Meister«. Er lebt mit Frau und Tochter in Oldenburg, Niedersachsen. Michael Reinbold veröffentlichte bei dotbooks seinen Kriminalroman »Tod im Heidekloster«.
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Prolog
Harry spürte einen leisen Stich im Herzen. Schon zum dritten Mal innerhalb weniger Minuten fuhr sich Karl mit gespreizten Fingern durchs Stirnhaar und blinzelte kokett zu den Skatspielern am Nachbartisch hinüber. Mutters geradezu prophetisches Urteil fiel ihm ein: Dieser Bengel taugt nichts. Du solltest ihn meiden.
Das war noch in Breslau gewesen, im September 1944, vor dreieinhalb Jahren. Karl diente als Flakhelfer und hatte kurz zuvor seinen siebzehnten Geburtstag gefeiert.
Die Hände des jungen Mannes legten sich um das halb volle Bierglas. Sanft, aber unnachgiebig wie eine Anakonda. »In Hamburg habe ich mich dann natürlich sofort für Medizin eingeschrieben.«
Natürlich, dachte Harry, hätte ich mir denken können. Er fragte: »Und das Klavier ganz aufgegeben?«
Karls Schultern zuckten bedauernd. »Meine Wirtin hat eines in ihrem Salon. Ab und zu klimpere ich ein paar Takte darauf. Man brauchte im Grunde wieder einen richtigen Lehrer. Leider fehlt fürs kontinuierliche Üben die Zeit. Das Studium fordert nun einmal seinen Preis. Wir müssen jetzt jedes Semester ...«
Es folgte ein ausführlicher Bericht über seine Lehrveranstaltungen. Medizin interessierte Harry nicht sonderlich. Und dem Sezieren von unterernährten Leichen (worüber sich sein Gegenüber jetzt enthusiastisch verbreitete) konnte er schon gar nichts abgewinnen, zumal ihn bereits der Anblick eines gerupften Huhns mit Schauder erfüllte. Seine Gedanken entfernten sich von Karls Wortschwall. Seltsam, wie gegenwärtig ihm Mutters alte Abneigung gegen den Jungen war.
Lass dich bloß nicht mit so einem ein, hatte sie ihn damals beschworen.
Was heißt einlassen? Wir tauschen schließlich keine Brief marken! Er ist mein Schüler. Wir leben von seinem Geld, du und ich. Noch im Nachhinein bewunderte er seine eigene Courage. Widerworte war Mutter von ihm nicht gewohnt. Karl gönnte sich kaum eine Pause zum Luftholen. Nach und nach drang sein Redestrom wieder in Harrys Bewusstsein.
»... konnte ich in den Semesterferien in der Eppendorfer Klinik ein Praktikum machen und hatte tatsächlich unwahrscheinlichen Dusel: Gleich am ersten Tag ein Selbstmörder!« Wie in seliger Erinnerung ließ der junge Mann seinen Blick lächelnd durch die Gaststube wandern. Was suchte er wohl? Harry glaubte es genau zu wissen: Bewunderung. Egal von wem. Karl war schon immer gefallsüchtig gewesen.
Jetzt zündete er sich wahrhaftig noch eine Chesterfield an, das amerikanische Wohlstandssymbol! Harry selbst rauchte nicht. Wegen Mutters geheiligter Gardinen.
Dass Karl keinen Mangel litt, hatte er bereits heute Morgen geahnt bei ihrer überraschenden Begegnung am Rande des Schwarzmarktes. Harry war von Heiligenwerder in die Stadt gefahren, um einen Organistenkollegen zu treffen, als ihm am Schrangenplatz plötzlich ein Freund aus alten Tagen über den Weg lief. Sie erkannten einander auf Anhieb wieder. Karls Aufzug war filmreif: Eingehüllt in einen Wehrmachtsmantel, den räudigen Filzhut tief ins Gesicht gezogen, in der Hand einen Pappkoffer mit Pepita-Aufdruck, sah er aus wie ein Schieber aus der Wochenschau.
Klar, sagte Karl, sie müssten unbedingt ihr Wiedersehen feiern. Allerdings nicht zu den Geschäftszeiten. Eher abends. Warum eigentlich nicht gleich heute?
Augenblicklich gefiel sich der junge Schwarzhändler in seiner zweiten Hauptrolle als künftiger Mediziner. »Also, Hals beinahe violett, Zunge dick geschwollen ...«
Was hatte Harry in jenem unseligen letzten Kriegsjahr bloß geritten, diesem Halbwüchsigen sein Geheimnis anzuvertrauen? Nicht das ganze natürlich (das kannte nicht einmal Mutter), doch immerhin so viel, dass Karls Habgier geweckt worden war. Beweisen konnte man ihm natürlich nichts. Und selbst wenn: Die sechs welken Bögen aus handgeschöpftem Papier mit ihrer souverän vorwärtsstürmenden, bräunlichen Notenschrift waren entweder längst Staub und Asche oder aber in den Händen von Polen oder Russen. Was für Harry im Prinzip keinen Unterschied machte.
Schwer wie Novembernebel lastete der Qualm von selbstgezogenem Tabak auf der Gaststube des Bardowicker Bahnhofs. Das Stimmengewirr von zwei Dutzend Gästen, Gemüsebauern und Arbeiter der benachbarten Matratzenfabrik, summte Harry in den Ohren. Der Wirt drehte am Knopf eines plärrenden Volksempfängers.
Harry musterte seinen einstigen Klavierschüler verstohlen. Karl sah gut aus, etwas spitzer und kantiger als früher. Bestimmt flogen die Frauen auf ihn, zumal er sich ungeheuer weltläufig zu geben wußte. Ein nonchalanter Draufgänger. Gegen ihn kam sich Harry alt und mickerig vor. Allein dieses lange Stirnhaar! Man trug das jetzt wohl so. Harry kannte ihn ja nur militärisch kurz geschoren. Sein eigener Haaransatz wanderte jedes Jahr ein Stückchen weiter in den Nacken. Das ließ sich nicht mehr verbergen. Und erst die lächerliche Nickelbrille. Altersweitsichtigkeit. Aber wen interessierte das?
Karl jedenfalls nicht.
Er seufzte etwas theatralisch: »Mein Gott, wenn ich an unsere letzte Begegnung denke, fühle ich mich glatt auf einen anderen Planeten versetzt. Wer hätte geahnt, dass es uns beide unabhängig voneinander an den Rand der Lüneburger Heide verschlagen würde?«
Ihre letzte Begegnung. Augenblicklich erstand vor Harry die damalige Situation in bestürzender Klarheit: Ein goldener Oktobernachmittag, so warm, dass die Fenster zur Altbüßerstraße offen standen. Harry ging mit Karl Takt für Takt Bachs zweistimmige Invention Nr. 8 in F-Dur durch. Plötzlich brandete Sirenengeheul auf, Fliegeralarm, nicht gerade selten in Breslau, aber normalerweise ungefährlich. Harry langte nach dem Fluchtgepäck, das jederzeit im Flur bereitstand. Mutter, Karl und er verließen die Wohnung und suchten den Luftschutzkeller auf. In großer Sorge waren sie nicht. Breslau galt so sicher wie Abrahams Schoß. Die alliierten Bomber brummten lediglich wie Hornissen über die Großstadt hinweg auf ihrem Weg ins oberschlesische Industriegebiet oder von dort zurück.
Doch dieses Mal war es anders: Ein Höllenlärm in unmittelbarer Nähe, stärker als jedes Sommergewitter, ließ das Gründerzeithaus in seinen Fundamenten erbeben. Vierzehn Erwachsene und sechs Kinder kauerten im dunklen Keller auf ihren Koffern. Harry blieb fast das Herz stehen, als ihm aufging, dass er die Schweinsledermappe mit den Papieren oben vergessen hatte. Er war nicht der Einzige, der etwas vermisste: Die kleine Trebusak weinte um ihre Katze, die in der Wohnung zurückgeblieben war. Ihr lautes Schluchzen erstarb erst, als Karl heldenhaft versprach, das tapsige Viech zu holen.
Dann bringen Sie bitte auch meine Korrespondenzmappe mit, bat Harry. Sie wissen schon, die auf dem Schreibtisch. Hier sind die Schlüssel!
Na sicher, Karl war zu allem bereit. Zehn Minuten später kam er zurück – mit Katze und Ledermappe. Prompt ließen die Sirenen den langen Dauerton der Entwarnung hören.
Harry sagte: »Nach dem Angriff waren Sie wie vom Erdboden verschluckt.«
Seine Stimme klang schrill, und er suchte in Karls Augen nach einem Funken von Aufrichtigkeit. Doch der lachte, obwohl es nichts zu lachen gab. »Mein Batterieführer hat mich damals ziemlich zusammengeschissen von wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe und so. Er wusste nichts von meiner Ausgangsgenehmigung. Trotzdem war es von Stund an natürlich mit jedem Urlaub vorbei.«
Das stimmte so weit mit Harrys Erinnerungen überein. Karl musste an jenem unseligen Nachmittag im Schweinsgalopp zu seiner Einheit zurück. Am folgenden Mittwoch blieb er dem Unterricht ohne Entschuldigung fern. Ebenso die Woche darauf.
»Ich erinnere mich kaum noch, wie viel bei dieser Bombenpremiere eigentlich zu Bruch ging. Man hat im Laufe der Jahre so viel Leid und Zerstörung gesehen, dass einzelne Ereignisse im Kopf wie Kraut und Rüben durcheinandergehen. Gab es damals eigentlich schon gravierende Verluste?«
Karl zeigte zwei Reihen tadelloser Zähne, als er an seiner Zigarette sog. Er klopfte sie sorgsam am Rand eines monströsen Kristallaschers ab.
Ich hätte dir eine Chance gegeben, dachte Harry, aber du willst mich für dumm verkaufen. Karl ähnelte in mancher Hinsicht Mutter: Immer würden die beiden ausloten, wie weit man bei ihm gehen konnte. Er räusperte sich und sagte: »Es gab sogar einen ganz erheblichen Verlust. Sagen Sie nicht, Sie hätten das vergessen!«
Helle Augen blickten ihn an. »Helfen Sie mir auf die Sprünge.«
Harry sagte nur: »Meine Partitur.«
Karls Erinnerung setzte eine Spur zu rasch ein, um überzeugend zu wirken. »Etwa die von Bach!? – Woher hatten Sie die noch gleich?«
Harry verscheuchte die unangebrachte Gegenfrage mit der Hand. Er nahm einen Schluck abgestandenes Bier und sagte: »Genau die.«
Der junge Mann war augenblicklich ganz Anteilnahme. »Das ist bitter. Vor allem, weil man sich mit solchen Sachen heutzutage sanieren kann. Jedenfalls wenn erst das neue Geld da ist. Die Amis verkaufen für kostbare Autografen ihre Seelen. Stand jedenfalls in den Zeitungen. Und dann das Bach-Jubiläum dieses Jahr!«
»Ich hätte diese Blätter niemals zu Geld gemacht. Aber darum geht es nicht. Tatsache ist, sie wurden mir gestohlen.«
»Oh!«, machte Karl. Seine Bestürzung klang nicht besonders überzeugend. Mit einem überzähligen Bierfilz begann er, eine kleine Pfütze methodisch zusammenzuschieben. »Das tut mir leid. Was gerade in den letzten Kriegsmonaten alles seinen Besitzer gewechselt hat, geht auf keine Kuhhaut. Ich kannte Leute, die ...«
Harry wollte nicht wissen, was für Leute Karl gekannt hatte. »Die Noten waren in der roten Ledermappe, die Sie beim Alarm aus meiner Wohnung holten. Ich hatte Ihnen erst am Tag zuvor...




