E-Book, Deutsch, Band 1, 576 Seiten
Reihe: Die große Seidenstadt-Saga
Renk Jahre aus Seide
3. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8412-1624-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Schicksal einer Familie
E-Book, Deutsch, Band 1, 576 Seiten
Reihe: Die große Seidenstadt-Saga
ISBN: 978-3-8412-1624-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Träume aus Seide in Zeiten des Aufruhrs.
1932: Ruth hat eine unbeschwerte Jugend. Die meiste Zeit verbringt sie in der Villa des benachbarten Seidenhändlers Merländer. Sie ist fasziniert von den kunstvoll bedruckten Stoffen, lernt Schnittmuster zu entwerfen und Taschen und Zierrat zu fertigen. Und sie begegnet Kurt, ihrer ersten großen Liebe. Als die Nazis an die Macht kommen, scheint es für sie keine Zukunft zu geben, denn sie sind beide Juden. Kurts Familie trägt sich mit dem Gedanken auszuwandern, auch Ruth soll gegen ihren Willen ihr Elternhaus verlassen. Und dann kommt der Tag, an dem das Schicksal ihrer Familie in Ruths Händen liegt...
Eine dramatische Familiengeschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Der Auftakt zur neuen großen Trilogie von Bestsellerautorin Ulrike Renk: Die große Seidenstadt-Saga.
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Australien-Saga und ihre Ostpreußen-Saga sowie zahlreiche historische Romane vor. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ulrikerenk.de
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Oktober 1926
Ruth drückte sich die Nase an der kalten Fensterscheibe platt; es war Freitagabend, und ihr Vater würde endlich wieder nach Hause kommen. Die Woche über war er unterwegs gewesen und hatte seine Schuhkollektion vorgestellt.
»Ruth?«, hörte sie ihre Mutter fragen. »Wo bist du?«
»In der Diele, ich warte auf Vati.«
»Es kann noch dauern, bis er kommt.«
»Aber es ist Freitag, und gleich wird es dunkel. Wir wollen doch mit ihm zusammen die Kerzen anzünden!«
Martha lächelte und drückte ihre Tochter an sich. »Ach, du weißt doch, Vati ist das nicht so wichtig.«
»Wirst du es ihm erzählen?«, fragte Ruth leise und kuschelte sich an ihre Mutter.
»Ja, Ruth, natürlich. Aber er wird bestimmt nicht schimpfen, sondern sich freuen, dass nicht mehr passiert ist.«
»Glaubst du wirklich?«
»Ja, das tue ich.« Martha strich ihr beruhigend über die Haare. Karl würde allerdings sehr besorgt sein, doch das musste ihre Tochter nicht wissen.
»Jetzt aber los, bevor Vati kommt, müsst ihr noch baden. Und wenn ihr fertig seid, können wir schon einmal die Kerzen anmachen.«
»Auja!«, rief Ruth begeistert. »Und dann erzählst du uns eine Geschichte.«
Martha sah ihrer Tochter hinterher, die eilig durch den Flur Richtung Badezimmer lief, wo Leni, das Kindermädchen, sicher schon die Wanne eingelassen hatte und mit Ilse, der Jüngsten, auf sie wartete.
Dann ging ihr Blick wieder zur Straße. Langsam begann es zu dämmern, und die wenigen Laternen, die den Bürgersteig säumten, gingen an. Bestimmt würde Karl erst lange nach Sonnenuntergang kommen. Kurz nach dem Großen Krieg hatte Karl begonnen, seine Schuhkollektionen am ganzen Niederrhein zu vertreiben. Er hatte einen guten Blick für die kommende Mode. Die Schuhe, die er im Frühjahr und Herbst bei den Herstellern kaufte, waren sehr beliebt, und über die Jahre hatte er sein Geschäft immer weiter ausbauen können. Am Anfang reiste er mit dem Zug, mittlerweile besaß er ein Automobil. Für Martha ein erneuter Anlass zur Sorge, denn von Rudi Becker, dem Chauffeur, den Karl hatte anstellen müssen, weil er wegen seiner starken Kurzsichtigkeit nicht selbst fahren konnte, hielt sie nicht viel.
Martha seufzte, sie hatte sich abgewöhnt, auf Karl zu warten. Am Anfang ihrer Ehe war es schwerer gewesen. Sechs Jahre waren sie nun verheiratet, und seit sechs Jahren wohnten sie hier in diesem Haus auf der Drießendorfer Straße. Sie hatten damals verzweifelt nach einer schönen Wohnung zur Miete gesucht, doch ohne Erfolg. Vielen Vermietern waren sie zu jung gewesen, einige wollten sie nicht haben, weil sie jüdisch waren. Immer noch war Martha darüber verwundert. Was machte es für einen Unterschied, welchen Glauben sie hatte? Sie waren Juden, pflegten aber nur oberflächlich die Traditionen, vor allem Karl legte auf alles Religiöse wenig Wert. Den Samstag, den Sabbat, nutzte er, um seine Buchführung auf Vordermann zu bringen. Nur hin und wieder begleitete er sie und die Kinder in die Synagoge. So war das bei vielen Juden in Krefeld – die meisten jüdischen Rituale passten kaum noch in das moderne Leben, das sie führten.
Als die Wohnungssuche erfolglos blieb, wurde Karl das Haus in der Drießendorfer Straße angeboten. Er überlegte nicht lange und kaufte es. Seitdem lebten sie in der untersten Etage des Dreifamilienhauses. Die beiden anderen Wohnungen hatten sie vermietet. Zwar wohnten sie zentral, aber die Gegend war nicht so, wie Martha es sich eigentlich für ihre Familie wünschte. Die laute, enge Straße, die kleinen Gärten, meist nicht mehr als Hinterhöfe … erst gestern war wieder etwas passiert, was Marthas ungutes Gefühl bestärkte. Nachmittags hatte es geklingelt, und bevor Martha etwas sagen konnte, war Ruth zur Tür gelaufen. Vor ihr stand ein Bettler, wie so häufig in letzter Zeit. Ruth war zu ihrer Mutter gelaufen, um sie nach etwas Geld zu fragen. Als sie kurz darauf wieder zur Tür kam, war der Mann jedoch verschwunden. Da sie ihm aber unbedingt etwas hatte geben wollen, war sie ihm hinterhergegangen, und in ihrer Aufregung, ihn noch einzuholen, vor ein Automobil gelaufen.
Die Straße, dachte Martha, war einfach viel zu befahren für eine Wohngegend. Zum Glück hatte Doktor Hirschfelder, der Kinderarzt der Familie, Ruth sofort untersuchen können. Sie hatte nur eine Beule und ein paar Schürfwunden an den Beinen, mehr war nicht passiert. Dennoch, der Schreck blieb, und trug dazu bei, dass sich Martha hier immer unwohler fühlte.
In Gedanken versunken ging sie zum Esszimmer. Heute hatte sie gekocht, und gleich würde ihre Mutter kommen, um mit ihnen gemeinsam den Abend zu verbringen. Martha stöhnte auf, als sie an die Stunden dachte, die sie in der Küche zugebracht hatte – ihre Kochversuche waren meist nur von mäßigem Erfolg gekrönt. Es war nicht so, dass sie nicht die grundlegenden Regeln beherrschte, aber Kochen lag ihr einfach nicht. Manchmal dachte sie, dass sie es sogar schaffen würde, Wasser anbrennen zu lassen. Doch es half nichts, sie hatte die Köchin entlassen müssen, wieder einmal hatte es Ungereimtheiten bei den Abrechnungen gegeben, von versalzenem Essen, angebrannten Kartoffeln und rohem Gemüse ganz zu schweigen.
In Momenten wie diesen, wenn sie solche Entscheidungen zu treffen hatte, fehlte ihr Karl ganz besonders. Natürlich hatte sie gewusst, worauf sie sich einließ, als sie ihn heiratete. Sie hatte gewusst, dass er oft die ganze Woche über unterwegs war und sie nur am Wochenende ein gemeinsames Familienleben haben würden. Dennoch träumte sie manchmal von einem anderen Leben, einem Leben ohne ständiges Abschiednehmen – nur Karl, die Kinder und sie. Karl hätte eine Festanstellung in Krefeld, ginge morgens aus dem Haus und käme abends zurück. Es war ein Traum, ihr Traum – Karl wäre damit unglücklich. Er liebte seine Selbstständigkeit, ging in seinem Beruf auf. Er genoss es, jeden Tag andere Menschen zu treffen und mit ihnen zu reden. Und er war wirklich gut darin. Nein, Karl würde seinen Beruf nie aufgeben, und das war auch richtig so.
Inzwischen war es vollständig dunkel geworden. Sie hörte Lachen und Wasserrauschen aus dem Badezimmer. Wie dankbar kann ich sein, dass ich meine beiden Mädchen habe, dachte Martha, als sie den langen Flur nach hinten ging. Es war eines ihrer Rituale, dass Leni die beiden am Freitagabend badete. Danach zogen sie ihre Nachthemden und ihre Morgenmäntel an und setzten sich auf das Sofa im Wohnzimmer.
Das Badezimmer war voller Dampfschwaden, die sich mit dem fröhlichen Planschen ihrer Töchter vermischten.
»Nun ist aber gut«, ermahnte Leni gespielt streng. »Ich hole jetzt Ilse aus der Wanne, und du, Ruth, kannst dir noch die Haare waschen. Aber gib acht, dass du keine Seife in die Augen bekommst.«
»Ja, Leni«
Ilse streckte dem Kindermädchen die Ärmchen entgegen und ließ sich in das Badehandtuch hüllen.
»Danke, Leni«, sagte Martha. »Was würde ich ohne dich tun …«
»Dann hätten Sie ein anderes Mädchen«, sagte Leni. »Es suchen immer noch so viele Arbeit, obwohl der Große Krieg doch schon lange vorbei ist.«
»Das stimmt.« Martha räusperte sich. »Kennst du vielleicht eine gute Köchin?«
»Darüber zerbreche ich mir auch schon seit einiger Zeit den Kopf. Mit Erna war es ja nicht auszuhalten.«
»Frau Klein hatte gute Referenzen …«
»Wie auch immer sie das geschafft hat – mit ihren Kochkünsten sicher nicht.«
Die beiden Frauen sahen sich an und begannen zu lachen. Dann hob Martha resigniert die Arme: »Nein, das war es sicher nicht.«
»Ich höre mich weiter um«, versprach Leni. »Es wäre ja ein Ding, wenn Sie niemanden finden würden.«
»Wieso brauchen wir eine neue Köchin? Du kannst doch kochen, Mutti«, protestierte Ruth. »Heute hast du doch auch gekocht. Und es riecht lecker.«
»Hoffen wir, dass es auch schmeckt …«
»Mit Vati essen«, nuschelte Ilse und kuschelte sich an ihre Mutter.
»Ja, das wäre schön. Aber jetzt müssen wir dich erst einmal abtrocknen und dir etwas anziehen. Dann gehen wir ins Herrenzimmer und zünden die Sabbatkerzen an.«
»Erzählst du uns eine Geschichte, Mutti?«, fragte Ruth.
»Natürlich. Das mache ich doch immer.«
»Auja!«, krähte Ilse, Martha lachte leise und schnupperte am Kopf ihrer Tochter. Ilse war erst zwei, sie hatte immer noch den typisch süßlichen Geruch, den Kleinkinder oft hatten – ein betörender Duft.
Eine halbe Stunde später saß Martha mit ihren Töchtern auf dem Sofa. Leni zog sich ihren Mantel an und nahm ihre Handtasche. »Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein schönes Wochenende«, sagte sie.
»Danke. Bis Montag, Leni.«
Nachdem die Tür hinter dem Kindermädchen ins Schloss gefallen war, stand Martha auf und holte die Streichhölzer. Sie sprach den Segen und zündete die Kerzen an, die in zwei silbernen Haltern auf dem Esstisch standen. Die Streichhölzer ließ sie in einen Aschenbecher fallen und wartete, bis sie restlos verglüht waren, so wollte es die Tradition. Dann setzte sie sich wieder auf das Sofa, Ilse rechts und Ruth links von ihr.
»Heute schaffen wir aber nur eine kurze Geschichte. Großmutter Emilie kommt gleich und isst mit uns. Wollt ihr eine traurige oder eine lustige hören?«
»Eine traurige«, sagte Ruth. »Bitte eine traurige, die erzählst du immer so schön.«
...



