Reymont | Der Vampir | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 183 Seiten

Reymont Der Vampir


1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-488-1
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 183 Seiten

ISBN: 978-80-7583-488-1
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wladyslaw Stanislaw Reymont, ein renommierter polnischer Schriftsteller, präsentiert in seinem Werk 'Der Vampir' eine faszinierende Geschichte, die das Genre der Schauerliteratur neu interpretiert. Das Buch erzählt die Geschichte eines geheimnisvollen Vampirs, der in einer abgelegenen Region sein Unwesen treibt und die Bewohner in Angst und Schrecken versetzt. Reymonts meisterhafter literarischer Stil schafft eine düstere Atmosphäre, die den Leser in den Bann zieht und mit jeder Seite tiefer in die Handlung eintauchen lässt. Mit subtilen Anspielungen auf traditionelle Vampirmythen und einer innovativen Erzählweise hebt sich 'Der Vampir' von anderen Werken des Genres ab und zeigt Reymonts einzigartiges literarisches Talent.

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Zweites Kapitel


Ein scheußlicher Tag,« rief Zenon und schüttelte sich vor Kälte.

»Ein schrecklicher, widerlicher, ekelhafter Tag,« wiederholte mit neckischer Lustigkeit ein reizendes hellblondes Mädchen, als es mit ihm die gewaltige Säulenhalle von St. Paul verließ und die breiten, feuchten und glatten Stufen betrat.

»Ein dreimal ekelhafter Tag, es ist kalt, feucht und neblig, ich habe beinah schon vergessen, wie die Sonne scheint und wärmt.«

»Das ist Übertreibung und Exaltation, wie Tante Ellen zu sagen pflegt.«

»Also Sie haben in diesem Jahre schon einmal Sonne in London gesehn?«

»Aber es ist doch erst Februar.«

»Haben Sie denn überhaupt schon irgend einmal Sonne in England gesehn?«

»Oh Mr. Zeno, daß nur Tante Dolly nicht sagt: Hüte dich, Betsy, denn dieser Mensch betet die Sonne an, wie ein Parse, – er scheint ein Heide zu sein,« drohte sie ihm lächelnd und ahmte die komische Stimme der Tante nach.

»Aber hat es denn seit November auch nur auf einen Augenblick Sonnenschein in London gegeben? Nichts als Nebel, Regen, Sturm und Schmutz, und ich habe doch keine Gummihaut, – ich fühle manchmal, wie ich zu Gallert werde, mich in Nebel- und Wasserströme verwandle.«

»Aber in Ihrer Heimat gibt es doch auch nicht immer Sonne,« flüsterte sie leise.

»Ja, Miß Betsy, sie ist fast täglich da, und jetzt an diesem Tage, heute, leuchtet sie bestimmt, ihre Strahlen funkeln zauberhaft schön und glitzern in den Schneemassen,« sprach er, seine Stimme senkend, als schaue er in die Ferne plötzlicher blendender Erinnerungen.

»Die Sehnsucht,« sagte sie ganz leise und merkwürdig traurig.

»Ja, die Sehnsucht, die wie ein Geier herunterschießt und mit scharfen Krallen die Seele schmerzhaft zerfleischt, die wie ein Schrei aus der Seele dringt, aus dem tiefsten Grunde längst vermoderter Tage, die uns wie ein Orkan dahinträgt ... wie ein Orkan. Lange schon, ganze Jahre, ist sie nicht mehr zu mir gekommen; ich dachte, ich trüge nur tote Schatten in mir, wie jedes gestorbene Gestern sie wirft. Doch die heutige Andacht, die Kirche, die Gesänge haben den Staub vergangener Zeiten zu neuem Leben erweckt, haben ihn belebt.«

»Mr. Zen ...« flüsterte sie und ergriff zärtlich seine Hand.

»Was, Betsy, was?«

»Einmal wirst du mich dorthin bringen, wir werden zu diesen Schneemassen fahren, die in der Sonne glitzern, zu jenen Tagen der Sonne wollen wir fahren, zu jenem warmen Lichte.« »Des Glückes, Betsy, zu den ersehnten Tagen des Glückes,« rief er leidenschaftlich, indes seine fieberig glänzenden Augen ihr helles Köpfchen umfingen, so daß sie sich voll glücklichen Erbebens, voll Freude über jenes glänzende ›morgen‹ abwandte, daß ihre Lippen zitterten und das weiße Gesichtchen sich, weißen Rosenblättern ähnlich, strahlend erhellte, daß sie rosig und freudeduftend wie der Morgen wurde und wie ein heißersehrter Kuß verlockend.

Sie verstummten, denn sie merkten plötzlich nach dieser freudigen Erregung, daß die Granitstufen merkwürdig glatt und steil waren, daß wundersame Gesänge immer noch aus der Kathedrale drangen, daß rings um sie her eine Menge Leute mit strengen, rügenden Blicken waren. Sie begannen eilig die Treppen hinunterzugehen, dem Platze, den grauen traurigen Straßen entgegen, unter schwere, niederdrückende Wölbungen, in den Nebel hinein, der in zerrissenen, schmutzigen, graugelben Fetzen herunterhing, in diesen beweglichen, klebrigen, kalten, scheußlichen Nebel, aus dem schmutziger Regen troff.

Da es Sonntag war, waren die Straßen fast leer und ganz still, sie erschienen wie schwarze Tunnel, zugedeckt vom Nebel, der, wie Watte, die man von Wunden genommen, gleichsam von Eiter durchtränkt schien, und der in schwammigen Knäueln immer tiefer in die Straßen hinabfiel, die Häuser überschwemmte und mit seiner schmutzigen Flut die ganze Stadt ersäufte.

Die Geschäfte waren geschlossen, alle Türen verrammelt, die Bürgersteige fast leer, und die schwarzen Häuser standen traurig und wie in Todesstarre da, – ein Gewirr von steinernem Elend, voll von beengendem Schweigen, völlig erblindet, denn alle Fenster waren verhüllt; nur hier und dort in den höheren Stockwerken, die ganz im Nebel verschwanden, flackerte ein verlorenes Licht. Die Augen irrten verzweifelt in dieser traurigen Nebelöde, denn sogar die Farben der unzähligen Schilder leuchteten nur matt, in ausgesogenen, toten Farben.

Die Luft war drückend schwer, von Feuchtigkeit durchtränkt, von einem Geruch nach Schmutz und aufgeweichtem Asphalt gefüllt; und von allen den im Nebel unsichtbaren Dächern, von allen Balkonen, von allen Schildern ergossen sich Ströme aufspritzenden Wassers, es tropfte von allen Seiten, die Traufen dröhnten dumpf und unaufhörlich, als bärgen sie unzählige Gießbäche.

»Welchen Weg wollen wir gehen?« fragte er und spannte den Schirm auf.

»Am Strand, denn das ist der nächste.«

»So eilig haben Sie's, nach Hause zu kommen?«

»Mir ist kalt, das ist der Grund.«

»Also werden wir heute nicht auf die Tanten warten?«

»Wir werden ihnen wenigstens einmal eine Überraschung bereiten, – sie werden uns suchen und nicht finden.«

»Ohne sehr bissige Kommentare wird es da nicht abgehen.«

»Ich werde sagen, es wär' Ihre Schuld, ätsch ...!«

»Es ist gut, ich werde mich wehren, und zwar tüchtig; das ist doch schon langweilig, so jeden Sonntag wie von Amts wegen in die Kirche laufen zu müssen.«

»Ach, und wie langweilig, wie langweilig das ist! Nur erwähnen Sie nichts davon zu Hause, alle Tanten waren gegen Sie!« rief sie fröhlich und schmiegte sich an seinen Arm.

»Würden Sie mich in Schutz nehmen, wie?«

»Nein, nein, denn auch ich bin schuldig, denn auch mich langweilt das ...«

»Weswegen gehorchen Sie dann einem Zwange, der Ihnen so unangenehm ist?«

»Weil ich eine fürchterliche Angst vor den Tanten habe. So oft ich mich gegen sie auflehnen wollte, brauchte nur Tante Dolly hinter ihren Brillengläsern hervor mich anzuschauen und Tante Ellen zu sagen: Betsy! – und schon war's vorbei mit mir ... Ich kann kein Wort mehr sagen, nur weinen möchte ich, und es ist mir so peinlich, so peinlich ...«

»Miß Betsy, Sie sind noch ein großes Kind.«

»Aber einmal werde ich doch auch erwachsen sein, nicht wahr?« fragte sie süß. »In einem Jahr, da werde ich doch sicher erwachsen sein,« fügte sie mit einem Lächeln hinzu und barg ihr Gesicht im Muff; sie war errötet: in einem Jahr sollte ihre Hochzeit sein.

»O ja, ja,« rief er lustig und sah ihr in die Augen. »Ja, in einem Jahre wird Betsy erwachsen sein, in zehn Jahren sogar eine Dame, in zwanzig eine achtunggebietende Matrone, und in vierzig wird Miß Betsy wie Miß Dolly sein, alt, grau, gebückt, wird die Bibel lesen und wird die Jungen nicht mehr leiden können und das Lachen und die Feste hassen, – Miß Betsy wird langweilig sein und nach Kampher riechen!«

»Nein, nein, nie werde ich so sein, niemals,« protestierte sie klagend, beinahe entsetzt über diese Möglichkeit, an die sie noch nie gedacht hatte.

Auch er wurde traurig; denn da er im Scherz ein so fernes Bild zeichnete, zuckte er plötzlich zusammen, wich wie in seine eigenen Tiefen zurück vor diesem merkwürdigen Spuk, der plötzlich vor seinen Augen vorbeihuschte.

Da kam Betsy ihm entgegen, Betsy, alt, gebeugt, elend, aller Anmut bar, die Ruine eines Menschen; sie ging wankend, stützte sich auf einen Stock und schaute ihn an, mit den eingefallenen Augen eines unergründlichen Schmerzes.

Er stockte entsetzt, doch ehe er imstande war, seine Gedanken zu sammeln, zerfloß die Erscheinung im Nebel, auf dem Trottoir war niemand zu sehen, und ganz nahe bei ihm, an seinem Arme hängend, ging Betsy, strahlend wie eine Blume, Betsy, der Frühlingsduft selbst, die fleischgewordene Jugend ... Da lächelte er sie zärtlich an, als wäre er plötzlich aus einem schrecklichen Traum erwacht.

»Was suchen Sie?« fragte sie, als er sich mißtrauisch umschaute; denn er wußte nicht, ob das, was er gesehen hatte, in ihm oder vor ihm erschienen war?

»Es schien mir, als ginge da ein Bekannter vor uns.«

»Ich konnte niemand sehen, vielleicht haben Sie zwei Paar Augen,« sagte sie lustig zwinkernd und sah ihm dabei ins Gesicht. »Vielleicht,« kam es gepreßt von seinen Lippen, und er erbleichte im plötzlichen Gefühl des Grauenhaften dieser Erscheinung. Ihn durchdrang der lähmende Schauer des Rätsels, doch er beherrschte sich bald und schnell, unmerklich versenkte er seine Falkenaugen in ihr Gesicht, in ihr Haar; er kroch in die Tiefe ihrer saphirblauen, von schwarzen Wimpern umrahmten Augen, umfing ihren schlanken, jungen Leib, lauerte auf ihre Bewegungen, als wolle er unwillkürlich ihre Identität, ihr wirkliches Dasein feststellen.

Er zuckte voll Abscheu zusammen; denn jenes Gespenst war geradezu häßlich und widerlich gewesen. Und trotz alledem konnte er die Vergleiche nicht einstellen, noch ein merkwürdiges Gefühl der Unruhe und des Gequältseins unterdrücken, so daß er nicht einmal ihre Fragen hörte. Zum Glück versperrte ihnen an der Ecke der Fleetstreet unter einem beweglichen Dache von Schirmen eine Menge von Menschen den Weg, die sich um einen laut predigenden Mann versammelt hatten.

Sie kamen näher, bis an die hohe, transportable Rednertribüne, auf der unter einem Schirm ein hochgewachsener, roter und wohlbeleibter Mann stand und, während er unaufhörlich den aufgespannten Schirm von einer Hand in...



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