E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: Reihe Hanser
Reynolds Sunny
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-423-43578-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Sound der Welt
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: Reihe Hanser
ISBN: 978-3-423-43578-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jason Reynolds studierte Literaturwissenschaften an der University of Maryland. Seine Bücher sind in den USA nicht nur Bestseller, sondern auch vielfach ausgezeichnet. Sein Buch >Long Way Down< wurde nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Für den Kinderroman >Ghost< erhielt er den LUCHS des Jahres. Jason Reynolds ist in den USA ein Literaturstar. Er lebt in Washington, D.C.
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2 Samstag
Liebes Tagebuch,
ich weiß genau – zumindest bin ich davon überzeugt –, dass alles auf der Welt mit einem besonderen Klang verbunden ist. Dass alles entweder ein oder ein hat. Oder so ähnlich. Wie ein . Oder ein . Oder ein . Oder ein … ich bin seltsam. Oder vielleicht auch nicht. Ich bin nur … . Oder so.
Es ist drei Wochen und mindestens 1 814 400 Ticks her, seit ich zugeschaut habe
Patina
Patina
tii-naah, tii-naah,
wie sie von hinten angerast kam und die letzte Etappe ihrer Viermal-achthundert-Meter-Staffel klargemacht hat. Das klang wie schumm--schumm--schumm--schumm- bis zur Zili-zili-Ziellinie. Sie hat gestrahlt, und die Menge … ist … ausgeflippt. Deja und Krystal und Brit-Brat sind ausgeflippt. Der Trainer und Whit sind ausgeflippt. Curron und Aaron und Mikey sind ausgeflippt. Ghost und Lu sind ausgeflippt. Sie haben mich beide umarmt, während Patty mit so ein paar coolen Power-Schritten auf uns zustolziert ist, wie eine Siegerin. Si-si-. Si-. Patty ist ’ne . Eine , eine Nummer , und ’ne n, eine biiep-blaap das ist kein Wort, aber ich bin ein und kein wie Patty. Patty ist ’ne , Si-
Okay, ich bin schon verdammt schräg.
Tagebuch, du weißt, dass ich auch ein Sieger bin. Ein Wi-. Was, für mich, ist. Ödepöde. Klingt wie tröge. Öde-tröge-schnöde. Mein Rennen klingt immer, immer, immer so, als würden die Leute sich unterhalten. Als würde es keinen richtig interessieren, dass ich eine Meile – das sind 1609 Meter – schneller renne als sie eine Runde um den Block. So wie Aber keiner schaut zu, bis zur letzten Runde. Und das ist der Teil, wo ich dann gewinne. Woche um Woche. Sunny, der Si-si-sieger … mir doch egal.
Ich gebe Darryl die Medaille. Mir doch egal.
Er sagt etwas über meine Mutter. Mir doch egal.
Und ich denke dann sofort daran, wie sich Atmen anhört. Ich kann es mir nicht richtig vorstellen. Dabei liegt es mir jedes Mal auf der Zungenspitze. Und dann denke ich daran, wie sich Nicht-Atmen anhört. Und irgendwann, wenn Darryl nicht aufhört, über meine Mutter zu reden, muss ich an Weinen denken. Wie ich weine. Nicht, wie ich jetzt weine, aber wie ich geweint habe, als ich geboren wurde. Beziehungsweise wie ich es getan habe. Zumindest am Anfang. Das erzählt Darryl mir die ganze Zeit, da hat er absolut kein Problem mit, mir das zu erzählen. Dass ich geweint habe. Weil ich nicht atmete. Aber meine Mutter hat geweint. Und dann fing ich an zu atmen. Und sie hörte auf. Und dann fing ich zu weinen an.
Sie ist nicht hier, weil ich es bin. Wegen mir. Weil mit mir was nicht stimmt, Tagebuch, und deshalb hat auch mit ihr was nicht gestimmt. Sie. Sie hat einen Namen. Sie hatte einen Namen. Sie hat. Weißt du noch? Sie heißt Regina, Regina Lancaster. Sie wurde an Rosa Parks Geburtstag geboren und brachte mich am Tag eines Wirbelsturms zur Welt. Und dann ist sie gestorben.
Liebes Tagebuch,
»Fruchtwasserembolie«.
Solche Worte tanzen wie Konfetti auf der Zunge. Als würde man eine fremde Sprache sprechen. Geburtsanomalie, Fruchtwasserembolie. Das Wort an sich klingt ja ganz nett, aber wenn man es aus der Krankenhaussprache übersetzt, bedeutet es »Tod meiner Mutter«. Es bedeutet, dass ihr Blut vergiftet war. Es bedeutet, dass ihr Herz aufhörte zu schlagen. Es bedeutet, dass ich als Kind die ganze Zeit nach ihr schrie und nach einem Herzschlag suchte.
Tagebuch, ich weiß, du weißt das alles schon. Die ganze Sache ist schon vor langer Zeit in mein Leben reingeschrieben worden, deshalb habe ich sie schon vor langer Zeit in dich reingeschrieben. Zusammen mit vielen Fragen. Fragen wie: Weißt du, wie es sich anfühlt, wenn man sich wie ein Mörder vorkommt? Ich schon. Zumindest habe ich mich damals so gefühlt. Und heute immer noch. Manchmal. Damit wir uns nicht missverstehen – Darryl hat mich nie so genannt oder irgendwas in der Richtung zu mir gesagt. Wenn überhaupt, dann sagt er, es wäre die Fruchtwasserembolie gewesen, die sie getötet hat. Trotzdem betet er mir immer wieder vor, dass ich es meiner Mutter schuldig wäre, ihren Traum von einem Sieg bei einem Marathon zu verwirklichen. Für sie. Ich soll nicht nur ein Läufer sein, ich soll ein Sieger sein. Und er hat mich von klein auf darauf getrimmt. Ich weiß nicht, ob man das wirklich so sagen kann, also in Wahrheit, aber … irgendwie schon, weil – so war es eben. Als ich laufen lernte und meine ersten wackeligen Tapser machte, hat Darryl mich vermutlich immer wieder mal geschubst. Also, richtig geschubst, meine ich. Das ist typisch für ihn. Nicht sehr stark oder so. Nur ein Schubs, damit diese Tip-Tap-Tapser schneller wurden. Mit vier die ersten Runden ums Haus. Mit fünf auf der Aschenbahn. Gerede von Marathons mit sechs. Als könnte eine Medaille ausradieren, dass ich keine Mutter habe. Und er fand, ich sollte am besten mal mit der Meile anfangen.
Die Sache ist nur: Die Meile hat einfach nicht genug Sound für mich. Hatte sie nie. Ich höre da immer nur das von meinen Füßen auf der Aschenbahn, 1609 Meter lang, und nach einer Weile hört sich das fast wie nichts an. wird zu wird zu , und das wird einfach übertönt von dem Geschnatter der Zuschauer darüber, was sie alles vorhaben, sobald diese letzten, ewig langen Runden vorbei sind, während sie gleichzeitig noch auf ihren Handys rumwischen, Nachrichten check check checken, was trinken und wieder weiterwischen.
Ich brauchte dringend was anderes als immer nur diese blöden 1600 Meter. Und diesen doofen Sieg. Und heute Vormittag – drei langweilige Wochen, drei siegreiche Wettkämpfe nach Pattys verrückter Aufholjagd – sorgte ich dann dafür, dass meine Meile endlich ein bisschen mehr Sound bekam. Ein oder ein .
Tagebuch, wie hört es sich an, wenn man stehen bleibt? Vielleicht so wie
Ich hatte schon drei Runden hinter mir und näherte mich der vierten. -te über die Aschenbahn, mit den Gedanken ganz woanders. Ich bin an der ersten Kurve der letzten Runde, weit und breit kein anderer Läufer hinter mir. Ich cruise so vor mich hin, , auf dem Weg Richtung Sieg. Und dann.
Überlegte ich es mir irgendwie anders.
Ich bremste einfach ab, hörte auf zu rennen und schlenderte stattdessen langsam zum Ziel.
Sound.
Die Menge rastet aus! Deja und Krystal und Brit-Brat rasten aus. Ghost und Lu und Patty rasten aus. Curron und Aaron und Mikey rasten aus. Der Trainer und Whit rasten aus.
Dann macht die Menge , weil die anderen Läufer an mir vorbeigaloppieren, ihre letzten Kräfte mobilisieren und auf die Ziellinie zupreschen.
Von der Seitenlinie brüllt der Trainer laut rüber, was ich da mache, und ich lächle nur und applaudiere den anderen Läufern. Dann schreit der Trainer stinkwütend was. Seine Worte klingen wie zerknittertes Papier. Oben auf der Tribüne schießt Darryl inmitten der Menge in die Höhe. Einige Leute lachten, ein paar schauten zornig, ein paar total verdattert. Das waren die besten. Diese verwirrten Gesichter. Die aussahen, als wären sie aus Wachs und jemand hätte sie geschmolzen und neu geformt. So wie . Das Gesicht meines Vaters sah ganz und gar nicht so aus. Es sah kein bisschen geschmolzen oder matschig aus. Auf dem Gesicht von meinem Vater lag dieser Blick. Der Blick, den ich schon gewohnt war und den ich hasste. Wie ein Stein, der sich in noch mehr Stein verwandelt. Was für ein Geräusch das wohl macht? Ich glaube, für meinen Vater war es das gleiche Geräusch wie Atmen. Ein Geräusch, das ich mir nicht vorstellen kann, obwohl es mir schon auf der Zunge liegt.
Liebes Tagebuch,
noch was zu heute. Ich habe mir fast die Zunge abgebissen. Hab auf der ganzen Rückfahrt nach Hause einfach zu fest darauf rumgekaut. Und wenn ich sie abgebissen hätte, wäre das verdammt eklig gewesen, wegen meinen...




