E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Rhoden Der Trotzkopf
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402274-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-402274-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Autorin wurde 1839 in Magdeburg geboren. Sie lebte mit ihrer Familie in Berlin, Eisenach, Leipzig, Dresden. 1854 veröffentlichte sie erste Erzählungen unter dem Pseudonym Emmy von Rhoden. Ihr Roman »Der Trotzkopf« erschien 1885 posthum.
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Als die Gäste fortgefahren waren, blieb der Pfarrer, ein wohlwollender, nachsichtiger Mann, der Ilse väterlich zugetan war, noch zurück. Er hatte sie getauft und eingesegnet, und unter seinen Augen war sie herangewachsen. Seit kurzer Zeit, nachdem die letzte Erzieherin ihren Abschied genommen hatte, leitete er auch ihren Unterricht. Ein beinahe peinliches Stillschweigen trat jetzt ein. Jeder der drei Anwesenden hatte etwas auf dem Herzen und scheute sich doch, das erste Wort zu sprechen. Herr und Frau Macket saßen am Tisch, er rauchend, sie eifrig mit einer Handarbeit beschäftigt. Pfarrer Wollert ging im Zimmer auf und ab, er sah recht ernst und nachdenklich aus.
Endlich blieb er vor dem Oberamtmann stehen. »Es geht nicht anders, lieber Freund«, sagte er zu ihm, »das Wort muß heraus. Es geht nicht mehr so weiter; wir können das unbändige Kind nicht zügeln, es ist uns über den Kopf gewachsen.«
Der Oberamtmann sah den Pfarrer verwundert an. »Wie meinen Sie das?« fragte er. »Ich verstehe Sie nicht.«
»Meine Meinung ist, geradeheraus gesagt, die«, fuhr der Pfarrer fort, »das Kind muß fort von hier, in ein Pensionat.«
»Ilse in ein Pensionat? Aber warum? Sie hat doch nichts verbrochen!« rief Macket ganz erschrocken aus.
»Verbrochen?« wiederholte lächelnd der Pfarrer. »Nein, nein, das hat sie nicht. Aber muß denn ein Kind erst etwas Böses getan haben, ehe man es in ein Institut schickt? Ein Institut ist doch keine Strafanstalt! Hören Sie mich ruhig an, lieber Freund«, fuhr er besänftigend fort und legte die Hand auf Mackets Schulter, als er sah, daß dieser heftig auffahren wollte. »Sie wissen, wie ich Ilse liebe, und wissen auch, daß ich nur das Beste für sie im Auge habe. Nun, ich habe alles reiflich überlegt und bin zu dem Schluß gekommen, daß Sie, Ihre Frau und ich nicht Macht genug besitzen, das Mädchen zu erziehen. Sie trotzt uns allen dreien. Was soll daraus werden? Soeben hat sie wieder ein glänzendes Beispiel ihrer widerspenstigen Natur gegeben.«
Der Oberamtmann trommelte auf dem Tisch. »Das war eine Ungezogenheit, die ich bestrafen werde«, sagte er. »Etwas Schlimmes kann ich nicht darin finden. Lieber Himmel, Ilse ist jung, halb noch ein Kind, und Jugend muß sich austoben. Weshalb soll man einem übermütigen Mädchen so strenge Fesseln anlegen und es Knall auf Fall in ein Pensionat bringen? Was ist dabei, wenn es einmal über die Stränge schlägt! Verstand kommt nicht vor den Jahren. – Was sagst du dazu, Anne?« wandte er sich an seine Frau. »Du denkst wie ich, nicht wahr?«
»Ich dachte so wie du«, entgegnete Frau Anne, »als ich vor einem Jahr dieses Haus betrat. Heute jedoch urteile ich anders, heute muß ich dem Herrn Pfarrer recht geben. Ilse ist schwer zu erziehen, trotz aller Herzensgüte, die sie besitzt. Ich weiß nichts mit ihr anzufangen, soviel Mühe ich mir auch gebe. Gewöhnlich geschieht das Gegenteil von dem, was ich ihr sage. Bitte ich sie, ihre Aufgaben zu machen, so tut sie entweder, als ob sie mich nicht verstanden habe, oder sie nimmt nur widerwillig ihre Bücher, wirft sie auf den Tisch, setzt sich davor und treibt allerlei andere Dinge. Nach kurzer Zeit erhebt sie sich wieder – und fort ist sie. Da hilft kein gütiges Zureden, keine Strenge; sie will einfach nicht! Frage den Herrn Pfarrer, wie lückenhaft Ilses Schulbildung ist, wie sie zuweilen sogar noch orthographische Fehler macht.«
»Was kommt’s bei einem Mädchen darauf an!« entgegnete Herr Macket und erhob sich. »Eine Gelehrte soll sie nicht werden; wenn sie einen Brief schreiben kann und das Einmaleins gelernt hat, weiß sie genug.«
Der Pfarrer lächelte. »Das kann nicht Ihr Ernst sein, lieber Freund. Oder würde es Ihnen Freude machen, wenn man von Ihrer Tochter sagte, daß sie dumm sei und nichts gelernt habe? Ilse hat gute Anlagen, es fehlt ihr nur der Wille und die Lust zum Lernen. Beides wird sich einstellen, sobald sie unter junge Mädchen ihres Alters kommt. Deren Streben wird ihren Ehrgeiz wecken und ihr bester Lehrmeister sein.«
Die Richtigkeit dieser Worte leuchtete Herrn Macket ein, aber die Liebe zu seinem Kinde ließ es ihn nicht offen bekennen. Der Gedanke, sich von Ilse trennen zu müssen, war ihm furchtbar. Sie nicht täglich sehen und hören können – ihm war, als würde die Sonne plötzlich aufhören zu scheinen, als solle ihm Licht und Leben genommen werden.
Frau Anne fühlte, was in ihres Mannes Herzen vorging; liebevoll trat sie zu ihm und ergriff seine Hand. »Denke nicht, daß ich hart bin, Richard, wenn ich für den Vorschlag unsres Freundes stimme«, sagte sie. »Ilse steht jetzt an der Grenze zwischen Kind und Jungfrau, noch hat sie Zeit, das Versäumte nachzuholen und ihre unbändige Natur zu zügeln. Geschieht das nicht, so könnte man eines Tages sagen, Ilse fehle das Frauliche. Wäre das nicht furchtbar?«
Er hörte kaum, was sie sprach. »Ihr wollt sie einsperren!« sagte er erregt. »Aber das hält sie nicht aus. Laßt sie erst älter werden! Es ist dann immer noch Zeit genug, sie fortzugeben.«
Dagegen erhoben Frau Anne und der Pfarrer auf das entschiedenste Einspruch; sie bewiesen ihm, daß jetzt die höchste Zeit sei, wenn ein Pensionat noch etwas nützen sollte.
»Ich wüßte ein Institut in W., das ich für Ilse sehr gut empfehlen könnte«, erklärte der Pfarrer. »Die Vorsteherin ist mir bestens bekannt, sie ist eine vortreffliche Dame. Neben dem Pensionat, das unter ihrer Leitung große Fortschritte gemacht hat, hat sie eine Schule ins Leben gerufen, die von Jahr zu Jahr größer wird. Ilse würde den besten Unterricht und die liebevollste Pflege finden. Und welch ein Vorzug wäre die wunderbare Lage dieses Ortes! Die Berge ringsum, die gesunde Luft –«
»Ja, ja«, unterbrach ihn Herr Macket unruhig und abwehrend, »ich glaube das alles gern. Aber laßt mir Zeit, bestürmt mich nicht weiter! Ein so wichtiger Entschluß, selbst wenn er notwendig ist, bedarf der Reife.«
Und dieser Entschluß kam schneller, als Herr Macket geglaubt hatte.
Am andern Morgen, es war noch sehr früh, traf der Oberamtmann sein Töchterchen, als es eben im Begriff war, hinaus auf die Wiese zu reiten, um beim Einholen des Heus mitzuhelfen. Unbekümmert hatte sich Ilse von dem Aufseher auf eines der Pferde, das vor den Leiterwagen gespannt war, helfen lassen. »Guten Morgen, Papachen!« rief sie ihm schon von weitem laut entgegen. »Wir wollen auf die Wiese fahren, das Heu muß herein; der Hofmeister sagt, wir bekämen gegen Mittag ein Gewitter. Ich will gleich mithelfen aufladen.«
Der Vater hatte keine reine Freude an dem munteren Wesen seines Kindes, ihm fielen die Worte seiner Frau vom gestrigen Abend ein. Ilse sah in diesem Augenblick wenig mädchenhaft aus, eher glich sie einem wilden Buben. Wie ein solcher saß sie auf dem Pferde und ließ die Beine an beiden Seiten herunterhängen; das kurze blaue Kleid verdeckte diese nicht, man sah den plumpen, hohen Lederstiefel und noch ein Stück des bunten Strumpfes. Es war wahrlich kein schöner Anblick.
»Steig ab, Ilse!« sagte Herr Macket, dicht an sie herantretend, um ihr behilflich zu sein; »du wirst jetzt nicht auf die Wiese reiten, hörst du, sondern deine Aufgaben machen!«
Es war das erstemal in Ilses Leben, daß der Vater in so bestimmter Weise zu ihr sprach. Im höchsten Grade verwundert blickte sie ihn an, aber sie machte keine Miene, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie schlug die Arme ineinander und fing an, herzlich zu lachen. »Hahahaha, arbeiten soll ich! Du kleiner reizender Papa, wie kommst du denn auf diesen komischen Einfall? Mach’ nur nicht ein so böses Gesicht! Weißt du, wie du jetzt aussiehst, Papa? Wie unsere Mademoiselle, die letzte von den vielen, die wir hatten, wenn sie böse war. ›Fräulein Ilse, gehen Sie auf Ihr Zimmer, mais tout de suite! Aben Sie mir compris?‹ Dabei zog sie die Stirn in Falten und riß die Augen auf – so.« Ilse versuchte nachzuahmen. »Oh, es war zu himmlisch! Leb’ wohl, Papachen! Zum Frühstück komm ich zurück.« Sie warf ihm noch eine Kußhand zu, lachte ihn schelmisch an und fort ging’s im lustigen Trab hinaus auf die Wiese, in den taufrischen Sommermorgen hinein.
Herr Macket schüttelte den Kopf, mit einem Mal stiegen ernstliche Bedenken wegen Ilses Zukunft in ihm auf. Er fand den Gedanken, sie in ein Pensionat zu geben, heute weniger schrecklich als gestern. Seine Tochter hatte ihm soeben den Beweis gegeben, daß sie auch ihm Widerstand entgegensetzte. Freilich mußte er sich gestehen, daß er ihn durch seine Nachgiebigkeit gefördert hatte. Er ging in das Speisezimmer und trat von dort auf die Veranda, die weinumrankt sich an der Vorderseite des Hauses entlangzog. Seine Frau erwartete ihn bereits am gedeckten Frühstückstisch. Ganz gegen seine Gewohnheit war er still und einsilbig.
»Hattest du Unannehmlichkeiten?« fragte Frau Anne und schenkte ihm den Kaffee ein.
»Nein«, entgegnete er, »das nicht.« Er hielt einen Augenblick inne, als ob es ihm schwer fiele, weiterzusprechen, dann fuhr er fort: »Ich habe über unser gestriges Gespräch nachgedacht und den Entschluß gefaßt, Ilse zum ersten Juli in ein Pensionat zu geben.«
»Du scherzest«, sagte Frau Anne und sah ihn fragend an.
»Es ist mein Ernst«, erwiderte er. »Wirst du imstande sein, bis zu diesem Zeitpunkt alles für Ilses Abreise vorbereiten zu können? Wir haben heute den zwölften Juni.«
»Ja, das könnte ich, lieber Richard; aber verzeihe, mir kommt dein Entschluß etwas übereilt vor. Wird er dich nicht gereuen? Laß Ilse die schönen Sommermonate noch ihre Freiheit genießen und gib sie erst zum Herbst fort. Der Abschied von der Heimat wird ihr dann weniger schwer werden.«
»Nein, keine Änderung!«...




