E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Richards Doctor Who: Time Lord Märchen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96658-628-3
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-96658-628-3
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Letzten Endes sind wir alle nur Geschichte(n) Diese düsteren, wunderschönen und skurrilen Geschichten stecken voller albtraumhafter Schrecken sowie heroischer Triumphe aus allen Ecken und Enden des Raumes und der Zeit. Die Geschichten von alten Wundern und Mysterien wurden von Generationen von Time Lords überliefert und jungen Time Lords beim Zu-Bett-Gehen vorgelesen. Die wunderschön bebilderte Kollektion bietet fünfzehn Märchen aus der Welt von Doctor Who und ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für den Doctor-Who-Fan. - Die Geschichten präsentieren verschiedenste Inkarnationen des Doktors sowie diverse Monster und Gegner. - Die meisten der Geschichten sind von echten Märchen inspiriert.
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Offenkundig war das Haus, das vor langer, langer Zeit am Rande einer Stadt lag, viel zu groß. Viel größer, als für das alte Paar, das darin lebte, nötig gewesen wäre –, aber die beiden wohnten dort bereits seit jungen Jahren und sahen keinen Anlass auszuziehen. Das Haus war nicht nur groß, es war auch auf allen Seiten von weitläufigen Gärten umgeben: Wiesen und Terrassen, Brunnen und hübsche kleine Dekorationen, Blumen und Bäume erstreckten sich in alle Richtungen. Die beiden wussten, dass es der ideale Spielplatz war, daher machte es ihnen nichts aus, dass die Kinder aus der Gegend sich durchs Tor oder über die Mauern hereinschlichen – sie ermutigten sie sogar dazu. Sie genossen den jugendlichen Lärm und den Anblick von Kindern, die herumrannten, sich versteckten und sich amüsierten. Die Kinder hatten herausgefunden, dass die alten Leute sich sehr darüber freuten, dass sie dort spielten. Sie mischten sich nie in ihre Spiele ein, kamen jedoch oft auf die Hauptterrasse und stellten ein verziertes Silbertablett voller Süßigkeiten dort ab. Die Kinder bedienten sich dann, und wenn nichts mehr da war, brachte eins von ihnen das leere Tablett zum Haus zurück und betätigte kräftig den schweren Türklopfer aus Messing. Die ängstlicheren Kinder ließen das Silbertablett einfach vor der Tür liegen und liefen weg; die mutigeren hingegen warteten, bis sie es dem Mann oder der Frau übergeben konnten, und bedankten sich. Dann sahen alle Kinder zu, wie einer der beiden das Tablett nahm und wieder zu seinem Platz auf einem Tisch im Wohnzimmer brachte, der rechts von der Haustür vor einem großen Fenster stand. Doch eines Tages kamen keine Süßigkeiten. Eins der mutigeren Kinder, ein Junge namens Tarmin, schlich zum Haus und spähte durchs Wohnzimmerfenster. Er konnte die alte Frau dort sitzen sehen: Sie war ganz allein. Sie blickte auf und sah Tarmin am Fenster stehen. Einen Augenblick schien sie überrascht, dann erschien langsam ein trauriges Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie erwiderte Tarmins Blick mehrere Sekunden lang, dann schaute sie wieder weg. Selbst von seinem Platz vor dem Fenster aus war er sicher, dass sie weinte. Eine Woche später war auch die alte Frau fort. Schweigend beobachteten die Kinder, wie ein Leichenwagen langsam durch das Tor des Anwesens gefahren kam. Der Leichnam der alten Frau lag darin: Sie wurde fortgebracht, um neben ihrem Gatten zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Irgendwie kam es den Kindern falsch vor, in dem Garten zu spielen, wenn der alte Mann und die alte Frau ihnen nicht zusahen. Sie kamen immer seltener und das Gelände des Hauses verwahrloste und wurde von Pflanzen überwuchert. Ein Jahr nachdem die alte Frau gestorben war, kamen einige der Kinder wieder zum Tor des Hauses. Seit sie zuletzt hier gespielt hatten, war das Grundstück zu einem Ort geworden, den man besser mied. Einige Kinder waren hergekommen, um in den Gärten zu spielen, und keins war seither gesehen worden – es war, als hätten sie sich in Luft aufgelöst. »Das sind nur Geschichten«, sagte einer der Jungen am Tor. Er hieß Hal. »Wahrscheinlich sind sie weggezogen.« Ein paar stimmten zu, doch viele taten es nicht. »Ich wünschte, wir könnten wieder da drin spielen«, sagte ein Mädchen namens Izmay. »Können wir uns nicht reinschleichen und gucken, ob es sicher ist?« »Willst du wirklich da reingehen?«, fragte Hal. »Allein?« Izmay schauderte bei dem Gedanken. »Hab ich mir doch gedacht«, sagte Hal. »Du hast Angst.« »Du etwa nicht?«, fragte Izmay. »Ich bin zu alt, um im Garten zu spielen«, entgegnete Hal ausweichend. In Wahrheit hatte er ebenso viel Angst wie alle anderen. »Ärger sie nicht«, sagte Tarmin zu ihm. »Ich geh rein«, verkündete Izmay plötzlich. »In den Garten. Ganz bis zum Haus. Du hast vielleicht Angst, aber ich nicht!« Tarmin musterte sie besorgt. Izmay gehörte zu seinen besten Freunden. Was, wenn die Geschichten stimmten? Was, wenn sie nie zurückkam? Er konnte den Gedanken nicht ertragen, sie niemals wiederzusehen. Also sagte er: »Ich komme mit.« Hal grinste höhnisch. »Ich wette, das macht ihr nicht. Ich wette, ihr klettert nur über die Mauer, versteckt euch eine Weile und kommt wieder. Ihr geht gar nicht erst bis zum Haus.« »Doch, machen wir«, beharrte Izmay. »Und wir werden es auch beweisen.« »Und wie?«, wollte Hal wissen. Izmay runzelte die Stirn. Sie hatte keine Idee – aber Tarmin schon. »Das Silbertablett, auf das der alte Mann und die alte Frau immer die Süßigkeiten getan haben«, sagte er. »Das lag immer auf dem Tisch im Wohnzimmer, nahe am Fenster.« »Was ist damit?«, fragte Hal. »Wir gehen ins Haus und bringen das Tablett mit, um es dir zu zeigen«, sagte Tarmin. »Genau«, stimmte Izmay zu. »Dann weißt du, dass wir wirklich beim Haus waren – sogar im Haus.« »Stimmt wohl«, sagte Hal. Dann sagte er nichts mehr, bis die anderen Kinder Tarmin und Izmay halfen, über die Mauer zu klettern. Er sah ihnen zu und biss sich nervös auf die Lippe, obwohl er selbst ja gar nicht hinüberklettern würde. »Ihr wollt da wirklich rein?«, fragte er schließlich. Tarmin saß auf der Mauer, streckte Izmay die Hand entgegen und half ihr hinauf. »Na klar.« »Ihr müsst das nicht machen«, sagte Hal rasch. »Ich wollte euch nur ein bisschen aufziehen. Das könnte gefährlich sein! Was, wenn den anderen da drin wirklich was passiert ist? Was, wenn es euch auch passiert?« »Dann kommen wir nicht zurück, denk ich mal«, sagte Izmay. »Und falls wir nicht wiederkommen«, fügte Tarmin hinzu, »dann musst du dafür sorgen, dass uns keiner folgt – und zwar nie. Einverstanden?« »Meinetwegen«, sagte Hal. »Viel Glück«, fügte er hinzu, als Tarmin sich an einem Ast festhielt und anfing, in den Garten hinabzuklettern. Wie die Kinder, die sie auf der anderen Seite der Mauer zurückgelassen hatten, dachte Tarmin, dass es nicht lange dauern würde, bis Izmay und er wieder hinüberklettern und mit einem erleichterten Lachen das Silbertablett in die Höhe recken würden. Der Garten, einst so vertraut, war kaum wiederzuerkennen. Tarmin und Izmay kletterten an den Bäumen hinunter, wie sie es schon so oft getan hatten – doch statt auf einem freien Stück Rasen fanden sie sich nun in einem Gewirr aus wucherndem Gras und Farnkraut wieder. Von dieser Baumgruppe aus hatten sie früher auf einen weiten, kurz gemähten Rasen hinausgeblickt, doch als sie sich nun den Weg durch das feuchte Gras bahnten, stellten sie fest, dass es ihnen bis zu den Knien reichte: Kalt und nass strich es ihnen über die Beine. In der Ferne sahen sie hinter der Terrasse das Haus aufragen. Es wirkte jedoch nicht mehr freundlich und einladend wie früher, sondern finster und abweisend. Jenseits des überwucherten Rasens lag ein Teil des Gartens mit geometrisch angelegten Beeten und einem Brunnen in der Mitte. Als Tarmin und Izmay dort ankamen, blickten sie auf die wilden Blumenbeete hinab und auf das Unkraut, das die schmalen Steinpfade erobert hatte. Der Springbrunnen – in dem einst klares, frisches Wasser geplätschert hatte – war nun still und trocken, sein Sockel verwittert und voller Risse. »Wie traurig, das alles so zu sehen«, sagte Izmay. »Ich wünschte, wir wären nicht hergekommen.« Tarmin nickte. »Willst du umkehren?«, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Wir sollten zu Ende bringen, was wir angefangen haben. Lass uns zum Haus gehen, das Tablett holen und von hier verschwinden.« Die beiden Kinder folgten dem Pfad durch den einst so geordneten Teil des Gartens. Als sie sein Ende erreichten, bemerkten sie etwas unter dem Baldachin eines Weidenbaums. Dort, im Schatten der tief hängenden Äste, war eine dunkle Silhouette zu sehen. Izmay sog erschrocken die Luft ein und klammerte sich an Tarmins Arm fest. Zögerlich traten sie näher … und sahen, dass es sich nur um eine Statue handelte. »Ich kann mich gar nicht erinnern, sie früher hier gesehen zu haben«, sagte Tarmin. Die Statue bestand aus Stein, der ebenso stark verwittert war wie der Brunnen. Moos und Flechten überzogen die untere Hälfte. Es war die Statue eines Engels, der seine Flügel hinter dem Rücken zusammengefaltet hatte. Das Gesicht barg die weibliche Figur in den Händen, als würde sie weinen. »Vielleicht...