E-Book, Deutsch, 475 Seiten
Riebe Die Braut von Assisi
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-557-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Ein fesselnder Mittelalterroman der Bestsellerautorin
E-Book, Deutsch, 475 Seiten
ISBN: 978-3-96655-557-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brigitte Riebe, geboren 1953 in München, ist promovierte Historikerin und arbeitete viele Jahre als Verlagslektorin. 1990 entschloss sie sich schließlich, selbst Bücher zu schreiben, und veröffentlichte seitdem mehr als 50 historische Romane und Krimis, mit denen sie regelmäßig auf den Bestsellerlisten vertreten ist. Heute lebt Brigitte Riebe mit ihrem Mann in München. Die Website der Autorin: www.brigitteriebe.com Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Riebe ihre historischen Romane: »Schwarze Frau vom Nil« »Liebe ist ein Kleid aus Feuer« »Die Braut von Assisi« - auch als Hörbuch erhältlich »Die schöne Philippine Welserin« »Der Kuss des Anubis« »Die Töchter von Granada« »Pforten der Nacht« »Die Hexe und der Herzog« »Die Prophetin vom Rhein« Die letzten drei Romane sind auch im Sammelband »Töchter einer dunklen Zeit« erhältlich. Auch bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Riebe ihre Jakobsweg-Saga mit den Romanen: »Die Straße der Sterne« »Die sieben Monde des Jakobus« Auch als Sammelband erhältlich. Sowie den Roman »Der Wahnsinn, den man Liebe nennt«.
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Kapitel 2
Sie wirkte so abgezehrt, dass Leo erschrak.
Wann mochte sie zum letzten Mal etwas gegessen haben? Was da vor ihm lag, schien ihm kaum mehr als ein Knochenbündel, das unter dem groben Stoff der Kutte zu verschwinden drohte. Das Gesicht, eingerahmt von der Haube, die dem schmalen Kopf etwas Theatralisches verlieh, war ein Dreieck mit riesigen dunklen Augen, die so tief in den Höhlen lagen, als schauten sie nach innen. Selten zuvor hatte er so gespenstisch weiße Haut gesehen. Es musste Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückliegen, dass Chiara sich hinaus ins Sonnenlicht gewagt hatte.
Nach einigem Palaver hatte Suor Regula ihn schließlich doch an das Krankenlager der Äbtissin geführt. Die graue Katze von gestern hielt sich die ganze Zeit dicht neben ihm, als hätte sie nur auf seine Wiederkehr gelauert. In der schlecht gelüfteten Kammer war sie sofort unter dem Bett verschwunden. In dem winzigen Raum, der noch dazu so niedrig war, dass Leo kaum aufrecht stehen konnte, roch es nach Krankheit und Schweiß ? und nach Traurigkeit, das nahm seine empfindliche Nase als Erstes wahr. Dazu gesellte sich das bittere Aroma eines Kräutersuds, das dem bauchigen Tonkrug am Kopfende entströmte.
Bei seinem Anblick rappelte Chiara sich mühsam hoch. Ihr Lager bestand aus einem Holzbrett auf vier wackligen Beinen, über das eine dünne Strohschicht gestreut war. Leo sah einzelne Halme aus der zerschlissenen Decke ragen, die offenbar als Laken diente. Mit kratziger Stimme begann Chiara zu sprechen, so undeutlich allerdings, dass er kaum etwas verstand.
»Madre Chiara heißt dich herzlich in San Damiano willkommen«, übersetzte die Infirmarin. »Ich hatte bereits Gelegenheit, ihr ein wenig von dir zu erzählen. Sie ist sehr froh, will sie dich wissen lassen, dich nun persönlich kennenzulernen. Hattest du denn eine gute Reise?«
Überrascht musterte Leo erst sie, dann die Äbtissin.
Im Kellerverlies lag eine Tote mit Tintenfingern, die angeblich nicht schreiben konnte und mitten in der Nacht außerhalb des Klosters auf merkwürdige Weise ums Leben gekommen war ? und Chiara erkundigte sich eingehend nach seinem persönlichen Wohlergehen! War das Höflichkeit oder nicht vielmehr ein geschickter Versuch, von San Damiano abzulenken, damit er bloß keine falschen Fragen stellte?
»Im Großen und Ganzen ? ja«, erwiderte er zögernd. Was konnten sie wissen? Hatten sie womöglich bereits Erkundigungen eingezogen? Und wenn ja, bei wem?
Erneut ein paar Sätze von Chiara, so hastig hervorgestoßen, als handele es sich um eine Art Selbstgespräch.
»Jede Reise verändert uns«, übersetzte Regula. »Wir treffen neue Menschen, glauben, unterwegs Neues und Wichtiges zu erfahren. Dabei erinnern wir uns bloß. Darin liegt das ganze Geheimnis.«
Leos Unbehagen wuchs.
Was sollte dieses Gerede? Konnte jemand aus dem Haus Lucarelli geplaudert haben? Die Hausherrin hatte ihn zu seiner Verblüffung während des Frühstücks neugierig über seinen Alpenritt ausgefragt, während die blonde Ilaria sich mit erstaunlichem Appetit über zwei große Teller der warmen Morgensuppe hergemacht und ihm nur ab und an ein verschmitztes Lächeln geschenkt hatte, als wolle sie ihre Komplizenschaft damit vertiefen.
Wie unterschiedlich diese beiden Schwestern doch waren! Und wieso sprach die eine fließend Deutsch, während die andere kaum ein Wort davon verstand? Noch immer hatte er Stellas Augen vor sich, die sich beim Übersetzen der mütterlichen Fragen so nachdenklich auf ihn geheftet hatten, als entdeckten sie in seinen Zügen etwas, was er lieber verborgen gehalten hätte.
»Dank Gottes Gnade bin ich heil hier eingetroffen«, sagte er mit fester Stimme, obwohl diese Antwort einer Lüge bereits gefährlich nahekam. Den Großteil der Nacht hatten ihn heftige Kopfschmerzen wach gehalten, und auch jetzt fühlte er sich noch immer benommen, als könnte er die Welt lediglich durch ein feinmaschiges Netz wahrnehmen, das seine Sicht erheblich einschränkte.
Zu Leos Überraschung nickte Chiara mehrmals, bevor sie Suor Regula weitere Botschaften zuflüsterte.
»Der Allmächtige hält seine gnädige Hand über uns.« Jetzt war der alpenländische Singsang der Nonne unüberhörbar. »Wir Menschen sind es, die straucheln oder den geraden Weg verlassen, der zu Ihm führt. An uns sollten wir zweifeln, doch niemals an Ihm, denn Seine grenzenlose Liebe währt ewiglich.«
Was wollte sie ihm damit sagen? Abermals verfiel Leo ins Grübeln.
»Gibt es inzwischen neue Erkenntnisse über den Tod Magdalenas?«, fragte er schließlich vorsichtig. »Zeugen möglicherweise, die sie draußen gesehen haben?«
Äbtissin und Infirmarin tauschten einen kurzen Blick.
»Niemanden.« Die Stimme der Nonne war dumpf. »Wie denn auch, wo doch keine von uns jemals die Klostermauern verlässt und unsere Kontakte nach draußen ohnehin strengstens limitiert sind? Aus freiem Willen haben wir uns alle für dieses Leben in Klausur entschieden. Nicht eine aus unserer Gemeinschaft würde gegen dieses Gebot verstoßen.«
»Und doch hat die Tote es getan«, beharrte Leo. In seinem Nacken begann es zu kribbeln, wie immer, wenn er auf der richtigen Spur war. In seinem Gedächtnis kramte er nach jenem Satz, der ihn gestern hatte aufhorchen lassen. Doch sosehr er sich auch anstrengte, er bekam ihn nicht zu fassen. »Wenn Magdalena so unschuldig und fromm war, wie du gesagt hast, muss es dafür einen triftigen Grund gegeben haben. Nach ihm sollten wir suchen, um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen.«
Die Kranke gab ein scharfes Ächzen von sich und stieß anschließend weitere hastige Worte hervor.
»Magdalena kann nicht der Anlass deines Kommens sein.« Suor Regula klang bemüht sachlich. »Denn als du deine Heimat verlassen hast, war unsere geliebte Mitschwester ja noch am Leben. Was also, will Madre Chiara wissen, führt dich zu uns, Fra Leo?«
»Die Liebe zur Wahrheit«, erwiderte er prompt. »Für mich ist sie ebenso groß und tief wie meine Liebe zur Armut.«
Aus den dunklen Augen der Äbtissin rannen auf einmal Tränen, aber Chiara unternahm keinerlei Anstalten, sie wegzuwischen. Der Mund der Äbtissin bewegte sich wie im Fieber. Auch die Dolmetscherin schien plötzlich zutiefst ergriffen.
»Den armen Christus umfange!«, sagte sie. »Das lässt unsere geliebte abatissa dir sagen. Schau auf Ihn, der auf sich genommen hat, um deinetwillen verachtet zu werden, und folge Ihm nach als einer, der in der Welt verachtet worden ist um Seinetwillen.«
Chiara hatte wahrlich nicht lange gebraucht, um auf den Punkt zu kommen!
Wahrscheinlich wusste sie längst, dass mit Leo erneut ein Visitator unterwegs war, der sie weiteren Prüfungen unterziehen würde. Denn die Äbtissin von San Damiano, einst engste Vertraute des heiligen Franziskus, strebte seit vielen Jahren eine eigene Ordensregel an, die auf vollkommener Armut basierte. Nichts und niemand schien sie davon abbringen zu können. Mit Innozenz IV. musste sich mittlerweile bereits der dritte Nachfolger Petri auf dem Heiligen Stuhl in Rom mit ihrem Ansinnen auseinandersetzen, das viele hohe geistliche Würdenträger in seiner Umgebung als unangemessen, ja geradezu unverschämt beurteilten.
Denn noch nie hatte die katholische Kirche einem Weib ein derartiges Privileg gewährt. Man hatte Chiara über Jahrzehnte erfolgreich hingehalten. Doch nun, da sie alt geworden war und ihr Ende nahte, ließ die Entscheidung sich nicht unbegrenzt weiter aufschieben. Nach vielen fähigen Männern vor ihm, die offenbar zu keinem rechten Schluss gekommen waren, hatte man nun Leo diese Aufgabe übertragen. Dafür jedoch war es notwendig, in seinem Bericht alle Vorkommnisse im Kloster festzuhalten ? erst recht so dramatische wie Selbstmord oder gar Mord.
»So spricht die Wahrheit selbst«, konterte Leo mit den Worten aus dem Johannesevangelium, weil er wusste, dass viele der Minoriten allem Geschriebenen gegenüber kritisch eingestellt waren. »Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben, denn wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen.«
Chiara murmelte vor sich hin wie bisher, doch ihre Augen sprühten Blitze.
»Madre Chiara ist nur ein unwissendes Weib«, übersetzte Suor Regula dünnlippig, »das sich …«
»… in ihren Briefen an Agnes von Prag äußerst scharfsinnig und belesen über diverse Glaubensangelegenheiten ausgelassen hat. Der Schriftwechsel ist mir geläufig. Und ich weiß auch, aus welch nobler Familie Chiara di Offreduccio stammt und welch umfassende Erziehung sie genossen hat.«
Leo wandte sich an die Kranke, als sei die Übersetzerin gar nicht mehr im Raum.
»Ich brauche deine Hilfe, madre«, sagte er eindringlich. »Du allein kannst Licht ins Dunkel bringen. Der Tod von Suor Magdalena muss aufgeklärt werden, bevor ich mich mit deinem Wunsch nach einer eigenen Ordensregel beschäftigen kann. Ich bin kein Gegner oder Feind, wie du vielleicht glauben magst, sondern ein Freund und Unterstützer. Bediene dich meiner, vertraue mir ? es wird dein Schaden nicht sein!«
Regula dolmetschte halblaut.
»Vor allem möchte ich die Tote noch einmal sehen«, setzte Leo insistierend hinzu. »Am besten sofort.«
Chiara lag regungslos da, das Gesicht eine wächserne Maske, die Augen geschlossen. War die Anstrengung zu groß für sie gewesen? Es war so still in der Kammer, dass Leo der eigene Herzschlag mit einem Mal überlaut erschien.
Plötzlich ein sattes Plopp.
Die Graue war mit einem eleganten Satz auf die magere Brust der Äbtissin gesprungen, drückte ihre Vorderpfoten abwechselnd in den rauen Stoff und begann dabei so behaglich zu schnurren wie ein...




