E-Book, Deutsch, 318 Seiten
Riebe Ehemänner und andere Fremde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95530-000-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-95530-000-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Seit Ruth Bastian diese schreckliche Entdeckung gemacht hat, verliert sie mehr und mehr den Boden unter den Füßen. Warum hat sie nie etwas bemerkt vom Doppelleben ihres Mannes jenseits der Grenzen bürgerlicher Sexualmoral? Und was wissen Liz und Max Donati, ihre besten Freunde, über die perversen Vorlieben von Martin? Schließlich geschieht ein blutiges Verbrechen, das die ganze grausame Wahrheit ans Tageslicht bringt.
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1
Ihre Hände zitterten. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Alles in ihr schrie nach sofortiger Flucht. Aber sie blieb auf dem Bett sitzen, kerzengerade, den Rücken gegen die Wand gepreßt. Sie hielt den Hörer umklammert und lauschte endlos lange dem Freizeichen. Niemand hob ab. Kein Anrufbeantworter sprang an. Auch das Autotelefon blieb, nachdem sie abermals gewählt hatte, tot. Als Ruth Bastian es satt hatte, wie gebannt die gegenüberliegende weiße Wand zu fixieren, legte sie auf, erhob sich und ging langsam zum Fenster hinüber. Aus einem plötzlichen Impuls heraus schlug sie mit der flachen Hand gegen den hölzernen Rahmen. Und ein zweites Mal. Es tat weh, ordentlich weh sogar, und sie war so erleichtert über den körperlichen Schmerz, daß sie auf der Stelle hätte losheulen können. Sie biß sich auf die Lippe und kämpfte gegen die Woge von Angst, Enttäuschung und Wut an, die sie zu überwältigen drohte.
Wo verdammt noch mal steckte Martin?
Sie war schon lange vor Anbruch der Dämmerung aufgestanden; ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte, daß es inzwischen kurz nach sieben war. Ruth öffnete das Fenster einen Spalt und sog die frostige Luft ein. Es roch nach Schnee und war entschieden zu kalt für Ende Februar. Sie machte ein paar tiefe Atemzüge. Auch ohne Spiegel wußte sie, wie sie im Moment aussah: eine große, dunkelhaarige Frau mit aufgelösten Zügen, blassen, zerbissenen Lippen und den steilen Falten, die immer dann auf ihrer Stirn erschienen, wenn sie besonders zornig oder durcheinander war.
Allmählich legte sich das flaue Gefühl im Magen. Sie strich eine lästige Strähne aus dem Gesicht; ihre Hände flatterten noch immer leicht, ihr Verstand aber begann wieder zu arbeiten, klar, schnell und präzise, wie sie es gewohnt war. War sie denn verrückt geworden, wegen einer Lappalie so außer sich zu geraten? Zu Hause, jenseits des Atlantiks, war es drei Uhr mittag und Freitag noch dazu. Konnte sie da ernsthaft erwarten, daß er noch am Schreibtisch saß und auf ihren Anruf lauerte? Warum es später nicht noch einmal versuchen, in aller Ruhe und ohne jeden Vorwurf? Egal, ob er schon auf dem Heimweg war, mit Geschäftsfreunden noch essen oder sonstwo unterwegs – irgendwann mußte Martin ja schließlich nach Hause kommen.
höhnte die unfreundliche Stimme in ihr, der sie schon seit einiger Zeit auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Halt die Klappe! dachte Ruth grimmig und zog die Wolljacke enger um die Schultern. Und laß mich endlich in Ruhe! Ich habe hier doch wirklich schon genug um die Ohren!
Ein tiefer, grauer Himmel hing über Santa Fé; kein Sonnenstrahl drang durch die dichte Wolkendecke. Nur im Norden zeichnete sich ein schmaler Streifen zornigen Grüns ab, der, so die Ankündigung des lokalen Radiosenders, Sturmböen bis zu Windstärke acht bedeuten konnte. Wieder kein Leuchten über dem Horizont, wieder keine Spur von dem berühmten Licht New Mexicos, das, wie alle vor ihrer Abreise geschwärmt hatten, Hügel, Schluchten und Flußtäler in Gold, Siena, Purpur und dunklem Graubraun schimmern läßt, wieder kein irisierendes Flimmern in klarer, durchsichtiger Luft, geschweige denn ein Äther, weiter und blauer und unendlicher als jeder Ozean. Vorgestern Nebelbänke, gestern schneeversetzter Dauerregen, der sie kurz nach Mittag zum Abbrechen genötigt hatte, und heute sah es ganz so aus, als bräuchten sie ihre Jeeps erst gar nicht zu beladen.
Schon die letzten beiden Produktionen hatten reichlich Nerven gekostet, aber diese Modeaufnahmen empfand Ruth als schier unerträglich. Das Honorar, mit dem sie ein Steuerloch stopfen wollte, die Aussicht, ein paar Tage dem heimischen Matsch zu entfliehen, ein scheinbar verlockendes Reiseziel – alles Quatsch! Sie hatte sich den Auftrag so lange schöngeredet, bis sie halbwegs überzeugt war. Aber eben nur halbwegs. »Gewürzfarben im Indianerland« – allein diese Headline sprach Bände!
Ruth hatte die Country-Mode, die sie für eine renommierte Frauenzeitschrift fotografieren sollte, von Anfang an nicht besonders gefallen – und schon gar nicht die überreichlich mitgelieferten Vorgaben. Außerdem gab es Schwierigkeiten im Team. Und jetzt auch noch dieses Wetter! Sie hatte sich in regelrechte Haßgefühle gegenüber der düster-verhangenen Landschaft hineingesteigert. So nah am Aufgeben war sie noch nie gewesen. Warum nicht auf der Stelle abbrechen? Die Koffer packen und nach Hause fahren, bevor weitere Kosten anfielen?
Die Redaktion in München war kopfgestanden, als sie diesen Vorschlag gemacht hatte. Also harrten sie aus und hofften. Aber die ersehnte Wendung ließ weiterhin auf sich warten. Es gab nur noch eine Lösung: das gesamte bisherige Layout umstoßen und ganz von vorn anfangen. Wieder lange nächtliche Krisensitzungen mit Vera, der mitreisenden Redakteurin, wieder Dutzende von Telefonaten, begleitet von hektisch hin- und hergefaxten Entwürfen. Schließlich brachten vereinte Anstrengungen einen annehmbaren Neuansatz zustande. Ruth konnte endlich zu arbeiten beginnen.
Allerdings bedeutete das die Suche nach neuen Locations. Endlos hatten sie in den letzten Tagen touristisch umfrisierte Pueblos, Kakteenmeere, winteröde Steppenlandschaften und karge Hochwüsten durchstreift. Lag es an Ruths immenser innerer Anspannung oder am wachsenden Streß im Team – der vielbesungene Zauber dieser Region wirkte bei ihr nicht richtig. Nur die Berge flößten ihr Respekt ein, Giganten, die in einen bleiernen Himmel ragten, glatt und unberührt wie überdimensionale Schiefertafeln die einen, Sandsteinpfeiler, kupfern und zerborsten, die anderen. Es erschien ihr beinahe als Sakrileg, sie als Kulisse für Modeaufnahmen zu mißbrauchen. Und offenbar ging es nicht nur ihr so, selbst die sonst unbekümmerten Models verspürten im gewaltigen Schatten dieser Riesen eine Art heilige Scheu. Jedenfalls verzichteten sie auf ihr gewohntes Protestpalaver, bevor sie sich aus ihren wärmenden Schichten schälten und vor der Kamera posierten.
Crissie, die jüngste von allen, mit rostfarbenen Locken und Myriaden von Sommersprossen, besaß die richtige Mischung aus Unbefangenheit, Straßengörenschalk und leiser Verruchtheit, um in den intimen Dialog mit der Kamera zu treten. Wenn sie sich exaltiert und schamlos vor Ruths altgedienter Nikon wand und diesen zweideutigen Komm-her-aber-bleib-mir-gefälligst-vom-Leib-Blick aufsetzte, vergaß man, daß man sie gerade noch für ein mageres, zu groß geratenes Kind hätte halten können. Neben ihr wirkten die anderen steif, nahezu unbeholfen. So ergab es sich scheinbar wie von selbst, daß Crissie, von allen eifersüchtig beäugt, zum beunruhigend präsenten Mittelpunkt der neuen, sehr eigenwilligen Kompositionen Ruths wurde.
Da die diesigen Lichtverhältnisse gegen harte Konturen sprachen, arbeitete sie verstärkt mit Spezialfiltern, Weichzeichnern oder Diffusem und setzte auf den Effekt sanfter Linien und fließender Bewegungen. Vor vielen Jahren war sie brillant in dieser Technik gewesen, nun mußte sie jeden Tag aufs neue dazulernen. Und doch, es funktionierte offenbar; ein paar der Polaroids waren aufregend, versprachen satte, beinahe monochrome Bilder von melancholischer Schönheit. Stoffe und Landschaft schienen ineinander verwoben, die erdigen, gedämpften Farben der Kollektion mit dem Braun und Rosenholz und Rauchblau der Natur verschmolzen. Sie konnte nur hoffen, daß sich beim Entwickeln der Diafilme keine unliebsamen Überraschungen zeigen würden. Aber für eine weitere Neuorientierung war es ohnehin zu spät; noch drei Tage, zog man den heutigen ab, dann mußte das Set endgültig im Kasten sein.
Vermutlich wäre die Arbeit trotz aller Schwierigkeiten reibungsloser verlaufen, hätte sich Ingo, ihr Assistent, nicht als Fehlbesetzung entpuppt. Er war träge, nicht besonders geschickt und stand die meiste Zeit im Weg herum. Dafür war sein Talent als Intrigant um so beachtlicher. Offenbar tief von dem Umstand getroffen, daß er einer Frau zuarbeiten mußte, nutzte er jede Gelegenheit, um aufzubegehren oder miese Stimmung gegen Ruth zu machen. Nicht nur ihm gegenüber hatte sie sich deshalb einen knappen, fast schon ruppigen Ton angewöhnt. Sie ertappte sich dabei, daß sie auch die Models anraunzte, die ihrerseits trotzig reagierten; kein Wunder, daß die Stimmung innerhalb der kleinen Gruppe mittlerweile hochexplosiv war.
Was war eigentlich los mit ihr? Lag es tatsächlich am geballten Anblick naiven Frischfleischs, daß Ruth täglich unleidlicher wurde, wie Fee, die Stylistin, frech behauptet hatte? Hatte es mit den stumpfen, schnapsroten Augen der Indianer zu tun, die sie bis in ihre Träume verfolgten? Oder gab es nach über zehn Jahren Arbeit als Modefotografin Anzeichen von Ermüdung oder gar Resignation?
Ruth schob diese Gedanken beiseite, allerdings nicht rasch genug. Ein Nachgeschmack blieb; ihre Kehle fühlte sich plötzlich so trocken an, daß das Verlangen nach heißem Kaffee nahezu übermächtig wurde. Sie schloß das Fenster, nahm ihre Tasche und verließ das Zimmer. Im schmalen, immer zu dunklen Flur, der nach vorn zur Küche führte, duftete es nach frischem Kuchen. Offenbar hatte Mary, die sich auf rührende Weise um das Wohl ihrer Gäste kümmerte, eine ihrer spontanen Backschichten eingelegt.
In dem kleinen, funktional eingerichteten Raum standen zwei große Thermoskannen mit Kaffee bereit, daneben eine Platte mit warmen Muffins. Ruth schenkte sich eine große Henkeltasse ein, schüttete reichlich Milch zu und nahm ein Stück von dem Gebäck. Mit beidem verzog sie sich in den Wintergarten, den sie zu dieser frühen Stunde noch ganz für sich hatte.
Draußen war der Wind so stark geworden, daß die winzigen...




