Riebe | Her mit dem Zauberstab | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Reihe: Frauenromane im GMEINER-Verlag

Riebe Her mit dem Zauberstab

Frauenroman
2013
ISBN: 978-3-7349-9212-4
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Frauenroman

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Reihe: Frauenromane im GMEINER-Verlag

ISBN: 978-3-7349-9212-4
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Billi Bär kann zaubern. Wenn es auch oft nicht so klappt, wie sie es sich gedacht hat. Als das Fernsehen aber die Chaosqueen entdeckt und ihr Ex-Mann sie unbedingt zurückhaben will, läuft ihr Leben endgültig aus dem Ruder. Dabei wünscht sie sich doch nur eine normale Familie ...

Brigitte Riebe, geboren 1953, bekannt als Autorin historischer Romane, hat unter dem Pseudonym Nina Geiger Frauenromane mit Esprit, Witz und Tiefgang verfasst, die zeigen, dass die alte Geschichte zwischen Frauen und Männern noch lange nicht auserzählt ist ... Sie lebt mit ihrem Mann in München.
Riebe Her mit dem Zauberstab jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Eins


Es muss alles ganz anders werden, dachte Sibylle Bär, als sie sich aus ihrem verschwitzten Trikot schälte.

»Es muss alles anders werden – und zwar ziemlich plötzlich!«

Zu ihrer Überraschung hatte sie es sogar laut gesagt. Fast ein wenig erschrocken hielt sie inne, aber es gab weit und breit keinen, der sie hätte belauschen können. Erleichtert und mit einem kleinen Lächeln fuhr sie dann fort, sich kräftig abzurubbeln, denn jetzt krank zu werden hätte ihr gerade noch gefehlt. Es zog jämmerlich in dem winzigen Verschlag, den man in einer Ecke des Zeltes als provisorische Damengarderobe eingerichtet hatte, und trotz des dicken Pusters, den man gegen die Kälte eingesetzt hatte, war es alles andere als warm. Sie knüllte den Fetzenrock zusammen, faltete die bestickte Weste und stopfte alles in ihren schwarzen Rucksack.

Der Auftritt der Tofu-Sisters war vorüber, einer nicht weiter aufregenden Damenband, bei der in letzter Minute die Bassistin wegen Grippe ausgefallen war. Wäre das letzte Jahr finanziell nicht eine derartige Pleite für Billie gewesen, wie Sibylle Bär seit Kindertagen von allen genannt wurde, niemals hätte sie sich auf diese Vertretung eingelassen. Das weibliche Keyboard traf nur circa jeden dritten Ton exakt, die Gitarristin bearbeitete reichlich seelenlos ihr Instrument, und die untersetzte Sängerin, über und über mit Henna-Tattoos bedeckt, war bestenfalls dann halbwegs originell, wenn sie ihre Zwischenansagen in astreinem Niederbayerisch machte, nicht jedoch, wenn sie sich mit geschwollenen Halsadern vergeblich mühte, ihrem verehrten Vorbild Janis J. nachzueifern.

So konnte man es durchaus sehen, aber es ging natürlich auch ganz anders. Billie hatte sich selber ertappt. Wieder einmal!

Ein paar Momente lang war sie übertrieben kritisch und damit fast ungerecht gewesen, was die Musikerinnen, alle drei schätzungsweise gut zehn Jahre jünger als sie, wirklich nicht verdient hatten. Denn Pia, Meret und Sabine hatten sie freundlich, ja beinahe überschwänglich aufgenommen, offenbar heilfroh, dass ihnen jemand aus der Patsche half und dazu auch noch die Oldies drauf hatte, mit denen sie ihr bisschen Geld verdienten. Außerdem war alles für den halben Tag Probe, zu dem es nach dem ganzen Hin und Her schließlich noch gereicht hatte, nicht einmal schlecht gelaufen. Das vorwiegend jugendliche Publikum jedenfalls schien angetan, hatte wie entfesselt zu den Songs der sechziger und siebziger Jahre mitgetanzt, mit Applaus nicht gegeizt und zum Schluss sogar ein paar in Plastikfolie verpackte Rosen geworfen. Inzwischen belegte bereits die nächste Gruppe die provisorische Bühne mit Beschlag, magere, gelenkige Reggae-Jungs namens Lemongrass mit vor Kälte leicht gräulicher Haut, die von irgendeiner sonnigen Karibikinsel kamen, während drüben im weißen Hauptzelt die großflächig plakatierte »Kubanische Nacht« in vollem Gang war.

Billie gönnte dem halbblinden Spiegel einen prüfenden Blick. Eine schmale Silhouette im langen, silbernen Rock, das schon seit geraumer Zeit brandrote Haar gezähmt von einem breiten Band. Ein heller, pelzbesetzter Bolero betonte die vollen Brüste mehr, als ihr heute Abend lieb war; unwillkürlich drückte sie den Rücken durch, weil es erfahrungsgemäß ohnehin wenig nutzte, wenn sie einen Buckel machte, um den Busen zu verstecken.

»Unser unverkennbares Markenzeichen«, hörte sie ihre Freundin Silva mit leisem Spott sagen, so deutlich, als stünde sie, von der Natur ähnlich verschwenderisch ausgestattet wie sie, unmittelbar neben ihr. »Im Doppelpack wären wir zwei geradezu unwiderstehlich, glaubst du nicht? Sollten wir echt mal in die Tat umsetzen – als Ereignis der Spitzenklasse. Wieso freust du dich nicht endlich darüber, anstatt immer nur an dir rumzumeckern?«

Die großen Augen haselnussbraun, fragend und offen wie die eines Kindes. Der leicht gekräuselte, karmesinglänzende Mund, der so verführerisch sein konnte, wenn er lachte, heute aber schmal und ernst war.

Und das mit gutem Grund.

Die Nacht der Nächte lag Billie schwer im Magen. Schon als kleines Mädchen war sie ein richtiger Silvestermuffel gewesen. Während die anderen Kinder tagelang auf das Abbrennen von Böllern, Raketen und Sternwerfern hingefiebert hatten, hatte sie sich beim großen Finale meist allein im dunklen Zimmer verkrochen, die Hände zu Fäusten geballt, die Augen geschlossen, in der bangen Hoffnung, dass der ganze lärmende, glitzernde Spuk möglichst schnell vorbei sein würde. Vielleicht, weil sie aus eigener Kraft den Nachthimmel festlich illuminieren konnte, wenn sie nur wollte, vom ohrenbetäubendem Krach ganz zu schweigen, und dies alles ganz ohne die Verwendung schnöder irdischer Feuerwerkskörper.

Ihr Fluchtimpuls verstärkte sich vehement. Aber was brachte es schon, immer wieder vor sich selber wegzulaufen?

Wo sie es doch gründlich satt hatte, in Nächten wie dieser bei einem Weißweinrest am Küchentisch zu versauern, sinnlose innere Monologe zu führen und anschließend mit dicken Wollsocken allein ins Bett zu gehen. Stell dich also nicht so an! munterte Billie sich energisch auf und hängte sich Paulas ausgedienten Bibermantel als wirksamen Schutzschild gegen Weltschmerz und Selbstmitleid über die Schultern. Wenn alle anderen irgendwie mit diesem merkwürdigen Jahreswechsel zurechtkommen, dann du auch, kapiert?

Sie trat ins Freie und sog die klare Nachtluft ein. Wie ein weißlicher Ballon hing der Vollmond zwischen kahlen Zweigen. Die Caravans der Schausteller drüben auf dem alten Busbahnhof erinnerten sie an eine Wagenburg, vor Indianerangriffen schützend eng aneinandergedrängt. Wobei ihr beim Stichwort Indianer natürlich unweigerlich Moritz wieder in den Sinn kam, wie schon so oft an diesem langen Abend.

Ein paar hastige Züge, dann trat sie die Zigarette wieder aus. Wie sie es auch drehte und wendete, es war kurz vor elf und damit definitiv zu spät, um sich noch kurzerhand bei Josch und ihm einzuladen, und wenn sie ehrlich war, dann hatte sie sogar richtig Angst davor. Denn sie rechnete durchaus damit, nicht zum ersten Mal auf Bettina zu treffen, Joschs schmallippige, dramatisch aufblondierte Nachbarin, die den Vater schon seit längerem mit Selbstgebackenem zu ködern versuchte, während sie bei Sohn Moritz trotz aller Anstrengung bislang noch keine rechten Punkte sammeln konnte.

Aber selbst ohne Bettinas egomanisches Dauerquasseln, selbst ohne die teils koketten, teils flehentlichen Seitenblicke, mit denen sie Josch im Übermaß bedachte, war es besser, nichts zu überstürzen. Denn die letzten beiden Silvesternächte, die Billie mit ihrem Exmann und dem gemeinsamen elfjährigen Sohn verbracht hatte, hatten als Fiasko geendet. Das erste Mal war Josch vor lauter Unsicherheit, wie er die ungewohnte Situation meistern solle, so eisig geworden, dass sie das Gefühl überkam, nur noch überflüssig zu sein; das Jahr darauf hatte er sich gezielt betrunken, um dann pünktlich kurz vor Mitternacht in Tränen auszubrechen und sie zu beknien, wieder zu ihm und Moritz zurückzukommen. Dabei wussten alle Bärs ganz genau, dass ein Zusammenleben nicht funktionieren konnte.

Nicht, wenn drei so unterschiedliche Charaktere auf engstem Raum zusammenprallten.

Bei Licht betrachtet, hatte es nicht einmal die ersten Jahre funktioniert, aber damals hätte noch keiner gewagt, von Trennung oder gar Scheidung zu sprechen. Wie in einer Rückblende sah Billie sich wieder in ihrer abgedunkelten, unaufgeräumten Küche sitzen, das hellwache Kind im Arm, das nachts einfach nicht einschlafen konnte oder wollte und jedes Mal mit ohrenbetäubendem Geschrei reagierte, wenn sie versuchte, es wieder in sein Bettchen zu legen. Müdigkeit war damals ihre ständige Begleiterin gewesen, eine stumpfe Erschöpfung, die sich wie dicke Watte um sie legte, sie von der restlichen Welt abschirmte und nach und nach vergessen ließ, dass man putzen und einkaufen musste, sich täglich etwas Frisches anziehen oder interessierte Antworten geben, wenn der Ehemann einen ansprach.

Dabei liebte sie beide ebenso inniglich wie verzweifelt, weil es trotz aller Bemühungen einfach nicht so klappen wollte, wie sie es sich in all den bunten, harmonischen Familienträumen ausgemalt hatte: ihren hochgewachsenen, schlaksigen Josch, dessen weiches, mausbraunes Haar stets leicht zerzaust um den schmalen Schädel stand, wenn er glühend stolz von seinen ersten Erfolgen als Architekt berichtete. Und Moritz sowieso, dieses Himmelskind, das wie eine Sternschnuppe in ihren Schoß gefallen war, sie mit Kornblumenaugen ernsthaft wie ein Großer ansah und schon mit wenigen Wochen alles zu verstehen schien, was sie in seine winzigen Ohrmuscheln flüsterte. Sie nahm es damals hin, jeden Morgen beim Dämmern die Vögel zwitschern zu hören, und war schon froh, wenn die hellen, quietschenden Töne nicht aus dem Brustkorb ihres Kleinen kamen, der oft Fieber hatte und bis zum heutigen Tag dem Essen nicht viel abgewinnen konnte, seine heißgeliebten Süßigkeiten einmal ausgenommen. Dafür lagen seine hellen Haare wie ein Kränzchen auf dem Kissen ausgebreitet, er lachte wie ein Engel und begann bereits richtig zu sprechen, als die anderen seines Alters noch Silben lallten.

Wie sehr sie sich auf ihn gefreut hatte!

Ganz außer sich war sie gewesen vor Aufregung und sprachlosem Glück. Es machte ihr zunächst nicht einmal etwas aus, dass ihre magischen Eigenschaften während der Schwangerschaft nachließen und schließlich offenbar ganz verschwanden. Ja, sie bemerkte es geraume Zeit nicht einmal, so beschäftigt war sie mit all dem Stillen, Baden, Wickeln und Wiegen, dem Singen, Streicheln und Kosen.

Der...


Riebe, Brigitte
Brigitte Riebe, geboren 1953, bekannt als Autorin historischer Romane, hat unter dem Pseudonym Nina Geiger Frauenromane mit Esprit, Witz und Tiefgang verfasst, die zeigen, dass die alte Geschichte zwischen Frauen und Männern noch lange nicht auserzählt ist … Sie lebt mit ihrem Mann in München.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.