Riebe Liebe macht dumm
2013
ISBN: 978-3-7349-9216-2
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Frauenroman
E-Book, Deutsch, 190 Seiten
Reihe: Frauenromane im GMEINER-Verlag
ISBN: 978-3-7349-9216-2
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brigitte Riebe, geboren 1953, bekannt als Autorin historischer Romane, hat unter dem Pseudonym Nina Geiger Frauenromane mit Esprit, Witz und Tiefgang verfasst, die zeigen, dass die alte Geschichte zwischen Frauen und Männern noch lange nicht auserzählt ist ... Sie lebt mit ihrem Mann in München.
Autoren/Hrsg.
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Drei
Sie behielt ihre Taktik bei, beziehungsweise feilte an ihr. Machte mal auf unauffällig als wahrer Ausbund an Pünktlichkeit, Akkuratesse und Zuverlässigkeit, als fleißiges Bienchen, das jede Aufgabe mit fast schon eiserner Zuvorkommenheit erledigte, dann wieder provozierte sie ihn. Nicht durch ihr Äußeres. Gina wählte ihre Kleidung bewusst geschäftsmäßig und dezent. Aber durch ihr Verhalten. Hartnäckiges Schweigen oder unerwartet aufsässige Fragen, die dem anderen den Atem verschlugen und mit denen er, wie sie schon bald herausfand, besonders schlecht umgehen konnte. Keineswegs übertrieben. Sondern ganz gezielt. Gerade im rechten Maß, um unweigerlich seine Aufmerksamkeit zu erregen.
Er war irritiert. Ihre bloße Anwesenheit versetzte ihn manchmal bereits in nervöse Schwingungen, die er wohl nicht einmal hätte näher benennen können. Sie spürte es. Wusste es haargenau. Er jedoch ließ es sich mit keinem Wort, keiner Geste anmerken. Denn Teichmann war gerissen, fast schon krankhaft penibel und ständig auf der Hut. Gina merkte es an tausend Kleinigkeiten. Etwa daran, dass intern alle Informationen punktförmig auf ihn zuliefen und trotzdem keiner der Angestellten auch nur annähernd sein Vertrauen genoss. Auch innerhalb des Triumvirats, das die Firma leitete, war seine Vorrangstellung unangetastet. Er war der Frontmann, der der ganzen Welt die Zähne zeigte. Seine beiden Teilhaber – ein verrückter Geigenbauer der eine, mit einer ebenso einzigartigen wie unbezahlbaren Stradivari-Sammlung, der andere ein blasierter Kieferchirurg, durch eine Erbschaft, wie man munkelte, über Nacht zu Geld gekommen – erschienen nur ab und an in den Geschäftsräumen und konnten ihm in keiner Weise das Wasser reichen.
Oder an der Art, wie die Ablage der Immobilienfirma »Kosmos« organisiert war. Hier gab es nirgendwo den üblichen Ordnerverhau, den sie von früheren Jobs her kannte, und im Lauf der Zeit schon als unvermeidlich betrachtet hatte. Soldatisch aufgereiht, exakt nach Regenbogenfarben sortiert, hingen die Akten in einer aufwendigen, eigens dafür erdachten Schrankkonstruktion. Weder Krallenfalle noch Nagelhautvernichter – ein einziger Griff, und schon hielt man das Gewünschte in der Hand. Denn Zeit war pures Geld. Nicht nötig, diesen Grundsatz auch noch als Merkspruch an die Wand zu hängen. Jeder, der hier arbeitete, nahm ihn buchstäblich mit jedem Atemzug in sich auf.
Das galt sogar für die nachmittägliche Kaffeetafel, eine merkwürdige firmenspezifische Institution, die Teichmann mit sanftem Zwang durchgesetzt hatte. Als ungeschriebenes Gesetz hatte jeder Mitarbeiter dort zu erscheinen, und selbst er, der Boss, brachte das Kunststück fertig, seine zahlreichen Termine so zu arrangieren, dass er höchstens alle paar Wochen einmal fehlte. Man saß um den ovalen, piekfeinen Besprechungstisch im Souterrain, der die restlichen Bürostunden solventen Kunden und Bankern der höheren Kategorie vorbehalten war, trank aus dünnem Porzellan zugegebenermaßen guten Kaffee oder Tee und durfte sich nach Lust und Laune von dem Kuchenbüfett bedienen, das von einer Konditorei täglich frisch angeliefert wurde.
Es wurde, scheinbar angeregt, geplaudert, gescherzt, gelacht. In Wirklichkeit jedoch war dies die optimale Methode, um das Gras wachsen zu hören und sich so schnell wie möglich an Ort und Stelle über alles zu informieren, was in der Firma vor sich ging. Jeder hatte Rede und Antwort zu stehen. Hier war keine Akte zur Hand, hinter der man sich verstecken konnte, keine Tätigkeit vorzuschieben, die unbedingt noch erledigt werden musste. Nicht einmal die Flucht zur Toilette wurde gern gesehen. Es gab nur Teichmanns kalte, helle Augen, deren Blick man standzuhalten hatte. Was beileibe nicht allen gelang.
Schon während Ginas erster Bürotage brach eine der Mitarbeiterinnen bei dieser Gelegenheit in Tränen aus, eine kleine, nicht mehr ganz junge Frau, die früher für die Buchhaltung zuständig gewesen war. Inzwischen hatte man sie durch eine leistungsfähigere Kollegin jüngeren Jahrgangs ersetzt, und sie musste sich mit zweitrangigem Zuarbeiten begnügen. Nachdem sie Teichmann eine Antwort schuldig geblieben war, wandte er sich einfach an die nächste. Daraufhin begann sie unvermittelt loszuschluchzen. So heftig, dass sie sich beinahe an der Sahnetorte verschluckte, die sie sich wie zum Schutz in den Mund gestopft hatte. Die beiden Nachbarn links und rechts sprangen auf, klopften ihr auf den Rücken und versuchten, den würgenden Hustenanfall zu stoppen, während der Boss die Szene mit feinem Lächeln beobachtete.
»Schlechte Nerven, Frau Müller?«, fragte er schließlich. »Vielleicht sollten Sie doch schleunigst die Kur antreten, von der Sie schon so lange reden. Meinen Segen jedenfalls haben Sie. Das wissen Sie ja. Ist ja kaum mit anzusehen, wie schlecht es Ihnen geht. Gibt es denn niemanden, der ein bisschen auf Sie aufpasst?«
An seinen Worten war nichts auszusetzen, an seinem Ton jedoch eine ganze Menge.
Frau Müller wurde rot, dann bleich, dann wieder rot. »Ich bin ganz in Ordnung«, stammelte sie schließlich. Eine glatte Lüge, wie jeder im Raum wusste. »Wirklich! Das liegt nur am Wetter. Und daran, dass ich so schlecht schlafe in letzter Zeit. Das gibt sich wieder. Bald. Ganz bestimmt.«
»Nein, ganz im Ernst, Sie müssen besser auf sich achten!« Jetzt klang er väterlich und richtig nett. »Versprechen Sie mir das?« Sein Mund lächelte, die Augen blieben kühl.
Frau Müller nickte krampfhaft.
In Gina zog sich alles zusammen. Trotzdem schenkte sie Ralf Teichmann ein herzliches Lächeln. »Schön, wie Sie sich um Ihre Mitarbeiter sorgen«, sagte sie. »Eine Tugend, die heutzutage immer mehr ausstirbt. Leider.« Sie erhob sich. Geschlagene zehn Minuten zu früh, denn Teichmann hatte das Zeichen zum Aufbruch noch nicht erteilt. »Ich muss mich jetzt entschuldigen. Ein unaufschiebbares Telefonat – höchst privat.«
Sie wusste, dass ihr jetzt alle nachstarrten.
Vor allem er.
Zeit verstrich, bis Teichmann sie in sein Büro rufen ließ und aufforderte, mit ihm zu Mittag zu essen. Gina sagte zu, ohne die Miene zu verziehen. Innerlich aber frohlockte sie. Der Haken saß! Heimlich hatte sie schon befürchtet, es würde noch länger dauern. Oder womöglich gar nicht klappen. Jetzt kam es ganz auf sie an. Hoffentlich rückte sie endlich bis an die langersehnte Startlinie vor.
Er hatte ein kleines italienisches Lokal ausgesucht, nur ein paar Schritte von »Kosmos« entfernt, das einen romantischen Innenhof aufzuweisen hatte, efeubegrünt. Und keine Speisekarte. Die Bedienung, eine glutäugige Schönheit aus dem Süden, kam an den Tisch und betete die Gerichte in einem bezaubernden Singsang herunter, halb deutsch, halb kalabrisch.
Ralf Teichmann entschied sich für Vitello tonnato und Seezunge, Gina für Ruccola-Salat mit frischen Pilzen und Scampi in Weißwein.
»Wenigstens essen Sie«, eröffnete er das Gespräch, nachdem er den Wein gekostet und für gut befunden hatte. »Ich mag keine Frauen, die ständig hungern.«
Sie versuchte zu ergründen, worauf er hinauswollte. Er trug Schwarz, kombiniert mit edlem Beige, und sah gut aus, an diesem sommerlichen Mittag, beinahe erholt. Leichte Bräune, strahlendes Lächeln. Vermutlich hatte er die vergangenen beiden Tage mit seiner jungen, attraktiven Gattin im Wochenendhaus am Tegernsee verbracht. Intern wurde gemunkelt, sie sei schwanger. Auch das wollte Gina bei Gelegenheit mit eigenen Augen herausfinden.
»Nein, im Ernst«, beharrte er. »Es gibt nichts Abstoßenderes als solche lustfeindlichen Wesen, die nur mäkelig in allem herumstochern. Lässt übrigens auf den Charakter schließen, wussten Sie das? Genussfreude gehört nun einmal dazu, wenn man was im Leben erreichen möchte.« Er prostete ihr zu. »Und wer von uns möchte das nicht?«
»Wohl jeder«, sagte Gina ruhig. »Aber wir sind nicht hierhergekommen, nehme ich an, um uns über die Essgewohnheiten der deutschen Frau im allgemeinen und im besonderen zu unterhalten.«
Er lachte. »Nein, dazu wohl kaum.«
»Und weshalb dann?«
»Weil ich Sie ein bisschen näher kennenlernen wollte«, erwiderte er. »Außerhalb des täglichen Geschäftsrummels. Ich bin gerade dabei, mir über etwas klar zu werden. Und das geht schlecht, wenn ständig das Telefon klingelt.« Sein Blick wurde schärfer. »Was haben Sie vor, Frau Berger? Kommen Sie, raus damit, nicht erst lange überlegen!«
»Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.« Ihre Stimme klang gelassen, ihr Herz aber pochte aufgeregt. Er konnte nichts wissen! Woher? Von wem? Aber wieso fragte er dann dermaßen gezielt?
»Ist doch ganz einfach. Wie lange sind Sie jetzt bei uns?«
»Sechs Wochen«, sagte sie. »Ziemlich auf den Tag genau.«
»Und gefällt es Ihnen bei ›Kosmos‹?«
Sie überlegte kurz. Dann nickte sie.
»Sie sind eine gottverdammte Lügnerin«, sagte er lässig.
»Und eine schlechte noch dazu.«
Jetzt war Gina für die Atemübungen dankbar, die sie vor einigen Jahren bei einem alten Schauspieler gelernt hatte. Als sie antwortete, war ihre Stimme fest und sicher. »Woher wollen Sie das wissen?«
»Weil ich Sie beobachtet habe.« Er spießte ein Stück kaltes Kalbfleisch auf und verspeiste es, sichtlich hingebungsvoll. »Ziemlich genau sogar. Manchmal könnten Sie schreien vor Ungeduld. Sie sehnen sich nach Selbstständigkeit. Hassen Hierarchien. Finden Kompetenzgerangel ganz und gar überflüssig, zeigen aber wenig Neigung, sich zurücksetzen zu lassen. Sie erteilen selber...




