Roberts Die MacGregors 5. Stunde des Schicksals
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-12067-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 5, 199 Seiten
Reihe: Die MacGregor-Serie
ISBN: 978-3-641-12067-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel MacGregor hat das beste Leben, das man sich wünschen kann. Ihm fehlt nur eines: Die perfekte Frau. Er weiß, dass er sie in Anna Whitfield gefunden hat, der selbstbewussten Medizinstudentin. Sie weiß, was sie will. Und was sie nicht will: Einen etwas zu dominanten Mann wie Daniel. Der muss sich etwas einfallen lassen, um die Meinung der wunderbarsten Frau zu ändern, die er je kennenlernen durfte. Und mit ihr eine Ehe einzugehen, die vierzig Jahre überdauern wird und die Wurzeln für eine große, beeindruckende Familiendynastie bildet.
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PROLOG
»Mutter!«
Anna MacGregor nahm die Hände ihres Sohnes, als er sich vor sie hockte. Panik, Angst und Trauer wallten in ihr auf und trafen auf eine unerschütterliche Mauer aus Willenskraft. Sie würde jetzt nicht die Beherrschung verlieren. Ihre Kinder waren da.
»Caine.« Ihre Finger waren eiskalt, aber sie zitterten nicht. Ihr Gesicht hatte durch die Anspannung der letzten Stunden alle Farbe verloren, ihre Augen blickten dunkel. Dunkel, jung und voller Angst. Caine hatte seine Mutter nicht ein Mal verängstigt erlebt. Noch nie.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«
»Natürlich.« Sie wusste, was er brauchte, und küsste ihn leicht auf die Wange. »Mir geht es schon besser, jetzt, da du hier bist.« Mit der Rechten ergriff sie die Hände ihrer Schwiegertochter Diana, als diese sich neben sie setzte. Einige letzte Schneeflocken glitzerten noch auf Dianas langem dunklen Haar sowie an ihrem Mantel. Anna holte tief Luft und sah Caine an. »Ihr seid schnell gekommen.«
»Wir haben ein Flugzeug gechartert.« In dem erfolgreichen Anwalt und jungen Vater steckte im Grunde ein kleiner Junge, der dies alles nicht fassen konnte. Sein Vater war der MacGregor. Sein Vater war unbesiegbar und konnte unmöglich bewusstlos im Krankenhaus liegen. »Wie schlimm ist es?«
Anna war Ärztin und hätte ihm alles genau erklären können – die Rippenbrüche, die Gehirnerschütterung und die inneren Blutungen, die ihre Kollegen gerade zu stillen versuchten. Aber sie war auch Mutter. »Er ist noch im OP.« Sie drückte seine Hand und brachte beinahe ein Lächeln zustande. »Er ist stark, Caine. Und Dr. Feinstein ist der beste Chirurg, den wir hier haben. Wo ist Laura?«
»Bei Lucy Robinson«, antwortete Diana leise. »Mach dir keine Sorgen.«
Diesmal gelang Anna ein mattes Lächeln. »Nein, aber du kennst Daniel. Laura ist seine erste Enkelin. Wenn er aufwacht, wird er sofort nach ihr fragen.« Und aufwachen wird er, dachte sie. Bei Gott, er würde aufwachen.
»Anna.« Diana legte den Arm um ihre Schwiegermutter. Sie wirkte so schmal und zerbrechlich. »Hast du etwas gegessen?«
»Wie?« Anna schüttelte den Kopf und stand auf. Drei Stunden. Seit drei Stunden war er jetzt im OP. Wie oft war sie selbst dort gewesen, um ein Leben zu retten, während die Angehörigen des Patienten hier draußen warteten? Sie war Ärztin geworden, um Leid zu lindern. Aber jetzt, wo ihr Ehemann in Lebensgefahr schwebte, konnte sie nichts tun. Nur warten. Wie jede andere Frau. Nein, das stimmte nicht. Sie kannte den OP, die Geräusche, die Gerüche. Sie kannte die Instrumente, die Maschinen und den Schweiß nur zu gut. Sie wollte schreien. Sie verschränkte die Hände ineinander und trat ans Fenster.
Hinter diesen dunklen, ruhigen Augen lag ein eiserner Wille verborgen. Jetzt brauchte sie ihn für sich selbst, für ihre Kinder, aber am meisten für Daniel. Wäre es möglich, ihn durch reine Willenskraft zurückzubringen, sie würde es tun. Sie wusste, zum Heilen gehörte mehr als nur Medizin und ärztliches Können.
Der Schnee fiel inzwischen nur noch spärlich. Als es begonnen hatte zu schneien, waren die Straßen überfroren, und das Schneetreiben hatte einem jungen Mann die Sicht genommen. Sein Auto war ins Schleudern geraten und frontal mit diesem albernen kleinen Zweisitzer ihres Mannes zusammengestoßen. Anna ballte die Fäuste.
Warum hast du nicht die Limousine genommen, du alter Kerl? Was wolltest du mit diesem angeberischen roten Spielzeug beweisen? Immer prahlen, immer großtun, immer … Ihre Gedanken schweiften ab, wanderten zurück in die Vergangenheit. Hatte sie sich nicht auch gerade deshalb in ihn verliebt? War das nicht einer der Gründe, weshalb sie ihn seit fast vierzig Jahren liebte und mit ihm lebte? Verdammt, Daniel MacGregor, nie lässt du dir etwas sagen. Anna presste die Finger auf ihre Augen und hätte fast aufgelacht. Wie oft hatte er sich das von ihr anhören müssen. Und wie sehr bewunderte sie ihn genau deswegen.
Als hinter ihr Schritte erklangen, fuhr sie herum. Alan, ihr ältester Sohn, hatte den Warteraum betreten. Noch vor der Geburt ihres ersten Kindes hatte Daniel sich geschworen, dass eines Tages einer seiner Nachkommen im Weißen Haus amtieren würde. Und auch wenn Alan jetzt kurz davorstand, seinem Vater diesen Wunsch zu erfüllen, so war er doch das einzige ihrer Kinder, das mehr nach seiner Mutter als nach seinem Vater kam. Die Gene der MacGregors waren stark. Jetzt ließ sie sich von ihm in den Arm nehmen.
»Er wird sich freuen, dich zu sehen«, sagte sie ruhig, auch wenn sie am liebsten endlos geweint hätte. »Aber er wird dir den Kopf waschen, weil du deine Frau in ihrem Zustand mitgebracht hast«, fügte sie hinzu und lächelte Shelby an. Ihre Schwiegertochter mit dem Haar wie Feuer und den warmen Augen war hochschwanger. »Du solltest dich setzen.«
»Nur wenn du es auch tust.« Ohne Annas Antwort abzuwarten, führte Shelby sie zu einem Sessel. Als Anna sich setzte, reichte Caine ihr einen Kaffee.
»Danke«, murmelte sie und nippte daran. Der Kaffee war heiß und stark, verbrannte ihr fast die Zunge, aber sie schmeckte nichts. Anna hörte das Klingeln von elektronischen Beepern, das Knirschen von Gummisohlen auf Linoleum. Krankenhäuser. Hier war sie genauso zu Hause wie in der Burg, die Daniel für sie beide gebaut hatte. Sie hatte sich immer wohl in Krankenhäusern gefühlt, zuversichtlich in den keimfreien Räumen. Jetzt fühlte sie sich hilflos.
Caine ging unruhig auf und ab. Es war seine Natur – das ständige In-Bewegung-Sein, das scharfe Beobachten. Wie stolz waren sie und Daniel gewesen, als er seinen ersten Fall gewann. Alan saß neben ihr, still, schweigsam, abwartend. So wie er immer war. Er litt. Sie sah, wie Shelby seine Hand nahm, und sie war beruhigt. Ihre Söhne hatten gut gewählt. Unsere Söhne, sagte sie in Gedanken, als versuche sie mit Daniel zu kommunizieren. Caine seine ruhige, starke Diana, Alan die quirlige, unkonventionelle Shelby. Ein Gegengewicht, ein Ausgleich war ebenso unerlässlich für eine gute Beziehung wie Liebe und Leidenschaft. Sie hatte das in ihrem Leben gefunden. Ihre Söhne hatten es gefunden. Und ihre Tochter …
»Rena!« Caine eilte zu seiner Schwester, zog sie in seine Arme.
Wie ähnlich sie sich doch waren. So schlank, so stolz. Serena war diejenige, die am meisten vom Temperament und dem Dickkopf ihres Vaters mitbekommen hatte. Und jetzt war ihre Tochter selbst Mutter. Anna spürte die ruhige Stärke, die Alan neben ihr ausstrahlte. Sie alle waren erwachsen geworden. Wann war das eigentlich passiert? Wir haben es gut gemacht, Daniel … Anna schloss die Augen. Nur einen Moment. Einen Moment durfte sie sich das erlauben. Du würdest mich doch nicht ganz allein diese Freude genießen lassen …
»Dad?« In einer Hand hielt Serena die Finger ihres Bruders, mit der anderen fasste sie nach ihrem Mann.
»Er ist noch im OP.« Caines Stimme war rau vor Sorge, als er Justin ansah. »Ich bin froh, dass ihr kommen konntet. Mom braucht uns alle.«
»Mom.« Serena kniete vor ihrer Mutter, wie sie es immer getan hatte, wenn sie Trost und Zuspruch brauchte. »Er wird es schaffen. Er ist stur, und er ist stark.«
Aber Anna erkannte den flehenden Blick in den Augen ihrer Tochter. »Natürlich wird er es schaffen.« Sie sah zu dem Mann ihrer Tochter hin. Justin war ein Spieler. Wie Daniel. Leicht berührte sie Serenas Wange. »Meinst du etwa, er würde sich ein solches Familientreffen entgehen lassen?«
Serena lächelte mit zitternden Lippen. »Genau das hat Justin auch gesagt.« Er hatte schon den Arm um seine Schwester gelegt. Serena stand auf und drückte sie an sich. »Diana. Wie geht es Laura?«
»Sie ist ein echter Schatz. Sie hat gerade ihren zweiten Zahn bekommen. Und Robert?«
»Ein Wildfang. Eben ein MacGregor.« Serena dachte an ihren Sohn, der seinen Großvater schon jetzt verehrte. »Shelby, wie fühlst du dich?«
»Dick«, erwiderte die schwangere Frau lächelnd und verschwieg, dass die Wehen bereits vor über einer Stunde eingesetzt hatten. »Ich habe meinen Bruder angerufen.« Sie wandte sich zu Anna. »Grant und Gennie kommen auch. Ich hoffe, das ist in Ordnung.«
»Natürlich.« Anna tätschelte ihre Hand. »Die beiden gehören doch zur Familie.«
»Dad wird begeistert sein.« Serena schluckte. »Dieser ganze Wirbel um ihn … Und dann möchten Justin und ich noch etwas verkünden.« Sie sah ihn an. »Justin und ich werden ein zweites Kind bekommen. Wir wollen doch sichergehen, dass die Familie weitergeführt wird. Mom …« Ihre Stimme wurde brüchig, als sie sich wieder hinkniete. »Dad wird sich darüber freuen, nicht wahr?«
»Ja.« Anna küsste Serena auf beide Wangen. Sie dachte an die Enkel, die sie hatte, und an die, die sie noch haben würde. Familie, Fortbestand, Unsterblichkeit. Daniel. Immer wieder Daniel. »Er wird natürlich behaupten, dass ihm allein die Ehre dafür zukommt.«
Die Zeit zog sich dahin. Anna stellte ihren Kaffee ab, kalt und ungetrunken. Vier Stunden und zwanzig Minuten. Es dauerte zu lange. Neben ihr zuckte Shelby zusammen und begann tief durchzuatmen. Automatisch legte Anna eine Hand auf den gewölbten Bauch ihrer Schwiegertochter.
»Wie ist der Abstand?«, erkundigte sie sich.
»Etwas unter fünf Minuten.«
»Seit wann?«
»Ein paar Stunden.« Shelbys Blick verriet ein wenig Aufregung, ein wenig Angst. »Etwas über drei, um genau zu sein. Ich wünschte, ich hätte die Zeit besser abgepasst.«
»Du hast es perfekt getimt. Möchtest du, dass ich dich...




