E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Röstlund Das Leben ist eine wunderbare Bredouille
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-20701-4
Verlag: Limes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-641-20701-4
Verlag: Limes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Madame, warten Sie auf Monsieur Bellivier?« Helena sitzt in ihrem Pariser Stammcafé, einen Monsieur Bellivier kennt sie nicht. Aus einer Laune heraus beantwortet sie die Frage trotzdem mit »Ja«. Und bevor sie weiß, wie ihr geschieht, ist ihr Leben für immer verändert. Mancebo, der Besitzer eines kleinen Gemischtwarenladens, ist mit seinem bescheidenen, routinierten Leben zufrieden. Dennoch kommt er der scheinbar skandalösen Bitte einer Nachbarin nach, deren Ehemann zu beschatten. Zwei Menschen, zwei gewöhnliche Leben, zwei unerwartete Aufträge. Helena und Mancebo kennen sich nicht, aber unbemerkt kreuzen sich ihre Wege – und beide entdecken, wie schön und überraschend das Leben sein kann.
Britta Röstlund ist Schwedin und lebt seit fünfzehn Jahren in Paris. Dort arbeitet sie als freie Journalistin und berichtet z. B. über politische Themen und die Pariser Modewoche. Ein Spaziergang in den Pariser Straßen inspirierte sie zu ihrem ersten Roman »Das Leben ist eine wunderbare Bredouille«.
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Am 73. Boulevard des Batignolles in Paris liegt eines dieser kleinen Lebensmittelgeschäfte, die Englisch sprechende Touristen gern als »Arabic shops« bezeichnen. Mancebo, dem Besitzer des Ladens, gefällt das gar nicht, aber er sagt es nicht laut. An den Boulevard des Batignolles verirren sich ohnehin nicht viele Touristen, die meisten Besucher der Stadt halten sich an die Champs-Élysées, den Eiffelturm, den Louvre oder den Arc de Triomphe.
Wer das »wahre« Paris entdecken will, wählt eher das Château Rouge und fühlt sich mutig und weltgewandt dabei, das Viertel in sicherer Nähe zum Metro-Eingang auszukundschaften. In Wahrheit gibt es das eine, wahre Paris gar nicht. Die Stadt hat viele Gesichter. Wer Paris entdecken will, setzt sich am besten auf eine der zahlreichen Bänke der Stadt. Von dort kann man die Menschen dabei beobachten, wie sie versuchen, ihren Platz im Leben zu finden.
Auch Mancebo entdeckt Paris jeden Tag von Neuem, wenn er auf dem Hocker vor seinem Lebensmittelgeschäft am 73. Boulevard des Batignolles sitzt.
Aber er denkt gar nicht groß darüber nach. Unbewusst registriert er, was auf der Straße vor sich geht. Erst zur Mittagszeit, wenn aus dem ersten Stock Essensduft zu ihm hinunterweht, steht er von seinem Hocker auf. Da kommen nämlich in der Wohnung über dem Laden die Leckereien seiner Frau Fatima auf den Tisch. Doch noch bevor das Geklapper von Tellern und Besteck an Mancebos Ohr dringt, stürzt sein Cousin Tariq in den Laden. Er betreibt direkt auf der anderen Seite des Boulevards eine Schuhmacherwerkstatt, die er bald schließen will. Jeden Tag erzählt er Mancebo, dass er nach Saudi-Arabien zieht und dort eine Fallschirmschule eröffnet.
Tariq hat keine Ahnung vom Fallschirmspringen, aber vor ungefähr fünf Jahren ließ ein Kunde sich in seiner Werkstatt seine Schuhe neu besohlen. Während der Leim trocknete, erzählte er Tariq, er sei in Paris als Informatiker tätig gewesen, bevor er umgesattelt und in Jordanien eine Bungee-Jumping-Anlage aufgemacht habe. Und wie es der Zufall wollte, erschien am selben Tag auch noch ein junger Mann in Tariqs Werkstatt, der mit seiner Frau nach Dubai gezogen war. Nachdem das Paar sich in Paris mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte, lebte es nun in Saus und Braus. So musste Tariq auf die Idee mit der Fallschirmschule in Saudi-Arabien gekommen sein. »Die Saudis sind ganz versessen darauf, in die Lüfte zu steigen«, behauptet er immer.
Solange das Öl fließt, geben sie Geld aus, davon ist Tariq überzeugt. Er hat sich sogar Bücher über Saudi-Arabien in der Bibliothek ausgeliehen. Fatima meint allerdings, es wäre doch sinnvoller, wenn er erst einmal das Fallschirmspringen lerne.
Tariq entdeckt Paris nicht auf dieselbe Weise wie Mancebo. Meistens sitzt er in seiner Schuhmacherwerkstatt im Büro und raucht. Mancebo darf sich nur eine Zigarette am Tag gönnen, nach dem Abendessen, obwohl er gern mehr rauchen würde. Aber Fatima erlaubt es ihm nicht. »Ein Lebensmittelgeschäft, das nach Rauch riecht, was macht das denn für einen Eindruck!«, sagt sie.
Außerdem ist sie angeblich gegen Zigaretten allergisch, weshalb Mancebo nicht zu Hause rauchen darf. Mancebo hat eigentlich keine Angst vor seiner Frau, jedenfalls nicht, solange alles seinen geregelten Gang geht. Während Mancebo sieben Tage in der Woche arbeitet, bleibt Fatima zu Hause. Was sie eigentlich die ganze Zeit macht, weiß er nicht und traut sich auch nicht zu fragen. Auf jeden Fall kocht sie, denn es gibt immer etwas zu essen.
Mancebo und Tariq arbeiten nicht nur am selben Boulevard, sie sind auch Nachbarn. Tariq und seine Frau Adèle wohnen in dem Appartement direkt über Mancebos Geschäft; Mancebo, Fatima und ihr Sohn Amir im darüberliegenden Stockwerk. Allerdings ist Mancebo der Meinung, es müsste eigentlich umgekehrt sein. Seiner Ansicht nach wäre es die sinnvollste Lösung, wenn er mit seiner Familie in Tariqs Wohnung ziehen würde. Dann bräuchte er morgens nur eine Treppe hinunterzusteigen, um seinen Laden aufzumachen, und abends nach Ladenschluss auch nur eine Treppe wieder nach oben. Bei Fatima stößt er damit aber auf taube Ohren. »Das ist die einzige Bewegung, die du hast«, sagt sie.
Vor ein paar Jahren, als Mancebo noch mehr Elan hatte, dachte er über die Gründe für einen Wohnungswechsel nach. Sein erstes und überzeugendstes Argument lautete, dass er viel älter ist als Tariq und das Treppensteigen in einigen Jahren für ihn zum Problem wird. Zweitens steht er früher auf als Tariq und Adèle und könnte sie auf dem Weg nach unten in den Laden wecken. Drittens kocht Fatima sowieso immer in der Wohnung im ersten Stock, weil dort der bessere Herd steht. Für Mancebo war es völlig einleuchtend, dass seine Familie die Wohnung im ersten Stock beziehen sollte. Er hat sich seine Argumente sorgfältig zurechtgelegt und sie den anderen eines Abends beim Verzehr eines perfekt gegrillten Hähnchens vorgetragen. Zu seiner großen Verwunderung leistete ihm niemand Schützenhilfe, nicht einmal seine Frau, was ihm bis heute sonderbar vorkommt. Stattdessen machte Fatima sich sogar über ihn lustig und fragte ihn, ob er im Viertel schon eine Unterschriftenaktion für sein Anliegen gestartet hätte. Tariq lachte wie immer, Adèle schwieg wie üblich, und Amir hörte vermutlich nicht einmal zu. Heute hat Mancebo nicht mehr die Zeit und den Elan, um über einen Wohnungswechsel zu diskutieren.
Nach seinem Beruf gefragt, antwortet Mancebo immer, er arbeite im Dienstleistungsbereich. Wenn jemand genauer nachhakt, sagt er, er sei Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts. Nichts davon ist gelogen. Erkundigt sich jemand nach der Lage seines Ladens, antwortet er, er liege am Fuße des Montmartre. Darüber könnte man sich streiten.
Mancebo gefällt der Gedanke, zu Füßen der weißen Basilika Sacré-Cœur im Zuckerbäckerstil zu leben und zu arbeiten. Doch seine Antwort veranlasst viele zu glauben, man fände Mancebo und seinen Laden an dem kleinen Place du Parvis du Sacré-Cœur oder im Gassengewirr des Montmartre-Viertels. Man kann das Sacré-Cœur vom Boulevard des Batignolles aus zwar sehen, allerdings weit in der Ferne am Horizont, hoch oben auf dem Hügel.
Fatima findet es kindisch, wenn Mancebo sagt, sein Geschäft liege am Fuße des Montmartre, und schnaubt jedes Mal missbilligend, wenn sie es mitbekommt. Manchmal zieht sie ihn auch am Ohr. Dann hält Mancebo dagegen, dass niemand wissen könne, wie groß der Fuß des Montmartre wirklich sei. Und damit hat er schließlich recht.
Mancebos Alltag wird von den Gerüchen und Zeichen der Stadt und ihrer Einwohner bestimmt, eine Armbanduhr braucht er nicht. Aber er besitzt einen Wecker, und der klingelt jeden Morgen um kurz nach fünf. Eine Viertelstunde später fährt er in seinem Lieferwagen zum Großmarkt in Rungis südlich von Paris, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen. Um kurz nach acht ist er wieder am Boulevard, und ein paar Minuten später trinkt er bei François im Le Soleil einen Kaffee auf die Schnelle, sein morgendliches Frühstück.
Das Stammcafé der Cousins, die Bar Le Soleil, bildet mit Mancebos Lebensmittelgeschäft und Tariqs Schuhmacherwerkstatt ein Dreieck. »Das goldene Dreieck«, wie François gern scherzt und damit auf das berühmte goldene Dreieck zwischen den drei alteingesessenen Pariser Cafés Café de Fleur, Les Deux Magots und Brasserie Lipp anspielt. Tariq kontert dann immer mit »Bermudadreieck«, und weder François noch Mancebo können diesen Vergleich richtig nachvollziehen.
Um neun Uhr schiebt Mancebo das Ladengitter hoch und atmet die Morgenluft ein. Er arbeitet, bis ihm die Essensdüfte aus der oberen Etage verraten, dass es Zeit ist, das Gitter herunterzulassen und hinaufzugehen. Die Länge seiner Mittagspause hängt vom Essen und von dem Diskussionsthema bei Tisch ab. Danach geht er die Treppe wieder hinunter und schiebt das Gitter hoch. Am Nachmittag lässt er es erneut herunter und gönnt sich mit Tariq einen Pastis im Le Soleil. Anschließend arbeitet er weiter, bis gegen neun am Abend abermals Essensduft in der Luft liegt und er das Gitter ein letztes Mal herunterlässt.
Wieder ist ein Tag vergangen, wieder hat Mancebo Paris von seinem Hocker aus beobachtet. Wie üblich zählt er die Tageseinnahmen, bündelt die Geldscheine mit Gummibändern und legt sie in eine Plastiktüte, um sie zur Bank zu bringen. Durch den Türspalt zieht der Duft eines deftigen Bohneneintopfs herein.
Der Essensgeruch hat im Laufe der Jahre seinen eigenen Weg durch das Haus gefunden: Aus der Küche im ersten Stock weht er durch den Flur, zwischen den Türritzen hindurch und die Treppe hinunter und zu guter Letzt durch die Tür im Treppenhaus direkt in den Laden. Der Atem des Hauses sagt Mancebo, wann es Zeit ist, die Obst- und Gemüsestände auf dem Bürgersteig abzubauen, was wiederum Tariq auf der anderen Seite des Boulevards signalisiert, dass er seine Schuhmacherwerkstatt für den Tag schließen kann. Außerdem verrät der Essensduft, was auf dem Tisch stehen wird.
Wenn Mancebo morgens seinen Laden öffnet, liegt noch immer der Atem des Vortags in der Luft, aber nur für ein paar Minuten oder so lange, bis er die Obst- und Gemüsestände hinaus auf den Bürgersteig geschoben hat. Dann vermischt er sich mit der mehr oder weniger frischen Pariser Luft.
Mancebo hat seinen Kassensturz beendet. Es war kein guter Tag, die Hitze hat die Stadt gelähmt. Doch jetzt scheint ein Gewitter aufzuziehen. Er schließt die grünen Klappen der Gemüsestände. Das ist das Zeichen für Tariq. Mancebo rückt seine schwarze Mütze zurecht, die er das ganze Jahr über trägt. Ohne sie fühlt er sich nackt, so wie Adèle ohne ihren Schleier. Er erinnert sich noch an das Abendessen, an dem sie über die...




