E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Rogenhagen Heldensommer
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-455-00460-1
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-455-00460-1
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andi Rogenhagen wurde mitten in die Tristesse der 1960er Jahre hineingeboren. 2011 erschienen sein Debütroman Heldensommer und sein erfolgreicher Kinofilm Ein Tick anders. Der Grimme-Preisträger lebt mit seiner Frau, zwei Kindern und zwei Hasen in Bochum.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Für Hermann Rogenhagen
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Danksagung
Über Andi Rogenhagen
Impressum
25
Da steht der einsame schwarze Soldat in der Wiese.
»Eigentlich schade, dass sich niemand um ihn kümmert.«
»Alter, drehst du jetzt völlig durch? Wie soll man sich denn um den kümmern?!«
Ich klappe die Leiter auf.
»Keine Ahnung, der tut mir leid.«
Ingo lacht meckernd.
»Der Typ ist verrückt! Borawski, lass uns abhauen, der ist wahnsinnig geworden!«
Unter der Leiter ist die Wiese total schräg.
»Ich brauch einen Stein oder so was, kippt total rum, die Scheiße.«
Borawski stellt den Hammer ab.
»Ich geh mal gucken.«
Borawski beginnt, in Schleifen mit Wildschweingeräuschen über die Wiese zu laufen.
»Hier ist ein Stein!«
Borawski hebt den Stein stöhnend mit beiden Armen hoch, kommt damit angewackelt und lässt ihn auf die Wiese poltern. Wir rollen ihn mit ein paar Fußtritten unter den Leiterfuß. Passt.
»O.K., so müsste das gehen. Dann haltet mal fest.«
Ingo und Borawski stellen sich rechts und links neben die Leiter.
»Aber schön festhalten.«
»Ja, ja …«
Ich nehme den Hammer und steige die Leiter hinauf. Mit jedem Schritt sinkt der schwarze, riesige Soldat neben mir tiefer zu Boden. Dann stehe ich plötzlich neben seinem Ohr. Von hier oben ist der Blick über die Wiese ganz anders. Man kann sogar den kleinen Bach als schwarzen Strich im Talknick sehen. Ich betrachte den Kopf, der steif an mir vorbeisieht. Sie haben dem Helm einen schicken Lederriemen gemeißelt.
»Gar nicht schlecht gearbeitet.«
»Mann, hau weg die Scheiße!«
Ich klopfe dem Soldat auf seine feuchte, kalte Schulter.
»Tut mir leid.«
Ingo ruft von unten.
»Alter, es ist eine Erlösung für ihn. Hau drauf!«
Ich tätschel das Denkmal noch einmal kurz, hebe den Hammer mit beiden Armen an, hole aus und falle fast hintenüber. Die Leiter wackelt. Schnell lasse ich den Hammer einarmig wieder runterschwingen. Dabei rutscht mir der Griff aus der Hand, und der Hammer knallt dumpf direkt neben Ingo in die Wiese.
»Alter, bist du bescheuert! Kannst du die Scheiße nicht festhalten?!«
»Mann, Leute, müsst die Leiter richtig festhalten!«
»Tun wir doch!«
»Ham wir doch!«
Ingo reicht mir den Hammer wieder hoch.
»Pass auf!«
»Ja, ja …«
Ich hab falsch ausgeholt, das ist klar. Ich muss seitlich ausholen, nicht nach hinten. Dazu muss ich mich leicht drehen. Ich drehe mich in Trippelschritten auf dem kleinen Blechpodest der Leiter.
»Mach schon!«
»Ja, ja … Festhalten!«
» musst den Hammer festhalten, du Penner.«
Ich schiebe meine Füße noch ein wenig auseinander, bis ich sicher stehe. Ich hebe den Hammer und schwinge ihn zum Test leicht über die linke Schulter. So könnte es gehen. Ich ziele. Ich hole aus. Mit Schwung. Klunk.
Der Hammer trifft das Ohr. Ansonsten passiert nichts. Ich wackele am Kopf. Nichts bewegt sich.
»Leute, das ist der reinste Hitlerbeton!«
»Noch mal!«
»Klopp weg!«
Ich konzentriere mich. Ich hole noch mal aus und haue gegen das Kinn. Und noch mal. Und noch mal. Und noch mal.
Klunk.
Klunk.
Klunk.
Es hallt vom Wald zurück.
Klunk.
Da! Es hat einen winzigen Riss gegeben. Sicher? Ich stelle den Hammer vorsichtig zwischen meinen Beinen ab. Mein Herz klopft. Ich fühle nach. Ja!
»Leute, wir haben ihn!«
»Astrein!«
»Klasse!«
Ich nehme den Hammer wieder hoch. Es ist dieses Sanduhrgefühl. Wenn ich jetzt zuhaue, dann ist dieses Denkmal Geschichte. Dann gab es eine Zeit vor mir und eine Zeit nach mir. Die Zeit vor der Enthauptung ist sehr lange gewesen, exakt zu bestimmen, aber eben in wenigen Minuten auch für immer vorbei. Es gab dann die Mit-Kopf-Zeit, und es beginnt die Ohne-Kopf-Zeit. Ich bin mitten in der Sanduhr. Genau in der Mitte!
»Alter, was ist?! Hau weg die Scheiße!«
Ingo hat recht. Es ist so weit. Ich hole aus. Ich schlage zu.
Klunk. Ausholen. Zuschlagen. Klunk. Ausholen. Klunk. Der Kopf rutscht. Er kippt. Er rutscht. Er fällt.
»ACHTUNG!«
Ingo und Borawski sprinten davon. Der Kopf plumpst in die Wiese, die Leiter wackelt, kippt. Ich steh nur noch mit einem Bein auf ihr, und dann sehe ich die Wiese näher kommen, ein unheimliches Kribbeln in der Leistengegend, wie beim Sprung vom Einmeterbrett im Schwimmbad, dieser kurze Moment, frei schwebend, kurz vor dem Aufprall.
Harte Wiese im Gesicht, etwas schrappt an meinem Ohr, meine Beine fliegen über mir, etwas haut mir in den Rücken und drückt mir die Luft aus dem Kreuz. Ich liege in der nassen Wiese und blicke in den grauen Himmel. Alles ist still. Nichts passiert, glaube ich. Ich bewege meine Füße. Funktioniert! Glück gehabt. Ingos und Borawskis Gesichter schieben sich in den grauen Himmel über mir.
»Alter, alles klar?!«
»Bist du tot?«
Ich reiche ihnen die Hand. Die beiden ziehen mich hoch.
»Alter, Glück gehabt.«
»Alter, das sah vielleicht aus!«
Ingo schüttelt mit dem Kopf.
»Unfassbar! Hä. Hä. Hä.«
Mich rührt diese Anteilnahme. Fast schon schade, dass mir so gar nichts passiert ist. Meine Hose ist nass, ein paar Gräser auf dem Latz, das ist alles. Ich blicke mich um. Die Leiter liegt kopfüber in der Wiese. Darüber steht der Soldat – ohne Kopf!
»Was für ein Bild, Leute!«
Seit wie vielen Jahren hat man von dem Punkt, an dem ich jetzt stehe, den Himmel hinter dem Kopf nicht sehen können? Sechzig, siebzig Jahre? Es ist der Anbeginn einer neuen Zeit!
»Wahnsinn! Wir waren gerade mitten in der Sanduhr! Wir haben bewiesen, dass es uns wirklich gibt!«
Ingo lacht meckernd. Borawski betrachtet mich.
»Ich kann dir die Fresse polieren, dann weißt du auch, dass es mich gibt.«
Ich sehe mich um.
»Wo ist der Kopf?«
Wir laufen um das Denkmal rum. Kein Kopf. Aber eine Kuhle vom Aufprall und eine Spur durch die Wiese.
»Leute, guckt mal …«
Borawski und Ingo kommen.
»Voll weggehopst, die Scheiße!«
»Ich fass es nicht!«
Gemeinsam betrachten wir die Spur, die der Kopf beim Runterrollen durch die Wiese gezogen hat. Man kann nicht sehen, wo sie aufhört.
»Die Scheiße ist einfach abgehauen!«
Wir lachen.
Ich erinnere mich an den Blick über das Tal, gehe zur Leiter und dreh sie laut scheppernd wieder auf die richtige Seite.
»Ich geh mal gucken, haltet mal fest!«
Borawski und Ingo kommen und halten die Leiter fest. Ich steige hinauf. Oben lege ich meine Hand auf die raue, frische Wunde des kopflosen Soldaten.
»Ey, Leute, wie lange hat dieser Hitlerbeton wohl kein Tageslicht mehr gesehen?«
»Es ist Nacht, du Hirni!«
»Du weißt, was ich meine!«
Seltsam. Obwohl der keinen Kopf mehr hat, wirft er doch noch einen Blick ins Tal.
»Und …? Kannst du den Kopf sehen?«
Ich verfolge die Spur. Sie endet im Bach.
»Er ist bis runter in den Bach gerollt.«
Ich steige die Leiter wieder hinab.
»Also, holen wir ihn.«
Borawski schnappt sich die Tasche, und wir laufen der plattgerollten Spur hinterher, bis wir unten am Bach ankommen. Da liegt der Kopf mit dem Gesicht nach unten im Wasser.
»Er hatte Durst, Alter!«
»Mann, die Scheiße konnte sich seit 70 Jahren nur die Lippen lecken, jetzt kann er richtig saufen!«
Auf seinem Weg hat der Kopf am Bachlauf einen Busch regelrecht zertrümmert. Ich steige mit meinen Schuhen ins Wasser. Der Bach ist kalt und gurgelt meine Schuhe voll. Der Boden ist kieselig und knirscht. Ich bekomme Angst vor Flusskrebsen.
»Borawski, halt mal die Tasche bereit.«
Ich bücke mich und greife vorsichtig unter die Kanten des Wehrmachtshelms aus Stein. Dann ziehe ich ihn hoch. Er hebt sich aus dem Wasser und wird wahnsinnig schwer. Ich schaffe es nicht, ihn in die offene Tasche zu werfen, er poltert mir aus der Hand und klatscht wieder ins Wasser zurück. Vor Borawski steigt eine Wasserwand in die Höhe.
»Mann, Alter! Jetzt bin ich total nass!«
Ingo lacht meckernd. Vom Kopf ist nur noch ein rundes Stückchen zu sehen, eine glänzende, kleine Insel im Wasser.
»Scheiße. Der ist total schwer. Ingo, hilf mir mal!«
»Bist du drauf?! Da werden meine Schuhe nass. Außerdem sollen hier auch Flusskrebse sein.«
»Alter! Dann du, Borawski!«
Borawski reicht Ingo die Tasche.
»Halt auf.«
Borawski steigt vorsichtig ins schwarze Wasser. Dann beugen wir uns beide runter, greifen bis unter die Ellen ins Wasser und fassen den Kopf.
»Ich kann nirgendwo festhalten. Das hier … ist seine Nase …«
»Ich bin an der einen Seite im Augenloch, an der anderen unterm Helm.«
»O.K., ich hab ’ne Kante. Also. Eins, zwei, drei!«
Borawski und ich heben den Kopf mit Schwung aus dem Wasser.
»Jetzt zum Ufer …«
Borawski steigt vorsichtig auf die Wiese, ich folge ihm. Wir gehen ein paar Schritte und werfen den Klotz – bunk – in die Wiese.
»Mann, ist das schwer, das Teil. Verdammt!«
Jetzt guckt er uns an, der Soldat. Wie ein totgeschlagener Riesenfisch liegt er im Gras.
»Da wird sich Mairesse aber freuen. Der ist ja wirklich ekelhaft, der Kollege!«
»Mairesse, die Sau!«
»Rollen wir ihn in die Tasche.«
Ingo macht die Tasche auf. Er hockt sich grinsend darüber, hält sie an beiden Seiten und zieht sie weit auf.
Borawski sieht mich wartend an.
»Was ist? Ich kann das nicht alleine!«
Gemeinsam rollen wir den Kopf wie einen schweren,...




