E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Rohn Das Winterkind
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8412-1916-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1916-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ludwig Graf steht vor dem Nichts: Sein Familienleben ist gescheitert ist und sein Unternehmen, eine ehemals florierende Schokoladenfabrik, musste Konkurs anmelden. Verbittert zieht er sich in das kleine Ferienhaus seines Vaters zurück, fest entschlossen, seinem Leben am 24. Dezember ein Ende zu setzen. In der Stille der winterlichen Landschaft geschehen jedoch Dinge, die ihn unmerklich, jeden Tag ein Stückchen mehr, wieder ins Leben zurückholen und er trifft auf Menschen, die ihn von seinem ursprünglichen Plan immer weiter abbringen. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein ...
Reinhard Rohn wurde 1959 in Osnabrück geboren und ist Schriftsteller, Übersetzer, Lektor und Verlagsleiter. Seit 1999 ist er auch schriftstellerisch tätig und veröffentlichte seinen Debütroman 'Rote Frauen', der ebenfalls bei Aufbau Digital erhältlich ist.
Die Liebe zu seiner Heimatstadt Köln inspirierte ihn zur seiner spannenden Kriminalroman-Reihe über 'Matthias Brasch'. Reinhard Rohn lebt in Berlin und Köln und geht in seiner Freizeit gerne mit seinen beiden Hunden am Rhein spazieren.
Autoren/Hrsg.
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8. Dezember
Der Fischreiher war wieder da. Von meinem Fenster sah ich, wie er über dem See kreuzte. Er flog seine Kreise und stieß dann und wann ins Wasser hinab, um sich einen Fisch zu fangen. Ich konnte nicht sehen, ob seine Jagd erfolgreich war. Manchmal schien er auch so hoch fliegen zu wollen, dass er beinahe in den Wolken verschwand.
Schließlich ließ er sich irgendwo im Schilf nieder, und ich zog mich an und lief auf den Deich hinauf. Wäre mein Vater nicht so ein illiterater Mensch gewesen, hätte er wenigstens ein Lexikon im Haus gehabt. Aber Bücher gelesen hatte er nur, wenn sie mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten. Gehörten Fischreiher nicht zu den Zugvögeln? Was würde der Vogel tun, wenn der Winter strenger wurde und der See zufror? Vielleicht mussten dann ein paar Männer aus dem Dorf kommen und ihn füttern, damit er nicht verhungerte.
Ich konnte sein Versteck im Schilf nicht finden, sah auch nicht mehr, dass er über den See dahinglitt. Nur ein paar Enten und Haubentaucher trieben auf dem Wasser. Obwohl niemand in der Nähe war, widerstand ich der Versuchung, meine Schuhe auszuziehen und durch das Schilf zu streifen. Stattdessen ging ich ins Dorf. Es war kaum jemand auf der Straße, aber das hatte ich hier auch noch nie anders erlebt. Argwöhnisch beäugt von einer Verkäuferin mit kurzen blonden Haaren und einer seltsam rosigen Gesichtsfarbe kaufte ich ein paar Vorräte: Brot und Kaffee und einige Dosen. An meinen Einkäufen konnte man leicht ersehen, dass mir an meiner Verpflegung nicht sonderlich viel gelegen war. Nicht einmal nach dem Regal für Schokolade schaute ich mich um, als interessierte es mich gar nicht, ob das Kontingent der berühmten Graf-Schokolade größer war als das anderer Marken.
Die Verkäuferin gab sich sehr viel Mühe, mir zu zeigen, dass sie mich nicht kannte und mich wie einen x-beliebigen Fremden behandelte, dabei war ich sicher, dass sie mein Bild in den Zeitungen gesehen hatte. Ich würde die hämischen, bitteren Schlagzeilen niemals vergessen. »Der Pleitier« oder »Bankrotteur« hatten sie mich genannt. In allen Nachrichtensendungen waren meine letzten Minuten in meinem Büro gezeigt worden, wie ich Iras Bild von meinem Schreibtisch nahm, ein paar Akten einsteckte und das Zimmer verließ. Draußen auf der Straße hatten eine Menge Leute protestiert, Leute, die vor ein paar Tagen noch meine Angestellten gewesen waren und die sich nun von mir betrogen glaubten.
Es kostete mich keine Anstrengung, die Verkäuferin mit meinem Lächeln so sehr einzuschüchtern, dass sie heftig errötete. Als ich wieder auf der Straße stand, hatte ich beinahe das Gefühl, sie würde zum Telefonhörer greifen und einige Zeitungen anrufen, um mein Versteck zu verraten, aber so interessant war ich für die Journalisten nicht mehr, dass sie bis hierher in diese abgelegene Gegend hinausfahren würden.
Dann ging ich in die Kirche hinüber. Ira hatte sich immer für Kirchen und Friedhöfe begeistern können. Sie war eine Kirchentouristin; gleichgültig, wohin wir fuhren, ob Paris, Rom oder irgendeine andere, kleinere Stadt, lief sie zuerst in die Kirche, um eine Kerze aufzustellen. Auch auf Friedhöfen konnte sie Stunden verbringen. Ich begleitete sie fast nie auf diesen Streifzügen, doch ich ahnte, was sie tat, wenn sie zwischen den Gräbern umherlief. Sie suchte sich ein Kindergrab aus, das schönste Grab des Friedhofs, und begann mit ihrem toten Sohn zu sprechen.
Die Kirche war geöffnet, eine schlichte, weiß verputzte, protestantische Dorfkirche. Die Krippe neben dem Eingang, die ich zuerst entdeckte, irritierte mich für einen Moment. Das Kind lag noch nicht in der Krippe, aber sonst hatte sich schon das ganze biblische Personal für die heilige Nacht eingefunden. Auch der Stern stand schon über dem ärmlichen Stall, in dem Maria und Josef angekommen waren.
Ich war lange nicht mehr in einer Kirche gewesen, und mir fiel erst nach ein paar Momenten ein, dass die Adventszeit längst begonnen hatte. Die Gläubigen warteten tatsächlich auf die Ankunft eines Messias. Meine Weihnachtszeit hatte immer Anfang Mai begonnen; da hatten wir unsere Pläne festgelegt, hatten neue Weihnachtsmänner aus Schokolade entworfen, uns die Entwürfe für die Adventskalender angesehen oder uns ganz besondere Pralinenmischungen ausgedacht. Im Juni war die Weihnachtszeit schon wieder zu Ende gewesen.
Ich stellte meine Einkäufe ab und setzte mich in die letzte Reihe. Über die Stille, die in Kirchen herrscht, hatte ich mich schon als Kind gewundert; es war eine erhabene, besonders eindringliche Stille, auch für jemanden, der gar nicht gläubig war. Selbst das einfache Ein- und Ausatmen bekam eine andere Bedeutung. Schon zu einer Zeit, als ich mich noch für jung hielt, hatte mich manchmal wie ein schwarzer Blitz der Gedanke an den Tod angefallen, an den letzten Atemzug. Wie ist es, wenn man das letzte Mal Luft in seine Lungen saugt? Spürt man das Austatmen noch? Ist es, als würde alle Last und Qual von einem abfallen, oder ist es nichts anderes als der ewige, Furcht erregende Sturz durch die Finsternis?
Auch das Innere der Kirche bezeugte die einfache, bäuerliche Gegend, in der sie sich befand: Lediglich ein schmuckloses Holzkreuz ohne Corpus hing über dem Altar.
Ich erhob mich langsam. Eine Kerze anzuzünden wäre eine gute Idee, dachte ich, für Martin, für Ira und vielleicht auch für mich selbst. Doch im nächsten Augenblick erhob sich ein wildes Rauschen durch die Kirche, so dass ich vor Überraschung auf die Bank zurückfiel. Das tiefe Rauschen wurde zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen, und dann erkannte ich erst, was passiert war.
Das Dröhnen ging in einzelne, unterscheidbare Töne über, die sich zu einer kantigen Melodie zusammenfügten. Jemand probte auf dem Orgelboden und griff so vehement in die Tasten, wie er es sich in einem Gottesdienst am Sonntag niemals gestatten durfte.
Ich kannte das wilde, ungezähmte Lied nicht, aber ich glaubte in ihm manches von der biblischen Geschichte wiederzufinden, wie sich vor Moses und den Seinen das Rote Meer teilte, wie die Mauern vor Jericho zusammenbrachen oder, als die Orgel stillere Regionen ansteuerte, wie Jesus mit seinen Jüngern über den See Genezareth fuhr. An viele Szenen aus der Bibel konnte ich mich nicht mehr erinnern.
Plötzlich jedoch brach das Spiel ab. Ich hörte, wie jemand, anscheinend gänzlich unzufrieden über sein Spiel, den Deckel der Orgel zuwarf und sich über mir bewegte. Schwere Schritte steuerten auf eine winzige Holztreppe in einem hinteren Winkel der Kirche zu.
Wen erwartete ich zu sehen? Einen alten, schwergewichtigen Organisten oder einen blassen, hochgeschossenen Schüler, der hier seine Übungsstunden abhielt?
Eine Frau stieg die Treppe hinab. Ich sah schwarze Schuhe, Jeans und eine schwarze Lederjacke, die schon ein wenig abgewetzt war. Dann traf mich eine kurze Atemnot. Nicht dass ich die Organistin gekannt hätte – es war eher der Hauch von Schönheit, der mich ergriff. Die Frau war auf eine eigentümliche, hintergründige Weise schön. Ihre Haare waren flammend rot, eine richtige Hexenfarbe, und ihre Augen lagen hinter einer Nickelbrille verborgen, wie sie vielleicht vor zwanzig Jahren modern gewesen war. Sie war auch nicht mehr ganz jung, um die vierzig Jahre, schätzte ich, und doch ging von ihr etwas aus, das jeden Mann, dessen Herz noch nicht völlig versteinert war, irgendwie berühren musste.
Die Frau bemerkte mich erst, als sie bereits drei Schritte in das Kirchenschiff hineingetreten war. Einen langen Moment hielt sie inne und schaute mich an. Sie war nicht sehr groß. Ihr Mund formte ein stummes, überraschtes »Oh«, dann eilte sie weiter zum Altar und verschwand in der Sakristei.
Ich schaute ihr nach. Eigentlich hoffte ich, dass sie gleich wieder auftauchte, um ihr ungestümes Orgelspiel fortzusetzen, doch nichts geschah. Die Stille war in die Kirche zurückgekehrt, nun klang sie allerdings nach Abwesenheit. Irgendetwas schien plötzlich zu fehlen.
Ich zündete eine Kerze an, steckte sie zu den vier anderen, die an einem Seitenaltar brannten. Ich dachte an Martin, meinen Sohn, und an den Tod. Als Kind hatte ich mir den Tod als einen warmen, ewigen Schlaf vorgestellt, vor dem man keine Angst haben musste. Später, nachdem wir Martin begraben hatten, war der Tod für mich nur noch ein hässliches, schwarzes Loch gewesen, in dem jeder irgendwann verschwinden würde. Anders als Ira hatte ich nie die Fähigkeit besessen, mir ein Leben nach dem Tod auszumalen, in dem es vielleicht ein Wiedersehen mit all dem gab, was wir vorher verloren hatten. In diesem schwarzen Loch würde auch ich bald verschwinden, aber es war weniger die Verzweiflung über mein Scheitern, die mich zu diesem Entschluss trieb, sondern die Müdigkeit. Ich war zu erschöpft, um mir vorzustellen, auch nur mit einem Schritt dieses öde, trostlose Dorf zu verlassen, in dem ich mich vor der Welt verkrochen hatte.
Die Organistin kehrte nicht zurück. Als ich die Kirche verließ, roch ich den See. Ein feuchter, kühler Wind wehte herüber, und mir fiel auf, dass ich schon seit einiger Zeit fror. Ein heißer Kaffee wäre nicht schlecht gewesen oder ein Grog, wie ihn ein gestrandeter Seemann trinken mochte, der seinem geschundenen Körper ein wenig Wärme einflößen wollte.
Linker Hand der Kirche lag der kleine Dorffriedhof. Karg sah er aus, ohne Bäume, nur mit einer Mauer aus Bruchsteinen, die ihn von einer abgegrasten, morastigen Pferdewiese trennte. Den Jungen nahm ich zuerst nur als einen Schatten wahr. Er saß auf einem großen Holzkreuz im hinteren Teil des Friedhofs, ließ die Beine baumeln, als wäre es ein...




