Rohn | Der letzte Auftrag | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 175 Seiten

Rohn Der letzte Auftrag


2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2637-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 175 Seiten

ISBN: 978-3-8412-2637-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Er nennt sich Hank, obschon er in Wahrheit einen anderen Namen trägt. Früher war er ein Soldat, ein brillanter Scharfschütze, doch nun ist er ein Mörder - im Zeichen der Gerechtigkeit. Sein ehemaliger Chef, ein pensionierter Gerichtspräsident, übergibt ihm seine Aufträge. Hank soll Menschen töten, die vor Gericht davongekommen sind, obschon sie schuldig waren.

Bisher hat er diese Befehle nie hinterfragt, doch dann bekommt er die Diagnose, dass er unheilbar krank ist und seinen letzten Auftrag. Er soll eine junge Frau töten, die jeden Tag am Rhein joggen geht. Doch welche Schuld kann diese Frau auf sich geladen haben?

Hank beschließt, selbst zu recherchieren - und was er herausfindet, führt ihn zu der Frau, die er einst geliebt hat, und bringt ihn selbst in Fadenkreuz ...

Ein packender Roman über einen Mann, der sein Gewissen entdeckt und begreift, dass es für die Liebe nie zu spät ist.



Reinhard Rohn wurde 1959 in Osnabrück geboren und ist Schriftsteller, Übersetzer, Lektor und Verlagsleiter. Seit 1999 ist er auch schriftstellerisch tätig und veröffentlichte seinen Debütroman 'Rote Frauen', der ebenfalls bei Aufbau Digital erhältlich ist.

Die Liebe zu seiner Heimatstadt Köln inspirierte ihn zur seiner spannenden Kriminalroman-Reihe über 'Matthias Brasch'. Reinhard Rohn lebt in Berlin und Köln und geht in seiner Freizeit gerne mit seinen beiden Hunden am Rhein spazieren.

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1.


Der Auftrag und die Diagnose kamen am selben Tag. Dafür konnte er nichts. Den ersten Termin bei seinem Hausarzt hatte er schon vor fünf Wochen gemacht. Die Nackenschmerzen ließen sich kaum mehr aushalten. Hank hatte alles versucht – Gymnastik, warme Umschläge, Salben –, er war sogar schwimmen gegangen, obwohl er Schwimmbäder hasste, hatte sich an einem Donnerstagmorgen zwischen Schulkindern und Rentnern im Agrippabad herumgedrückt.

Nichts half. Die Verspannungen im Nacken lösten sich nicht auf.

Der Arzt war freundlich gewesen, er hatte ihm eine Spritze verpasst – »zur Lockerung« der verspannten Körperpartie – und ihn dann noch zum Röntgen geschickt.

»Brauchen Sie eine Krankschreibung?«, hatte er zum Abschied gefragt.

Hank hatte verneint, wie er es immer tat. »Nein«, hatte er gesagt, »ich bin Privatgelehrter.«

Privatgelehrter – das Wort hatte er einmal aufgeschnappt, und es gefiel ihm. Es hörte sich nach 19. Jahrhundert an, nach intensiven Studien, nach langen Aufenthalten in Bibliotheken und ein paar ausgewählten Schülern, die an seinen Lippen hingen.

Nie hatte sich jemand nach Einzelheiten erkundigt – allenfalls tauchte die Frage auf: »An der Universität zu Köln?«

Hank verneinte stets. »In Bonn.«

Aber seine längere Antwort war er nur einmal losgeworden – ausgerechnet bei einer wunderschönen Zahnarzthelferin mit kirschroten Lippen. »Ich bin Biologe. Ich forsche mit einem kleinen Team über den Quastenflosser, auch Coelacanthimorpha. Ein Knochenfisch aus der Klasse der Fleischflosser.«

Die Zahnarzthelferin hatte beeindruckt gelächelt. Sie zu einem Abendessen einzuladen, hatte er nicht gewagt.

Eine Zeit lang hatte er sich tatsächlich mit dem Quastenflosser beschäftigt – wie mit exotischen Fischen überhaupt. Er ging gern in das Aquarium am Zoo, mitunter drei Tage hintereinander, besonders wenn es regnete. Dann wieder spielte er an den Vormittagen in einem Café in der Südstadt Schach gegen einen Computer, oder er saß einfach im Museumscafé und schaute sich die Leute an.

Hank hatte Zeit.

Je nach Auftragslage. In den letzten zwei Jahren hatte er zwei Aufträge im Jahr erledigt.

Hieß vier Morde insgesamt. Jeder brachte ihm fünfundzwanzigtausend Euro. Viel mehr brauchte er nicht. Er lebte ein unauffälliges, bescheidenes Leben, und der Richter hatte ihm versichert, dass die Morde alle gerechtfertigt seien. Hank tötete mit seinem Präzisionsgewehr oder mit einer unregistrierten alten Militärpistole nur Menschen, die der Justiz entkommen waren. Der erste Tote war ein Vergewaltiger gewesen, den man nicht hatte verurteilen können, weil die Kriminaltechnik mit unsauberen DNA-Spuren gearbeitet hatte. Hank hatte dem leicht verfetteten Mann, den er auf dem Parkplatz eines Möbelhauses in der Abenddämmerung erwischt hatte, die Schuld auch hundert Meter gegen den Wind angesehen.

Außerdem konnte er sicher sein, dass der Richter keine Fehler machte – er war schließlich vor seiner Pensionierung Kammergerichtspräsident gewesen, ein honoriger Mann, den die Lücken in den Gesetzen zur Weißglut brachten.

Hank hatte schon gedacht, er könne das Jahr gemütlich ausklingen lassen, als die SMS angekommen war. Sie lautete immer gleich: »Ihre Brille kann abgeholt werden.«

Er wusste gar nicht mehr, wie der Richter auf diese Losung verfallen war. Das bedeutete, dass Hank um sechs Uhr morgens im Volksgarten an einem bestimmten Papierkorb ein kleines Paket vorfinden würde. Da war dann alles für ihn zusammengestellt: Fotos der betreffenden Person, ein kurzer Steckbrief, eine Adresse und ein paar Gewohnheiten – sowie eine Zeitangabe, bis wann er seinen Auftrag erledigt haben sollte, und die ausführliche Begründung für die Tat. Darauf legte der Richter stets besonderen Wert. »Du bist mein Soldat«, hatte er einmal gesagt, »und ein guter General schickt seine Soldaten nur in einen gerechten Krieg.«

Es war der zwölfte Dezember, als Hank das Paket abholte. Wie immer war es ordentlich in braunes Packpapier eingeschlagen. Er steckte es sich in die Innentasche seiner Lederjacke und ging dann zum Chlodwigplatz, um sich einen Morgenkaffee zu gönnen.

Der Arzttermin war um Punkt acht Uhr. Er wäre der erste Patient. Das Paket würde er erst danach öffnen.

Der Kaffee tat ihm gut. In den letzten drei Nächten hatte er wegen der Nackenschmerzen so gut wie nicht geschlafen. Die Spritze beim Arzt hatte nur kurz für Linderung gesorgt.

Ich werde alt, dachte Hank. Er würde in fünf Wochen fünfzig werden. Bis auf gelegentlich einen Auftrag hatte er in den letzten zwei Jahren nichts zu tun gehabt. Es waren zwei gute Jahre gewesen. Gelegentlich lag er bei einer Frau. Leider wurde nie eine ernste Sache daraus, aber er war gewiss kein Kostverächter – und seinen Mann stand er immer noch.

Die Letzte hatte Manja geheißen, er hatte sie in einer Bar in der Südstadt kennengelernt. Sie hatte ihn gleich in ihre Wohnung nach Bayenthal mitgenommen. Er hatte sie mit einem langen Liebesakt beglückt, obwohl er da schon Schmerzen im Nacken gespürt hatte. Hinterher hatte sie ihm gestanden, dass sie zwei Kinder hatte – sechs und neun –, die sie für eine Nacht bei ihrer Mutter geparkt hatte, um sich mal wieder etwas zu amüsieren. So hatte sie sich ausgedrückt – »um sich mal wieder zu amüsieren«. Ja, gegen Amüsieren hatte er nichts, aber Kinder – nein danke.

Sein Vater hatte ihn in seiner Kindheit windelweich geprügelt, während seine Mutter keinen Handschlag für ihn getan hatte. Nein, mit Kindern hatte er es nicht so. Wenn er an seinen Vater dachte, kam ihm immer noch die Galle hoch. Der Alte war schließlich an seiner Trunksucht grausam verreckt, aber wie schwer hatte dieser Vater ihm das Leben gemacht! Mit dreizehn hatte er zum ersten Mal daran gedacht, sich umzubringen. Spring in der Stadt von einem Parkhaus, und du hast alles hinter dir. Wie gern hätte er ein Instrument gelernt, Gitarre am besten – in einer Band spielen, singen und Mädchen beeindrucken, aber der Alte hatte das alles verhindert. Als er sich einmal heimlich eine Gitarre besorgt hattee, hatte sein Vater sie im Suff kurz und klein geschlagen. Zweihundert Mark hatte das Instrument gekostet, die er sich mit dem Verteilen von Werbeblättchen mühsam verdient gehabt hatte.

Wut auf seinen Vater ergriff ihn plötzlich, auch wenn der Alte schon über vier Jahre tot war. Seine Mutter war zwei Jahre vor ihrem verhassten Mann gestorben, als hätte sie vor ihm aus ihrem dunklen Leben fliehen müssen. Darmkrebs im Endstadium – keine schöne Sache, aber sie hatte alles tapfer ertragen. Heute diente ihm das Grab der beiden als Versteck für seine Waffen – ausgerechnet. Dort, war Hank sicher, würde niemand nach einem Präzisionsgewehr und einer Pistole suchen.

Er war früh dran, und ihm blieb noch Zeit für zwei weitere Tassen Kaffee. Dass der Richter ihm so kurz vor Weihnachten noch einen Auftrag zuspielte, erstaunte ihn. In der Regel war nach Ende September nichts mehr zu erwarten.

Bei seinem letzten Auftrag hatte er nach Berlin fahren müssen. Es war eine heikle Angelegenheit gewesen, war dann aber sein Meisterstück geworden. Er hatte den Boss eines Rockerclans, an den die örtliche Polizei sich nicht mehr herantraute, vor einer Tankstelle mit seiner Pistole – einer guten alten Makarow ostdeutscher Bauart – erschossen, von einem Standpunkt aus, an dem ihn die Kameras nicht erfassten. Ein Fehlschuss in einen der Tanks, und die ganze Tankstelle wäre vielleicht in die Luft geflogen. Zudem hatte der Mord bundesweit für Aufregung gesorgt. Die Polizei im ganzen Land war in Alarmstimmung versetzt worden. Überall erwartete man, dass die diversen Rockerbanden aufeinander losgehen würden. Tatsächlich gab es in Berlin, Frankfurt und Gießen das eine oder andere Scharmützel. Der Mann, den er getötet hatte, war angeblich für drei Auftragsmorde sowie Drogen- und Mädchenhandel verantwortlich gewesen. Hatte der Richter also wieder den Richtigen ausgesucht.

Um zehn vor acht betrat er die Praxis. Die Frau an der Rezeption, eine abgehärmte rothaarige Matrone, schaute ihn mürrisch an und nannte fragend seinen Namen. Er nickte stumm. »Gehen Sie schon durch ins Sprechzimmer … der Doktor kommt gleich.«

Hank nickte erneut. So gefiel es ihm. Er musste nicht einmal im Wartezimmer Platz nehmen.

»Na, da ist ja unser Privatgelehrter«, sagte der Arzt beinahe vergnügt, als er hereinkam. Er war noch keine vierzig, trug ein weißes Hemd und Jeans, keinen Kittel. Er gehörte zu der neuen Generation cooler Ärzte, die ihre Patienten ernst nahmen und ihnen möglichst viel erklärten. Zum ersten Mal bemerkte Hank die Fotos auf dem Schreibtisch des Mediziners: zwei Kinder – Mädchen und offensichtlich Zwillinge – auf einem Trampolin in einem weitläufigen Garten. Das Bild einer Idylle. Er musste unwillkürlich lächeln.

»Herr …«, begann der Arzt. Nun runzelte er die Stirn. »Ich fürchte, die Gründe für Ihre Verspannungen sind doch ein wenig ernster, als wir angenommen haben. Sind Sie Raucher? Wie viele Zigaretten rauchen Sie am Tag?«

Hank verstand die Frage nicht sofort. Was sollten Zigaretten mit seinen Verspannungen im Nacken zu tun haben?

»Früher«, sagte er und wollte schon fortfahren: »… bevor ich Chauffeur am Gericht wurde«, aber dieser Beruf hätte schlecht mit seiner vorgetäuschten Existenz als Privatgelehrter zusammengepasst, also sammelte er sich kurz und sagte: »Ich habe es mir abgewöhnt, vor ein paar Jahren schon. Hat mich bei meinen...



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