Rohn | Die ersten Tage der Liebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Rohn Die ersten Tage der Liebe

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-092-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-98707-092-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die einzigartige Geschichte einer schicksalhaften Liebe und die alles entscheidenden Momente im Leben. Friedrich Dohle stellt sich auf freudlose Ferien ein: Seine Frau ist allein verreist, während er in Osnabrück bleibt. Doch dann steht auf einmal Susan vor seiner Tür, seine ehemalige Lehrerin, in die er sich vor fast vierzig Jahren haltlos verliebte. Gezwungen, ihre Beziehung geheim zu halten, schworen sie sich ewige Treue. Bis ein tragisches Unglück Susan aus der Stadt trieb. Nun ist sie zurückgekehrt, damit Friedrich sein Versprechen einlöst: sie für alle Zeit zu lieben.

Reinhard Rohn, 1959 in Osnabrück geboren, lebt seit über 30 Jahren in Köln und arbeitet als Verlagsleiter in einem Berliner Verlag. Er hat zahlreiche Kriminalromane ins Deutsche übersetzt und mehrere Spannungsromane geschrieben.
Rohn Die ersten Tage der Liebe jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


2

Ein Bild prägte seine Kindheit: ein kleines Kind, dreijährig, in einem schwarzen Anzug, einem Hemd mit einem harten weißen Kragen, der am Hals scheuerte, mit Lackschuhen und feinen weißen Handschuhen. Es saß auf einem Holzkasten. Wenn man nicht genau hinschaute, hätte man das hölzerne Ungetüm für ein zu groß geratenes Pferd halten können, ein unförmiges Spielzeug. Dass es ein Sarg war, wäre keinem Betrachter in den Sinn gekommen. Sein Vater hatte das Foto mit einer Leica geschossen. Der erste Sohn im Bestattungshaus Dohle. Mehrere Särge aus unterschiedlichem Holz – Eiche, Lärche, Kirsche – und verschieden große Urnen schmückten den Ausstellungsraum, dazwischen stand ein schwarzes edles Ledersofa, flankiert von zwei mächtigen Vasen mit teuren Orchideen. Auf Wunsch konnten von einer Musiktruhe auch klassische Klänge eingespielt werden. Bach, am liebsten etwas von Bach, auch wenn sein Vater von klassischer Musik eigentlich nichts verstand, sondern lieber bayerische Blasmusik hörte und seine Mutter Schlager liebte. Wenn er die Augen schloss, hatte er die Szenerie immer noch vor Augen.

Im Mai 1959, vier Wochen nach seiner Geburt, hatten seine Eltern sich mit ihrem Bestattungshaus selbstständig gemacht. Vorher hatte sein Vater als Tischler gearbeitet, aber dessen Rückenleiden war immer heftiger geworden, sodass er zuletzt mehr beim Arzt gesessen als an der Werkbank gestanden hatte.

Seine Mutter hatte ihre Bürotätigkeit bei einem Steuerberater aufgegeben, und er, der kleine Friedrich, kroch mit acht, neun Monaten zwischen den Särgen herum und wurde nur eingefangen, wenn Kundschaft ins Haus kam. Seinen ersten Toten hatte er gesehen, als er vier war – einen mageren nackten Mann, den er in seiner Erinnerung nur den Dirigenten nannte, weil er mit seinen grauen lockigen Haaren dem mittelalten Herbert von Karajan geähnelt hatte. Sein Vater hatte den Toten gewaschen und ihm dann ein weißes Rüschenhemd angezogen.

Später, mit acht oder neun, musste er seinem Vater zur Hand gehen, wenn er nicht auf Henry, seinen zwei Jahre jüngeren Bruder, aufpassen musste. »Reich mir mal den Kamm, Friedrich.« – »Wo ist das Totenhemd?« – »Na, sieht Frau Soundso nicht schön aus mit ihren gefalteten Händen?«

Manchmal hatte Friedrich schon damals das Gefühl gehabt, dass sein Vater sich am liebsten unter Toten aufhielt; er redete mit ihnen, sie widersprachen ihm nicht, und er hatte keine Angst vor ihnen. Er erzählte ihnen auch, wer er eigentlich war – der arme Flüchtling, den man aus Ostpreußen vertrieben, dem man alles genommen hatte, zuerst den Hof, dann die Eltern, auf der Flucht die kleine Schwester, die an der Ruhr gestorben war. Als Tischler habe er sich durchschlagen müssen – ganz unter seinem Stand, obschon sein Vater das erste Auto im Dorf besessen habe, die schönsten Pferde und einen Hofladen obendrein. Die Toten hörten aufmerksam zu. Selbst wenn der Vater sich permanent wiederholte, wenn aus dem Opel ein Mercedes wurde und all die Dinge aufgezählt wurden, die man im Hofladen verkauft hatte – Brot, selbst gemachte Wurst und so weiter –, wurden die Toten nie ungeduldig.

Wie ängstlich sein Vater war, konnte man erst begreifen, wenn er sein angestammtes Revier – das Bestattungshaus und die Friedhöfe der Stadt – verließ. Er fuhr nie in Urlaub, wollte nie ein anderes Land sehen; seit einem Sturz von einem Motorroller warnte er schon das kleine Kind, nicht zu schnell auf dem Fahrrad zu sein. Sein Refugium war ein Garten am Rande der Stadt, fünfhundert Quadratmeter mit viel Rasen und wenig Unkraut und einer Hütte, in der man zu viert ein Wochenende verbringen konnte. Eine Heizung gab es in der Hütte nicht, aber das erste Telefon der Gartensiedlung, weil ein erstklassiger Bestatter immer erreichbar sein musste.

An der ersten Bestattung nahm Friedrich mit elf Jahren teil, als einer von vier Sargträgern. Er ging ganz hinten links, mit ernstem, ruhigem Gesicht. »Guck dir die Soldaten vor dem Buckingham-Palast an«, hatte sein Vater gesagt. »So muss auch ein guter Sargträger aussehen, gelassen, ohne eine Miene zu verziehen, seelenruhig.« Der Sarg war schwer, der Griff schnitt tief in seine linke Hand, er atmete in kurzen Stößen durch den Mund, seine Augen waren auf ein fernes Nirgendwo gerichtet. Der Tote hatte eine gewisse Berühmtheit, ein Schauspieler vom Stadttheater, deshalb standen etliche Leute am ausgehobenen Grab. Friedrich schwitzte, und einmal, während sie mit dem Sarg auf das Grab zusteuerten, musste er sich einen besonders großen, lästigen Schweißtropfen von der Lippe lecken.

Am nächsten Tag war ein Foto der Bestattung mit ihm in der Zeitung – ausgerechnet dieser Moment war eingefangen worden, wie er mit offenem Mund den Sarg trug. Er war in der sechsten Klasse am Graf-Stauffenberg-Gymnasium, ein schlechter Schüler, doch nun bekam er obendrein einen neuen Namen. Er hieß bis zum Abitur: der Bestatter.

Wer hat heute Kartendienst? Der Bestatter!

Wo ist das Klassenbuch? Beim Bestatter!

Für die Klassenfahrt sammeln? Das kann doch der Bestatter erledigen.

Es half nichts, sich dagegen zu wehren, und Friedrich gab es auch rasch auf.

Nur seine Mutter verstand, wie unglücklich er war. Eines Abends hörte er, wie sie zu seinem Vater sagte: »Hermann, der Junge mag das nicht. Er will dir nicht bei der Arbeit helfen; es ist auch nicht gut für ihn.«

Sein Vater schnaubte, wie er es immer tat, wenn ihm etwas nicht gefiel. »Er hilft mir nicht oft, nur ausnahmsweise, wenn jemand ausfällt. Ich habe meinem Vater immer gerne geholfen, und unser Beruf ist ehrenwert. Wir sind für Menschen da, Trauernde, die in höchster Not sind. Wir …«

»Für Friedrich ist das nichts«, unterbrach seine Mutter ihn ungewohnt energisch.

Das nächste väterliche Schnauben fiel lauter und unwirscher aus. »Er soll einmal das Geschäft übernehmen. So lernt er es von klein an, und die schlimmen Fälle, die Unfallopfer, kriegt er gar nicht zu Gesicht. Ich weiß doch, was ich tue, Marianne.«

Mit diesem Satz beendete sein Vater die unliebsamen Gespräche. Ich weiß doch, was ich tue.

Am nächsten Tag sah er seinen Vater auf einmal mit ganz anderem Blick. Die kleine, untersetzte Gestalt, die schwarzen Härchen auf seinen Händen, die Augen, die tief in den Höhlen lagen, den schmalen, beinahe lippenlosen Mund, die Haare, die er sich morgens pedantisch über die große kahle Stelle am Hinterkopf kämmte. Er will, dass ich so werde wie er! Dieser Gedanke stach ihn immer wieder. Ich soll sein kleines, ängstliches Leben verlängern.

Als hätte der Einwand seiner Mutter gefruchtet, musste Friedrich in den nächsten Monaten bei keiner Beerdigung mehr aushelfen, nur dann und wann hatte er Botengänge zu erledigen, oder er wurde beauftragt, Blumen zu besorgen oder Fotografien rahmen zu lassen.

Doch dann – er war mittlerweile vierzehn Jahre alt – musste er an einem regnerischen Dezembertag wieder die weißen Handschuhe überstreifen. Ein Bauunternehmer war gestorben. Ein hohes Tier, wie sein Vater meinte. Eine große Trauerfeier – »wir dürfen da nichts falsch machen, da werden gut und gerne zweihundert Leute zusammenkommen«.

Der Sarg war pechschwarz, ein schwarz lackierter Kasten. Das Foto des Toten hatte verraten, dass er groß und fett gewesen war. Kurz vor der letzten Kurve geriet Friedrich ins Stolpern, nicht aus Schwäche, wie er sich eingestehen musste, sondern aus Widerwillen, Verdruss und Ekel. Für eine lange Sekunde geriet der Sarg in Schieflage, er drohte sogar umzuschlagen, doch die anderen Männer, alle drei routinierte Träger jenseits der sechzig, denen die graue Teilnahmslosigkeit ins Gesicht gemeißelt war, waren geschickt genug, um die Katastrophe zu verhindern, und stellten das Gleichgewicht wieder her, bevor Friedrich sich gefangen hatte. Nur sein Vater hatte diesen einen Moment der Disbalance bemerkt, wie an seiner mürrischen Miene abzulesen war.

Doch Friedrich selbst empfand kein Schuldgefühl, im Gegenteil, später, als er im Bett lag, das strafende Schweigen seines Vaters ertragen hatte, kam es ihm wie ein Akt des Widerstandes vor. Noch ein-, zweimal straucheln und er wäre von diesen Gängen befreit.

Wenn seine Mutter nicht an Migräne litt, was mit den Jahren immer häufiger vorkam, ging sie sonntags tapfer ins Hochamt; sein Vater jedoch ließ sich nur selten in der Kirche blicken, er schützte andere Tätigkeiten vor, dabei war es ihm wichtig, den Kontakt mit dem glatzköpfigen Pfarrer mit den rosigen Wangen zu halten. Von Sankt Joseph kam schließlich häufig Kundschaft, und im Gemeindeblättchen inserierte er auf der ersten Seite. »Seriös und kompetent – das Trauerhaus Dohle. Vierundzwanzig Stunden für Sie im Dienst.«

Ihn und seinen Bruder Henry schickten sie jeden Sonntag zur Zehn-Uhr-Messe. »Bete für mich mit«, rief ihm sein Vater manchmal lachend zu. Friedrich hatte schon damals nicht begriffen, ob sein Vater religiös war; er kannte Gebete, konnte lauthals ein paar Kirchenlieder singen, was er besonders in der Weihnachtszeit auch tat, aber ob es ihm etwas bedeutete, wusste wahrscheinlich nicht einmal die Mutter. Später, als Friedrich kaum noch aushalf, war er sicher, dass der Vater nur an den Tod glaubte; der Tod war sicher, mit dem Tod kannte er sich aus, und ob danach noch etwas kam, ob die Leichen, die er wusch und anzog, in irgendeiner Sphäre weiterlebten, interessierte ihn nicht. Eher war von Belang, dass die Rechnung, die nach einer gebotenen Zeit folgte, pünktlich beglichen wurde.

Als Friedrich fünfzehn war und bei einer Bestattung einen Niesanfall erlitten hatte, nahm sein Vater ihn hinterher beiseite. Er sprach mit scheinbar freundlicher,...


Rohn, Reinhard
Reinhard Rohn, 1959 in Osnabrück geboren, lebt seit über 30 Jahren in Köln und arbeitet als Verlagsleiter in einem Berliner Verlag. Er hat zahlreiche Kriminalromane ins Deutsche übersetzt und mehrere Spannungsromane geschrieben.

Reinhard Rohn, 1959 in Osnabrück geboren, lebt seit über 30 Jahren in Köln und arbeitet als Verlagsleiter in einem Berliner Verlag. Er hat zahlreiche Kriminalromane ins Deutsche übersetzt und mehrere Spannungsromane geschrieben.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.