E-Book, Deutsch, 672 Seiten
Rose Das Haus der Geheimnisse
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-295-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 672 Seiten
ISBN: 978-3-95530-295-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
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'Marcia Rose versteht es meisterhaft, ihren Figuren Leben einzuhauchen und sie zu starken Charakteren zu formen. Große Emotionen vor einem stimmungsvollen, farbenprächtigen historischen Hintergrund.' Publishers Weekly Aimee ist so extravagant wie schön. Sie legt den Grundstein für eine Dynastie von Frauen, die im prächtigen Haus der Talents in New York wohnen. Aimees Vater, ein erfolgreicher Reeder, hat ihr das Haus vermacht. Soll Aimee zugunsten dieses Besitztums auf die Liebe verzichten? Soll sie ein Haus zu ihrem Lebensinhalt machen? Sie entscheidet sich schließlich gegen den Mann, der sie nicht liebt, und für das Haus. Vier Generationen von Frauen werden sich in diesem Haus aufhalten: Hier ereignen sich schreckliche Dramen, doch es gibt auch große Freude und höchste Lust.
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2
Dezember 1853
Draußen schneite es heftig. Dichte, feuchte Schneeflocken fielen vom endlosen weißen Himmel. Im Esszimmer der Pomegranate Street sieben knisterte ein Feuer im Kamin, und aus der Küche zog der köstliche Geruch nach gebratenem Schweinefleisch und Apfelsauce herüber. Amy Tallant saß am Kopfende des großen Mahagonitisches und las laut aus Onkel Toms Hütte vor. Brigit O’Neal, saß über einen Strumpf gebeugt, den sie gerade stopfte.
»… dort bot sich ein völlig unerwarteter Anblick: Eine junge Frau lag ohnmächtig auf zwei Stühle gebettet. Ihre Kleider waren steif gefroren, und die Strümpfe hingen in Fetzen um die blutigen Füße … So deutlich war ihrem Gesicht die verachtungswürdige Herkunft anzusehen, dennoch vermochte niemand seine düstere und jammervolle Schönheit zu leugnen …«
Schönheit!, dachte Brigit, verkniff sich aber, es laut auszusprechen. Niemals würde man einen dieser schwarzen Affen schön finden! Mrs. Tallant war eine gute Herrin – es gab keine bessere –und eine feine Dame, aber über einige Dinge hatte sie seltsame Ansichten … und Nigger gehörten dazu. Brigit liebte Geschichten, doch es langweilte sie zu Tode, ständig von diesen Niggersklaven erzählt zu bekommen. Für sie waren sie hässlich wie die Sünde und schwarz wie Pech, und ganz bestimmt hatten sie auch eine schwarze Seele. Und in diesem Fall verdienten sie es, Sklaven zu sein.
Irgendetwas ließ sie aufhorchen, etwas von einem Baby, das sie ein wenig mehr interessierte, und sie hörte wieder zu.
»›Ich habe nie eine Nacht ohne ihn verbracht; er war doch alles, was ich hatte. Er war mein ganzer Stolz und mein Trost … und, Missis, sie wollten ihn mir wegnehmen und nach dem Süden verkaufen! … Deshalb bin ich davon gelaufen, aber sie haben mich verfolgt … Ich bin einfach aufs Eis gegangen; aber ich kann mich nicht erinnern, wie ich es geschafft hab, es zu überqueren …‹ Keine einzige Träne war auf dem Gesicht der Frau zu sehen. Sie befand sich bereits an einem Ort, wo es keine Tränen mehr gab.«
An dieser Stelle geriet Mrs. Tallants Stimme etwas ins Stocken, und sie unterbrach sich. »Ist das nicht die Mitleid erregendste und entsetzlichste Geschichte, die du je gehört hast, Brigit? Stell dir nur vor, zusehen zu müssen, wie das eigene Baby verkauft wird, als wäre es ein … ein Pfund Butter.«
Brigit sah von ihrer Stopfarbeit auf. In Mrs. Tallants Augen standen Tränen, die sie zurückzuhalten versuchte. Das arme Ding! Achtzehn Monate verheiratet und noch immer nicht schwanger. Brigit wusste genau, wie sehr sich Mrs. Tallant nach einem Kind sehnte.
»Wie schrecklich doch diese Sklaverei ist! Menschliche Wesen zu kaufen und zu verkaufen ist doch gegen die Lehren Gottes –«
»Erzählen Sie mir doch noch mal davon, wie Sie Onkel Toms Hütte im Theater gesehen haben«, versuchte Brigit abzulenken. »Ich habe noch nie ein richtiges Stück in einem richtigen Theater gesehen.« Die Bemerkung, dass sie dieses oder jenes noch nie erlebt hatte, genügte, um Mrs. Tallants weiches Herz anzurühren. Bereitwillig erzählte sie ihr dann eine Geschichte oder – wenn Brigit Glück hatte – nahm sie das Mädchen sogar mit, damit sie sich etwas selbst ansehen konnte.
Ein paar Monate zuvor – es war im Oktober – hatte sie erwähnt, dass die Everdells Nora zu einem Picknick am Friedhof Greenwood eingeladen hatten. Und wenig später fuhr Mrs. Tallant mit ihr in der Postkutsche zum Friedhof … und zwar mit einem riesigen, gut gefüllten Picknickkorb.
»Hatten sie dort auf der Bühne richtiges Eis?«, fragte sie jetzt. »Oh, ich wünschte, ich wäre dort gewesen.«
Mrs. Tallant ließ das Buch sinken, während Brigit den Kopf neigte, damit ihr Lächeln nicht zu sehen war. Sie hatte Mrs. Tallant dazu gebracht, von dem Stück zu erzählen und davon, was die Frauen getragen hatten und was sie anschließend bei Delmonico’s oder in einem der anderen noblen Restaurants zu Abend gegessen hatten.
»Es war kein richtiges Eis, Brigit. Es war nur ein Bühnenbild, verstehst du? Das Publikum musste seine Phantasie einsetzen. Wenn du schon einmal im Theater gewesen wärst, dann könntest du verstehen, wie wenig erforderlich ist, um eine Szenerie real wirken zu lassen.«
Sie lachte. »Und zum Glück waren wir danach noch bei Dorlons und haben Austern gegessen und ein Bier getrunken, bevor wir die Fähre zurück nach Brooklyn genommen haben. Es war schon mühsam und aufregend genug, den East River zu überqueren, wo all diese Eisschollen auf dem Wasser trieben. Wir Frauen haben uns in Todesangst aneinander geklammert. Der Lärm und der Aufprall, wenn die Fähre einen dieser riesigen Eisblöcke gerammt hat. Wie ein Kanonenschuss! Ich schwöre dir, die Überfahrt nach New York kann rauer sein als eine Überquerung des Atlantiks! Und trotzdem nehmen die Männer zweimal am Tag die Fähre, um in ihre Büros in New York zu gelangen.«
Was verstand diese verhätschelte Frau, die ein Leben in Luxus führte, schon von Dingen wie schwierigen Überfahrten, dachte Brigit zornig, obwohl es ihr gelang, ein pflichtschuldiges Lächeln zustande zu bringen. Ihre eigene Überfahrt aus Irland damals konnte man als rau bezeichnen. Zusammengepfercht waren sie wie Tiere in einem Stall und man musste versuchen, ein winziges Plätzchen auf dem schmutzigen Deck für seine Stola zu finden, so dass man sich wenigstens hinsetzen und ein wenig frische Luft schnappen konnte. Nach den ersten Tagen gab es nichts mehr zu essen, außer ein paar trockenen Brotkrusten, einem bisschen verdorbenen Fleisch oder irgendeinem Rest, den man aus dem Heringsfass ergattert hatte.
Als das Schiff endlich angelegt hatte, stank sie zum Himmel nach Fisch, Schmutz und Schweiß. Natürlich war ihr damals nicht bewusst, wie heruntergekommen sie ausgesehen und wie entsetzlich sie gerochen hatte. Schließlich stammte sie aus einer schmutzigen Hütte in Galway mit Lehmboden, deren Wände vom Torffeuer geschwärzt gewesen waren und wo es nichts gegeben hatte außer einem einzigen Kochtopf und einem Löffel zum Umrühren – beides alles andere als sauber. Niemand badete dort. Keiner hatte je etwas davon gehört. Wenn es draußen warm wurde, zog man sich die Kleider aus – die Lumpen, die man bereits den ganzen Winter über getragen hatte – und sprang ins Wasser, um den Schmutz des Winters abzuwaschen. Deshalb fiel es ihr schwer, die Zunge im Zaum zu halten, als Mrs. Tallant wieder vom schrecklichen Leben der unseligen Neger anfing und davon, dass jeder Mitleid mit ihnen haben und sie befreien müsste.
Nur ein einziges Mal begehrte sie auf. »Für mich und meine Leute war es kein bisschen anders. Auch wir waren Sklaven!«
»Was für eine seltsame Einstellung, Brigit.« Mrs. Tallant hatte sie ungeduldig angesehen. »Ihr wurdet doch nicht verkauft wie Vieh! Du musst lernen, dass es nicht schicklich ist, sich selbst wichtiger zu machen, als man ist.« Trotz des Mitgefühls, um das sich Mrs. Tallant bemühte, würde sie Brigits Welt eben doch niemals ganz verstehen können.
Noch heute wurden die O’Neals in Galway von einem grausamen Grundbesitzer, der nicht vor Ort lebte, wie Sklaven gehalten. Und wenn Brigit nicht regelmäßig Geld nach Hause schicken würde, wäre ihre Familie schon längst verhungert. Brigit kämpfte mit den Tränen und sagte kein weiteres Wort zu Mrs. Tallant.
Doch sie würde die Vergangenheit nie vergessen: Es war an einem schönen Frühlingsabend. Völlig erschöpft waren sie von der anstrengenden Feldarbeit in der Abenddämmerung nach Hause gekommen und fanden ihre kleine Hütte niedergerissen und ihre wenigen Habseligkeiten überall verstreut vor. Der Grundbesitzer begehrte ihre Felder als Weiden für sein Vieh, und in seinen Augen zählten die O’Neals weniger als seine Viehherde. Sie waren gezwungen, ihr verbliebenes Hab und Gut zu nehmen, und in einer Höhle Unterschlupf zu suchen. In einer Höhle!
Sie konnte es nicht mehr ertragen. »Ich gehe nach Amerika«, verkündete sie. »Zumindest habe ich dort die Chance auf ein erträgliches Leben.« Sie küsste ihre Mutter und ihren Vater zum Abschied und begab sich in die Dienste einer gewissen Mrs. Hamilton. Inzwischen ist es über zwei Jahre her, seit sie ihre Familie das letzte Mal gesehen hat.
Sechzehn Jahre alt war sie, als sie ihr Schicksal in die Hände der Hamiltons im fernen New York legte, die sie noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte.
Die Arbeit war hart, die Herrin streng und der Herr so gemein. Mrs. Hamilton bereitete es großes Vergnügen, ihr nachzugehen und mit einem weißen Handschuh die Sauberkeit zu kontrollieren, wobei sie bei jedem Staubkörnchen ein triumphierendes Krähen wie ein Hahn am Morgen ausstieß. Siebenundsiebzig Regeln und Beschränkungen gab es, von denen einem der Kopf rauchte, und das für einen Dollar im Monat, und zwar so lange, bis die Kosten für die Überfahrt beglichen waren. Noch schlimmer allerdings war, dass sie Abfälle zu essen bekam, und davon nicht einmal genug. Sie litt unter ständigem Hunger, beinahe so sehr wie damals in Irland.
Oh, und dann die ständigen Bibel-Lesungen des Hausherrn, die sie über sich ergehen lassen musste, gefolgt von einem endlos langen Vortrag. Oh ja, sie durchschaute die Absicht. Diese Calvinisten wollten die katholischen Mädchen dazu bringen zu konvertieren. Auch ihre Freundin Nora hatte solche Erlebnisse. Auf Knien musste Brigit betteln, zur Beichte gehen zu...




