E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Rose Im Haus des Vaters
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-299-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-95530-299-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein großer, bewegender Roman um zwei Familien zwischen Leidenschaft und Gerechtigkeit, Liebe und Verzeihen. New York: Jonah ist ein vom Schicksal gestrafter, verbitterter Mann. Seine Frau Dorothy liebt ihn über alles, aber wie lange kann sie seine Bitterkeit noch ertragen? Verständnis findet sie einzig bei ihrer Tochter, sind doch auch in deren Ehe die Romantik und die Liebe abhanden gekommen. Als eine lange schwelende Familienfehde erneut ausbricht, beschließen die Frauen zu handeln ... Eine dramatische Familiengeschichte aus dem modernen Amerika vor einem gewaltigen Zeitpanorama: vom Nachkriegsidealismus über die McCarthy-Zeit und die Romantik der 70er Jahre bis in die Gegenwart. 'Marcia Rose versteht es meisterhaft, ihren Figuren Leben einzuhauchen, sie zu starken Charakteren zu formen. Große Emotionen vor einem stimmungsvollen, farbenprächtigen Hintergrund.' Publishers Weekly
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KAPITEL 2
Sonntag, 12. Juli 1987
Die gespannte Erwartung im Wohnzimmer war buchstäblich mit Händen greifbar. Alle Gäste hatten sich hingesetzt, wo sie gerade Platz fanden; teilweise teilten sie sich sogar einen Sitzplatz, die Mehrzahl jedoch hatte es sich auf dem Fußboden bequem gemacht. »Lasst Cookie durch. Sie soll sich neben Dave setzen«, rief jemand. »Aber dann muss ich über zehn Leute hinwegklettern«, wandte sie ein. »Es ist schon okay, ich setze mich hierher.« Sie ließ sich auf die Lehne des Sessels sinken, in dem ihr Vater saß. Der nahm ihre Hand – eine überraschende Geste, die sie mit Freude erfüllte und zugleich ein wenig traurig stimmte.
»Und? Wie sieht’s aus, Cookele? Kommt mich dieser alte Starrkopf besuchen? Aber nein. Das wird er nicht tun, dazu ist er ja viel zu wichtig. Ich weiß schon, ich muss in seinen noblen Club gehen, hab ich Recht? Und du kannst Deena sagen, dass dein Vater das vielleicht auch tut. Wenn Jack Strauss mich auf Händen und Knien darum bittet, dann mach ich’s vielleicht.« Er lachte.
Cookie unterdrückte einen Seufzer, während sie die Vermutung beschlich, dass es nicht ganz einfach werden würde, die beiden alten Knaben zusammenzubringen. Aber der Applaus der Gäste beim Anblick der vertrauten Luftaufnahme von New York, die in diesem Augenblick auf dem Bildschirm erschien, ersparte ihr eine Erwiderung. Zumindest vorläufig.
Als Nächstes erschien Dick Wallachs vertrautes Gesicht und der Titel des Beitrags in fetten Lettern: AUFGEDECKT. Wieder brandete Applaus auf. »Wenn Sie den Beweis hätten, dass tagtäglich hilflose Kinder in ihren eigenen vier Wänden ermordet werden, würden Sie dann diesen Missstand nicht anprangern? Dave Adler hatte die Beweise dafür in der Hand und hat genau das getan. Dave Adler ist Sozialarbeiter und Mitarbeiter der Städtischen Sozialbehörde von New York und hat zahlreiche Fälle beobachtet, in denen Anzeigen wegen häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch nicht nachgegangen wurde. Nun, Dave Adler arbeitete für das System und vertraute ihm. Deshalb legte er seine Berichte bei den entsprechenden Behörden vor. Und war man ihm vielleicht dankbar dafür? Wurde er befördert? Nein, das wurde er nicht. Stattdessen wurde er in seiner Kompetenz beschnitten, man hat ihn geächtet, sein Gehalt auf die Hälfte gekürzt und seine Karriere zerstört. Und laut Dave passiert das jedem, der den Mund aufmacht.«
»Huh! So was nennt man heutzutage Nachrichten«, meinte Jonah, als das Gesicht des Reporters vom Bildschirm verschwand. »Aber habe ich das nicht auch schon früher gesagt? Glaubt mir, in Wahrheit gibt es nichts Neues mehr auf der Welt.«
»Shh, Jonah, das ist Daves Sendung«, meinte Dot, was zwar nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber es war gut gemeint, dachte Cookie. Sie sah zu Dave hinüber, der auf dem Ehrenplatz mitten auf der Couch saß und gespannt den Bildschirm anstarrte. Eigentlich war der Fernseher viel zu klein für all diese Menschen. Dave hatte eines dieser Riesendinger mit 70-Zentimeter-Bildschirm haben wollen, aber Cookie hatte keine Lust, fast 1000 Dollar auszugeben, nur damit ein riesiges blindes Auge ihr gemütliches Wohnzimmer mit all den schönen mexikanischen Töpferwaren und dem hellen Teppich dominierte.
Dave starrte wie gebannt auf den Fernseher – wie ein Kind, das sich Zeichentrickfilme ansehen durfte, und ermahnte die Schlauköpfe, die ihre Kommentare abgaben, den Mund zu halten. Er sah so lebendig aus, und Cookie war froh, endlich wieder dieses Funkeln in seinen dunklen Augen zu entdecken wie damals, als sie sich kennen gelernt hatten. Das war ihr als Erstes an ihm aufgefallen – sein dunkler Teint und die Energie, die von ihm ausging. Sie waren einander im Bus auf dem Rückweg vom Marsch auf Washington begegnet, an dem Tag, als sie auch Deena getroffen hatte. Sie standen beide noch unter dem Bann der Magie dieses unglaublichen Tages, und es war Liebe auf den ersten Blick. Oder so etwas in dieser Art. Was auch immer es gewesen ist – sie waren bis zum heutigen Tag zusammen.
Sie betrachtete ihn so, wie sie es schon seit einer Ewigkeit nicht mehr getan hatte. Er war auf attraktive Weise älter geworden; nur ein paar vereinzelte silberne Strähnen im Haar und im Bart, sonst nichts. Die dichten, kräftigen Locken waren etwas dünner geworden, aber er zeigte keine Anzeichen einer Glatze, wie so viele seiner Freunde. Und die vergangenen drei Jahre Training im Fitness-Club, die fünf Meilen, die er täglich lief, ob bei Sonne, Regen, Schnee oder Eis, hatten ihn muskulös werden lassen.
Das war auch den Frauen im Haus nicht entgangen. »Meine Güte, einen Mann mit so einem Körper zu haben muss ja ein echter Augenschmaus sein«, hatte Molly Santangelo mit ihrem losen Mundwerk bemerkt.
Cookie wusste noch, wie erschrocken sie auf diese Bemerkung reagiert hatte. Dave war eben Dave. »Er fühlt sich nicht anders an als früher.«
»Klar, Cookie. Erzähl mir doch nichts!«
Sie fragte sich, was Molly wohl dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass Cookie gerade an dem Abend, als Dave nach Hause kam und erzählte, dass er degradiert und sein Gehalt auf die Hälfte gekürzt worden war, die Scheidung vorschlagen wollte. Sie erinnerte sich noch an jedes Wort ihrer kleinen vorbereiteten Ansprache und war sich nicht einmal sicher, ob sie sie nicht eines Tages doch noch halten würde.
Niemand in diesem Raum hatte auch nur die leiseste Ahnung von all dem. Würde sie jetzt die Katze aus dem Sack lassen, würden sie sie mit offenem Mund anstarren. Und dann würden sie in Gelächter ausbrechen und glauben, sie hätte einen Scherz gemacht. Cookie und Dave Adler galten als perfektes Paar, die alles miteinander teilten und eine wunderbare, harmonische Ehe führten.
Das hatte sie bis vor drei Jahren auch gedacht. Die Kinder waren ausgezogen, und mit einem Mal waren sie allein. Zumindest in gewisser Weise. Sie und Dave sahen einander ziemlich selten. Er hatte seine Sitzungen, sein Training im Fitness-Club, seine wöchentliche Pokerrunde und jede Menge Arbeit, die er jeden Abend mit nach Hause brachte. Sie hatte ihre Gymnastikstunden, die Stadtteilbehörde, die Frauengruppe, ihren italienischen Konversationskurs und jede Menge Arbeit, die sie jeden Abend mit nach Hause brachte. Sie bekam ihn kaum zu Gesicht, darauf lief es letztendlich hinaus.
Und genau um diese Zeit schien die Hälfte der Frauen um sie herum zu sagen: »Schluss. Wir kriegen es nicht in den Griff. Ich gehe!« Sogar ihre beste Freundin Lois.
Und sie saß noch immer im selben alten Apartment, mit ihrem alten Leben, während all die Frauen um sie herum die Fesseln abstreiften und sich um ihr eigenes Leben kümmerten. Die Aufregung, die Freiheit, die Möglichkeiten! Allein beim Gedanken daran wurde ihr beinahe schwindlig. Vielleicht hatte sie zu jung geheiratet und sich zu früh an jemanden gebunden, nur weil er behauptet hatte, er liebe sie. Vielleicht war das der Grund, dass sie von Zeit zu Zeit das Gefühl hatte, etwas versäumt zu haben... obwohl sie nicht sagen konnte, was.
Romantik. Das war es. Das hatte sie nie gehabt. Und das würde sie auch nie haben. Sie hatte einen Mann geheiratet, weil er gut zu ihr passte und die richtige politische Meinung hatte. Und in erster Linie, weil er sie mochte.
Es war auf der Rückfahrt vom Marsch auf Washington. Der 28. August 1963. Ein dunkelhaariger, gut aussehender junger Mann saß neben ihr, und nach einer Weile kamen sie ins Gespräch.
Natürlich fühlte sich an diesem Tag jeder mit jedem verbunden. Cookie, die sich nicht für ein Mädchen hielt, zu dem sich Männer besonders hingezogen fühlten, war einigermaßen überrascht, als sie feststellte, dass er sich mit ihr unterhalten wollte. Das Gespräch drehte sich in erster Linie um Details von Dr. Kings Rede, darum, wie einem die Macht und die Eloquenz dieses Mannes einen Schauer über den Rücken gejagt hatten. Und die Menge! All diese Menschen! Das musste das Ereignis des Jahrhunderts sein!
»In meinem ganzen Leben war ich noch nie so aufgeregt«, erklärte er, packte ihre Hand und drückte sie, ohne es zu bemerken. »Heute wurde Geschichte geschrieben, und wir waren dabei... Ist Ihnen das klar?« Sie unterhielten sich weiter, und es war so leicht und unbeschwert. Er lachte sie auf diese ganz bestimmte Weise an, die ihr Herz klopfen ließ. Fand er sie attraktiv? Sie konnte es nicht genau sagen. Sie wusste zwar, dass Jungs gern Sex haben wollten, aber das hier war anders.
»Haben Sie schon mal was von der Coop-Siedlung gehört?«, fragte er sie.
»Davon gehört? Ich habe früher dort gewohnt.«
»Ehrlich. Mein Gott, ich wünschte, wir hätten auch dort gelebt. Aber meine Eltern haben mich auf eine mittel shul geschickt.« Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu. »Ich bin froh, dass wir uns kennen gelernt haben.«
Also musste er wohl ein richtiger Linker sein. Wie schön. Das bedeutete, sie würde ihn nicht belügen, ihre Herkunft verheimlichen und irgendwelche Geschichten erfinden müssen. Sie lächelte ihn an. »Aber das haben wir doch noch gar nicht.«
Er sah sie verwirrt an. »Was meinen Sie damit?«
»Wir haben uns noch nicht kennen gelernt.« Was war denn das? Sie war nett zu diesem Jungen, scherzte mit ihm. »Ich bin Cookie Gordon. Eigentlich Karla, aber alle nennen mich Cookie.«
»Hi, Cookie. Ich bin Dave Adler. Wieso habe ich Sie noch nie in der Siedlung gesehen?«
»Weil wir 1953 von dort weggezogen sind.« Sollte sie es riskieren? »Mein Vater musste... weg von dort.«
Er nahm ihre Hand, doch ließ er sie verwirrt gleich wieder los. »Er stand auf der schwarzen Liste«, flüsterte er. »Ich verstehe.«
...



