E-Book, Deutsch, 256 Seiten, eBook
Roshani Komplizen
1. Auflage, neue Ausgabe 2018
ISBN: 978-3-0369-9390-4
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erinnerungen an meine noch lebenden Eltern.
E-Book, Deutsch, 256 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-0369-9390-4
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alt sind immer nur die anderen, denkt man, bis man miterlebt, wie die eigenen Eltern, scheinbar auf ewig jung und schön, gebrechlich werden. Mit großem Staunen und Liebe, aber ohne Pathos erzählt Anuschka Roshani von den Lebenskapriolen ihrer ungewöhnlichen Eltern und klärt zugleich die Frage, wie sie selbst wurde, was sie ist.
»Das Buch ist so schön, so klug, so warm, so liebevoll, so melancholisch und komisch: Es hat ALLES. Es liest sich süchtig machend, und man liebt alles darin und daran.« Elke Heidenreich
»Man muss weder in der Mitte seines Lebens stehen noch mit der Krankheit der Eltern konfrontiert sein, um dieses Buch und seine Protagonisten gern zu haben.« Frankfurter Allgemeine Zeitung
»Anuschka Roshani sind bezaubernde Erinnerungen gelungen, an sehr ungewöhnliche Eltern, ein sprühend lebensfrohes Familienalbum.« Neue Zürcher Zeitung
»Ein wirklich gutes, gescheites Buch.« Tages-Anzeiger
Autoren/Hrsg.
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2
Ich erschrecke über meine Kaltschnäuzigkeit. Erleichtert zu sein, wenn ich um mein tägliches Telefonat mit ihm herumkomme, weil er den Hörer nicht abnimmt. Froh, die paar Minuten für etwas anderes verwenden zu können, froh, ihn nicht mit leiser, verwaschener Stimme klagen zu hören. Froh, mich nicht daran erinnern lassen zu müssen, dass er nun ein alter, kranker Mann ist.
Einmal mehr zu spüren, dass Schmerz nicht teilbar ist.
Aber kaum wird mir bewusst, wie meine Gefühle in den letzten sieben Jahren verroht sind, überfällt mich schon das schlechte Gewissen – und genau in diesem Moment wird es noch größer, denn ich will nicht, dass mein schlechtes Gewissen zu dem stärksten Gefühl gegenüber meinem Vater wird.
Um mich vor mir selbst als Tochter zu rehabilitieren, erinnere ich mich daran, dass ich in Tränen ausgebrochen bin, als ich von seiner Parkinson-Diagnose erfuhr. Wie todunglücklich ich war, angesichts der Vorstellung, mein Vater würde seinen klaren Verstand einbüßen. Das war es, was mir damals als Erstes in den Sinn kam: dass er als Persönlichkeit, von der er in meinen Augen eine fulminante Ladung mehr besitzt als die meisten anderen Menschen, verschwinden würde.
Von da an durchlief ich im Zeitraffer die wahrscheinlich üblichen Reaktionen darauf. Zuerst zweifelte ich die Kompetenz des Neurologieprofessors an, der die Diagnose gestellt hatte. Dann wurde ich wütend, weil es Anlass zur Vermutung gab, dass seine Parkinsonerkrankung die Folge einer Jodvergiftung war – mein Vater war mit einer akuten Flugthrombose in letzter Minute in jenes Krankenhaus gefahren, an dem er Jahrzehnte zuvor als Oberarzt gearbeitet hatte. Dort hatte ein junger Arzt neben die Vene und ihm dadurch einen geschwollenen Arm gespritzt, und als die Untersuchung auf den nächsten Tag verschoben wurde, ging vergessen, dass ihm das Kontrastmittel bereits einmal gespritzt worden war. Die Überdosis Jod, die er damit verabreicht bekommen hatte, ließ seine Schilddrüse verrücktspielen. Plötzlich plagten meinen bis dahin fast übernatürlich gesunden Vater etliche Gebrechen.
Anfangs nahm er den Arzt vor uns in Schutz – behandle man einen Kollegen, sei man nun mal nervös und mache eher einen Fehler, und der Chefarzt des Spitals habe ihm zur Entschuldigung bereits einen Riesenblumenstrauß ans Krankenbett geschickt. Dann witzelte er, dass er in den USA mit einem derartig gravierenden Kunstfehler leicht Millionen hätte machen können und so auf seine alten Tage noch steinreich geworden wäre. Aber als der junge Arzt selbst nie ein Wort des Bedauerns über seine Lippen oder zu Papier brachte, begann er, auf seine Zunft zu schimpfen.
Ärzte seien das Letzte, wütete er, und nach jedem Besuch bei einem neuen Nervenspezialisten, nachdem er zum x-ten Mal in eine Röhre geschoben worden war – unnötigerweise, wie er fand, nur damit die Krankenhäuser Kohle machten –, fluchte er mehr und lauter auf seine Berufskollegen.
Damals auch muss sein Rollenwechsel stattgefunden haben: vom Mediziner zum Patienten. Auf jeden Fall weiß ich noch, wie schwer ich es aushielt, als mir meine Schwester, die ihn in Berlin zu allen Untersuchungen begleitete, erzählte, mein sonst so durchsetzungsfähiger, willensstarker Vater habe wie ein verschüchterter kleiner Junge in der Praxis seines Neurologen gesessen und kaum etwas gesagt, obwohl er doch dessen medizinische Ausführungen in jedem Detail verstand.
Berichtete meine Schwester mir in den Monaten, die folgten, wie alle Krankenschwestern und Ärzte bei Spitalaufenthalten um meinen Vater herumtanzten – um ihn, den Liebling der Götter –, war ich etwas beruhigt; und die Bruchstücke meines langsam bröckelnden Bildes von ihm, der andere nach wie vor anzog wie Motten das Licht, wieder notdürftig zusammengefügt.
Hätte sich mein Blick auf ihn allmählich der Realität angepasst, müsste ich ihn längst einen Greis nennen. Doch da sind immer andere, die mir dabei helfen, mir weiter in die Tasche zu lügen: zum Beispiel wenn sie von meinem Vater als »betagt« sprechen und damit sein Alter mit dem Make-up der Normalität überschminken.
Jeder hat ein Bild von seinen Nächsten, eines, das die Veränderungen von Jahrzehnten scheinbar ohne Rückstände überdauert. Dabei können die Ansichten nirgends so überholt sein wie in der Familie, ohne dass einer das unangemessen finden würde: Die eine Tochter ist vielleicht längst überpünktlich, wird in der Familie aber dennoch auf immer und ewig als die gelten, die alles auf den letzten Drücker erledigt – so wie sie als Jugendliche war. Die andere Tochter dagegen frönt im Erwachsenenalltag dem Schlendrian, wird aber das Attribut der Gewissenhaften, mit dem die Eltern sie als kleines Mädchen versahen, beibehalten. Aber vor allem die Eltern werden in den Augen ihrer Kinder immer eines bleiben: ihre jungen Eltern.
Erst wenn der Augenblick naht, in dem Verlust droht, ist man gezwungen, die früh unmerklich als Fundamente errichteten Bilder zu überprüfen. Vielleicht wird mein Vater doch noch hundert, wie meine Mutter schon an Tagen prophezeit hat, an denen wir Galgenhumor bitter nötig haben. Wenn wir uns gegenseitig daran erinnern müssen, dass einige Ärzte schon gesagt haben, wie gesund mein Vater in seiner Grundkonstitution sei – sieht man von seiner Krankheit ab. Aber falls er nicht hundert wird: Was genau weiß ich von meinem Vater? Was alles weiß ich nicht? Was davon stimmt, was ist Legende, schon jetzt, zu seinen Lebzeiten? Und warum bin ich plötzlich so erpicht darauf, meinem Mann begreiflich zu machen, dass der Altersgeiz, den mein Vater entwickelt hat, eine Eigenschaft ist, die wir alle nie und nimmer mit ihm zusammengebracht hätten? Dass hinter seiner neuen Knickrigkeit die Angst stecken muss, ihm könne das Geld ausgehen, jemanden dafür zu bezahlen, dass der ihm jeden Handgriff abnimmt, noch den intimsten, wenn er das selbst nicht mehr vermag?
Seit einiger Zeit hat er eine Pflegerin, die täglich für Stunden zu ihm nach Hause kommt, am frühen Abend, weil er bis dahin ohnehin schläft, nur von kurzen Wachphasen unterbrochen, in denen er sein Medikamenten-Bataillon schluckt. Sie ist jung und hübsch und sorgt sich derartig rührend um ihn, dass es weit über ihr Soll als Altenpflegerin hinausgeht – öfter hat sie zu uns gesagt, sie wolle auf keinen Fall, dass mein Vater denke, sie stehe ihm nur zur Seite, weil sie dafür entlohnt wird.
Carina liebt mich, wir werden noch heiraten, scherzt mein Vater ab und zu, auch vor ihr, und es gehört zu ihm und seinen Königssohn-Allüren, dass wir kurz ernsthaft in Erwägung ziehen, diese attraktive Berlinerin Anfang dreißig könnte an ihm als Mann tatsächlich Gefallen gefunden haben.
Sie ist die Einzige von uns, die auch nach Jahren von seiner Spitzzüngigkeit verschont geblieben ist – während er an seinen Freunden und besonders an meiner Mutter, seiner Exfrau, seine Launen auslässt, daran gewöhnt, dass man ihm alles verzeiht. Und jetzt, wo er krank ist, mehr denn je.
Zweifelsohne, er ist krank – aber wenn man sich nichts schönredet, auch schlicht und einfach: alt. Ganze 87 Jahre alt, ein Alter, das ich ihm nie zugetraut hätte, hätte ich mir je darüber Gedanken gemacht: Auf eine seltsam halb bewusste Weise ging ich immer davon aus, dass man so maßlos, wie er sein Leben über große Strecken geführt hat, nicht richtig alt werden kann.
La¨ngst sind die Belege für seine Unersättlichkeit in meinem Geda¨chtnis zur Anekdote geworden: dass er etwa eines Nachmittags mit mir zum pra¨chtigsten Eiscafe´ am Kurfu¨rstendamm fuhr, wie stets viel zu schnell in seinem Ro 80 im Siebzigerjahre-Orange, und dort, in der Sonne sitzend, für mich ein Spaghetti-Eis bestellte und für sich Vanilleeis, 49 Kugeln – worauf der italienische Kellner meinte, sich verhört zu haben, und dreimal nachfragte. In meiner Erinnerung hat mein Vater die Anzahl der Kugeln bestätigt, als sei seine Absicht, so einen Haufen Eis zu vertilgen, nichts Außergewöhnliches. Ich bilde mir sogar ein, dass er in den zwei Wochen vorher, wie oft, lediglich Kaugummi gekaut hatte, nichts anderes, weil er keinen Bauchansatz kriegen wollte, und die 49 Kugeln Vanilleeis seine erste feste Nahrung gewesen sind. Aber waren es wirklich 49 Kugeln, oder hat sich mir diese Zahl willkürlich ins Hirn graviert? So wie ich, nach rund vier Jahrzehnten, ja nicht mehr sicher sein kann, ob er mir vor der Fahrt zum Cafe´ wie sonst verbot, mich anzuschnallen – das Leben ist Risiko, pflegte mein Vater zu sagen, und dass ich mir solche Sa¨tze aus seinem Mund nicht im Nachhinein zusammenfantasiere, das kann meine Kindheitsfreundin bestätigen, die sich noch immer in einer Mischung aus Schaudern und Lust daran zurückerinnert, wie wir vielleicht zehnja¨hrige Ma¨dchen auf der Ru¨ckbank schlotterten, weil wir fürchteten, gleich mit hundert Sachen auf den nächsten Baum zuzurasen.
Folgerichtig wurde mein Vater über Jahre aus sämtlichen Autoversicherungen geschmissen, und waren wir als Kinder mit ihm auf dem französischen Volksfest in Berlin oder einem anderen Rummel, dann half kein Stra¨uben und Jammern: Wir mussten mit ihm auf die Achterbahn und das doppelte Looping irgendwie durchstehen. Wa¨hrend andere leuchtende Augen angesichts von »Wilder Maus« und Schiffsschaukel bekommen, fing ich meine gesamte Kindheit hindurch sofort zu flennen an, sobald ich eine Kirmes betrat.
Außerdem fuhr er jahrelang ungestraft ohne Führerschein, nachdem er ihn wegen zu schnellen Fahrens oder Überfahren roter Ampeln hatte abgeben müssen. Geriet er in eine Straßenkontrolle, behauptete er...




