E-Book, Deutsch, Band 6, 330 Seiten
Reihe: Die große Alaska-Saga
Ross Das Leuchten am Horizont
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-515-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman. Die große Alaska-Saga 6 | Das große Familienepos für Fans von »Yellowstone«
E-Book, Deutsch, Band 6, 330 Seiten
Reihe: Die große Alaska-Saga
ISBN: 978-3-98952-515-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christopher Ross gilt als Meister des romantischen Abenteuerromans. Es ist das Pseudonym des Autors Thomas Jeier, der in Frankfurt am Main aufwuchs, heute in München und »on the road« in den USA und Kanada lebt. Seit seiner Jugend zieht es ihn nach Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern, die er in seinen Romanen verarbeitet, mit den bevorzugten Schauplätzen Kanada und Alaska. Seine über 2100 Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Der Autor im Internet: jeier.de/christopher-ross facebook.com/thomas.jeier Bei dotbooks erscheint Christophers Ross' GROSSE ALASKA-SAGA mit sechs Bänden. Unter Thomas Jeier veröffentlichte er bei dotbooks zahlreiche weitere Romane.
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Kapitel 1
Am Himmel leuchtete ein seltsames Feuer, als Clarissa ihren Schlitten aus dem Wald lenkte. So wie vor zweitausend Jahren, als die Heiligen Drei Könige nach Bethlehem aufgebrochen waren, um dem Christuskind ihre Geschenke zu bringen. Nur dass es damals ein besonders heller Stern gewesen sein sollte und sich hier in Alaska das Nordlicht im Schnee spiegelte. In leuchtendem Grün und blassem Rot flackerte es über den morgendlichen Himmel, als wollte es die Menschen daran erinnern, dass Weihnachten vor der Tür stand.
»Siehst du das Nordlicht, Emmett?«, rief sie ihrem Leithund zu. Ihre Huskys hatten wenige Meilen vor der Stadt das Tempo angezogen und freuten sich über die eisigen Temperaturen und den Schnee. »Sieht ganz so aus, als würde Santa schon seinen Schlitten anspannen. Ich frage mich immer, warum er Rentiere und keine Huskys nimmt. Ihr wärt doch viel schneller.«
Emmett war sicher ihrer Meinung, ließ sich aber nichts anmerken. Auch ihm und seinen Artgenossen brachte Santa Claus an Weihnachten leckere Geschenke, und er wollte es wohl nicht mit ihm verderben. Der Weihnachtsmann hatte bestimmt seine Gründe, wenn er sich auf seine Rentiere verließ.
Das Nordlicht verblasste, und vom nahen Fluss drangen plötzlich die Anfeuerungsrufe zweier Männer herauf. »Vorwärts! Nur nicht schlappmachen!«, schallte es durch die winterliche Kälte. Im nächsten Augenblick erschienen zwei Hundeschlitten auf der Uferböschung und kamen rasch näher. Die Musher wirkten so entschlossen, als würden sie an einem Rennen teilnehmen, und schienen nicht die Absicht zu haben, ihretwegen den Trail zu verlassen.
Clarissa lenkte ihr Gespann erschrocken in den Tiefschnee und blickte wütend auf die beiden Männer. »Hey, nicht so stürmisch!«, rief sie wütend, musste aber lachen, als sie die Santa-Claus-Masken vor ihren Gesichtern sah. Sie beugte sich zu Emmett hinab und kraulte ihn zwischen den Ohren. »Hast du das gesehen, Emmett? Die trainieren bestimmt für den Christmas Cup.«
Das Rennen sollte am Weihnachtstag bis in die Ausläufer der White Mountains führen, und jeder Teilnehmer musste so eine Maske aufsetzen. Deshalb trainierten die meisten schon im Vorfeld damit. Der Pokal war mit Goldmünzen im Wert von dreihundert Dollar gefüllt, ein Geschenk der Northern Commercial Company, die ein Kaufhaus in Fairbanks betrieb.
Ohne zu grüßen und mit verbissenen Gesichtern trieben die jungen Männer ihre Gespanne an ihr vorbei. »Schneller! Schneller!«, feuerte einer seine Hunde an. Der andere stand geduckt auf den Kufen und blieb im Windschatten, um so bald wie möglich an ihm vorbeizuziehen. Beide waren erstklassige Musher, wenn auch viel zu stürmisch und risikofreudig, ein deutliches Zeichen dafür, wie wenig sie mit den Gefahren des Hinterlandes vertraut waren. Um ein Rennen zu gewinnen, das bis in die unwegsamen White Mountains führte, reichte es nicht, ein schnelles Gespann zu haben. Man musste vor allem wissen, was einen auf dem Trail erwartete. Ein solches Rennen gewann meist ein Musher, der weniger rasant und spektakulär als die beiden Männer fuhr, aber erfahren war und sich auf dem Trail auskannte.
Clarissa trieb die Huskys auf den Trail zurück und fuhr weiter. Es hatte die ganze Nacht geschneit, und eine dicke Schneeschicht bedeckte den Trail. Die Schwarzfichten bogen sich unter der schweren Last. Der Wind hielt sich an diesem Morgen zurück, begehrte lediglich in vereinzelten Böen auf und trieb den aufgewirbelten Schnee vor sich her. Die klirrende Kälte, die in der Umgebung von Fairbanks immer besonders schneidend war und die meisten Fremden abschreckte, machte ihr kaum zu schaffen. Sie wohnte seit fast zwanzig Jahren in der Wildnis und war die Temperaturen längst gewöhnt.
Über die neue Holzbrücke lenkte sie den Schlitten nach Fairbanks hinein. In dem leichten Nebel über dem Chena River bot die Stadt einen seltsam friedlichen und entrückten Eindruck, als hätte sie Angst, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Wie die meisten Städte hatte auch Fairbanks unter den Auswirkungen des großen Krieges gelitten. Zu viele junge Männer, die im Sommer 1917 noch begeistert und mit der festen Überzeugung, ihr Vaterland im fernen Europa vor den Klauen eines grausamen Feindes retten zu können, an Bord der Truppenschiffe gegangen waren, hatten ihr Leben gelassen. Und in der Heimat hatte das Drei-Tage-Fieber, das man auch als »Spanische Grippe« kannte, beinahe so schlimm wie die Pest im Mittelalter gewütet. Noch immer war die Krankheit, die irgendjemand aus Europa mitgebracht hatte, nicht besiegt. Im Norden waren angeblich ganze Indianerdörfer von der Bildfläche verschwunden. Ein Gedanke, der ihr zu schaffen machte und auch ihre Vorfreude auf Weihnachten überschattete. Die Seuche war bis nach Alaska vorgedrungen, als hätte der Große Krieg in Europa nicht genug Leid gebracht.
Fairbanks hatte seine Kraft verloren und wankte wie ein Boxer, der zu viele Treffer eingesteckt hatte und nur noch orientierungslos durch den Ring stolperte. Selbst die großen Goldminen waren inzwischen versiegt. Was nicht hieß, dass es zu einer Geisterstadt verkam wie so viele Boom Towns in Kalifornien oder Arizona. Die Täler der Alaska Range bargen eine Fülle von Bodenschätzen, vor allem unendliche Holzvorräte, die nur darauf warteten, von profitgierigen Geschäftemachern abtransportiert zu werden. Clarissa hoffte, dass es noch einige Jahre dauerte, bis der neue Boom begann. Sie hatte Fairbanks nie gemocht. Als kleiner Handelsposten, so wie zu der Zeit, als Alex und sie ihre Blockhütte an einem Nebenfluss des Tanana River errichtet hatten, war es okay gewesen, als ausufernde Stadt, die mehr sein wollte, als sie wirklich war, störte sie nur, weil sie sich immer weiter in der endlosen Natur von Alaska ausbreitete.
Ein Blickwinkel, der auch Clarissas Wesen und ihrem Drang nach Unabhängigkeit geschuldet war, wie sie bereitwillig zugegeben hätte. Alex und sie hatten schon öfter darüber gesprochen, weiter ins Landesinnere zu ziehen, waren aber immer geblieben, vor allem wegen Emily, die in Fairbanks auf die High School ging und auch das College besuchen wollte. Eher ungewöhnlich für eine junge Dame, aber wenn sich Emily mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich nicht mehr davon abbringen, wie groß der Widerstand auch war.
Auf der Second Avenue, die immer noch das Zentrum der Stadt bildete, bot Fairbanks im Dezember einen besonders romantischen Anblick. Leuchtende Girlanden mit Sternen und dem Schriftzug »Merry Christmas« hingen über der Straße, und die meisten Ladenbesitzer hatten auch ihre Schaufenster weihnachtlich geschmückt. In einem Vorgarten brannten elektrische Lichter an einer Fichte.
Clarissa fuhr im gemächlichen Tempo die Second Avenue hinunter. Wie jeden Freitag war sie in die Stadt gekommen, um Emily von der Schule abzuholen, Freundinnen und Bekannte zu treffen und Einkäufe für sich und ihre beste Freundin Dolly zu tätigen. Dolly und Jerry O’Rourke bewirtschafteten ein Roadhouse in dem Tal, in dem auch Alex und sie wohnten. Normalerweise war Alex bei ihr, und sei es nur, um ein Bier im Saloon zu trinken, aber er hatte einen Job bei der Alaska Railroad angenommen, die gerade dabei war, die Strecke zwischen Seward und Fairbanks fertigzustellen, und kam nur alle zwei Wochen nach Hause. Sie brauchten das Geld, das er dort verdiente, für Emilys College. Wertvolle Pelztiere waren selten geworden in der Gegend, und er legte nur noch selten Fallen aus.
Vor der Bank hielt sie an. Sie verankerte den Schlitten und belohnte ihre Huskys mit freundschaftlichen Klapsen. Neben Emmett, ihrem Leithund, kniete sie sich hin und nahm ihn flüchtig in die Arme. »Das habt ihr gut gemacht«, sagte sie, »und sorgt euch nicht wegen der Weihnachtsmänner. Wenn die uns noch mal so erschrecken, kaufe ich mir eine Santa-Claus-Maske, und wir fahren das Rennen mit. Wollen doch mal sehen, wer dann die Nase vorn hat.« Sie stand auf und klopfte den Schnee von ihrer Kleidung. »Ich bin gleich wieder da. Ich hole uns nur ein paar Dollar.«
William E. Flemming, der Inhaber der Bank, stand hinter dem Tresen und sprach mit seinem Kassierer, als sie die Bank betrat. Sie kannte ihn, seitdem er nach Fairbanks gekommen war und Alex und ihr mit einem großzügigen Kredit aus der Patsche geholfen hatte. Er schien etwas hagerer geworden zu sein, kein Wunder nach den entbehrungsreichen Monaten des Krieges, und trug wie immer eine kunstvoll gebundene Fliege zu seinem dunklen Anzug.
»Mrs Carmack«, rief er, »wie nett, dass Sie wieder mal bei mir vorbeischauen. Seit Ihr Mann für die Eisenbahn arbeitet, fließt ja ordentlich was auf Ihr Konto. Sie haben doch nicht die Absicht, dieses Geld wieder abzuheben?«
»Nein, damit wollen wir das Studium unserer Tochter finanzieren.« Sie blieb vor dem Tresen stehen. »Aber ich wollte Sie bitten, die Zinsen zu erhöhen. In Anchorage gibt es eine Bank, die verspricht mir ein Prozent mehr.«
»Ein Lockangebot. Das hat bestimmt einen Haken.«
»Aber ein Prozent wäre doch keine große Sache für Sie. Wie ich Sie kenne, holen Sie mit Ihren Geldgeschäften das Doppelte wieder rein. Und mein Mann hat die Absicht, noch ein paar Monate für die Eisenbahn zu arbeiten.«
Der Banker öffnete die Holztür neben dem Tresen und bat sie an den Besprechungstisch, der nur durch ein Aktenregal vom Schalterraum getrennt war. »Wir haben frischen Kaffee auf dem Ofen, Ma’am«, sagte er, nachdem sie die Mütze abgenommen hatte. »Wenn Sie wollen ...«
»Nein, vielen Dank«, winkte sie freundlich ab. Die Unterhaltung mit dem Banker würde nicht lange dauern. Er wollte sein Gesicht wahren und nicht den Eindruck vermitteln, als würde er seine Prozente allzu leichtsinnig verteilen. Nach einem kurzen Wortwechsel würde er ihr das weitere Prozent...




