E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Roßmeißl Dschihadisten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-86854-892-1
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Junge Männer in einer totalen Subkultur
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-86854-892-1
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. phil. Felix Roßmeißl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Forschungsprojekt »SaFe-Shaping Futur Society« an der Hochschule Fulda sowie Mitglied des Forschungsnetzwerks »Umstrittene Gewaltverhältnisse«. Seine Dissertation wurde mit dem Werner Pünder-Preis der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main ausgezeichnet.
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2 Dschihadist-Werden
Ich möchte in dieser Untersuchung also erklären, warum junge Männer aus dem deutschsprachigen Raum zu Dschihadisten werden. Auf den ersten Blick ist das eine eindeutige Frage. Bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich jedoch als recht voraussetzungsvoll. Denn was soll das eigentlich heißen, »zu einem Dschihadisten zu werden«? Wie ich dargelegt habe, hat die bisherige Forschung sich mit dieser Ausgangsfrage noch gar nicht so richtig befasst. Dschihadistische Werdegänge wurden in der Regel als Prozesse der Radikalisierungen begriffen und damit auf Entwicklungsprozesse reduziert, die der kognitiven Adaption einer extremistischen Weltanschauung zuwiderlaufen oder zur Anwendung politischer Gewalt führen. Was dieses lebenspraktische Geschehen jenseits dieser Endpunkte auszeichnet, wie diese Prozesse erfahren und gestaltet werden, bleibt in der Konzeptualisierung außen vor. Das heißt, es gibt bisher noch keine angemessene Beschreibung des hier untersuchten Gegenstandes und somit auch keine Grundlage, um die Frage nach dem Warum? dieser Werdegänge richtig zu beantworten. Im folgenden Kapitel möchte ich daher ein neues begriffliches Verständnis dieser persönlichen Entwicklungsprozesse erarbeiten und dafür zwei Begriffe entwickeln, die das »Dschihadist-Werden« besser begreifen als die Konzepte Extremismus und Radikalisierung. An ihrer statt schlage ich vor, diese Werdegänge als zu fassen, als dschihadistische Karrieren, die sich in einer vollziehen, der Subkultur des militanten Salafismus. Ausgehend von den Erfahrungen, Deutungen und Praktiken junger Männer, die selbst zu militanten Salafisten wurden, werde ich diese Konzepte nun entfalten.
Der Dschihadismus als totale Subkultur
Am Anfang dieser Rekonstruktion des »Dschihadist-Werdens« steht selbstverständlich die Frage, was überhaupt ein Dschihadist bzw. ein militanter Salafist83 ist? Würde man diese Frage an andere zeitgenössische jugendkulturelle Figuren richten, etwa Raver, Skater oder Emos, müsste man die Antwort vor allem in den persönlichen Vorstellungen und Ausgestaltungen dieser Typen suchen. Denn diese sogenannten »Szenen«84 geben zwar bestimmte Ästhetiken und Symbole vor, die sich Individuen und Gruppen aneignen. Doch können die Individuen für sich entscheiden, wie sie die jeweiligen Codes ihrem Selbst anheften und was sie im Kontext ihrer Lebenswelt bedeuten sollen. Die Vergemeinschaftungen solcher Szenen sind sehr »locker«. Sie bestehen in der Regel in geteilten Freizeitaktivitäten, Events oder ästhetischen Erfahrungen, an denen jeder nach Belieben und ohne größere Verpflichtung teilnehmen kann, und somit bieten sie ausreichend Raum für verschiedenste Selbstentwürfe. Jeder und jede kann »sein« beziehungsweise »ihr Ding« aus der Sache machen: »Metaller zu sein, bedeutet …«
Im militanten Salafismus verhält sich das ganz anders. Die Erfahrungen und Deutungen seiner Akteure zeigen schnell, dass man es hier mit einem sozialen Zusammenschluss zu tun hat, der seinen Mitgliedern streng vorzugeben versucht, wie sie sich zu verhalten und ihr Leben zu führen haben. Er bietet nicht nur Ästhetiken und Codes, derer man sich in seiner Freizeit bemächtigen kann; vielmehr ist er durch explizite Normen und Ideale integriert, an denen sich das Leben seiner Anhänger orientieren soll. Er ist keine Szene, sondern eine »Subkultur«, wie man in der sozialwissenschaftlichen Diskussion sagt,85 die sich durch einen hohen normativen und formativen Anspruch gegenüber ihren Mitgliedern auszeichnet. Und als solche bietet speziell der militante Salafismus keinen Raum für beliebige Selbstverwirklichung. Vielmehr ist er durch eindeutige und sanktionierte Ideale integriert, an die sich die Akteure in ihrer Lebenspraxis anpassen sollen.
Der Frage, was ein militanter Salafist ist oder besser: sein soll, nähert man sich daher sinnvollerweise nicht ausgehend von den subjektiven Interpretationen dieser Figur, sondern von den religiösen Normen und Idealen, die die Einheit dieser Subkultur stiften und die den aktuellen und zukünftigen Mitgliedern vorschreiben, wie sie als »Muslim und Mudschahid« zu leben haben. Daher will ich meine Rekonstruktion mit einer Analyse propagandistischer Materialien beginnen. Später wird sich zeigen wird, dass auch die persönlichen Aneignungen der subkulturellen Normen eine ganz entscheidende Rolle für das »Dschihadist-Werden« spielen. Nirgends finden sich aber diese Normen so explizit artikuliert wie in der propagandistischen Anrufung, sodass sie ein guter Ansatzpunkt sind, um das zentrale Ideal der militant-salafistischen Subkultur, das Ideal eines Lebens, zu verstehen.
Das Ideal der Rechtleitung
Die weltanschaulichen Inhalte des militanten Salafismus, um die sich die propagandistischen Artikulationen dieser Subkultur maßgeblich drehen, sind dank der bisherigen Forschung gut aufgearbeitet.86 So handelt es sich beim Salafismus um eine spezifische Auslegung des Islam, die sich von anderen islamischen Strömungen und Spielarten des Islamismus unterscheidet.87 Sein primäres Ziel besteht darin, den vermeintlich ursprünglichen Zustand dieser Religion wiederherzustellen. Re-instituiert werden soll ein islamisches Leben und eine religiöse Doktrin, die sich historisch an den ersten drei Generationen von Muslimen orientiert.88 Sie, so glaubt man, praktizierten die Religion in noch unverfälschter Weise. Um zu diesem Zustand zurückzukehren, fordern Salafisten eine wörtliche Auslegung der religiösen Quellen – von Koran und Sunna – und die Wiederherstellung eines reinen und ursprünglichen Monotheismus (Tawhid). Er, der jeden Götzendienst (Schirk) und jede erneuernde Abwandlung religiöser Grundsätze (Bida) ächtet,89 gilt als Garant des religiösen Purismus, der allein Gottes Gesetz als Autorität über das weltliche Dasein akzeptiert und jede diesseitige Autorität zurückweist, die in Widerspruch mit dem jenseitigen Herrschaftsanspruch steht. Wie sich darin bereits andeutet, hat dieser Exklusivitätsanspruch auch politische Implikationen.90 Diese verfolgt insbesondere die dschihadistische Strömung des Salafismus. So gelten dem dschihadistischen Salafismus (fast) alle, die sich seiner religiösen Doktrin nicht beugen, als Ungläubige und Feinde,91 die es mit Gewalt zu bekämpfen gilt (Dschihad). Dieser »violent rejectionism«, wie Shiraz Maher das Programm des militanten Salafismus nennt,92 richtet sich zunächst gegen weltliche Herrscher und Regierungen, die der Doktrin zufolge ihre Macht illegitimerweise von Gott usurpiert haben. Aber auch andere Personen und Gruppen können, wie die jüngste Geschichte gezeigt hat, dieser Differenzierung von Freund und Feind (al-Wala wa-l-Bara) zum Opfer fallen. Denn das quasi-utopische Ziel des Dschihadismus, dass allein Gott und sein Gesetz (Scharia) als Souverän über die Welt herrscht (Hakimiyya), kennt keine Grenzen.
Nun wurden diese weltanschaulichen Artikulationen in der bisherigen Forschung vor allem als kognitive Inhalte betrachtet, als die religiöse Philosophie93, als Ideen94 oder als religiöses Verständnis95 des dschihadistischen Salafismus. Dass diese Proklamationen etwas mit den Akteuren selbst, ihren Lebensentwürfen und alltäglichen Verhaltensweisen zu tun haben könnten, wurde abgesehen von wenigen Ausnahmen96 nicht in Betracht gezogen. Dabei handelt es sich bei den meisten propagandistischen Verlautbarungen nicht um bloße Artikulationen von Ideen, sondern um explizite »Anrufungen«, die sich offen an die Akteure des militanten Salafismus und deren Lebenspraxis richten.
Unter »Anrufung«97 verstehe ich dabei eine generalisierte Ansprache und Adressierung von Personen, die sie mit den normativen Erwartungen, den Welt- und Selbstdeutungen wie auch sozialen Positionierungen konfrontiert, nach denen sich die Lebenspraxis in bestimmten sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhängen vollzieht bzw. vollziehen soll. Sie ist Bestandteil der Sozialisierung und Vergemeinschaftung von Individuen, da sie teils explizit, teils verklausuliert vorgibt, welchen Erwartungen sich der Einzelne unterwerfen muss, um innerhalb bestimmter sozialer Verhältnisse eine handlungsfähige und sozial akzeptierte Person zu sein.98 Eine ebensolche Anrufung vollziehen auch die propagandistischen Veröffentlichungen des militanten Salafismus. Über die verschiedenen Formate hinweg legen sie nicht nur theologische Ideen und religiöse Programme dar, sondern proklamieren sehr deutlich, welchen Verhaltenserwartungen ein »Muslim und Mudschahid« entsprechen muss, wie diese sich selbst und die Welt begreifen sollen und wie sie sich sozial zu positionieren haben. Sie propagieren das Ideal eines Lebens und die Wege seiner praktischen Verwirklichung.
Nun kann man sich diese Anrufung nicht als einfache, hierarchisch strukturierte Praxis vorstellen, in denen eine Führungsfigur oder -clique ihrer Gefolgschaft ein kollektives Ideal aufzwingt.99 Selbstverständlich spielen Organisationen wie der Islamische Staat und al-Qaida eine wichtige Rolle bei der Propagandatätigkeit. Auch die großen Gelehrten des...




