E-Book, Deutsch, Band 144, 100 Seiten
Reihe: Sophienlust Extra
Rothberg Das Schlüsselkind
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98986-254-8
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sophienlust Extra 144 - Familienroman
E-Book, Deutsch, Band 144, 100 Seiten
Reihe: Sophienlust Extra
ISBN: 978-3-98986-254-8
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Name Gert Rothberg steht für Spitzenqualität im Bereich des guten Unterhaltungsromans. Die Schriftstellerin Gert Rothberg hat dem Liebes- und dem Schicksalsroman ihren unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Sie schildert zu Herzen gehende, dramatische Handlungspassagen meisterhaft und zieht ihre Leserinnen und Leser von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann. Die Lektüre ihrer Romane ist ein einzigartiges Erlebnis. Nach zahlreichen Verwicklungen versteht es Gert Rothberg, ein brillantes, überzeugendes Happy End zu gestalten.
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»Mann«, seufzte Fabian Schöller beglückt, »wer hätte das gedacht!«
»Ich nicht«, bestätigte sein Freund Henrik von Schoenecker.
Er puffte seinen großen Bruder in die Seite: »Oder hättest du es geglaubt, Nick?«
Dominik von Wellentin-Schoenecker schüttelte den Kopf. »Nicht die Spur. Hoffnung hatten wir ja alle. Aber dass ausgerechnet Fabian das Rennen machen würde …«
Fabian warf sich etwas gekränkt in die Brust.
»Schließlich verstehe ich vom Fußball auch am meisten. Dafür kenne ich mich bei euren Pferden nicht so gut aus.«
»Niemand bestreitet das, Fabian«, mischte sich Wolfgang Rennert, der Hauslehrer von Sophienlust, in das Gespräch der Kinder ein. »Du hast gewonnen – und Nick und Henrik profitieren davon. Ich übrigens auch.«
Zwei Monate war es her, dass Fabian nach einer Sportsendung im Fernsehen auf die Idee gekommen war, sich am »Tor des Monats« zu beteiligen. Natürlich hatten alle Sophienluster Kinder mitgemacht. Sogar die Mädchen. Aber jedes Kind hatte einen anderen Tipp abgegeben. Streng geheim, versteht sich.
Es war ein ungeheurer Jubel gewesen, als der Briefträger die Nachricht gebracht hatte, dass Fabian zu den glücklichen Gewinnern gehörte. Zwei Freikarten für das Endspiel der Bundesliga im Olympia-Stadion waren der Gewinn gewesen. Allerdings war im nächsten Augenblick die bange Frage aufgetaucht, ob Fabian davon Gebrauch machen dürfe. München war weit weg. Auf jeden Fall viel zu weit für einen Jungen von elf Jahren.
Nicks Mutter, Denise von Schoenecker, von den Kindern als Tante Isi geliebt und verehrt, hatte wie immer die richtige Lösung gefunden. »Selbstverständlich darf sich Fabian eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen«, hatte sie mit einem leisen Lächeln erklärt. »Nick und Henrik dürfen ihn begleiten. Und Herr Rennert wird dafür sorgen, dass ihr keine Dummheiten macht. Voraussetzung ist allerdings, dass ihr euch noch etwas auf die Hosen setzt, auch wenn die großen Ferien vor der Tür stehen. Deine Vier im Rechnen ist eine ziemliche Schande, Fabian.«
Fabian hatte eilig Besserung gelobt. Die schlechte Note wäre sowieso nur ein Ausrutscher gewesen, hatte er gemeint. Auch Nick und Henrik hatten ihrer Mutter Höchstleistungen versprochen. Jeder von ihnen hatte seine Schwächen.
Wolfgang Rennert hatte den Auftrag nicht ungern angenommen. Er versäumte kein Fußballspiel im Fernsehen, aber er fand, das Miterleben an Ort und Stelle war doch etwas ganz anderes.
Fabian war seitdem in Seligkeit geschwommen. Endlich, endlich würde er seine Idole aus allernächster Nähe bewundern können. Vielleicht würde er Glück haben und sogar einige Autogramme erwischen. Auf jeden Fall würde er vorsorglich einige Bilder der Spieler einstecken. Daran mangelte es ihm nicht. Sein ganzes Zimmer war mit Fotos und Zeitungsausschnitten der Fußballspieler tapeziert.
Die Mädchen, von Denise mit einem Badeausflug entschädigt, hatten die drei Jungen neidlos ziehen lassen. Nur Pünktchen, die eigentlich Angelina Dommin hieß und Nicks ganz besondere Freundin war, hatte diesem anvertraut: »Ich wäre schon gern mit euch gefahren. So kann ich bloß die Daumen drücken.«
Das war die Vorgeschichte. Und nun saßen die drei Buben mit Wolfgang Rennert in der U-Bahn von München und fuhren in Richtung Olympia-Stadion. Sie waren am späten Vormittag in München eingetroffen, im Hofbräuhaus hatten sie Schweinebraten mit Semmelknödeln verzehrte und nun fieberten sie dem großen Ereignis entgegen.
Unweit von ihnen saß ein Herr mit zwei Kindern, einem Jungen in Fabians Alter und einem kleineren Mädchen. Nick schätzte es auf sechs bis sieben Jahre. Eigentlich ein Alter, dachte er, in dem Puppen vor dem Fußball rangieren. Na ja, wahrscheinlich geht das Mädchen dem Vater und dem Bruder zuliebe mit. Aber warum ist es nicht bei seiner Mutti geblieben? Oder hat es etwa keine?
Für Nick waren derlei Gedanken keine Seltenheit. Mit seinen sechzehn Jahren wusste er bereits mehr vom Leben als manch Erwachsener – zumindest was Eltern- oder Kinderschicksale anbelangte. Sophienlust, das Haus der glücklichen Kinder, würde eines Tages ihm gehören. So hatte es seine Urgroßmutter, Sophie von Wellentin, bestimmt. Ihr großes Vermögen war in eine Stiftung umgewandelt worden. Deren Zweck war es, gefährdeten und vom Leben benachteiligten Kindern eine Heimat zu geben.
Bis zu seiner Volljährigkeit verwaltete seine Mutter, Denise von Schoenecker, das Erbe. Sie war der gute Geist von Sophienlust und würde es wohl immer bleiben, auch wenn er, Nick, in ferner Zukunft einmal die Zügel selbst in der Hand halten würde. Eine Denise von Schoenecker gab es eben nur einmal. Sie hatte ihr eigenes Leben gemeistert, obwohl es auch nicht immer leicht gewesen war. Denn Nicks Vater war sehr früh gestorben. In Alexander von Schoenecker hatte sie danach einen Partner gefunden, wie sie sich keinen Besseren wünschen konnte.
Alexander von Schoenecker liebte Nick, der eigentlich Dominik hieß, wie einen eigenen Sohn. Genauso wenig machte Denise einen Unterschied, wenn es sich um die Kinder aus der er ersten Ehe ihres Mannes handelte. Sascha studierte in Heidelberg, und Alexanders Tochter Andrea war mit dem Tierarzt Dr. Hans-Joachim von Lehn verheiratet. Sie lebte in Bachenau und hatte bereits einen kleinen Sohn. Niemand wusste, wer stolzer auf Peterle war, seine Eltern, seine Junggebliebenen Großeltern Alexander und Denise oder die beiden Onkel Nick und Henrik. Besonders Henrik, der aus der Ehe von Denise und Alexander stammte, nahm es mit dieser Würde sehr genau.
»Schläfst du, Nick?«, fragte Henrik jetzt.
»Ach wo. Ich war nur mit meinen Gedanken woanders. Ich habe mich gewundert, dass die Kleine dort drüben auch zum Fußballspiel will.«
Wolfgang Rennert warf einen kurzen prüfenden Blick in die angegebene Richtung.
Im Gegensatz zu Nick glaubte er nicht, dass die Kleine zu den beiden anderen, die offensichtlich Vater und Sohn waren, gehörte. Sie sah unbeteiligt aus und nahm an dem lebhaften Gespräch der beiden nicht teil. Auch Wolfgang Rennert wunderte sich. In der U-Bahn gab es doch wahrhaftig nichts zu sehen. Aber das Kind schien glücklich zu sein. Man sah ihm an, wie sehr es die Fahrt genoss.
*
Die Vermutung Wolfgang Rennerts stimmte. Maxi Steffan war in diesem Augenblick restlos glücklich und zufrieden. Sie liebte die Fahrten mit, der U-Bahn über alles, obwohl sie dabei nicht zum Fenster hinaussehen konnte. Das störte sie aber nicht. Sie fand die Sache trotzdem aufregend und spannend.
Wenn es sich ergab, setzte sich Maxi gern zu einer Familie. Vater, Mutter und wenigstens ein Kind mussten es sein. Ihre blühende Fantasie malte sich dann aus, dass sie dazugehöre. So interesselos sie auch nach außen hin wirkte, innerlich folgte sie den Gesprächen dieser Familie stets. Sie lieferten ihr Stoff für ihre Träume, die mit einem Strahl von Glück ihren grauen Alltag vergoldeten.
Im Grunde genommen war Maxi ein sehr einsames Kind. Ihre Mutter, Ilse Steffan, verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Kosmetikerin im Schönheitssalon Elvira. Er gehörte keineswegs zur ersten Kategorie, sondern wurde meist von Hausfrauen und Angestellten des Mittelstandes aufgesucht. Der Verdienst war auch dementsprechend. Ilse, sowieso keine Leuchte auf ihrem Gebiet, kam gerade eben über die Runden.
Über Maxis Vater wurde zu Hause nicht gesprochen. Er stammte zwar aus gutem Haus, das war aber leider schon alles. Von seinen früh verstorbenen Eltern hatte er ein kleines Kapital geerbt, mit dem er spielend fertig geworden war. Ilse hatte den gut aussehenden und sehr charmanten Mann angebetet. Dieser Zustand hatte sich aber rasch verflüchtigt, als sie entdeckt hatte, dass sie ein Kind erwartete. Maxis Vater, zutiefst entsetzt, hatte nicht im Entferntesten daran gedacht, die Konsequenzen zu ziehen. Wie sollte er eine Heirat finanzieren, war seine Antwort gewesen. Er lebte doch selbst von der Hand in den Mund. Genau besehen war er nicht viel mehr als ein verkrachter Student, dessen Mittel zusehends schwanden.
Nicht einmal die hübsche Ilse Steffan, die ihm keineswegs gleichgültig war, hatte ihn also veranlassen können, seine Gewohnheiten zu ändern. Er hatte die Verantwortung für das Kind gescheut. Das hätte ja bedeutet, dass er einer geregelten Tätigkeit nachgehen müsste – ein höchst ärgerlicher Zustand.
Zu diesem Zeitpunkt war ihm der Job eines Reiseleiters angeboten worden. Er hatte ihn angenommen, war aber nicht mehr nach München zurückgekehrt. Sein weiteres Schicksal hatte im Dunklen gelegen. Erst sehr viel später hatte Ilse auf Umwegen erfahren, dass er im Ausland einen frühen Tod gefunden hatte. Damals war sie jedoch schon so weit gewesen, dass sie das nur noch ein Achselzucken gekostet hatte.
*
Für eine Frau wie Ilse Steffan war das Leben hart. Sie konnte es sich gar nicht leisten, der Vergangenheit nachzutrauern. Auch Ausblicke in die Zukunft zahlten sich nur selten aus. Das, was allein zählte, war die Gegenwart.
In Ilses Fall hieß diese im Moment Franz Lechner. Wie schon so häufig in ihrem Leben dachte die junge Frau, nun sei sie dem großen Glückstopf ganz nahe. Bisher hatte das zwar jedes Mal mit einer Enttäuschung geendet, doch diesmal würde es anders sein.
Ilse und Franz hatten sich auf einer Redoute im letzten Fasching kennengelernt. Ilse hatte sie zusammen mit ihren Kollegen besucht. Bereits nach dem ersten Tanz hatte jedoch für sie nichts anderes mehr existiert als der interessante junge Mann, der sie meisterhaft über das Parkett führte und dessen samtweiche Stimme ihr die süßesten Komplimente ins Ohr flüsterte. Ilse war viel zu naiv, um auch nur den geringsten Zweifel an den...




