E-Book, Deutsch, 271 Seiten
Rufer Erfasse komplex, handle einfach
2., unveränderte Auflage 2013
ISBN: 978-3-647-99526-7
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Systemische Psychotherapie als Praxis der Selbstorganisation – ein Lernbuch
E-Book, Deutsch, 271 Seiten
ISBN: 978-3-647-99526-7
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lic. phil. Martin Rufer ist in eigener Praxis als Psychologe und Psychotherapeut sowie im Bereich Weiterbildung und Supervision in Bern tätig. Von 2000-2009 war er Geschäftsleiter des ZSB Bern (Zentrum für systemische Therapie und Beratung).
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2 Generische Prinzipien: Die Partitur für die Therapie
»Das Wissen um die generischen Prinzipien
selbstorganisierender Prozesse kann therapeutisches
Handeln organisieren, vereinfachen und begründen«
(Haken u. Schiepek, 2006, S. 441).
2.1 Musterhafter Wandel: Zur Theorie der Selbstorganisation
Patienten sind oft in ihren Denk- und Handlungsmustern gefangen. Dies zeigen auch die Fallbeispiele in diesem Buch. Ganz allgemein aber gilt, dass den Betroffenen bei psychischen Störungen die Flexibilität verloren geht. Maßnahmen und auch therapeutische Gespräche scheinen oft lange Zeit wenig ändern zu können. Plötzlich aber zeigt der Patient unerwartete Fortschritte oder Veränderungen im Umfeld des Patienten stoßen eine überraschende Entwicklung an. Dass diese, oft auch zum Erstaunen des Patienten, seiner Angehörigen und des Therapeuten selbst, nicht zufällig, sondern musterhaft verlaufen, ist Teil der Forschung zur nichtlinearen Dynamik selbstorganisierender Systeme (Haken u. Schiepek, 2006).
Schon C. G. Jung erkannte die Komplexität des psychischen Systems: »Die Angepasstheit eines psychischen Systems bezieht sich aber auf die jeweilige Zeitlage und Umweltbedingung und ist daher nicht für immer und ewig festgelegt. Die Angepasstheit ist ein stetig fortschreitender Vorgang, welche die ebenso stetige Beobachtung des Wechsels der äußeren und inneren Gegebenheiten zur unerlässlichen Voraussetzung hat« (zit. nach Alt, 1991, S. 90) und der Gestaltpsychologe Wolfgang Metzger (1899–1979) postulierte: »Ordnung kann unter Umständen von selbst – ohne das Eingreifen eines ordnenden Geistes – entstehen« (Metzger, 1963, zit. nach Schiepek u. Schönfelder, 2007, S. 54).
Später dann waren es vor allem Experimente aus den Natur- und Neurowissenschaften (z. B. Kelso, 1995), mit denen man zeigen konnte, dass schon kleine Störungen zum Umkippen von (motorischen) Bewegungsmustern führen. Dass dieser musterhafte Prozess sich dann auch noch mathematisch beschreiben ließ, läutete in der Tat einen Paradigmenwechsel ein (Haken u. Schiepek, 2006). Damit wurde ein Weg beschritten weg von der Idee eines zentralen Programms, das das Verhalten steuert, hin zum Konzept der Selbstorganisation als ein universelles Prinzip der Ordnungsbildung und des Ordnungswandels.
Ähnlich wie in physikalischen Systemen erzeugt auch in biologischen Systemen das neuronale Zusammenspiel beim Menschen zwar geordnete Zustände, aber mit nur wenig stabilen Mustern. Entsprechend sind es die Kippvorgänge und Fluktuationen, die zu neuen Ordnungszuständen führen. Wandel findet nicht kontinuierlich statt. Zufall und Unvorhersehbarkeit spielen eine große Rolle, wenn Systeme ins Kippen geraten, wie auch jüngste Beispiele aus Politik, Wirtschaft und Umwelt zeigen (Hungersnöte in Afrika, Finanz- und Schuldenkrisen, die atomare Katastrophe in Fukushima, der Klimawandel).
Diese nichtlineare Dynamik in neuronalen Netzwerken gilt auch für Psychotherapie, wie in Forschungen zur »Neurobiologie der Psychotherapie« (Schiepek, 2011a) gezeigt werden konnte.
Heilung in der Lesart der Selbstorganisation ist der Übergang von einem krankhaften Ordnungszustand in einen anderen Ordnungszustand mit gesundem, flexiblem Verhalten. Eine dauerhafte Besserung lässt sich dabei nicht durch vorübergehenden äußeren Druck herstellen. Wandel wird im Inneren eines Systems (Gehirn, Individuum, Paar, Familie) erzeugt (generiert), ohne dass dem ein erkennbares Umweltereignis entspricht bzw. eindeutig einer therapeutischen Intervention zugeordnet werden kann (vgl. dazu auch Kapitel 3.1).
Um eine neue Ordnung zu bilden, müssen selbstorganisierende Systeme zunächst aus dem Gleichgewicht geraten. Solche »Zwischenzustände« sind durch kritische Instabilität gekennzeichnet (z. B. Turbulenzen in bio-psycho-sozialen Systemen). Sie sind zwar selbstorganisatorisch geregelt, die Gesetzmäßigkeiten aber oft nicht nachvollziehbar. »Die Hummel hat eine Flügelfläche von 0,7 cm2 bei 1,2 g Körpergewicht. Die Gesetze der Physik lehren uns, dass es unmöglich ist, so zu fliegen. Die Hummel weiß das nicht und fliegt trotzdem und dies mit höchster Präzision« (Einstein, zit. nach Calaprice, 1997, S. 25).
Für die Psychotherapie heißt dies: Veränderung geschieht eher sprunghaft, angestoßen durch Ereignisse im Umfeld des Patienten oder auch durch Impulse in der einen oder anderen Therapiesitzung. Die dazu notwendig Energie speist sich in der Therapie meist aus dem Leidensdruck des Patienten (oder seiner Angehörigen) und dem Willen zu positiver Veränderung.
Der Therapeut versucht in einem Therapiesystem dafür günstige, die Motivation fördernde Bedingungen zu schaffen. Dafür sollte die Behandlung transparent, interaktiv, plausibel und auch zeitlich passend sein. »Eigentlich habe ich ja schon vor der Therapie gewusst, was sich bei uns verändern müsste« (Klientin im Anschluss an eine Paartherapie). Mit anderen Worten: Eingriffe in (Klienten-)Systeme sind nur dann effektiv, wenn diese sich bereits in einem instabilen Zustand befinden.
Es geht also nicht darum, Störungen von außen aufzubrechen, sondern sie in Bezug zu inneren Veränderungen des Systems (Autopoiese) aufzulösen. Interventionen müssen deshalb mit den Lebensentwürfen, den Wünschen, Bedürfnissen und Möglichkeiten des/der Betroffenen übereinstimmen.
Studien haben zudem gezeigt, dass diese Phasen der Instabilität (Zwischenzustand) in ganz unterschiedlichen Abschnitten der Behandlung stattfinden (Schiepek u. Schönfelder, 2007). Sie künden sich zwar an (»rapid early responses«, Schiepek, 2011a, S. 23), oft aber nicht dann und dort, wo der Therapeut sie vermeintlich verortet. Genauso können sich Symptome – auch ohne symptomorientiertes Arbeiten – unerwartet schnell verbessern (»sudden gains«, Schiepek, 2011a, S. 23).
Veränderungen laufen und zeigen sich diskontinuierlich. Fixen Behandlungsplänen erteilt die Theorie der Selbstorganisation damit von vornherein eine Absage. Diese Sichtweise verlangt flexible Therapeuten, die sich in ihrem Vorgehen vom Patienten führen lassen (»Du weißt es, du sagst es mir«, Bowlby, 1988, S. 151).
Diese Erkenntnisse stützen auch eine Idee des mittelalterlichen Arztes und Philosophen Paracelsus: Eine Behandlung bietet immer nur den Rahmen für die natürlichen Heilungsprozesse. Aufgabe der Psychotherapie ist es, die optimalen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen – von der Ebene der Neurobiologie bis zum familiären, sozialen und gesundheitspolitischen Umfeld.
Die Psychotherapie braucht Theorien, die die Eigendynamik und die spontanen Musterbildungsprozesse von Systemen (z. B. Patient, Klient) mit der Dynamik externer Prozesse (z. B. Kontext von Patient und Therapeut) in Zusammenhang sehen.
Damit ist die therapeutische Orientierung an der Kompetenz von Patienten zentral und als einer Kraft im Inneren von Klientensystemen auch wissenschaftlich begründbar, oder wie es der Psychiater Ausloos für die therapeutische Arbeit formuliert: »Eine Familie kann sich nur solchen Probleme stellen, die zu lösen sie auch selber in der Lage ist« (2000, S. 25). In dieser Konsequenz wird Kooperation nicht nur proklamiert, sondern konzeptualisiert (siehe Fallbeispiele).
Im Verständnis der Selbstorganisation können prinzipiell alle psychotherapeutischen Methoden helfen, die die Ordnungsbildung in der Psyche beeinflussen und so (nichtlineare) Veränderungsprozesse anstoßen. Welche Mittel und Maßnahmen am besten Veränderung bewirken, hängt weniger vom Störungsbild als vom relevanten System, das heißt vom jeweiligen Patienten, den Mitbetroffenen, dem Behandlungskontext und dem Können des Therapeuten ab (Norcross, 2002; Lambert, 2010b).
Generische Prinzipien entsprechen in gewissem Sinne auch den allgemeinen, unspezifischen Wirkfaktoren, die Psychotherapieforscher schon seit den 1960er Jahren diskutierten (z. B. Zuversicht, Änderungsbereitschaft, Beziehung zum Therapeuten).
Darüber hinaus lassen sich aber aus der Theorie der Synergetik Bedingungen für die Gestaltung selbstorganisierender Entwicklungen als spezifische Prozessmerkmale (Prinzipien) generieren. »Auf der Grundlage dieser Prinzipien wird versucht die Befundlage der sogenannt unspezifischen Wirkfaktoren in der Psychotherapie kritisch zu rekapitulieren und im Sinne spezifischer Prozessmerkmale zu interpretieren« (Haken u. Schiepek, 2006, S. 436). Indem Psychotherapeuten befähigt werden, Klientenfeedbacks aus therapeutischen Prozessen richtig oder besser zu lesen, werden sie gleichsam zu Erforschern ihrer eigenen Praxis.
Vergleichbar mit der Partitur für die Interpretation eines musikalischen Werks steht dem Therapeuten eine »Partitur für die Therapie« zur Verfügung, die ihm hilft, Therapie auf gleicher Augenhöhe mit Patienten zu organisieren, zu vereinfachen und zu begründen. »Alles soll so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher« (Einstein, zit. nach Calaprice, 1997, S. 34).
2.2 Generische Prinzipien: Zur Praxis der Selbstorganisation
Auch wenn die Forschung die Frage, wann und wie ein Blatt vom Baum...




