E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Rusmini Erdentanz
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30934-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-293-30934-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Oka Rusmini, geboren am 11. Juli 1967 in Jakarta, lebt in Denpasar, Bali. Sie schreibt Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. 2003 bedachte das Zentrum für Sprache des Nationalen Bildungsministeriums sie mit einem Literaturpreis für ihren Roman Tarian Bumi (Erdentanz). Auch für andere Romane und Gedichtbände erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, wie zum Beispiel den Literaturpreis des Ausschusses für Entwicklung und Ausbreitung der indonesischen Sprache (ehemals Zentrum für Sprache).
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1
Meme! … Meme!«
Luh Saris Stimme ließ Telaga zusammenzucken.
»Sari, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht ständig so herumschreien! Komm erst einmal herein, dann kannst du immer noch erzählen.«
Telaga gab dem Mädchen einen leichten Klaps auf die Wange. Das Kind lächelte und setzte sich unbekümmert auf den Schoß seiner Mutter. Sorgfältig wischte es sich den Schweiß von der Stirn und berührte mit seiner zarten Hand die Wange der Frau.
»Was hast du denn heute mitgebracht? Hast du schon wieder etwas gewonnen?«
»Ja, heute haben wir in der Schule einen Wettbewerb im Schnelllesen gemacht.«
»Und das sind wirklich alles deine Preise? So viele?« Telaga strich ihrer Tochter über das Haar und unterdrückte einen Seufzer.
»Ja«, antwortete Luh Sari und versuchte mit großen Kulleraugen, ihre Mutter zu überzeugen. »Die habe ich alle vom Schulrat bekommen. Er ist sehr stark und sieht gut aus, Meme, und er ist nett. Leider hält er immer etwas Abstand zu mir. Dabei habe ich schon so oft versucht, ihn auf mich aufmerksam zu machen. Weißt du, Meme, einmal habe ich mir einfach seine Hand geschnappt und sie geküsst. Da hat er die Augen aufgerissen und mich so komisch angeschaut. Lustig, oder?«
Luh Sari kicherte, warf übermütig das Bündel mit den Preisen hoch in die Luft und drehte sich im Kreis. Dabei hob sich ihr Rock und brachte zwei zierliche Beine zum Vorschein.
Telagas Augen füllten sich mit Tränen. Wenn die Kleine doch nur wüsste, um wen es sich bei dem Mann handelte, dessen Aufmerksamkeit sie so eifrig zu erregen versuchte. Wie sehr würde Sari sich freuen, all ihren Cousins und Cousinen lautstark mitteilen zu können, dass sie ein Mädchen von guter Herkunft und Nachkomme einer angesehenen Person war. Telaga seufzte. Nur dieses Kind mobilisierte ihren Lebenswillen. Durch das erfrischende, muntere Lachen Luh Saris fühlte sich Telaga plötzlich wie in eine andere Welt getragen.
Das Mädchen hüpfte weiter ausgelassen umher, bis es schließlich völlig verschwitzt wieder auf den Schoß seiner Mutter zurückkehrte. Dort ließ es seine Beine hin und her baumeln, während es ungestüm die Wangen der Mutter küsste und tätschelte. Verwundert musterte sie deren feuchte Augen. Da nahm Telaga Luh Saris Hände in die ihren und küsste sie liebevoll. Die Kleine, deren Augen von Tag zu Tag bezaubernder wurden, schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und umarmte sie ganz fest. Beim Anblick ihrer Tochter war Telaga versucht, ihr fest in die runden Bäckchen zu kneifen und so lange an ihrem schmalen Näschen zu ziehen, bis es rot würde.
Telagas große Hoffnung war es, dass Luh Sari einmal in der Lage sein würde, ihr ein Zuhause zu geben. Ebenso wünschte sie sich, dass sich ihre Tochter zur hübschesten Tänzerin des Dorfes entwickeln würde, einer Tänzerin, die all die Schönheit der Göttinnen des Tanzes besäße.
»Was wünschst du dir vom Leben?«, fragte Telaga und küsste sanft die Wange ihres Kindes.
»Ich werde fleißig lernen, Meme. Wenn ich groß bin, verlassen wir Großmutter. Du kannst bei mir leben, und ich werde für dich sorgen. Ich werde ein schönes Haus für dich bauen. Es wird einen Garten haben, darin kannst du so viele Blumen pflanzen, wie du willst. Du kannst …« Die Wünsche sprudelten nur so aus Luh Sari heraus.
Die Worte des Mädchens machten Telaga nachdenklich. Sie hatte dieses siebenjährige Kind bereits auf die möglichen Schwierigkeiten des Lebens vorbereitet. Es war geradezu ihre Pflicht, die Kleine zu beschützen, die das stille Leid ihrer Mutter lediglich erahnen konnte. Telaga quälte sich ständig mit Selbstvorwürfen. Es kam ihr manchmal vor, als kämpfe sie gegen sich selbst. Die Träume, die sie einst gehegt hatte auf ihrem Weg, eine richtige Frau zu werden, schienen ihr mehr und mehr zu entgleiten. Immer hatte sie versucht, bei den wichtigen Entscheidungen ihres Lebens auf die Stimme ihres Herzens zu hören. Seltsamerweise aber zitterte Telaga jedes Mal am ganzen Körper, wenn sie sich selbst von der Richtigkeit ihrer Wahl überzeugen wollte.
Unvermittelt kam ihr wieder die Vergangenheit ins Bewusstsein.
*
Alle Leute im Dorf waren sich einig: Den Oleg konnte niemand besser tanzen als Ida Ayu Telaga Pidada.
Oleg, dieser Tanz, der über das Entfachen der Liebe und die erotische Spannung zwischen Mann und Frau erzählt. Begierde und spielerischer Stolz ringen miteinander um die Oberhand, jedoch trägt keiner von beiden den absoluten Sieg davon. Stattdessen gebiert ihr Wettstreit eine sich bis an die Grenze der Wildheit steigernde Leidenschaft. Ein erotischer Duft erfüllt die Luft, mit jeder Berührung des tanzenden Paares scheinen sich Funken der Erregung zu entzünden und auf das Publikum überzuspringen.
Wenn Telaga tanzte, war es, als habe ihr die ganze Götterwelt samt ihrer Schöpfung ihren Segen erteilt.
»Weil sie eine Brahmana ist, haben ihr die Götter Taksu verliehen, eine innere Kraft, die nicht mit bloßem Auge zu erkennen ist. Außergewöhnlich. Seht nur! Wenn sie tanzt, starren alle wie gebannt auf ihren Körper, verschlingen ihn förmlich. Wieviel Glück diese Frau doch hat! Adlig, reich und dazu auch noch schön. Die Götter sind wirklich ungerecht!«, sagte Luh Sadri, eine Spielgefährtin Telagas, neidisch. »Woher willst du wissen, ob sie glücklich ist? Du kannst in niemanden hineinschauen. Weißt du, Sadri, diese Tänzerin hat noch einen steinigen Weg vor sich. Telagas Leben wird immer problematisch sein. Ihre Wunden werden niemals heilen. Es ist nicht leicht, einen Menschen zu beurteilen, Sadri. Du machst es dir zu einfach. Du musst noch viel über das Leben lernen, bis du in der Lage bist, die Menschen zu erkennen, wie sie wirklich sind. Bis dahin wirst du ein oberflächlicher Mensch bleiben.«
Die alte, ganz in weiß gekleidete Frau, die dies sprach, schlug Luh Sadri leicht auf die Schulter. Sadri verstummte, war wie gelähmt. Als sie wieder zu sich kam, war die alte Frau schon im Gewimmel der Menschen, die im Umkreis der Bühne umhergingen, verschwunden.
Luh Sadri atmete tief ein. Wunden? Welche Wunden mochte Telaga verbergen? Luh Sadri schaute sich suchend um, in der Hoffnung, die alte Frau würde wiederkommen und ihr die Bedeutung dieser seltsamen Worte erklären. Vergebens. Sie schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Sadri atmete wieder ein und fragte sich, ob diese Begegnung tatsächlich stattgefunden hatte. Vielleicht war die unbekannte Frau ja nur die Verkörperung ihres schlechten Gewissens, das sie wegen ihres Neides auf Telaga heimsuchte. Luh Sadri murmelte gedankenverloren vor sich hin. Ja, sie war in der Tat oft neidisch auf Telaga, denn diese Frau vereinte in sich die Schönheit aller Frauen des Dorfes.
»Hyang Widhi, ich muss diese schlechten Gedanken aus meinem Kopf verbannen. Wie gemein ich nur bin, obwohl Telaga doch immer so gut zu mir ist! Sie begegnet meiner Familie immer respektvoll. Meine Mutter liebt diese blaublütige Frau. Sie sagt immer, es gebe keine Adlige, die ihr Respekt entgegenbringe, außer Telaga. Nicht nur den Bewohnern ihres Griyas gegenüber zeigt sich Telaga großzügig, indem sie die Utensilien für die Tempelzeremonien kauft, sondern auch gegenüber meiner Familie erweist sie sich immer als wohltätig. Hyang Widhi, wieso also gelingt es mir nicht, meinen Hass auf diese Frau, die dort auf der Bühne steht, abzulegen? Warum?«
Luh Sadri knetete nervös ihre Hände. Als Wayan Sasmitha, ihr älterer Bruder und Stütze der Familie, eines Tages krank geworden war, hatte es plötzlich niemanden gegeben, der für gefüllte Töpfe auf ihrem Herd sorgen konnte. Damals hatte ihnen Telaga Reis und getrockneten Fisch gebracht.
»Dies ist für Sie, Meme. Wenn Sie es nicht einfach so annehmen möchten, können Sie gerne als Dankeschön ein paar Schälchen mit Opfergaben zum Tempel unseres Griya bringen.«
Telagas Stimme klang immer so warmherzig, wenn sie mit Luh Sadris Mutter sprach. Deshalb verstand Luh Sadri auch selbst nicht, warum sie Telaga so sehr hasste. Wann immer ihr Bruder nicht tanzen oder malen konnte, kam Telaga stets und half sofort, ohne große Worte zu machen.
»Das darf niemand wissen«, pflegte Telaga dann zu Luh Sadri zu sagen.
Sadri nickte daraufhin immer geschwind und füllte ebenso schnell die mitgebrachten Gaben wie Zucker, Kaffee und Gebäck in einen Bambuskorb um.
Telaga hatte wirklich ein gutes Herz. Aber je mehr Sadri über ihre Güte nachdachte, desto stärker wuchs ihr Hass auf diese Frau.
Luh Sadris Gedanken wurden unterbrochen, als ein Mann in der Reihe vor ihr frech flüsterte: »Schade, dass sie eine Brahmana ist. Wäre sie eine Sudra, eine gewöhnliche Frau, würde ich ihr bis zum letzten Atemzug nachstellen. Würde sie um mein Leben bitten, so gäbe ich es ihr noch heute.«
Es war Putu Sarma, ein gutaussehender Mann aus dem Nachbardorf und beliebtes Gesprächsthema der hiesigen Sudra-Frauen, der so sprach. Sadri mochte die Augen dieses Mannes. Sie verrieten keine Gefühle, wirkten kühl, oft sogar zynisch. Sadri wusste nicht warum, aber jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe war oder auch nur seine Stimme hörte, schwitzte und bebte sie am ganzen Körper. Es war ihr dann, als werde sie von einer Woge der Leidenschaft mitgerissen. Sadri genoss es, sich Tagträumereien über Putu Sarma hinzugeben. Wie außergewöhnlich sein Körper...




