Salomon | Lukas | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 664 Seiten

Salomon Lukas

Im Prinzip ja
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-7134-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Im Prinzip ja

E-Book, Deutsch, 664 Seiten

ISBN: 978-3-7568-7134-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Lukas - Im Prinzip ja" ist der dritte Band einer Erzählung der deutschen Geschichte zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Untergang der DDR. Der Leser erlebt sie aus der Sicht eines 1943 Geborenen. Der erste und der zweite Band sind unter den Titeln "Lukas - Eine deutsche Erzählung" und "Lukas - Eines schönen Tages" erschienen und ebenfalls bei BoD verfügbar. Der vorliegende Band beginnt im Jahr 1971 mit dem Eintritt des Protagonisten als junger Assistent in ein Leipziger Universitätsinstitut und endet am 9. Oktober 1989, dem Tag der großen Leipziger Montagsdemonstration, die das Ende der DDR einläutet. Der Leser erhält Innenansichten einer sozialistischen Hochschule, erlebt mit Lukas den akademischen Arbeitsalltag, das Wirken gesellschaftlicher Organisationen und der Partei. Er folgt ihm durch den DDR-Alltag und erfährt, wie die Bewohner des Landes Diktatur und Mangelwirtschaft bestehen, trotz allem ihr richtiges Leben im falschen organisieren und sich am Ende in der Friedlichen Revolution befreien. Parallel zum individuellen Erleben beschreibt der Erzähler die verschlungenen Pfade deutsch-deutscher Politik, die großen weltpolitischen Ereignisse und ihren Einfluss auf sein Denken und Fühlen. Neben vielem anderen ist der Leser dabei als das MfS einen Bundeskanzler vor der Abwahl rettet, Erich Honecker Walter Ulbricht stürzt, die RAF mordet, ein polnischer Papst gewählt wird, Helmut Schmidt Güstrow, Erich Honecker Bonn, Ronald Reagan Berlin besucht, die Welt 1983 nur 28 Minuten vor dem Untergang steht, Michail Gorbatschow ein Neues Denken fordert, die Gewerkschaft Solidarnosc in Polen siegt.

Salomon Lukas jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


2. Wie wächst ein Schwein? Zinkers Traum; Die Iskra aus Probstheida; Schießen im Kollektiv; Per Urzeugung in den Vorstand; Collage auf rotem Tuch; Kolloquium im Pfeifenrauch
So bequem es zunächst war, dass Lukas bei der Erledigung seiner dienstlichen Aufgaben völlig freie Hand hatte, als so heikel erwies es sich bald, dass es in der Fachgruppe Anatomie seit Dr. Zinkers Ausscheiden keine ernstzunehmende Forschung mehr gab. Dr. Grobschmidt führte zwar Messungen am Skelett und an der Muskulatur von Schlachttieren durch, aber diese empfand Lukas mehr als Vorwand, durch den der „Forscher“ die kostenlose Beschaffung von Fleisch für seinen privaten Verzehr tarnte. Ständig wurden Mastrinder oder Schlachtschweine von Forschungsgeldern des Instituts für Fleischwirtschaft Magdeburg gekauft und zerlegt. Gewogen und portionsgerecht zerlegt verschwanden die Fleischteile in einer der eigens für die private Vorratswirtschaft angeschafften Tiefkühltruhen im Institutskeller. Kotelett, Filet, Nuss und Roastbeef trug Grobschmidt unmittelbar nach der Zerlegung in den Kofferraum seines Pkw „Moskwitsch“. Diese besonders wertvollen Stücke nahm er gleich mit nach Hause. Von dem weniger Wertvollen erhielten die Mitarbeiter ab und zu ein Stück zugeteilt, dessen Größe mit dem Grad der Gunst korrespondierte, in welcher der Beschenkte bei Grobschmidt stand. „Bei der Forschung muss auch immer etwas Deftiges für die Pfanne abfallen“, so sein Kommentar. Lukas hatte seinen Chef schon ein paar Mal wegen eines Themas für eine Doktorarbeit angesprochen und dieser hatte ihn immer wieder vertröstet. Zu Beginn des neuen Jahres, er war jetzt schon ein Vierteljahr am Institut, wagte er einen erneuten Vorstoß. Durch den im Zuge der 3. Hochschulreform eingeführten ersten akademischen Grad eines „Diplom-Veterinärmediziners“ hatte er seine in der Pathologie begonnene und schon weit fortgeschrittene Doktorarbeit im fünften Studienjahr in eine Diplomarbeit umwandeln müssen. Jetzt wurde es höchste Zeit, etwas Neues zu beginnen. Bis zum Ende seines Assistentenvertrages musste eine ordentliche Dissertation vorgelegt werden. Ende Januar rief ihn Professor Schröder endlich zu sich. Er bot ihm Platz in einem der zwei schon ziemlich abgenutzten Polstersessel des Chefzimmers an und setzte sich in den anderen. In merkwürdig schräger Haltung zurückgelehnt, den rechten Ellenbogen auf die wacklige hölzerne Sessellehne gestützt, die Hand unter dem Kinn und mit der Linken ausladend gestikulierend sagte er in aufgekratztem Ton: „Vita brevis, ars longa. Das Leben kurz, die Kunst ist lang. Sie wollen, ja Sie müssen nun endlich auch mit einer Doktorarbeit beginnen. Das ist klar. Ein Thema zu finden – nicht so einfach. Makroskopisch – ja alles bekannt. Grobschmidt hat Rinder vermessen. Sie könnten das bei Schweinen machen.“ Unvermittelt ließ er den Arm, der ihn eben noch stützte, fallen. Sein Oberkörper sank auf die Lehne und die rechte Hand berührte den Boden. In dieser Haltung verweilend, presste er undeutlich artikulierend und von einer schleudernden Geste seiner Linken begleitet hervor: „Den Verlauf untersuchen. Ein Schwein ist zuerst ganz klein.“ Dabei hielt er die rechte Handfläche waagerecht dicht über den Boden. Den Arm in die Höhe werfend rief er dann: „Am Ende ist es so groß. Untersuchen Sie das mal. Das ist Ihr Thema.“ Damit war Lukas entlassen. Eine weitere wissenschaftliche Anleitung durch seinen Doktorvater erhielt er bis zur Abgabe seiner Dissertation nicht. Lukas berichtete seinem Zimmernachbarn Dietmar von der ein wenig sonderbaren Szene. „Der Chef kam mir seltsam fahrig vor. Ich dachte, dass ich wenigstens eine konkrete Fragestellung von ihm bekomme.“ „Sei froh“, meinte Dietmar, „so kannst du das Thema anpacken wie du es für richtig hältst. Mir ging es bei Sonnenkalb ähnlich. Meinen Vorschlag, einen Atlas über die Kerngebiete des Rindergehirns zu machen, hat er kommentarlos hingenommen und ich habe mir Rat dort gesucht, wo man etwas vom Thema versteht. Im Übrigen hast du sicher schon gemerkt, dass dein Chef manchmal etwas betütert wirkt.“ Dietmar hatte recht. Die Ansprache des Professors zum 7. Oktober hatte ihn ja auch schon irritiert. Aber das ging ihn nichts an. Er stürzte sich in die Arbeit. Jetzt ging es erst einmal darum, sich in die Wachstumsforschung einzulesen. Als Dr. Grobschmidt von Lukas’ Thema hörte, meinte der nur: „Das ist gut, da haben wir für die nächsten Jahre ausreichend Nachschub an Schlachtschweinen. Am besten Sie machen das so wie ich bei den Rindern. Sechs bis acht anatomisch definierte Maße im Abstand von jeweils einem Monat nehmen. Mittelwerte bilden und am Ende können Sie genau sagen, wann ein Schwein so und so groß ist. Zum Schluss kaufen wir die Tiere, zerlegen sie hier und wiegen die Fleischteile.“ Grobschmidt hatte sein eigenes Vorgehen unter anderem damit begründet, dass man wissen müsse, wie lang und wie hoch ein Rind ist, um bei der Anbindehaltung von Milchkühen in Großanlagen die Maße der Standplätze zu bestimmen. Dass sich ein solch kümmerlicher theoretischer Ansatz als Forschung tarnen ließ, war für Lukas verblüffend. Ab sofort hielt er sich jede Stunde, die er im Institut abkömmlich war, in der Deutschen Bücherei auf. Nach den einschlägigen Stichworten durchstöberte er den riesigen Katalog des Hauses, wälzte die dicken Bände der Internationalen Bibliographie der Zeitschriftenliteratur, bestellte Bücher, Zeitschriften und Mikrofilme die ihm den Weg zu einem sinnvollen Herangehen an seine Aufgabe weisen sollten. Kopien konnte die Bücherei nicht liefern. Von den Mikrofilmen hatte sich der Leser selber Abzüge herzustellen. Lukas verbrachte hunderte Stunden im Fotolabor des Instituts, um von den Filmen Abzüge auf Dokumentenpapier herzustellen. Es stellte sich bald heraus, dass systematische Verlaufsuntersuchungen zum Wachstum von Tieren auf der Basis anatomisch eindeutig definierter Maße bisher kaum durchgeführt worden waren. Die Sichtung der humanmedizinischen Literatur zeigte, dass derartige Studien am Menschen noch seltener sind. Zwar fanden sich hier und da Wachstumskurven für die Körpergröße und das Körpergewicht, auf deren Basis Abweichungen vom Normalwachstum bei Kindern bestimmt werden konnten. Diese Graphiken basierten jedoch auf Messungen, die man an Individuen unterschiedlichen Alters vorgenommen hatte, also nicht auf Untersuchungen individueller Wachstumsverläufe. Wer sollte auch einen eben geborenen menschlichen Säugling bis in dessen Erwachsenenalter regelmäßig vermessen? Das könnte eigentlich nur ein anatomisch beschlagener Fachmann an seinen eigenen Kindern tun. Lukas bedauerte, nicht schon früher mit dem Thema konfrontiert worden zu sein. Er hätte das Wachstum seiner Tochter von der ersten Lebenswoche an erfassen können. Aber die war inzwischen schon im zweiten Lebensjahr. Sollten Katharina und er sich für ein zweites Kind entscheiden, würde er dessen Wachstum haargenau beschreiben und veröffentlichen. Das würde, neben dem Doktortitel, eine bleibende Erinnerung an sein vierjähriges Anatomie-Intermezzo sein. Und er wäre nach über 200 Jahren der erste, der wieder etwas Derartiges täte. Der Franzose Montbeillard hatte an seinem 1759 geborenen Sohn die Körperlänge und das Körpergewicht vom 1. bis zum 18. Lebensjahr erfasst. Nach einigen Wochen war klar, dass Professor Schröders Themenwahl für Lukas die Beschäftigung mit einem interessanten und wissenschaftlich tragfähigen Thema versprach. Er müsste die Ergebnisse seiner Messungen im Zusammenhang mit äußeren Einflüssen auf das Wachstum und mit seiner hormonellen Regulierung bringen. Es galt Geschlechtsunterschiede, die Variationsbreite der erfassten Körpermaße, die Dauer des Wachstumsprozesses und seine einzelnen Phasen herauszuarbeiten. Er müsste auf die verschiedensten Wachstumsstörungen eingehen und den Wachstumsprozess nach Möglichkeit mathematisch zu beschreiben suchen. Für seine Messungen stand ihm der Schweinebestand des Lehr- und Versuchsgutes der Universität in Oberholz zur Verfügung. In den folgenden drei Jahren fuhr er mit seinem immer klappriger werdenden VW wöchentlich zwei bis dreimal ins 12 Kilometer entfernte Gut. Anfangs half ihm Veterinäringenieur Harald Meinel bei den Messungen, nach ein paar Monaten dessen Frau Kerstin, die, ebenfalls Veterinäringenieur, inzwischen im Institut angestellt war. * Der Zufall brachte Lukas wieder in Kontakt mit Dr. Theo Zinker, dem ehemaligen Oberassistenten des Instituts. In den Jahren seiner Hilfsarbeitertätigkeit hatte er von ihm manches aufmunternde Wort gehört und bald war zwischen Lukas und dem zehn Jahre Älteren ein zunehmend vertrauterer Umgang entstanden. Sie scherzten miteinander, tauschten sich über ihre Ansichten zu Alltäglichem aus, berührten immer öfter auch politisch brisante Themen und bald war sich Lukas sicher, es bei Zinker mit einem Gleichgesinnten zu tun zu haben. Das geistige Bündnis hatte seine Bekräftigung auch im gegenseitigen Austausch verbotener oder offiziell...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.