E-Book, Deutsch, 618 Seiten
Salomon Lukas
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-7765-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eines schönen Tages
E-Book, Deutsch, 618 Seiten
ISBN: 978-3-7568-7765-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Lukas - Eine deutsche Erzählung" war der erste Teil einer deutschen Geschichte der Nachkriegszeit, geschrieben entlang der Biographie eines 1943 Geborenen. Die Erzählung endet 1962. Im vorliegenden Band erlebt der Leser das Land aus der Perspektive der Titelfigur im Jahrzehnt nach dem Bau der Berliner Mauer. Als Sechszehnjähriger hatte Lukas Bekanntschaft mit dem politischen Strafrecht der DDR gemacht. Nach anderthalb Jahren Haft sucht er jetzt einen Weg, doch noch zum Abitur zu kommen und zu studieren. Mehr als drei Jahre ist er als Hilfsarbeiter tätig. Blut, Gedärm und Fäulnis prägen seine Arbeitswelt in einem Anatomischen Institut. Parallel besucht er die Abendoberschule. Er wird zum Studium der Tiermedizin zugelassen, fühlt sich jedoch im gesellschaftlichen System der DDR weiterhin fremd, denkt immer wieder über Möglichkeiten zur Flucht nach. Die politische Entwicklung in Deutschland und der Welt verfolgt er aufmerksam. Die Kuba-Krise, die "Spiegel"-Affäre, der Vietnam-Krieg, der Mord an den Kennedy-Brüdern, der Prager Frühling, die Ostverträge der Bundesregierung sind die großen Themen des Jahrzehnts, die zur Parteinahme auffordern. In der Auseinandersetzung der Systeme steht er auf der Seite des Westens. Personenkult um Ulbricht, Selbstherrlichkeit des Politbüros, Unterdrückung jeglicher Kritik, blindes kulturpolitisches Wüten nähren Lukas' Ablehnung des Systems immer aufs Neue. Und dennoch gibt es für ihn privat das richtige Leben im falschen. Verbotene Bücher, Theater, Westfernsehen, gleichgesinnte Freunde, ausgelassenes Studentenleben und die Liebe bestimmen seinen Alltag viel mehr als der politische Druck. Der Leser lernt mit Lukas die Nylonmäntel, die Levi's Jeans, die Vita Cola, die Dederon-Hose, den "Präsent 20"-Anzug, die DDR-Fußball-Oberliga, das Skatspiel, die "Exquisit"-Läden, den "Intershop" und noch viel mehr kennen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2. Der andere Walter; Franc-tireurs; Eine Flucht über den Harz; Ein Mädchen spielt Skat; FDJ-Aktion „Ochsenkopf“; Nato-Plane und Levi’s-Jeans; Das alte Bildermuseum; Deutschlandfunk und Karl-Heinz Köpcke; Immer neue Fluchtgeschichten; Der Internationale Frühschoppen
Lukas’ erster Arbeitstag als Gehilfe im Veterinär-Anatomischen Institut war der 2. Mai, ein Mittwoch. Es brauchte nur wenige Tage, da hatte er seinen anfänglichen Schauder vor Tierleichen, deren Innereien, Blut, formalinfixierten Körperteilen und Organen überwunden. Sein Gehilfenkollege Walter Patz war ein freundlicher und immer zu Späßen aufgelegter alter Herr, der ihm mit größter Offenheit auch seine politische Einstellung offenbarte. „Ich bin der Walter aus Gohlis. Wir kommen bestimmt gut miteinander aus. Mit dem anderen Leipziger Walter, dem Ulbricht, haben Sie ja schon Ihre Erfahrungen gemacht, wie ich hörte. Mit dem bin ich zusammen zur Schule gegangen. Später war der mit einem Tafelwagen in Leipzig unterwegs, von dem herunter er Gemüse verkauft hat. So eine Art Marktschreier ist der gewesen. Der kann doch keinen Staat führen.“ „Offenbar weiß man hier schon Bescheid über meine Vorgeschichte“, sagte sich Lukas. Mit großem Vergnügen erzählte Patz Witze über den Ersten Sekretär des Zentralkomitees: „Der Walter besucht einen großen Betrieb. Er will Kontakt zu den Werktätigen gewinnen. Man führt ihn und sein Gefolge durch die einzelnen Abteilungen. Einen Mann in graublauem Kittel spricht er an: ‚Nu, Kollege, das sieht ja alles recht ordentlich aus, die Maschinen blitzblank, so werdet ihr den Plan ganz sicher übererfüllen. Was sind Sie denn hier, welche Funktion haben Sie?’ ‚Ich bin Meister, Genosse Erster Sekretär.’ ‚So, na dann ernenne ich Sie hiermit zum Obermeister.’ Die Gruppe geht weiter, Ulbrichts Blick fällt auf einen Mann im weißen Kittel. ‚Nu, und was sind Sie hier im Betrieb?’ ‚Ich bin Ingenieur, Genosse Erster Sekretär.’ ‚Aha, sehr schön. Ich habe gehört, Sie haben im letzten Jahr den Plan um 10 Prozent übererfüllt. Dafür ernenne ich Sie zum Oberingenieur.’ Als sich die Besuchergruppe schon wieder auf ihre Wagenkolonne zubewegt, sieht Ulbricht einen alten Mann, der den Hof fegt. Er geht auf ihn zu und fragt: ‚Nu, und was sind Sie?’ ‚Ich bin Schlesier’, antwortet der. ‚So, ich sehe, sie machen ihre Arbeit gut. Sauberkeit ist die erste Voraussetzung für die Planerfüllung. Hiermit ernenne ich Sie zum Oberschlesier’.“ Dass das Erzählen derartige Witze über Ulbricht nach § 20 des Strafrechtsergänzungsgesetzes für politische Straftaten von 1957 als Staatsverleumdung verfolgt werden konnte, wusste Lukas nur zu gut. Umso mehr freute er sich über den Vertrauensbeweis, den sein Kollege ihm mit seiner Offenheit entgegenbrachte. Zu Walter Patz Aufgaben gehörte es, die Vorlesungen technisch vorzubereiten. Für Professor Schwarze, den Direktor des Instituts, der wegen seiner leisen Vortragsweise von den Studenten das „Sandmännchen“ genannt wurde, musste hinter dem Pult eine Art Barhocker aufgestellt werden. Eine Vorlesungsstunde dauerte 45 Minuten und der alte Herr war nicht mehr imstande, so lange zu stehen. Und auf einen gewöhnlichen Stuhl konnte er sich nicht setzen, dann hätte man ihn hinter dem Pult nicht gesehen. Doppelstunden zu halten, kam für ihn gar nicht infrage. Da für den Unterricht in Anatomie vom ersten bis zum vierten Semester eine große Anzahl von Lehrstunden vorgesehen war, musste er täglich eine Vorlesung halten. Dafür hatte er sich die Zeit von elf bis zwölf Uhr reservieren lassen. Der Professor war offenbar kein Morgenmensch. Seine Frau brachte ihn täglich gegen zehn Uhr mit dem Auto zum Institut. In der viertelstündigen Pause zwischen der vorangegangenen und der nun folgenden Vorlesung in Anatomie wischte Patz die Wandtafel sauber, füllte, wenn nötig, den Kasten mit farbiger Tafelkreide nach und hing die Karten mit gezeichneten Darstellungen zum behandelten Thema auf. Welche der unzähligen anatomischen Abbildungen in der Stunde gezeigt werden sollten, schrieb der Professor auf einen Zettel, den er dem Gehilfen durch die Sekretärin übergeben ließ. Die Karten waren in einem eigenen Raum hinter dem Hörsaal untergebracht. Sie wurden in aufgerollter und mit je zwei schwarzen Bändchen verschnürter Form in Wandschränken gelagert. Zu beiden Seiten der Wandtafel gab es im Hörsaal je drei kulissenartig angeordnete Aufzüge. Die Karten hängte der Gehilfe an horizontale, mit Häkchen versehene Metallstangen. Je nach Größe passten zwei bis drei Karten nebeneinander. Mit einer Handkurbel wurden sie nach oben gezogen. Auf diese Weise war es möglich, unter Nutzung aller drei Aufzüge auf jeder Seite der Tafel sechs oder mehr Hörsaaltafeln zu zeigen. Für Walter Patz war die Vorbereitung der Vorlesung aber nicht nur ein nüchterne Abfolge von immer wiederkehrenden Handgriffen. Er machte aus seiner Aufgabe ein regelrechtes Spektakel. In seiner Gehilfenuniform, blauer Kittel und Gummistiefel, stürmte er, ein paar Brocken Französisch rufend, in den Saal. „Mesdames et Messieurs, Qu’est-ce que c’est? Parlez vous francais?“ An diese Auftritte schon gewöhnt begrüßten ihn die Studenten oft mit tobendem Applaus, der seine schauspielerische Leidenschaft noch forcierte. Neben „Liberté, Égalité, Fraternité“ und „Moulin rouge“ kam regelmäßig das Wort „Franc-tireurs“ vor, das Lukas, obschon mit dem Französischen durch den Schulunterricht ein wenig vertraut, nicht kannte. „Das waren die Heckenschützen der Franzmänner, die uns im Ersten Weltkrieg zugesetzt haben“, erklärte ihm Herr Patz einmal auf Nachfrage. Die Zuständigkeit für die Vorbereitung der Vorlesungen wollte Walter Patz mit niemandem teilen. Neben der Ehre, unmittelbar für den Chef tätig sein zu dürfen, hatte er daran ein kleines privatwirtschaftliches Interesse. Er betrieb einen Handel mit gebrauchten Lehrbüchern. Studenten, die sich nach dem Vorphysikum oder dem Physikum von ihren nicht mehr benötigten Fachbüchern trennen wollten, gaben sie ihm in Kommission. Selbst die ältesten Ausgaben pries er an als Fundgruben des Wissens auf dem Weg zum Erfolg. „Kaufen Sie diesen ‚Remsen, Reihlen, Rinäcker’ und die Rätsel der Chemie fallen Ihnen wie Schuppen von den Augen. Vom Sauerstoff bis zur organischen Chemie lernen Sie alles und wissen am Ende mehr als ihr Prüfer. Keiner muss mehr Angst haben vor Professor Sterbas Zoologie, wenn er diesen erstklassig erhaltenen ‚Leitfaden der Anatomie der Wirbeltiere’ sein eigen nennen darf. Kämpfe, Kittel, Klapperstück sind die Autoren. Namen die für Qualität bürgen. Denen und natürlich ganz besonders mir werden Sie ewig dankbar sein, wenn Sie jetzt zuschlagen. Und für diejenigen unter Ihnen, die selber Professoren werden wollen, etwas ganz besonderes: Der ‚Strasburger’, das Lehrbuch der Botanik für Hochschulen, auch das Viermännerbuch genannt, weil vier Herren daran geschrieben haben. Das gibt es schon seit Kaisers Zeiten. Dies hier ist die brandneue 27. Auflage von 1958, im Westen erschienen. Mit dem kommen auch Sie ganz groß heraus!“ Natürlich gelang es Patz nicht, alle Bücher an den Mann zu bringen. Und so sammelten sich über die Jahre mehr und mehr inzwischen hoffnungslos veraltete Werke an, die er in allen möglichen Ecken und Winkeln des Instituts verstaute. Noch Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst wurden immer mal wieder versteckte Bücherdepots entdeckt. Die hergestellte Vorlesungsbereitschaft war Professor Schwarze persönlich zu melden. Walter Patz hatte daher die Erlaubnis, die Glastür zum „Chefgang“ eigenständig zu öffnen, um ihn zu seiner Lehrveranstaltung abzuholen. Dieser Gang durfte ansonsten nur von den beiden Professoren, dem Oberassistenten und von Frau Kaltofen, der Institutssekretärin, betreten werden. Das Sekretariat befand sich hinter einer ersten gläsernen Tür, die keine Klinke besaß. Besucher hatten zu klingeln. Die Mitarbeiter besaßen zwar alle einen Schlüssel, einen sogenannten Passepartout, mit dem sich alle Türen des Hauses öffnen ließen, die erste oder gar die zweite Glastür jedoch waren tabu. Keiner hätte es gewagt, sich von Frau Kaltofen beim unbefugten Betreten des Chefganges erwischen zu lassen. Das Arbeitszimmer von Professor Schwarze lag ganz am Ende des Ganges. Walter Patz schlurfte nach hinten und hinterließ zum Verdruss von Frau Kaltofen schwarze Schleifspuren von seinen Gummistiefeln auf dem Linoleum. „Dass der Patz seine Latschen nicht anheben kann!“, stöhnte sie jedes Mal. Da der Chef schwerhörig war, musste man laut, am besten mit der Faust, an seiner Tür klopfen. Gewöhnlich ertönte dennoch kein „Herein!“. Es blieb nichts übrig, als die Tür unaufgefordert zu öffnen. „Herr Professor, es ist alles...




