E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Sarano Wie man mit Haien schwimmt
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-99037-152-7
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Liebeserklärung
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-99037-152-7
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fran?ois Sarano. Der Ozeanograf und professionelle Taucher war 13 Jahre lang wissenschaftlicher Berater von Jacques-Yves Cousteau und Expeditionsleiter auf dem legendären Forschungsschiff Calypso. Gemeinsam mit seiner Frau Véronique gründete er den Verein Longitude 181 zum Schutz der marinen Ökosysteme. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Dokumentarfilme.
Weitere Infos & Material
Einführung
Den "Sprachlosen" eine Stimme geben
Kapitel 1: Geschichte eines Missverständnisses:
von Plinius zu Disney
Kapitel 2: Hai? Welcher Hai?
Kapitel 3: Die Entstehung neuen Lebens
Kapitel 4: Im Kopf des Hais
Kapitel 5: Der Persönlichkeit auf der Spur
Kapitel 6: Der Hai und sein Platz in der Rangordnung
Kapitel 7: Im Ozean zu Hause
Kapitel 8: Unscharfe Umrisse
Kapitel 9: Die Konfrontation
Kapitel 10: Versöhnung
Anhang
Anmerkungen
Ergänzende Bibliografie
Dank
Die Axt dringt tief in den sich windenden Körper ein. Wieder und wieder schlägt sie zu. Eine ungeheure Grausamkeit, die die ganze Aversion der Menschen gegen ein monströses Tier auszudrücken scheint: den Hai. Wir sind im Jahr 1954, mitten im Indischen Ozean, auf der Brücke der , dem Schiff von Jacques-Yves Cousteau, der lapidar bemerkte: „Alle Seeleute dieser Welt hassen die Haie. Für uns Taucher ist der Hai ein tödlicher Gegner.“1
Im Jahr 1989, also 35 Jahre später, auf demselben Schiff im selben Ozean, nehmen wir Kurs auf die geheimnisvolle Inselkette der Andamanen. Ziel der Expedition ist eine Bestandsaufnahme der marinen Fauna der Region, die nie zuvor erforscht wurde und bisher nicht ins Visier des industriellen Fischfangs geraten ist. Nachdem wir die Karibik, den Pazifik und die Gewässer rund um die Marquesas-Inseln und das Great Barrier Reef erkundet haben, hoffen wir, endlich ein noch jungfräuliches Ökosystem vorzufinden, in dem viele Haie zu Hause sind. Einen Ort, den Jules Verne in seinem Roman wie folgt beschrieben hat: „Zwar scheuen die Eingeborenen in bestimmten Gegenden, vor allem auf den Andamanen, nicht davor zurück, mit Dolch und Schlinge den Hai zu attackieren, aber schließlich bezahlen viele von ihnen ihren Mut ja auch mit dem Leben!“2
Im Jahr 1989 hat sich die Welt definitiv geändert: Das Thema der Bedrohung der Ökosysteme erreicht die breite Öffentlichkeit. Am 2. Januar 1988 kürte das Magazin die „Bedrohte Erde“ zur „Person des Jahres“. Die Ausbeutung der „marinen Ressourcen“ hat ein Maximum erreicht: Mehr als 90 Millionen Tonnen Fisch werden weltweit aus den Meeren geholt, eine kritische Schwelle, die nie wieder erreicht werden wird.3 Der Hai ist kein Feind mehr, er ist in Gefahr. Und Cousteau, der sich vom Meeresforscher zum Umweltaktivisten gewandelt hat, will vor dem rasant schnellen und massiven Rückgang der Zahl der Haie warnen. Vielleicht will er aber auch unbewusst die Szenen aus seinem Film wiedergutmachen, in denen Haie als Ungeheuer dargestellt worden sind?
Die Haie der Andamanen
Am 4. April 1989 ankern wir mit der auf 11°8’ nördlicher Breite und 93°31’ östlicher Länge unterhalb des Flat Rock an der Invisible Bank. Es ist fünf Uhr morgens. Kamera, Unterwasser-Schreibtafel, Probenbehälter, alles ist für den ersten Erkundungstauchgang fertig. Erst allmählich bricht der Tag an. Meer und Himmel verschwimmen zu einer grauen Einheit. Die „unsichtbare Bank“ ähnelt oberhalb der Wasserfläche einem Schädel aus Vulkangestein mit einer Schaumkrone: Es ist gerade Ebbe. Wir lassen uns ins Wasser gleiten und haben noch nicht einmal den ersten Zug aus dem Sauerstoffgerät genommen, als drei Silberspitzenhaie () und zwei große Graue Riffhaie () zu uns aufsteigen. Wie habe ich sie identifiziert, ohne sie richtig zu sehen? Die Körper sind nahezu unsichtbar, nur die Ränder der Flossen zeichnen sich schemenhaft in der dunklen Tiefe ab. Ruhige Kreise ziehend, tanzend, wie lodernde Flammen. Dann halten sie inne, kommen nach oben, und der erste nähert sich. Als würde das Meer einen Hai gebären. Zuerst das schwarze Halbrund des Mauls im Kontrast zur weißen Schnauze, dann der mächtige Körper, verankert zwischen den Brust- und den Rückenflossen. Das kreisrunde Auge, die goldfarbene Iris, in der Mitte die dunkelgraue Pupille. Er fixiert uns unverwandt. Die fünf Kiemenspalten, die aussehen wie Ausrufezeichen. Die Muskeln, die sich unter der mal körnig, mal glatt wirkenden Haut bewegen. Eine schlummernde, kontrollierte Kraft, die jeden Moment explodieren kann. Schließlich die beeindruckende Schwanzflosse, die wie ein weißes Banner wirkt.
Wir lassen uns zwischen einem Korallenriff und einer roten Gorgonie auf den Meeresboden sinken. Der größte Hai kommt noch näher, ein ausgewachsenes Graues Riffhai-Weibchen von mindestens 2,80, vielleicht drei Meter Länge, ein auffälliges Exemplar, denn meistens werden Riffhaie höchstens 2,50 Meter lang. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass es hier keine professionelle Fischerei gibt. Das Ökosystem ist jungfräulich. Denn diese seltenen Riesen wären die Ersten, die verschwinden würden, gleich zu Beginn der Ausbeutung des Meeres. Und sie könnten nicht ersetzt werden, denn der Rhythmus der Abfischung ist so hoch, dass Jungtiere keine Zeit haben auszuwachsen. Das neugierige ältere Hai-Weibchen zeigt tiefe Bisswunden an den Körperseiten und einen langen Riss in der linken Brustflosse, ein Zeichen für mehrere Paarungen. Es hätte bestimmt eine lange Geschichte zu erzählen, von einer Welt, wie sie früher war, bevölkert von wilden Horden und gigantischen Monstern, die in Ruhe altern durften. Ich ignoriere meine Probenbehälter und vergesse meine Notizen auf der Schiefertafel, das sind Eindrücke, die sich nicht in Worte fassen lassen …
Cousteau und 4
Nach diesem ersten Tauchgang fällt die Entscheidung, den Schutzkäfig einzusetzen, da es von großen Haien nur so wimmelt. In solch unerforschten Gewässern will Cousteau kein Risiko eingehen. Nach seiner lebensgefährlichen Begegnung mit einem gewaltigen Weißspitzen-Hochseehai () vor den Kapverdischen Inseln im Jahr 1948 ist er vorsichtig geworden. Dieses Erlebnis lässt sich nicht so leicht abschütteln und hat ihn tief geprägt, denn der sonst eher schweigsame Abenteurer hat uns die Geschichte an Bord der bereits mehrere Male erzählt, sie aber auch in Büchern beschrieben, mit Varianten, die mit der Zeit immer dramatischer werden:
„Wir waren kaum im Wasser und fünf oder sechs Meter unter der Oberfläche, als wir König Longimanus sahen, den Häuptling langer Arm, wie wir ihn bald nannten.. Er war völlig anders als all die Haie, die wir zuvor gesehen hatten. Sein gedrungener, graubrauner Körper hob sich scharf gegen das klare Blau des Wassers ab; sein Kopf war sehr groß und rund, und seine Brustflossen hatten enorme Ausmaße; seine Rückenflosse endete in Rundungen […] Mit großem, allzu großem Selbstvertrauen ließen wir die Leine, die uns noch mit unserem Schiff verband, fallen und schwammen geradewegs auf den Hai zu. Es dauerte lange, viel zu lange, bis wir begriffen, dass der Häuptling Langer Arm uns mit sich fortlockte und sich nicht im geringsten vor uns fürchtete. Sobald wir uns darüber klar waren, ergriff uns lähmende Angst, und wir wollten nur noch zu unserem Schiff zurück. Dazu war es aber zu spät. […] Zwei riesige Blauhaie mit formvollendeten Raubfischkörpern schlossen sich dem Weißspitzen-Hochseehai an, und die drei Haie begannen einen sich allmählich einengenden Kreis um uns zu ziehen. Zwanzig endlos scheinende Minuten lang versuchten die drei Haie mit großer Schläue und Entschlossenheit, jedesmal nach uns zu schnappen, wenn wir ihnen den Rücken kehrten oder wenn einer von uns an die Wasseroberfläche stieg, um (…) unserem weit entfernten Schiff ein Zeichen zu geben. […] Kurz bevor wir aus dem Wasser gezogen wurden, war ich drauf und dran, dem Weißspitzen-Hochseehai die Kamera an den Kopf zu schlagen, in der verzweifelten Hoffnung, seinen Angriff abwehren zu können und ein wenig Zeit zu gewinnen.“5
Der letzte Tauchgang mit dem Schutzkäfig
Auch wenn wir in keiner vergleichbaren Situation waren, wir hatten keine drei Kilometer Wasser unter uns, sondern lediglich 15 Meter, wollten wir nicht über Cousteaus Anweisungen diskutieren, um nicht überheblich zu wirken und mögliche Gefahren zu vermeiden.
Der Schutzkäfig, der am Heck der an einem Kran hing, wirkte ein wenig wie eine der Pappmaschee-Puppen, die man am Faschingsdienstag auf öffentlichen Plätzen an einen Galgen hängte und verbrannte, um das Ende des Winters zu feiern. Ein verwirrendes Gefühl. Die penibel gelb gestrichenen Eisengitter, hinter denen die Unterwasserforscher sich schützten, wenn sie in die mit Haien „verseuchten“ Gewässer nach unten gelassen wurden, erschienen mir in diesem Moment fehl am Platz. Die zahlreichen Begegnungen mit den Haien hatten unseren Blickwinkel auf die ungeliebten „Bestien“ bereits verändert. Gleichzeitig aber verband mich dieser Käfig, den Millionen Fernsehzuschauer gesehen haben, mit den Helden meiner Jugend, den berühmten Pionieren der .
Um 9 Uhr 30 wurde der Käfig feierlich in das Zodiac-Schlauchboot hinabgelassen und einige Hundert Meter entfernt am Ort des Tauchgangs ins Wasser geworfen. Und was alle vermutet hatten, trat ein: Die Silberspitzenhaie hielten Abstand und überließen das Feld den Jungfisch-Schwärmen, die die Gewässer rund um das Riff bevölkerten. Nur einige Weißspitzen-Riffhaie () und ein Ammenhai () kamen so nah, dass sie Didier Noirots Kamera...




