Sarrazin | Die Vernunft und ihre Feinde | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Sarrazin Die Vernunft und ihre Feinde

Irrtümer und Illusionen ideologischen Denkens
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7844-8435-8
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Irrtümer und Illusionen ideologischen Denkens

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-7844-8435-8
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wo Logik und Empirie durch "alternative Fakten" ersetzt werden, weitet sich der Raum für ideologisch geprägtes Denken und es sinkt die Toleranz. Thilo Sarrazin beobachtet diese Tendenz in den letzten Jahren auf allen Seiten des politischen Spektrums und in vielen Medien. Sie passt nicht zum Geist der abendländischen Aufklärung und sie kann die Grundlagen unserer demokratischen und liberalen Gesellschaftsordnung infrage stellen. Sarrazin erläutert die Gefahren ideologischen Denkens für unsere Gesellschaft und unsere politische Kultur und beschreibt typische Irrwege. Ideologien wirken verlockend durch die trügerische Klarheit ihrer Rezepte und die Schlichtheit, mit der sie Gut und Böse trennen. Doch so stolpert die Menschheit in immer neue Irrtümer.

Sarrazin Die Vernunft und ihre Feinde jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel 1

Wie das Leben meinen Denkstil prägte

Ich hatte stets Schwierigkeiten, meinen Denkstil und meinen Ausblick auf die Welt auf einer links-rechts-Skala adäquat einzuordnen. Die Orientierung am staatlichen Ordnungsrahmen, an bürgerlichen Tugenden, am Individuum und an der individuellen Leistung betrachten manche als »rechts«, obwohl ich das nicht so empfinde. Meinen Atheismus, meine Distanz zu Herkunft und Sitte empfinden manche als »links«, obwohl ich das anders sehe.

Für alle Menschen und auch für mich gilt: Die Art, wie jemand die Welt sieht, ist von seinen Eigenschaften als Individuum und den Prägungen, die er durch Herkunft und Erleben erfuhr, grundsätzlich nicht zu trennen. Woher kommen die Einstellungen, die Werte, die Interessenrichtung, die grundlegenden Meinungen, die einen prägen? Das alles bestimmt die Richtung, die man im Leben nimmt. Niemand kann von sich sicher sagen, was davon angeborene Eigenschaften sind, welchen Einfluss die Familie hatte, in der man aufwuchs, wie weit der jeweilige Geist der Zeit, der Umgang, den man pflegte, und die Schulen, in die man ging, für die Entwicklung unserer Interessen und den Weg, den wir individuell genommen haben, verantwortlich sind. Darum sind auch unterschiedliche Ausblicke auf dieselbe Sache grundsätzlich legitim. Auch da, wo man nach objektiver Erkenntnis sucht, sollte die Frage nach der subjektiven Perspektive nicht unter den Tisch fallen.

Deshalb widme ich dieses einleitende Kapitel auch der Frage, wie ich eigentlich zu den Perspektiven und Blickwinkeln kam, die Ausgangspunkt dieses Buches sind. Dazu schaue ich knapp und themenbezogen in die Eckwerte meiner geistigen Biografie. Nach der Meinung des Philosophen Karl Popper (1902–1994), Begründer des Kritischen Rationalismus, hat jeder denkende Mensch – bewusst oder unbewusst – eine Alltagsphilosophie und ist so quasi sein eigener Philosoph. Es mache, so Popper, für jeden Menschen auch Sinn, sich über die Voraussetzungen und Annahmen des eigenen Weltbilds und die daraus hergeleiteten Erkenntnisse und Einstellungen Gedanken zu machen.10 Die Gruppe der Berufsphilosophen betrachtete Popper kritisch, obwohl er sich selbst zu ihnen zählte. Er meinte, in der Philosophie gebe es wenig Neues, aber viel mystifizierenden Unsinn. Das meiste sei schon von wenigen großen Philosophen, vor allem von den griechischen Vorsokratikern, vorgedacht worden.

Philosophie ist für mich im Wesentlichen die Theorie, wie man Erkenntnisse über die Welt gewinnen und ihre Wahrheit überprüfen kann. Das hat schnell etwas Uferloses: Je intensiver man nachdenkt, umso größer erscheint der Kreis des eigenen Nichtwissens. Das geflügelte Wort von Sokrates »Ich weiß, dass ich nichts weiß« hat hier seine tiefere Bedeutung. Allerdings darf man es beim Beklagen der eigenen Unwissenheit auch nicht übertreiben. Jedes irdische Lebewesen, das sich in der ihm zugemessenen Lebensspanne mit Erfolg in der Welt behauptet, macht nämlich aus erkenntnistheoretischer Sicht etwas richtig. Sonst könnte es nicht Nahrung finden, sich gegen Feinde schützen und mit Erfolg fortpflanzen. Wo es etwas richtig macht, hat es einen kleinen Ausschnitt der Welt adäquat erfasst und bei seinen Handlungen berücksichtigt. Eine Katze zum Beispiel, die eine Maus aus der Deckung belauert und im plötzlichen Katzensprung fängt, hat bei der Auswahl der Deckung die Gesetze der Optik und bei der Bemessung des Sprungs die Wirkung der Schwerkraft adäquat beachtet, davon zeugt der erfolgreiche Mäusefang. Die Katze weiß etwas Richtiges über die Welt, anderes und vielleicht auch weniger als der Mensch, aber doch wohl mehr als ein Regenwurm. Alle Menschen wissen etwas Richtiges über die Welt und haben sich im Laufe der Zeit eine Alltagsphilosophie erworben, die – bewusst oder unbewusst – Denken, Handeln und Urteil bestimmt. Meine Alltagsphilosophie ist der Ausgangspunkt dieses Buches, und ich versuche, sie möglichst anschaulich aus meiner Biografie heraus zu entwickeln.

Die frühen Jahre

Meine Eltern verband eine Studentenliebe in Freiburg, und trotz ihres unterschiedlichen Charakters entschlossen sie sich Ende 1942 zur Heirat, ehe mein Vater nach seinem medizinischen Staatsexamen wieder als Truppenarzt an die Front musste. Mein Vater stammte aus einer westfälischen Familie und hatte eine englische Mutter. Seine Schwester verbrachte einen Teil ihrer Schulzeit im englischen Internat und war wegen ihrer Sprachkenntnisse während des Kriegs zeitweise Nachrichtensprecherin in den englischen Sendungen des deutschen Reichsfunks.

Meine Mutter lebte bis Januar 1945 mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder auf dem Gut der Familie in Westpreußen. Die beiden älteren Brüder waren 1942 in Russland gefallen. Mein Vater nahm ihr bei seinem letzten Fronturlaub im September 1944 das Versprechen ab, im Falle einer bedrohlichen Annäherung der Ostfront ihre Heimat unter allen Umständen rechtzeitig zu verlassen. Nach dem Zusammenbruch der Ostfront befolgte meine Mutter Ende Januar 1945 diesen Rat und kam nach abenteuerlicher Reise rechtzeitig vor meiner Geburt bei ihren Verwandten in Gera/Thüringen an. Dort wurde ich am 12. Februar 1945 im Städtischen Krankenhaus geboren.

Unmittelbar nach der Besetzung durch britische Truppen wurde meine Tante erste Dolmetscherin des britischen Stadtkommandanten in Recklinghausen und erfuhr auf diesem Weg sehr früh, dass das amerikanisch besetzte Thüringen ein Teil der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) werden würde. Ein britischer Militärlastwagen, der in Thüringen auf Versorgungsfahrt war, holte Ende Mai meine Mutter und mich in Gera ab. So kam ich in meine Heimatstadt Recklinghausen. Mein Vater wurde im September 1945 aus britischer Gefangenschaft nach Recklinghausen entlassen. Auch dabei war meine Tante hilfreich tätig.

Das Schicksal war somit der jungen Familie gnädig. Der Vater meiner Mutter verstarb 1946 in einem polnischen Lager. Meine Großmutter und der jüngere Sohn kamen im Frühling 1946 ohne Schuhe und Strümpfe in Berlin an und lebten bald auch bei uns in Recklinghausen. Uns ging es auch in meiner frühen Kindheit nach damaligen Maßstäben gut. Die Verhältnisse waren nach dem Krieg natürlich sehr bescheiden, aber mein Vater konnte als Arzt bei der Knappschaft seine Familie ernähren. Die vielen Trümmergrundstücke, die unser Haus mit der Mietwohnung im zweiten Stock umgaben, nahm ich als natürliches Umfeld wahr, ebenso die Lastwagenkolonnen mit britischen Soldaten, die regelmäßig durch unsere Straße fuhren.

Meine Mutter verwand den Verlust von Heimat und Besitz nur schwer und kreiste in Worten und Gedanken immer wieder – und je älter sie wurde, desto öfter – um das verloren gegangene Leben auf dem Gut im Osten. Meine Großmutter (Jahrgang 1895) trauerte um Mann und Söhne, der Verlust des Besitzes schien sie nicht weiter zu kümmern. Anfang der Fünfzigerjahre ließ sie sich für die CDU in den Stadtrat von Recklinghausen wählen und wurde in den folgenden 20 Jahren zu einem bekannten Gesicht der dortigen Kommunalpolitik. Mit manchen ihrer ehemaligen polnischen Angestellten auf dem nunmehr polnischen Staatsgut in Westpreußen hielt sie Briefkontakt und schickte ihnen Pakete. Aber sie weigerte sich stets, die alte Heimat zu besuchen. Ihr Umgang mit dem materiellen Verlust war souverän, und das strahlte sie auch aus. Aber ich wuchs gleichwohl in einer Familie auf, die von schmerzlichen Verlusterfahrungen geprägt war, und war sehr sensibel dafür.

Mein Vater, ältestes von vier Kindern, war im Alter von 15 Jahren Vollwaise geworden und machte sein Abitur an einem katholischen Internat. Er begann 1933 mit dem Studium der Germanistik, wechselte aber nach einigen Semestern zur Medizin, als der Zugriff der Nationalsozialisten auf die Studieninhalte zunahm und die Liste der verbotenen oder unerwünschten Schriftsteller immer länger wurde. Das Kriegsende erlebte er als Truppenarzt in Italien. Einer seiner Sanitätsgefreiten stammte aus Auschwitz, von ihm erfuhr er, was dort geschah.

Von seinem Selbstverständnis her war mein Vater vor allem ein Intellektueller und Literat, die Medizin war sein Brotberuf. Seit der Studentenzeit in den Dreißigerjahren bis ins hohe Alter publizierte er immer wieder Gedichte. Er hatte eine beeindruckende Gedächtniskapazität, konnte zahlreiche deutsche Gedichte und weite Strecken von Goethes Faust auswendig zitieren – was er dort, wo es passte, auch gerne tat. Die Interessen meiner Eltern überschnitten sich kaum. Was sie in ihrer siebzig Jahre währenden Ehe verband, blieb uns Kindern weitgehend unklar. Wahrscheinlich war es das Spannungsverhältnis zwischen dem intellektuellen Zugriff meines Vaters und dem emotionalen Zugriff meiner Mutter auf die Welt – verbunden mit dem Umstand, dass meine Mutter in ihrer Jugend eine sehr schöne Frau war.

Dem Erbe meines Vaters ist es wohl zu verdanken, dass ich zeit meines Lebens sehr viel las und den praktischen Anforderungen des täglichen Lebens immer wieder mit einer gewissen Distanz gegenüberstand. Dem bäuerlichen Erbe meiner Mutter schreibe ich einen erdverbundenen Zahlensinn sowie ein Gespür für wirtschaftliche Zusammenhänge und die damit verbundenen Interessen zu. Dass ich in einem Volk der Verlierer aufwuchs, war mir schon als Kind sehr früh bewusst. Dazu gehörten nicht nur die Trümmer um uns herum, sondern auch die Erzählungen meiner Mutter und meiner Großmutter über die verlorene Heimat und den Verlust von Vater, Mann und Söhnen. Die komplizierte Einbettung dieser Dramen in den Verlauf der deutschen Geschichte und die damit einhergehenden Fragen von Schuld und Sühne gingen an mir als Kind und Jugendlichem weitgehend vorbei.

In...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.