E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Saunders Es klingt nach Liebe
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402619-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-10-402619-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Saunders: erfolgreiche Autorin zahlreicher Romane und Kinderbücher, für die sie - auch in Deutschland - ausgezeichnet wurde. Als Journalistin und Rezensentin schrieb sie u.a. für die »Sunday Times« und »Cosmopolitan«, war als Jurorin tätig und arbeitete für das Radio. Die Londonder Autorin verstarb 2023. Literaturpreise: ?Die genial gefährliche Unsterblichkeitsschokolade?: Ulmer Unke 2015
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Kapitel 1
Eine einsame, zusammengekrümmte Gestalt wartete an der Bushaltestelle, ohne Schutz vor dem Wind, der von Norden über die Ebene der Fens wehte. Barbara hielt den Wagen an und ließ auf der Beifahrerseite das Fenster herunter.
»Helen! Was machst du denn hier, um Himmels willen?«
»Also, ich …«
»Ich habe dir doch gesagt, dass du mich anrufen sollst, wenn du eine Mitfahrgelegenheit brauchst.«
»Das war eine ganz spontane Idee. Ich will dich nicht als Taxi missbrauchen.«
»Ach, Unsinn. Willst du nach Cambridge? Steig sofort ein, bevor wir beide noch erfrieren.« Barbara lehnte sich über den Sitz und stieß die Tür auf, um jeden weiteren Protest zu verhindern.
Helen lächelte. »Lieb von dir!« Sie kletterte in den Range Rover. »Oh, schön warm!«
»Ja, heute ist es mächtig kalt, nicht?« Barbara lenkte den warmen, surrenden Wagen auf die Landstraße, die an flachen braunen Feldern vorbei nach Cambridge führte. Sie mochte Helen und freute sich über ihre Gesellschaft.
»Eigentlich mag ich die Kälte. Sie passt zur Jahreszeit.« Helen zog ihre schafledernen Handschuhe aus und lockerte den kläglich selbstgestrickten Schal. »Ohne knisternden Frost ist es kein richtiges Weihnachten.«
Barbara sah ihre Freundin und Nachbarin von der Seite an und dachte, wie so oft, wie schade es war, dass Helen nicht mehr aus sich machte. Sie war dreiundfünfzig, nur zwei Jahre älter als Barbara, doch der Unterschied zwischen ihnen tat fast schon weh. Nachdem sie von Tony verlassen worden war, hatte Helen einfach aufgehört, sich Mühe zu geben. Ihr hellbraunes Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Ihre hübschen, freundlichen blauen Augen waren von Falten umgeben und ihre Zähne vergilbt von den Zigaretten, die sie unablässig bei der Arbeit rauchte. Sie trug Tonys alten Dufflecoat (den er damals mitsamt seiner Frau im Cobb Cottage zurückgelassen hatte) und kein Fitzelchen Make-up.
Für Frauen ihres Alters war gute Pflege das A und O. Barbara pflegte ihre straffe, frauliche Figur durch beständige Diät und Bewegung in Form von langen Spaziergängen mit den Hunden. Einmal im Monat ließ sie ihre dichten Locken schneiden und nachfärben. Ihr hübsches, herzförmiges Gesicht hatte von Natur aus wenig Falten, doch sie verließ das Haus nie ohne Lippenstift und eine kräftige Schicht Make-up.
Allerdings, rief Barbara sich ins Gedächtnis, lebte Helen von der Hand in den Mund. Sie war freiberufliche Illustratorin und zeichnete vornehmlich Schritt-für-Schritt-Anleitungen für den Zusammenbau von Regalen oder das Einführen von Tampons. Für teure Kosmetika hatte sie einfach kein Geld übrig.
Vielleicht sollte ich ihr zu Weihnachten einen Verwöhntag im Wellness-Center schenken, dachte Barbara. Es musste etwas Nettes sein, da sie sich weigerte, für den Entwurf der wunderbaren Weihnachtseinladung Geld zu nehmen, und sie würde nie einen anderen Mann finden, solange sie wie Struwwelpeter herumlief. Die Leute mochten sagen, was sie wollten – Barbara war überzeugt, dass Helen einen neuen Mann brauchte.
»Wann bekommst du den Wagen zurück?«, erkundigte sie sich.
»Morgen Nachmittag«, erwiderte Helen. »Aber ich musste heute unbedingt noch nach Cambridge, um dringend etwas einzukaufen.«
»Tja, wie gut, dass ich vorbeikam. Diesen Weg bin ich nur gefahren, weil ich Jeff einen Hackfleisch-Kartoffel-Auflauf gebracht habe.«
»Du meine Güte, du bringst ihm immer noch Essen?«
»Ja, natürlich«, sagte Barbara. »Einmal pro Woche braucht er eine anständige Mahlzeit, der Arme. Und ich habe ihm eine Einladung zur Party gegeben, obwohl ich kaum glaube, dass er kommt.« Jeff, der momentan in einem Wohnwagen auf dem Grundstück seiner verfallenen Wassermühle lebte, war eines von Barbaras Langzeit-Wohltätigkeits-Projekten. Er hatte einst einen recht wichtigen Posten im Außenministerium gehabt, doch seit dem Tod seiner Frau war er merklich verkommen. Glückliche und begüterte Menschen hatten die Pflicht, ihm Gutes zu tun. »Es ist wichtig für ihn, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen, findest du nicht? Er muss am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.«
»Ja«, entgegnete Helen skeptisch. Ihre Mundwinkel zuckten, ein kleiner Tick, der sich hin und wieder zeigte. »Aber es ist schon fast drei Jahre her, dass Olivia starb. Wenn er wirklich an allem teilnehmen wollte, meinst du nicht, er würde es längst tun?«
»Er trauert noch.«
Helens Mundwinkel zuckten erneut. »Mir hat er mal gesagt, er sei froh, sie los zu sein.«
»So redet er eben.«
»Wie ein elender Mistkerl, meinst du?«
»Er liebt Musik«, sagte Barbara freundlich, aber bestimmt. »Ich hoffe, das wird ihn aus dem Haus locken.« Es gab mal eine Zeit, in der sie überlegt hatte, ob sie Helen und Jeff verkuppeln könnte – zwei einsame, herzensgute Menschen mittleren Alters, die in der Ehelotterie verloren hatten. Jetzt sah sie ein, dass es nicht in Frage kam. Helen hatte die spröde Selbstgenügsamkeit einer alten Jungfer angenommen, und Jeff ähnelte mehr und mehr einem menschenverachtenden Stachelschwein. Es war eine fortwährende Herausforderung, Menschen zu helfen, die sich selbst nicht helfen konnten oder wollten.
»Ach, übrigens«, sagte Helen, »du findest es sicher furchtbar dreist, aber könnte ich noch zwei weitere Gäste zu deiner Party mitbringen? Meine Cousine und ihre Tochter kommen über Weihnachten zu Besuch. Daher auch der dringende Einkauf.«
»Aber sicher, natürlich«, sagte Barbara. Sie fuhren gerade durch das Örtchen Fen Ditton, und Barbara hupte übermütig, als sie Becca Player-Ricks, eine wichtige Stütze des Chors, aus dem Postamt treten sah. »Du weißt doch, was Hugh immer sagt – je mehr, desto besser.«
Wäre es nicht Helen gewesen, hätte sie sich vielleicht geärgert, dass nun zwei weitere Frauen mittleren Alters ihre Party bevölkerten – warum gab es davon nur so viele? Doch in dieser Jahreszeit war es gut, auch andere mit der Wärme ihres Kaminfeuers zu erfreuen. Und es war gut, dass die arme alte Helen Weihnachten nicht wieder allein verbrachte.
»Das ist sehr lieb von dir«, sagte Helen. »Ich glaube, sie passen gut dazu. Laura ist etwa in meinem Alter und Delphine ungefähr ein Jahr älter als eure Sarah.«
»Tod oder Scheidung?«, hätte Barbara am liebsten gefragt. Doch das gehörte sich nicht. Man musste sich höflich herantasten. »Delphine? Sind sie aus Frankreich?«
»Lauras Mann war Franzose. Er ist verstorben.«
»Ach, die Arme.« Also Tod. »Was war es?«
»Ich bin nicht ganz sicher, woran er gestorben ist, aber er hatte Multiple Sklerose.«
»Wie schrecklich.« Sie fuhren an einer Kirche vorbei, und Barbara fühlte sich gezwungen, der Pastorin zuzuhupen, obwohl die Frau für ihren Geschmack ein wenig zu modern predigte und kein Ohr für Musik hatte. »Ich nehme an, sie hat ihn jahrelang gepflegt. Es muss sehr schwer sein, plötzlich allein zurückzubleiben.«
»Wir stehen uns nicht besonders nahe«, sagte Helen. »Jedenfalls nicht mehr seit unserer Jugend. Nach Mutters Beerdigung im letzten Jahr haben wir angefangen zu telefonieren. Wenn man in unser Alter kommt, erkennt man nach und nach, dass einem nur eine bestimmte Anzahl an Menschen zugeteilt ist, und dann sucht man wieder Kontakt zu denen, die man aus den Augen verloren hat. Wir haben vorgestern Abend telefoniert, und plötzlich ertappte ich mich selbst dabei, wie ich sie einlud. Ich muss gestehen, dass mich der Gedanke an die Weihnachtsgans ziemlich nervös macht. Ich habe so was seit Jahren nicht mehr zubereitet.«
»Ich kann dir mein Rezept für die Füllung geben – Apfel und Armagnac … absolut köstlich. Und das Fett nimmst du natürlich für die Röstkartoffeln.«
»Ja, natürlich«, sagte Helen mit wiederum zuckenden Mundwinkeln. »Und natürlich gibt es danach einen Pudding von Purvis.«
»Ganz genau«, sagte Barbara, und beide lachten.
Barbara fuhr durch eine Reihe von Ortschaften, in denen sie einigen Bekannten fröhlich zuhupte und -winkte. Sie klagte über den Küchen- und Geschenkemarathon, weil das jeder tat, doch insgeheim liebte sie es. Ihre Weihnachtspartys waren im ganzen Umkreis berühmt. Sie achtete auf die Details, auf Zwischentöne. Es war erstaunlich, wie viele Menschen dachten, diese Dinge geschähen einfach durch Zauberei. Wenn andere Frauen nach ihrem Geheimnis fragten, sagte sie immer: »Schlicht und ergreifend harte Arbeit.« Die kommende Weihnachtsparty hatte sie in besonders großem Stil geplant. Nach den Lasten und Mühen des letzten Jahres konnten sie alle eine Aufmunterung gebrauchen.
Es sprach für Helen, dass sie sie nicht mit Fragen zu Sarah bombardierte. Barbara brachte inzwischen ohne große Probleme den Satz zustande: »Meine Tochter hatte einen Nervenzusammenbruch und gönnt sich zu Hause ein paar Monate Ruhe«, aber sie schämte sich noch immer. Sarah – der letzte Mensch auf der Welt, um den man sich Sorgen gemacht hatte! Letzten Sommer hatte sie in einem exzellenten Streichquartett die zweite Geige gespielt. Ihre Tournee führte durch ganz Europa, und die Pinnwand in der Küche hing voller Postkarten aus Stuttgart, Salzburg, Genua, Lucca und Monte Carlo. Barbara hatte gern mit dem Glück und Erfolg ihrer talentierten Tochter geprahlt.
Plötzlich – aus heiterem Himmel – kam der schreckliche Anruf aus dem Britischen Konsulat, und man forderte sie auf, Sarah aus einem Krankenhaus in Aix-en-Provence abzuholen. Was war so ein »Nervenzusammenbruch« eigentlich? Sie und Hugh waren sofort hingeflogen und hatten Sarah in stummer Verzweiflung erstarrt vorgefunden, ein Zustand, der bis zum heutigen Tag mehr oder weniger angehalten hatte. Sie schloss sich in ihrem Zimmer ein. Sie weigerte sich, Geige zu...




