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E-Book, Deutsch, 484 Seiten

Scheerer Ex oriente pax

Eine Geschichte der Christlichen Friedenskonferenz Teil 1: 1958 - 1960
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-3829-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Geschichte der Christlichen Friedenskonferenz Teil 1: 1958 - 1960

E-Book, Deutsch, 484 Seiten

ISBN: 978-3-7494-3829-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gegenstand dieser auf drei Bände angelegten Arbeit ist die Christliche Friedenskonferenz (CFK), die 1958 in Prag gegründet wurde. In diesem ersten Band geht es um die Hoffnung der Kommunisten, die Christen möchten vor der Kraft des Atheismus kapitulieren, und um die Hoffnung von Christen, die Kommunisten möchten von ihrem vermeintlich wissenschaftlichen Atheismus lassen - jeweils im Ergebis ihres gemeinsamen Friedenskampfes. Da geht es um die Appelle Linus Paulings und Albert Schweitzers, auf Atombombenexplosionen zu Versuchszwecken zu verzichten und atomar abzurüsten - und um die Haltung der Evangelischen Kirche in Deutschland zu den Bemühungen der christdemokratisch geführten Bundesregierung um Wiederbewaffnung und Ausrüstung der Bundeswehr mit atomaren Waffen. Da geht es um die die Gründung der CFK vorbereitenden Konferenzen tschechoslowakischer Kirchenarbeiter 1957 in Modra und in Prag, um das "Experiment" CFK, das meint die drei christlichen Friedenskonferenzen 1958, 1959 und 1960 - und um die theologischen Positionen Josef L. Hromádkas, der als der geistige und geistliche Vater der CFK zu gelten hat. Vor allem ihm (aber auch Männern und Frauen wie Emil Fuchs, Hans-Joachim Iwand, Renate Riemeck, Werner Schmauch und Richard K. Ullmann) ist es zu danken, dass der Christlichen Friedenskonferenz stets klar war, dass diese Welt nicht aus Engeln und Teufeln, sondern aus Menschen besteht; dass wir, wo es um Gut und Böse, um Recht und Unrecht, um Leben und Tod geht, alle auf derselben Seite stehen; und dass wir nicht in Sicherheit voreinander, sondern nur im Frieden miteinander eine Zukunft haben. Die Erinnerung daran scheint um so dringlicher, als die Fragen, die die CFK Ende der 1950er Jahre auf den Plan riefen, noch immer aktuell sind. Da ist der kalte Krieg, der unter dem Namen hybrid warfare den Systemgegensatz überdauert hat; da sind die Massenvernichtungsmittel und die mit ihnen gegebene Möglichkeit, alles Leben auf dieser Erde auszulöschen; und da ist der ungebrochene Anspruch der traditionell sich als christlich verstehenden Völker, die Welt nach ihrem Bild zu formen und ihren Interessen dienstbar zu machen.

Dr. Reinhard Scheerer war zunächst als Dozent für neuere Kirchengeschichte an der Freien Universität Norddeutschland in Seevetal bei Hamburg, dann als Professor für Theologie und Philosophie am Nile Theological College in Khartum/Sudan tätig. Seit 1972 arbeitete er im West-Berliner Regionalausschuss der Christlichen Friedenskonferenz mit, seit den 1980er Jahren als deren Sprecher. Seit 1988 beteiligte er sich auch an der internationalen Arbeit; bei der VI. Allchristlichen Friedensversammlung wurde er in deren Ausschuss zur Fortsetzung der Arbeit kooptiert. Von 1993 bis 1995 moderierte er drei Tagungen der Europäischen Kontinentalvereinigung der CFK zur Geschichte der CFK.
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Der Hintergrund


Die Christliche Friedenskonferenz war eine in einem Land des real existierenden Sozialismus beheimatete Organisation. Sie konnte nur entstehen, konnte nur bestehen im Einvernehmen mit Partei und Staat - und das meint in letzter Instanz: im Einvernehmen mit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und der UdSSR, auch wenn diese zunächst ihren tschechischen und nach 1968 ihren ungarischen Genossen so etwas wie ein Patronat über die CFK einräumten.

I

Eine Darstellung der CFK-Geschichte beginnt deshalb zweckmäßigerweise mit dem XX. Parteitag der KPdSU 1956. Denn hier entwickelte Nikita Sergejewitsch Chruschtschow auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges das Konzept der friedlichen Koexistenz von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung. Anders als Lenin, der in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus mittelfristig kriegerische Auseinandersetzungen mit kapitalistischen Staaten für unvermeidlich hielt, orientierte Chruschtschow damit auf den friedlichen Wettbewerb zwischen Sozialismus und Kapitalismus unter Ausschluss militärischer Mittel: „Friedliche Koexistenz bedeutet die Regelung der zwischenstaatlichen Beziehungen von sozialistischen und kapitalistischen Staaten auf der Grundlage der Gleichberechtigung der Staaten, der gegenseitigen Achtung ihrer Souveränität, der territorialen Integrität, der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates. F(riedliche) K(oexistenz) bedeutet Entwicklung ökonomischer, wissenschaftlicher und kultureller internationaler Zusammenarbeit auf der Grundlage des gegenseitigen Vorteils und die Lösung strittiger internationaler Fragen mit friedlichen Mitteln.“3 Dieses Konzept sei alles andere als defensiv gemeint. Es bedeute weder das Ende des Klassenkampfes um die soziale Befreiung der Ausgebeuteten noch des nationalen Befreiungskampfes der Unterdrückten, und auch nicht den Verzicht auf deren Unterstützung durch die sozialistischen Länder. Gleichwohl löste Chruschtschow am 17. April 1956 das wohl deutlichste Zeichen dieser Unterstützung, das Kommunistische Informationsbüro (Kominform), auf.

Vor allem aber unterbreitete er Abrüstungsvorschläge. So warb er namentlich für die vollständige atomare Abrüstung, schlug, als er damit bei den übrigen Atommächten keine Resonanz fand, zumindest einen Atomteststopp vor, legte aber auch Vorschläge für eine konventionelle Abrüstung vor, so zum Beispiel für den Abzug aller fremden Truppen aus Europa. Und er unterlegte diese Vorschläge immer wieder mit einseitigen Schritten der UdSSR, beispielsweise mit einem befristeten Stopp sowjetischer Atomexplosionen, in der erklärten Hoffnung, dieses Beispiel möge Schule machen. Nun ist hier nicht der Ort, diese Vorschläge4 im einzelnen zu diskutieren. Das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Hier kann es nur um die Begründung gehen, die Chruschtschow für diese Aktionen gab, und um die Mühe, die er sich machte, diese Begründung zu kommunizieren. So betonte er nicht nur: „Der Kampf für den Frieden ist die Hauptgrundlage unserer Außenpolitik.“5 Sondern er nannte dafür auch zwei Beweggründe, einen praktischen und einen weltanschaulichen: (1) Die UdSSR brauche den Frieden für den erfolgreichen Aufbau des Kommunismus, und (2) Die sowjetischen Politiker seien der Ansicht, dass es nichts gebe, was wertvoller sei als der Mensch, und darum setzten sie alles daran, die Gefahr eines neuen Blutbades von der Menschheit abzuwenden. Der Kalte Krieg sei für ihn, Chruschtschow, deshalb „sowohl materiell als auch moralisch eine Last.“6 Diese Aussage Chruschtschows ist unbedingt glaubhaft. Sie ist es seit dem Ende der UdSSR um so mehr, als deren weltanschauliche und machtpolitische Gegner seither selbst darauf hinweisen, dass das Ende der UdSSR durch deren materielle Überforderung durch das ihr im Kalten Krieg aufgenötigte Wettrüsten zumindest mitverursacht wurde.

Dem entspricht, dass schon der Kalte Krieg der UdSSR aufgenötigt wurde. So äußerte Chruschtschow in seiner Rede auf der Tagung des Politischen Beratenden Ausschusses des Warschauer Vertrages am 24. Mai 1958: „Während des zweiten Weltkriegs bestand bekanntlich zwischen der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten von Amerika, England und den anderen Staaten der Antihitlerkoalition eine enge Zusammenarbeit. Wenn an die Stelle dieser Zusammenarbeit Beziehungen des Argwohns, der Entfremdung und sogar einer gewissen Feindseligkeit getreten sind, so ist das gegen den Willen der Sowjetunion geschehen. Der Regierung der Vereinigten Staaten, und nicht nur ihr, geht eine Freundschaft mit Staaten, die ein anderes soziales und ökonomisches System als die USA haben, offenbar wider den Strich.“7 Denn, so Chruschtschow an anderer Stelle: „Die Imperialisten sind in großer Liebe zu den Völkern der sozialistischen Länder und in dem Wunsch entflammt, sie aus der kommunistischen 'Sklaverei' zu 'befreien'. Wovon wollen sie uns alle 'befreien', Genossen? Sie wollen die Arbeiter von den Werken und Fabriken befreien, um sie aus den Händen des Volkes in die Hände der Imperialisten zu übergeben. Sie wollen die Bauern vom Land befreien und es in den Besitz der Gutsbesitzer, der Landmagnaten überführen. Sie wollen das Volk von dem Recht befreien, seine, des Volkes Regierung frei zu wählen und die Menschen wieder dazu zwingen, für jene zu stimmen, die den Willen der Kapitalisten gehorsam erfüllen.“8

Hinzu kam das jahrhundertealte Bestreben zunächst der westeuropäischen Mächte, Russland aus Europa herauszuhalten. So wollten England und Frankreich bereits den ersten Krimkrieg 1854/56 als Konfrontation zwischen Ost und West verstanden wissen. Dieser geopolitische Konflikt wurde mit der Russischen Revolution lediglich durch eine ideologische Komponente ergänzt. So intervenierten England, Frankreich, die USA und Japan 1919 in Russland auf Seiten der antibolschewistischen Truppen militärisch; so schufen die Alliierten im Ergebnis des ersten Weltkrieges im gleichen Jahr den so genannten cordon sanitaire - einen aus den baltischen Staaten, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien bestehenden Sicherheitsgürtel westlich orientierter Staaten, der Europa vor dem Kommunismus und der Sowjetunion schützen sollte; und so wurden diese Staaten nach dem Ende der UdSSR im Zuge einer „heillosen Ost-Expansion“ (Peter Scholl-Latour) von Europäischer Union und NATO in das westliche Bündnissystem integriert. Von daher erweist sich die Antihitlerkoalition aus westlicher Sicht als ein unnatürliches Bündnis - und der Bruch zwischen den Alliierten 1944/45 „schlicht als absehbare Rückkehr zu gewohnten Sichtweisen“ (Bernd Stöver): Nicht von ungefähr wurden die Landesverratsbestimmungen in den USA bereits während des Krieges weit häufiger gegen Kommunisten und kommunistische Bestrebungen als gegen Nationalsozialisten angewandt.

Das hinderte Chruschtschow jedoch nicht, speziell den USA freundschaftliche Beziehungen anzubieten. So äußerte er während seines Besuchs 1959 in den USA: „Wir strecken Ihnen die Freundschaftshand entgegen. Wenn Sie sie nicht annehmen wollen - sagen Sie es frei und offen.“9 Doch rechnete er nicht mit einer schnellen Antwort; zu groß schienen ihm die Vorbehalte, die ihm entgegenschlugen. Denn, so noch einmal Chruschtschow wörtlich: „Ich sehe, dass die Amerikaner vor dem Kommunismus Angst haben wie ein Kaninchen vor einer Riesenschlange, und dass sie den gesunden Verstand verlieren. Nun gut, wir warten, bis Sie wieder zu sich kommen...“10 Und das sollte dauern, wie nachstehender Dialog mit dem US-amerikanischen Wirtschaftsvertreter White zeigt:

„: Zur Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen uns bedarf es des Vertrauens, aber ein solches Vertrauen ist nicht vorhanden, da die amerikanischen Kommunisten Konflikte aller Art zwischen Industriellen und Arbeitern zu schaffen versuchen.

: Hier, verehrter Herr, kann ich Ihnen nicht helfen. Sie kennen unser System so schlecht, dass ich Ihnen schwer klarmachen kann, warum. Möchten Sie etwa, dass ich Ihren Kommunisten sage, sie sollen das nicht tun?

: Ja.

: Wenn wir das Ihren Kommunisten sagten, würden sie antworten: Kümmern Sie sich nicht um fremde Angelegenheiten. Das gleiche würden wir auch den amerikanischen Kommunisten sagen, wenn sie sich in unsere Angelegenheiten einmischten.“11

Denn Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern mussten (und müssen) nicht erst geschaffen werden; sie ergeben sich aus ihrem Gegnerbezug. Dafür die Kommunisten verantwortlich zu machen, geht deshalb an der Sache vorbei. Hinzu kommt, dass die Kommunisten in den USA im allgemeinen und in den US-amerikanischen Gewerkschaften im besonderen in den 1950er Jahren ohnehin bedeutungslos waren. Auch Chruschtschow machte diese Erfahrung: Den schärfsten Antikommunisten in den USA begegnete er unter Gewerkschaftlern. Trotzdem ersparte er seinen Gastgebern nichts. Ohne Wenn und Aber bekannte er sich: „Der Kapitalismus wird, wie Marx, Engels und Lenin...



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