Scherer | Remeurs Sünden | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Scherer Remeurs Sünden


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86300-139-1
Verlag: Männerschwarm Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-86300-139-1
Verlag: Männerschwarm Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Paris, London, Amsterdam, aber auch Himmelgeist und Unter den Brücken lauten die Kapitel, in denen Hans Scherer das Leben seines Alter Ego Remeur erzählt. Remeur ist ein Reisender, und er erkundet die Welt der Klappen, Saunen oder Stricherkneipen mit derselben Neugier und Ernsthaftigkeit wie alles andere auch. Als kultivierter Einzelgänger genießt Remeur das Leben in allen seinen Facetten, und Scherer schreibt darüber mit Wahrhaftigkeit und Eleganz. 'Dass ich die Jungs wirklich gern habe', so bekennt Remeur, 'ist, genaugenommen, das einzige an mir, das zählt.' Ein außergewöhnlicher Blick auf ein gelungenes Leben.

Hans Scherer (1938-1998) war seit 1973 Redakteur der FAZ, später ihr Kulturkorrespondent in Paris und in Berlin. Sein Titel Stopover. Ein Jahr auf Reisen in der Anderen Bibliothek wurde schnell ein Kultbuch.

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PARIS In dem Krankenhaus gab es eben keine Einzelzimmer. An der Tatsache kam man nicht vorbei. Als Sonderbehandlung, immerhin, hatte er das Bett am Fenster erhalten. Schön war vor allem der Blick aus der offenen Balkontür. Man sah vom Bett aus auf die Bepflanzung der Neubaudächer, die, als habe man ihre Pflege vergessen, eher einer Savanne als einem Rasen glichen. Vor allem aber interessierten ihn die vier ungeheuer hohen Pappeln am Horizont, an denen sein Blick durch die meist offenstehende Balkontür sich immer wieder festsaugte. Die Pappeln sehen aus wie die vier Türme der Pagode von Kanton, dachte er. Oder hatte die Pagode von Kanton nur zwei Türme? Wenn das Fieber stieg und er vor sich hindämmerte, fragte er sich zuweilen auch, ob die Pappeln am Ende nicht der weißen und der schwarzen Pagode von Konarak in Ostindien ähnelten. Nachts waren die Bäume jedenfalls ebenso eindrucksvolle Türme wie am Tage, und er sah sie immer, beleuchtet von der Sonne oder vom Mond. In den ersten zwei Tagen hatte er das Zimmer für sich allein. Erst am Abend des dritten Tages wurde ein zweites Bett hereingerollt. Die Klarsichthülle wurde von dem Bett abgezogen. Es roch stark nach Desinfektionsmitteln. Gestützt von zwei Krankenschwestern erschien Herr Mellenthin im Zimmer. Er trug einen rotweiß gestreiften, etwas speckigen Bademantel, keinen Pyjama, sondern ein blassgrünes Krankenhaushemd, das hinten offen stand. Auffallend war die Fülle seiner schwarzen Haare, noch auffallender war, dass die Haare auf der linken Seite wesentlich länger herunterhingen als auf der rechten, was seinem grämlichen Gesicht einen Zug ins Verwegene gab. «Das ist Herr Mellenthin», stellte ihn Schwester Bettina vor. «Wir werden uns schon vertragen», brummelte Herr Mellenthin, indem er sich etwas mühsam ins Bett hangelte. Hoffentlich hat er keinen Fernsehapparat dabei, dachte er und sah angestrengt auf die vier Türme der Pagode von Kanton, die in der beginnenden Abenddämmerung ungewöhnlich schwarz geworden waren. Er erinnerte sich genau daran, weil er zwei, drei Stunden später, als er mit diesem merkwürdigen Schmerz in beiden Schultern wach geworden war, sich immer wieder vorsagte: Ich hätte es wissen müssen, weil die Türme so schwarz waren, – was keinerlei Sinn ergab und in seiner mystischen Rätselhaftigkeit überhaupt nicht zu ihm passte. Er stand auf und suchte auf dem Gang die Nachtschwester, die zwar freundlich zu ihm war, aber alle Hände voll zu tun hatte. «Vielleicht haben Sie etwas Falsches gegessen», sagte sie und erkundigte sich nach der Zahl der Insulineinheiten, die er üblicherweise abends spritzte. «Ich koche Ihnen einen Kamillentee», sagte sie aufmunternd, nur um etwas zu tun und zu sagen. Er rannte zum Aufenthaltsraum der Patienten, wo um drei, vier Uhr in der Nacht niemand mehr war. Er suchte jemanden, mit dem er hätte sprechen können. Er hatte das Gefühl, auf die Toilette gehen zu müssen, obwohl er wusste, dass es vergeblich war. Er war wie abgeschlossen, eingeschlossen, zugeschlossen, zeitweise fiel ihm das Atmen schwer. Er hatte Angst davor, sich wieder ins Bett zu legen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er Angst davor hatte, mit sich allein zu sein. Dennoch, es blieb ihm nichts anderes übrig, ging er zurück in sein Zimmer, schlürfte den Kamillentee und setzte sich auf das Bett. «Fühlen Sie sich nicht wohl?», fragte Herr Mellenthin, der unbeweglich in seinem Bett lag. «Ich spüre in beiden Schultern eine Todesdrohung», sagte er und begriff im nächsten Moment, dass er unsinniges Zeug redete. Herr Mellenthin jedoch, dem Todesdrohungen in der Schulter offensichtlich eine alltägliche Erfahrung waren, sagte: «Legen Sie sich ohne Angst hin, atmen Sie ruhig durch. Sehen Sie in die Nacht hinaus» – er sah auf die schwarzen Türme der Pagode – «ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen.» Er sprach mit einer schleppenden, fast leisen, doch erstaunlich deutlichen Stimme. Er begann das Geschichtenerzählen, einfach so. In diesen Tagen ging Remeur mit federnden Schritten durch Paris. Die Sonne schien, und er war bester Laune. Fordere ich die Welt in die Schranken, dachte er und überlegte, woher das Zitat stamme. Er liebte es, durch die Straßen zu wandern, durch bekannte und unbekannte Stadtlandschaften, er beobachtete Fassaden, deren Farbe sich im Laufe der Jahre veränderte, abgerissene Plakate – noch nach zwanzig Jahren erinnerte er sich eines merkwürdigen Plakates mit dem Bild Rimbauds an der Außenwand der Medizinischen Fakultät, das ihn plötzlich an Georg Trakl erinnert hatte. Seitdem hatte er immer wieder neue Parallelen in ihrem Werk entdeckt. Beide gingen zum Leiden. Remeur fragte sich, ob es nicht ungehörig sei, Leiden und Lust und alle schmerzlichen und freudigen Erfahrungen der Menschen, die ihm in irgendeiner Weise jemals begegnet waren, solchermaßen zu genießen, wie er es tat. Aber mit diesen Skrupeln wollte er sich diesen Tag nicht verdüstern. Die Klappen von Paris sind noch langweiliger als die Klappen von Rom. Das wird Henry Miller vermutlich anders gesehen und seine geliebten Vespasiennes vermutlich nach anderen Qualitäten beurteilt haben. Nach der frischen Luft zum Beispiel und nach dem klaren Blick auf die Goldtönung von Paris. Schwule haben gegen Henry Miller ihre Vorurteile. Merkwürdig seine Verehrung für Rimbaud, dem er immerhin ein ganzes Buch gewidmet hat. Er hat es tatsächlich fertig gebracht, ein ganzes Buch über Rimbaud zu schreiben, ohne den Namen Verlaines auch nur zu erwähnen. Am schönsten ist die Stelle, wo er seinen Geburtsort, New York, mit dem Geburtsort Rimbauds, Charleville in den Ardennen, vergleicht und feststellt, jeder Dichter müsse der Heimat, wo immer sie liegt, entfliehen. Erst im Exil vermag er es, sich selbst zu finden. «Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.» So ist Millers Rimbaud heilig und rein und geschlechtslos – aber nicht unschuldig. Denn wie könnte er unschuldig sein, wo er die Verführung zur Schuld nach Miller gar nicht kennengelernt hatte. Remeur war eher vom Gegenteil überzeugt. Nein, Miller mochte ein paar schöne Gedanken haben, aber indem er Rimbaud gleichsam kastrierte, nur damit ihm, Miller, das reine Engelsbild erhalten blieb, offenbarte er seinen in Wahrheit grausamen Puritanismus. Remeur hätte nicht gern mit ihm zu tun gehabt. Obwohl ausgerechnet Millers Philosophie das Lied seines Lebens geworden war. Die Lust ist der Sinn. An dieser Stelle bremste Remeur seine Gedanken und, wie es eine Angewohnheit von ihm war, auch seinen Schritt. Er versuchte sich zu erinnern, wie oft und mit wem er über diesen Satz schon gestritten hatte, nächtelang. Wo waren sie jetzt? Sind sie zurückgeblieben, oder waren sie ihm vorausgegangen? Haben sie den Sinn gefunden, nach dem er immer noch suchte? Mit sich und seinen Gedanken allein, er liebte diesen geistigen Dämmerzustand. Vom Flore schlenderte er die Rue Bonaparte hinunter zur Seine und besah sich die Auslagen der Buchhandlungen und die kuriosen Stücke in den Schaufenstern der Kunsthandlungen. Geschmückte Kamine, bronzene Pferde in Lebensgröße, napoleonische Adler, afrikanische Möbel und Masken. Solange er nun schon Paris und speziell dieses Quartier kannte, standen die meisten Dinge unverändert in den Schaufenstern. Die Häuser müssen mit diesen Auslagen schon gebaut worden sein. Ob die Inhaber der Geschäfte jemals ein Stück verkauft haben? Vielleicht waren sie Mätressen reicher Männer, die mit dem Geschäft «abgefunden» wurden, wie man sagt, denen das Verkaufen ihrer Waren aber zu gewöhnlich ist. Unten am Fluss kam ihm wieder Henry Miller in den Sinn. Wie kann einer von Pariser Pissoirs schwärmen, ohne die von Rio zu kennen in ihrer öffentlichen Spiegelpracht, oder die von Havanna in ihrer Heimlichkeit oder die vulgären von Moskau? Aus schwuler Gewohnheit sozusagen inspizierte Remeur die Pariser Klappen dennoch regelmäßig. Es war nichts los. In den Katakomben um die Place de la Bastille hatte er einmal an einer Ecke eine merkwürdige Ansammlung von Männern beobachtet, wilde Gestalten, Remeur hatte es vorgezogen, rasch weiterzugehen, geschäftig, eilig, wie ein Tourist, ohne sich noch einmal umzusehen. Das wäre früher anders gewesen, dachte er, das ist das Alter. Über die Uferpromenade unterhalb der Tuilerien und des Louvre ging er allerdings immer, wenn sie auf seinem Weg lag. Nachts soll sich unter den Brücken einiges abspielen: Ein paar Jahre früher hätte ihn das gereizt. Heute schien es ihm, als empfinde er beim Anblick der dunklen, dumpfen, dampfenden Ecken eher ein Schaudern. Immer saßen zwei Männer auf der einen Bank, die nur noch ein Sitzbrett und keine Rückenlehne mehr hatte, immer ein Jüngerer, der seltsam tumb aussah, den Kopf nach allen Seiten reckte, motorisch regelmäßig wie ein Huhn, das nach nicht vorhandenem Futter pickt, und ein Alter mit einem Auge, das zweite Auge bestand aus einer Verdickung runzeliger Haut. Remeur kannte die beiden, solange er Paris kannte. Immer wenn er an ihnen vorüberging, bedachte er ironisch, dass man selbst in der größten Stadt schon nach kurzer Zeit «gute Bekannte» habe. Darin schloss Remeur auch die Bettler ein,...



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