E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Scherrer Palpa
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-8527-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-7431-8527-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Scherrer ist kein klassischer Autor. Das Schreiben verfolgt ausschließlich therapeutische Ziele. Auch für den Leser.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 5 - Mein Sommer ohne _____
Auf Ernsts Beerdigung traf ich Sarah zum ersten mal wieder, nachdem sie meine Trostversuche mit einem „Verschwinde für immer aus meinem Leben“ und dem Zuwerfen der Tür ziemlich eindeutig abgewehrt hatte. Ich fragte mich ob es vielleicht unangebracht wäre danach auf der Beerdigung ihres Vaters aufzutauchen, aber unangemessen hin oder her, Ernst hatte meine Anwesenheit verdient, also ging ich hin. Was ich von Sarah erwartete waren Todesblicke à la Koyaanisqatsi und Wutausbrüche, die meinen zwei Allerwertesten schaden würden, was sie mir allerdings entgegenbrachte war reinste Ignoranz. Das hatte ich verdient.
Ich gesellte mich zu den Gästen.
„Morgens sah er noch gut aus“, berichtete ein Arbeitskollege vom Werk, in dem Ernst die letzten 10 Jahre arbeitete, „in der Mittagspause fing er an einen Witz zu erzählen und fiel einfach tot um. Herzversagen. Einfach so. Nicht mal die Pointe konnte er fertig bringen. ‚Was haben Seehunde und alte Frauen gemeinsam? ‘ hat er gesagt und dann nichts mehr.“
Ich schmunzelte. „Typisch Ernst“, dachte ich. Er war dafür bekannt zu den unpassendsten Momenten seine neu erlernten Kalauer zu präsentieren. Ich erinnerte mich zum Beispiel an seinen Witz über Abtreibung am Tag als Sarahs Schwester mit 15 schwanger wurde oder sein – eigentlich - ungewollter Lachanfall am Tag, als seine Frau in die Onkologie eingewiesen wurde. Er war in der Tat ein kleiner Tollpatsch, aber hatte sein Herz am rechten Fleck, was unvermeidlich dazu führte, dass die kleine Anekdote seines Arbeitskollegen viele zum Lachen und anschließend zu Tränen rührte. Selbst bei Sarah war zum ersten Mal für diesen Tag ein Anflug einer Emotion zu erkennen. Sie stand vor ihrer Mutter, die sie mit ihren Armen umklammerte und wischte sich eine Träne weg. Das war das erste Mal, dass ich Sarah weinen sah. Gut zu sehen, wie die beiden zueinander hielten, wo Sarah doch eher Vater-bezogen war. Sie hielt mit ihrer Hand den Arm ihrer Mutter, als ihr immer mehr Tränen die Wange herunter liefen. Mir war klar, dass das einzig richtige Verhalten war, Abstand von ihr zu nehmen. Die beiden kamen auf jeden Fall klar und ich sollte Sarah nicht noch weiter belasten. Deshalb ging ich. Und kam auch nicht wieder zurück. Nach jeder Trennung kam bislang der Punkt an dem ich meine (dann Ex-) Freundin über alles vermisste und sie zurück haben wollte, an dem ich meine Prinzipien und alles Vergangene vergaß und meine ganze Kraft daran setzte sie zurück zu gewinnen, nur um dann erneut festzustellen, warum wir uns eigentlich getrennt hatten. Sehr schlau. Bei Sarah war das anders. Hier gab es eine höhere Priorität. Der Verlust ihres Vaters war eine schlimmere Trennung als unsere. Sie litt auf einer völlig anderen Basis, was es mir einfach machte loszulassen. Sie war stark und brauchte mich jetzt nicht mehr.
Noch während der Zeremonie stahl ich mich langsam davon und verließ den Friedhof, um mich Richtung Baggersee zu begeben. Es war einer dieser ersten warmen Tage im Mai. Über meine Kopfhörer liefen die beruhigenden Sphären von Team Sleep und ich genoss die Sonne und den leichten Wind in meinem Gesicht. Ich dachte an Ernst und wie ich durch ihn einen wirklichen Freund verloren hatte. Doch es war OK. Meine Einstellung zum Tod hat sich über sechs Jahre Rotes Kreuz gravierend geändert. Die Zeitspanne zwischen Wut, Trauer und Akzeptanz wird mit jedem misslungenen Wiederbelebungsversuch und jeder beruflichen Fehlentscheidung kleiner. Das ist kein Abstumpfen, sondern ein natürlicher Abwehrmechanismus, das seelische Immunsystem eines Rettungsassistenten. Auch der eigene Tod wirkt mit jedem Tag weniger beängstigend. Nicht so für Ernst, denn er war, wie ich, überzeugter Atheist und war sich sicher, dass nach diesem Leben kein weiteres mehr kommen wird. Kein Paradies, keine Hölle, keine 75 Jungfrauen. Einfach nichts, nur das hier und jetzt so lange man lebt. Gut für‘s „Carpe Diem“, schlecht wenn man mit 52 ohne Vorwarnung stirbt. Doch immerhin ging es schnell für ihn, sodass er keine Zeit hatte unnötige, quälende Gedanken daran zu verschwenden. Ernst hat sein Leben in vollen Zügen genossen und es in geistiger Höchstform verlassen. Ich kann durch meinen Beruf sicher sagen, dass dieses Privileg nur wenigen gewährt wird. Ich freute ich mich für ihn.
Ich war bereits am See angekommen. Es waren verhältnismäßig wenige Menschen zu finden, nur ein paar Schüler und Hundebesitzer. Ich wollte mich auf die Wiese setzen doch als ich gerade meine Beine einknicken wollte, spürte ich einen plötzlichen, starken Druck im Kopf. Mir wurde schwarz vor Augen und ein immer stärker werdendes Schindelgefühl nahm Besitz von meinem Bewusstsein. Mein Körper sackte zu Boden. Blackout.
Als ich wieder zu mir kam standen Helge und Luna über mir und lächelten mich an. Die Sonne stand hinter ihnen und schien durch Luna’s Locken. In meinem Kopf verwandelten sich die Wolken zu kleinen Flügeln. Meine Schutzengel. Ich lag bis eben bewusstlos am Boden, eine Position, in der mich nicht jeder sehen sollte. Das wussten Helge und Luna. Sie kannten mich als selbstbestimmten, sich immer zu helfen wissenden Menschen und wussten wie wenig ich damit umgehen konnte so hilflos zu sein. Helge musste etwas im Funk gehört haben, denn niemand wusste wo ich bin.
Als ich mich umsah, stellte ich fest, dass sonst kein Mensch mehr anwesend war. Die beiden mussten wohl alle Anwesenden weggeschickt haben. Ich sah Luna bildlich vor mir, wie sie Passanten anfaucht und Schaulustige beleidigt. Ihr feuriges Wesen war das verlässlichste an ihr.
„Guten Morgen“, strahlte sie mir entgegen, „gut geschlafen?“
„Again?“
Im benommenen Zustand fing ich gerne mal an Englisch zu reden. Ich habe keine Ahnung mehr, wann genau das anfing, aber ich bin mir sicher, dass Jägermeister schuld daran ist. Luna spitze ihre Lippen und nahm ein unsichtbares Cognacglas in die Hand:
„Yes, my dear, again! “
„Where is everybody?“
Ich kam langsam zu mir.
Sie schmunzelte: “Die haben wir alle platt gemacht!“
Helge sagte nichts. Ich wusste, dass er sich Sorgen machte.
„Es ist alles OK, mir geht’s gut. Siehst du, ich spreche sogar wieder deutsch.“
„Ich weiß“, sagte er etwas zögerlich.
„Woher wusstet ihr was passiert ist? Funk?“
„Mehr oder weniger. Ulli hat mich informiert, als der Notruf rein kam.“
Das erklärte, warum weit und breit kein Rettungswagen zu sehen war. Ulli war Disponent auf unserer zuständigen Rettungsleitstelle und wohl so ziemlich der einzige Kollege im Umkreis, der zu uns hielt. Wir nannten ihn immer „Die gute Leitstellenseele Ulli“. Er wusste wie ich reagieren würde, wenn er einen unserer Kollegen zu mir schicken würde und dass Helges Privatnummer hier die bessere Lösung war.
Beide waren auch bei meinem ersten Blackout, drei Monate vorher, dabei. Bei einer Geräteeinweisung für Defibrillatoren kippte ich rückwärts vom Stuhl.
Wissenswertes 1: Defibrillatoren an Flughäfen dürfen frei zugänglich von jedem Passanten ohne medizinische Vorkenntnisse zur Rettung von Dritten genutzt werden. Rettungsassistenten und Sanitäter dürfen diese Geräte ohne spezielle Einweisung nicht anwenden.
Damals ging die ganze Schose noch um einiges dramatischer vonstatten. Helge und Ulli schmissen sofort alle Tische und Stühle um und gaben mir das volle Programm eines medizinischen Notfall-Szenarios. Aufgewacht bin etwas unsanfter in der Notaufnahme mit Infusion im Arm und EKG auf der Brust. Natürlich im städtischen Krankenhaus, in dem mich jede Schwester und jeder Arzt kannte und von dem gesamten medizinischen Personal waren die Ärzte die einzigen, die mich dort leiden konnten, weil sie meine Fachkenntnis und meinen Umgang mit den Patienten zu schätzen wussten. Leider waren es die verbissenen Schwestern, die meine Vene durchstachen, weshalb ich mit Schmerzen und blauen Flecken aufwachte. Ich wollte alles abreißen und mir Streit mit der Oberschwester suchen, aber Sarah, die neben meinem Bett gewartet hatte, hielt mich davon ab.
Sowohl ich als auch Helge waren froh uns solche Strapazen dieses Mal zu ersparen. Ich blieb noch etwas sitzen, erholte mich aber relativ schnell. Als ich wieder aufstehen konnte fuhren wir mit Helges Civic nach Hause. Inklusive Gangsterrap und offenen Fenstern.
„Was willst du? Dass ich wieder umkippe? Ich hab‘ mich gerade erholt.“
„Ich bin der Fahrer ich bestimme die Musik.“
„Das nennst du Musik?“
„Sei nicht immer so anti, Alfred.“
„Ich bin nicht anti.“
Ich war wirklich nicht anti, das müsst ihr mir glauben. Die Liste von Dingen, die ich mochte und nicht mochte war auf beiden Seiten gleich groß.
„Wie nennst du das dann?“
„Sagen wir… Massen-untauglich.“
„Das musst du mir erklären.“
Ich holte tief Luft.
„Naja, ist doch klar, ich teile selten den Geschmack von anderen Leuten. Trotzdem sage ich immer meine Meinung. Für sie...




