Schinko | Schneeflockensommer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Schinko Schneeflockensommer


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7022-3498-0
Verlag: Tyrolia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-7022-3498-0
Verlag: Tyrolia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist eine Schuld, die Marie antreibt, so groß, so unbewältigbar, dass Weglaufen die einzige Möglichkeit scheint. Eine Schuld, die das 14-jährige Mädchen in eine Waldhütte und damit in die Hände der 'Eisen-Berta' scheucht. Eine ruppige, alte Frau, die abseits des nahegelegenen Dorfes lebt. Die das hungrige Mädchen aufnimmt, solange sie verschiedene Arbeiten verrichtet. Fast einen ganzen Sommer lang bleibt Marie hier, lernt neben der Alten auch Flora und Linus aus dem Dorf kennen. Flüchtet aus ihrer eigenen Geschichte in die Geschichten der anderen, in die Geschichten einer durchaus nicht immer nur idyllischen Dorfgemeinschaft. Doch auch, wenn ihr die Gedanken daran selbst im Hochsommer ein schneekaltes Frösteln über den Rücken jagen - Marie weiß letztlich, was sie zu tun hat ... Originelle Figuren, überraschende Beziehungen, spannende Wendungen, sprachgewaltig erzählt

BARBARA SCHINKO, geb. 1980 in Linz. Nach dem Studium der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen in Eisenstadt, Dublin und Prag zog es sie wieder in ihre Heimatstadt zurück, wo sie heute mit ihrer Familie lebt und ihre Zeit am liebsten im Hängesessel am Balkon verbringt.
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Teil 1


Marie sah den Blitz. Er ließ die Eisenbahnschienen im Tal aufglühen und der Donner, der folgte, klang wie das Rumpeln eines Güterzugs. Unschlüssig blickte sie hinab auf den Bahnhof und das ein Stück daneben liegende Dorf.

Ihr Kopf dachte ans Umkehren, ihre Füße aber gehorchten nicht. Vorwärts, nur vorwärts. Tiefer in den Wald. Der Pfad steil und steinig – da eine Abzweigung, rechts hinunter nach Späth und zur Burg Wannstein, geradeaus weiter zur Spitze des Wannerkogels. Der nächste Donner war ohrenbetäubend laut. Ein heftiger Wind kam auf. Er peitschte die Preiselbeersträucher und riss Zapfen und Zweige von den Fichten. Geduckt rannte Marie durch das Nadelgestöber.

Wieder erhellte ein Blitz den Wald. Sein Licht fiel auf das Häuschen abseits des Pfades, auf die Steinmauern, die nur angelehnte Tür. Verfolgt vom Heulen des Windes schlüpfte Marie ins Dunkel. Ein muffiger Gestank empfing sie: feuchte Erde, vielleicht Käse? Ihr Magen knurrte hoffnungsvoll, die Hoffnung aber verflog, kaum dass sich Marie umsah. Sie stand in einem Keller mit leeren Regalen. Schon hämmerte der Regen an das einzige Fenster. Sie floh vor ihm in den hintersten Winkel, kauerte sich hin und zog die Knie an die Brust, bohrte ihre Zehen durch die Löcher in den Turnschuhen. Wartete.

Sie war lange unterwegs gewesen, irgendwann schlief sie ein. Am Morgen regnete es noch immer. Marie blieb eine Weile mit geschlossenen Augen liegen und lauschte dem Prasseln. Sie wartete auf andere Geräusche – auf das Kläffen von Hunden im Park, erregte Stimmen vor einem Bahnhofsklo –, bis sie wieder wusste, wo sie sich befand.

Ihr Magen knurrte, also durchsuchte sie erneut den Keller, doch vergeblich. Sie trank den Wasserrest aus ihrer Plastikflasche und hielt sie dann durch den Türspalt, um sie neu zu füllen; trank, bis ihr von all dem Wasser übel wurde und sich ihr Magen bei jedem Schluck verkrampfte. Abermals schweifte ihr Blick durch den Keller. Es gab kein Essen zu erbetteln und keinen Mülleimer zu durchstöbern, auch keine Innentür oder Treppe, die ins Haus geführt hätte. Wenn sie hier blieb, würde sie verhungern.

Kaum aber wagte sie sich ins Freie, durchnässte sie der Regen bis auf die Knochen und trieb sie unter das Vordach der Haustür. Dort entdeckte Marie eine Schale mit Katzenfutter, das erstaunlich gut roch. Sie spähte nach allen Seiten, sah niemanden, schnappte sich die Schale und rannte damit zurück in den Keller.

Im hintersten Winkel verschlang sie die zerschnittene Hartwurst und die Klumpen feuchten Brotes. Die Wurst war scharf und gut und Marie leckte das Fett vom Porzellanrand, wie es eine Katze getan hätte, bevor sie das Schälchen zurückbrachte.

Zu Mittag war es wieder voll und auch am Abend. Marie dachte schuldbewusst an die Katze, doch sie kaute und schluckte und spülte das Wurstende mit Wasser hinunter.

Immer noch hämmerte der Regen ans Fenster. Wenn sie lange genug hinstarrte und lauschte, wurden ihr die Lider schwer und die Tropfen verschwammen vor ihren Augen zu einem dichten Flockengestöber. Das eintönige Trommeln lullte sie in den Schlaf. Sie träumte von Freibach, und dass es dort immerzu kalt war und schneite – bis ein Geräusch sie hochschrecken ließ: der Ruf eines Menschen oder vielleicht das Meckern von Ziegen?

Wer mochte da draußen sein? Hatte man sie entdeckt? Marie duckte sich tiefer hinter die Regale und presste eine Hand auf ihren Mund, bis ihr Herzklopfen und der Regen alles übertönten.

Als das Pochen schließlich verebbte und sie wieder lauschen konnte, waren die Geräusche fort. Sie wusste nicht, ob sie sich alles nur eingebildet hatte.

Die Nacht senkte sich herab und Marie konnte nun nicht mehr schlafen. Frierend lag sie wach, rief sich den Weg nach Freibach ins Gedächtnis und verglich die Entfernungen auf den Schildern, die sie während der letzten Tage gesehen hatte, mit der Karte in ihrem Kopf. Zu Fuß musste sie erst über den Kogel und dann …

Der Weg war noch weit. Ihr Magen knurrte. Unerbittlich fiel der Regen. Vielleicht, begann sie zu hoffen, wohnte niemand in dem Haus? Wenn es leer stünde und nur ab und zu ein Nachbar käme, um die Katze zu füttern, könnte Marie morgen ein Fenster einschlagen. Womöglich hatten die letzten Bewohner etwas dagelassen, das ihr helfen würde: Essen und trockene Kleider, vielleicht sogar Geld.

In der Früh mischte sich ganz deutlich Ziegengemecker ins Prasseln des Regens. Ehe Marie zum Katzenschälchen bei der Tür schlich, huschte sie ums Haus und versuchte in alle Fenster zu spähen, doch schwere, karierte Vorhänge nahmen ihr die Sicht.

Sie verzog sich wieder in den hintersten Winkel des Kellers, kaute Wurst und Brot und malte sich dabei für einen kurzen Moment aus, dass der Regen das Dorf im Tal überschwemmt, alle Dörfer überschwemmt und alle Menschen auf der Welt ertränkt hatte. Alle außer ihr.

Zu Mittag blieb das Katzenschälchen leer. Bis zum Abend hatte sich bloß ein Fingerbreit Wasser darin gesammelt. Maries Magen knurrte wieder lauter und irgendwann ertrug sie es nicht mehr: Sie huschte unter das Vordach der Haustür und rüttelte probeweise an der Klinke. Die Tür sprang sofort auf. Dahinter lagen ein Flur, so düster wie der Keller, und eine schmale Treppe, die nach oben führte.

Marie lauschte. Alles blieb still. Trotzdem wagte sie sich nicht auf die Treppe: Wenn dort oben jemand war und ihr den Rückweg versperren würde, wäre sie gefangen. Da erschnupperte sie einen verlockenden Essensduft und folgte ihm bis zu einer Stube mit rot-weiß karierten Vorhängen. Der Tisch war mit einem Teller und einem Becher gedeckt. Eine zweite Tür mochte in eine Speisekammer führen und daneben wartete auf dem Herd ein dampfender Topf.

Kaum aber trieb Maries Hunger sie hin, schoss eine Hand durch die Tür und packte sie. Die fetteste, hässlichste Frau der Welt wälzte sich aus der Speisekammer: ein Weib wie aufgegangener Germteig mit strähnigem Haar und einem Doppelkinn, das über den Kragen der Bluse quoll.

„Suchst du die Wurst?“, knurrte sie. „Ist keine mehr da.“

Ihr Griff war eisenhart. Marie wand sich, boxte und stieß mit den Ellbogen zu, doch sie konnte sich nicht befreien.

„Lassen Sie mich los! Ich habe nichts gestohlen! Es tut mir leid wegen der Katze!“

„Hab keine Katze.“ Die Frau ließ Marie los. „Ist keine Wurst mehr da“, wiederholte sie mürrisch. „Wenn du Brot und Speck magst, setz dich hin.“ Sie watschelte zurück in die Speisekammer. Von dort brachte sie Brot und Speck und aus dem Topf goss sie warme Milch in den Becher. Hungrig verschlang Marie das Brot und den Speck. Sie leckte sich die Finger ab und pickte damit nach den letzten Krumen, während die Frau einen Klumpen Honig in die Milch ploppte, dass es spritzte.

Erst als der Teller spiegelblank und kein Tröpfchen Milch mehr da war, sagte die Frau: „Das Wetter beleidigt meine alten Knochen, aber die Ziegen müssen gefüttert werden. Bekommst dafür trockene Kleider und ein Bett für die Nacht.“ Auffordernd starrte sie Marie an.

Der Speck lag schwer wie ein Stein in Maries Magen und die honigsüße Milch darin brannte. Marie nickte.

„Dann sag mir deinen Namen.“

„M-marie.“

„Natürlich.“

Die Frau räumte den Teller und den Becher ab. Sie musste dazu über Maries Ellbogen greifen und sie warf ihr dabei einen missmutigen Blick zu, als fragte sie sich, warum Marie noch hier saß.

Hinter dem Haus lag der Pferch, in dem sich ein halbes Dutzend scheckige Leiber und Hörner drängte. Marie fand einen Sack voll Heu und verstreute es zwischen den Ziegen im Matsch. Als sie zurück in die Stube kam, brodelte im Topf auf dem Herd das Wasser.

Die Frau warf ihr einen kurzen Blick zu und befahl: „Häng das nasse Zeug zum Trocknen auf.“

Über der Stuhllehne lagen eine graue Hose, ein graues Unterhemd und eine graue Strickjacke für Marie bereit. Gehorsam schlüpfte sie aus Jeans und Jacke, doch sie behielt ihr T-Shirt an, obwohl ihr die klamme Baumwolle eine Gänsehaut über den Rücken trieb.

„Willst du Kartoffeln essen? Dann kannst du welche schälen.“ Also goss Marie das Wasser ab und verbrannte sich beim Häuten die Finger.

In jedes Bein der grauen Hose hätte eine ganze Marie gepasst, und die Ellbogen der Strickjacke hingen erst in die Kartoffelschalen und dann beim Essen auf Maries Teller. Es gab Haferbrei mit Kartoffeln und Zwiebeln. Gegenüber auf der Bank schlürfte und schmatzte die Frau. Ihre Zunge schleckte auf, was ihr aus dem Mundwinkel rann, und der Blick ihrer Schweinsäuglein ruhte auf Marie.

Nach dem Essen schnalzte sie ungeduldig mit einem Geschirrtuch, bis Marie danach griff und ihr beim Abwasch half. Als Besteck und Geschirr wieder sauber im Schrank verstaut waren, scheuchte sie Marie in den Flur und die schmale, steile Treppe hoch. Oben befand sich eine Kammer, gerade...


BARBARA SCHINKO, geb. 1980 in Linz. Nach dem Studium der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen in Eisenstadt, Dublin und Prag zog es sie wieder in ihre Heimatstadt zurück, wo sie heute mit ihrer Familie lebt und ihre Zeit am liebsten im Hängesessel am Balkon verbringt.



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