E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Schmid Ausgekocht
Erstauflage 2019
ISBN: 978-3-88747-356-3
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-88747-356-3
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marion Schmid, in Crailsheim, geboren, Studium der Religionswissenschaft, Germanistik, Philosophie. Seither unterschiedliche Tätigkeiten als Verlegerin (Medusa Verlag), Lektorin, Filmregisseurin, Ausstellungsmacherin und freie Autorin. Seit 2011 macht sie sich einen Namen als Eismacherin und Inhaberin der 'eisbox' in Berlin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
»Das hat es früher nicht gegeben!«
Ich hatte den Laden erst vor zwei Monaten gepachtet und war noch immer nicht an den Rhythmus gewöhnt, in dem meine Kunden völlig unvorhersehbar hereingeschwemmt wurden. Ich schloss die Broschüre, in der nachzulesen war, auf welch verschlungenen Pfaden man die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt, und setzte die freundliche Miene auf, die Frau Petzke jetzt von mir erwartete, auch wenn sie mich gar nicht ansah.
»Das hat es früher wirklich nicht gegeben!«, wiederholte sie. Doch was weltweit als standardisierter Ausdruck von Missbilligung zu verstehen ist, verband sie mit einem Lächeln, das ihre vom grauen Star getrübten und von Natur aus blassen Augen aufleuchten ließ. Ein rascher Griff mit der knochigen Hand, und sie hielt sich die Zeitung mit den dicken Überschriften vor die Nase. »Mord im Altersheim«, las sie feierlich vor. »Führt die Spur in die Weichselstraße nach Neukölln?«
»Morde hat es doch immer gegeben«, bemerkte ich.
»Aber doch nicht in einem Altersheim!«, versetzte die alte Dame, die jetzt am späten Freitagvormittag ihre Wohnung so weit in Schuss hatte, dass ihr der Sinn danach stand, nicht nur auf ihren Kanarienvogel einzureden. So jedenfalls hatte sie mir ihren Tagesablauf erklärt, gleich beim ersten Mal, als sie zu mir in den Laden kam. »Das muss man sich mal vorstellen, nicht mal im Altersheim ist man heutzutage sicher!«
Ich verstand sie nicht gut, denn meine Stammkundin trug zwar schon den Ausgehhut, hatte aber vergessen, die untere Hälfte ihres Gebisses einzusetzen. »Nehmen Sie das mal nicht zu ernst«, schlug ich ihr vor. »Solange nur diese Zeitung darüber berichtet … Wahrscheinlich hat der Tote nur mal die Fenster in dem Heim geputzt, oder er ist gar nicht tot, sondern hat bloß von einem Bekannten erzählt, der einen Arbeitsunfall hatte und …«
»Sie gönnen mir aber auch gar keine Freude, junge Frau!«, unterbrach mich die Petzke gekränkt. »Es ist jedenfalls das erste Mal, dass unsere Straße in der Zeitung steht. Finden Sie nicht, das ist ein irgendwie erhebendes Gefühl?«
Ich beschäftigte mich damit, jene Zeitschriften in der Auslage unterzubringen, in denen heute schon zu lesen war, dass sich das Fernsehprogramm auch in den kommenden Wochen nicht ändern würde, und versuchte, die Begeisterung der Petzke zu verstehen. Zu einer Antwort kam ich nicht mehr, die nahm mir Kirschnick ab, der den Laden wie stets mit einem pompösen Spruch auf den Lippen betrat.
»Mein Leben ist des Unglücks Ziel!«
»Hä?« Frau Petzke drehte sich nach ihm um und vergaß dabei für einen Moment die skandalträchtige Schlagzeile. »Was wollen Sie denn damit sagen?«
»Kantate für den dritten Sonntag nach Epiphanias, falls Ihnen das was sagt, Gnädigste.«
»Kann ich nicht behaupten. Wissen Sie denn schon –«
»Zu Deutsch das Erscheinungsfest, der Sonntag der Heiligen drei Könige, und es gibt nun mal nichts Schöneres als so eine Kantate von unserem Bach. Auch wenn das jetzt schon wieder ’ne Weile her ist, das wollte ich doch mal gesagt haben.«
Da Kirschnick täglich Derartiges sagte, entschloss ich mich einzugreifen, bevor er sich in einem Vortrag verlor. »Zeitung und Flachmann wie immer?«
»Wie immer.« Der stämmige Mittvierziger mit den kleinen Kugelaugen, von dem niemand so genau wusste, was er eigentlich machte, nickte. »Und da wir schon mal beim Thema sind, der deutsche Protestantismus ist –«
»Ziemlich doppelt gemoppelt«, unterbrach ich grienend. »Was Deutscheres gibt’s ja wohl gar nicht.«
»Genau das will ich ja sagen, junge Frau, Sie haben es voll und ganz erfasst.« Er warf sich in die Brust und glaubte vermutlich, damit die passende Pose gefunden zu haben, um mich zu beeindrucken.
»Wir leben hier unter Mördern«, Petzke brachte sich wieder ins Gespräch, rollte dramatisch die Augen und machte Kirschnick auf die Schlagzeile aufmerksam. An ihrer Nasenspitze zitterte ein Tropfen. Ich stellte wieder einmal fest, dass es kaum Interessanteres gab als die von keinerlei Rücksichten mehr gezähmte Mimik alter Frauen.
»Ist ja auch ziemlich deutsch.« Das rutschte mir so heraus, bevor ich mir klarmachte, was ich mit dieser Bemerkung anrichten würde.
»Was haben Sie da gesagt?« Kirschnick reagierte wie auf Knopfdruck und vergaß umgehend, dass er eben noch mit mir hatte flirten wollen. Er begann, auf den Füßen zu wippen, vermutlich hielt er das für eine Drohgebärde. »Was nehmen Sie sich eigentlich heraus? So was ist kaum ein paar Tage hier und riskiert schon ’ne dicke Lippe! Dachte ich es mir doch gleich, du kommst aus dem Osten.« Das Du, dessen er sich so umstandslos bediente, sollte wohl seiner Verachtung Nachdruck verleihen.
»Wir sind hier im Südosten«, entgegnete ich knapp. »Jedenfalls nach den geographischen Regeln. Aber ich muss Sie enttäuschen, ich komme nicht von hier.«
»Also eine aus dem Westen«, folgerte Kirschnick prompt, der für jede Himmelsrichtung dieser Welt ein paar Ressentiments parat hatte. »Typisch Schnäppchenjägerin, kommt hierher, um die dicke Kohle zu machen! Alles reißen sich die aus dem Westen unter den Nagel, einfach alles!«
»Sie liegen schon wieder daneben, jedenfalls, was den Westen betrifft. Und da Sie gerade davon reden, von Ihnen bekomme ich noch –«
»Sie schreiben leider so wenig Genaues«, klagte nun Frau Petzke, deren Schwerhörigkeit sie daran hinderte, meinem Wortwechsel mit Kirschnick zu folgen.
»Auf Seite drei geht es weiter«, sagte ich.
»Ja, aber bestimmt so kleingedruckt, dass es keiner lesen kann«, schimpfte sie und legte die Zeitung wieder auf den Stapel. Gleich darauf ging sie, wie fast immer, ohne etwas gekauft zu haben.
Ich konnte von Glück reden, dass Schulkinder in den Laden stürmten und mich vor einer Fortsetzung des Dialogs mit Kirschnick bewahrten. Nicht anders als Kirschnick, der nun seinen Flachmann verstaute, brauchten auch die arabisch-, türkisch- und in einer Minderheit auch deutschstämmigen Knirpse ihre tägliche Dosis, zehncentweise erstanden sie den für ihr Alter zulässigen Suchtstoff in Form von Süßigkeiten. So harmlos die Zwerge auch aussahen, sie waren gewitzt, und ich wusste inzwischen, wie sie gleich versuchen würden, meine Aufmerksamkeit abzulenken, um sich mal eben gratis zu bedienen. Ich nahm es den lieben Kleinen nicht unbedingt übel, sondern als Beweis ihrer Eignung für dieses Gesellschaftssystem und gewissermaßen sportliche Herausforderung, eigene Fähigkeiten zu demonstrieren. »Die Lollies legt ihr bitte wieder in den Karton, und dann bekomme ich von jedem siebzig Cent.«
»Olle Ziege!«, zischte mir der Kleinste und Dunkelhäutigste der Horde zu. »Wozu brauchst du denn so viele Lollies?« Damit hatte er seine Kleinwüchsigkeit wohl ausreichend kompensiert, jedenfalls zahlte er genauso wie die anderen umstandslos.
Dann ging es auf Mittag zu und Schlag auf Schlag. Zeitungen, Bier, Heftpflaster, Briefmarken, Mehl, Zigaretten, Schreibhefte, Belege für Anteilscheine an der Lotterie, H-Milch, Hundefutter, alles reichte ich über den Tresen.
Als ich das Geschäft übernahm, hatte ich mich nicht schlecht gewundert, was alles zur Ausstattung eines Zeitungsladens in Berlin-Neukölln gehörte. Aber ich war anderswo schon an den Ansprüchen der Eingeborenen gescheitert und hütete mich, an den hiesigen Gewohnheiten etwas zu ändern. Seit kurzem führte ich sogar ein Sortiment an Backwaren, für alle, die es noch nicht verwunden hatten, dass im ganzen Viertel kein anständiger Bäcker mehr zu finden war. Oder denen es doch nicht so sehr wie behauptet auf Qualität ankam und die den Weg zum Maybachufer scheuten.
Bis eins brummte der Laden, als Gesprächspartnerin war ich um diese Stunde nie gefordert. Die Leute, die jetzt kamen, hatten entweder keine Zeit oder fanden ihre Zuhörer unter den Kunden. Ich bediente, kassierte und bangte um mein Wechselgeld. So gut wie jeder zahlte mit einem großen Schein.
Mein Leben ist des Unglücks Ziel, schraubte es sich bandwurmartig durch meinen Kopf, wie kam ich nur auf solchen Quatsch, und als mir einfiel, dass Kirschnick mit diesen Worten den Laden betreten hatte, ärgerte ich mich erst recht. Dazu roch es nun wieder durchdringend nach dem Dosenfutter, das im Stockwerk über mir als Mittagessen zubereitet wurde, und ein schlaksiger Typ, den alle Atze nannten, beklagte sich, weil der Karottensaft alle war. Er gab sich penibel wie ein Steuerfahnder, präsentierte dazu aber Ringe an so gut wie allen unbekleideten Stellen seines Körpers und vielleicht ja nicht nur da, trug eine Ganzkörpertätowierung zur...




