E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Schmidt Jenseits der Idylle
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-5870-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Rügen-Krimi
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-7407-5870-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Udo Schmidt schrieb mehr als zwanzig Jahre lang erfolgreiche populärwissenschaftliche Bücher über Software und digitale Fotografie. Nach seiner Pensionierung begann der ehemalige Oberstudienrate Kriminalromane zu schreiben. Nach dem Titel "Phoenix - Alte Wölfe spielen nicht" erscheint sein zweiter Kriminalroman "Jenseits der Idylle" . Auch dieser spielt auf Rügen und in Stralsund und garantiert höchste Spannung.
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Prolog
Ron konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie lange er schon auf diesem harten Stuhl saß. Seinem Zustand nach zu urteilen, schon viele unendlich lange Stunden. Durch den ständigen Wechsel zwischen Bewusstsein und Ohnmacht war sein Zeitgefühl ausgeschaltet.
Sie hatten ihn in dieses Loch verschleppt, gefesselt und verschnürt wie ein Paket. Er war ihnen schutzlos ausgeliefert. Die Fußknöchel waren mit Kabelbinder so fest an die Stuhlbeine gebunden, dass die Haut darunter aufgeplatzt war und blutete. Die Arme waren brutal hinter seinem Rücken an den Handgelenken und an den Ellenbogen zusammengebunden. Sein Kopf fiel immer wieder haltlos nach vorn auf die Brust, der Atem war laut und röchelnd. Bei jedem Atemzug liefen Blut und Schleim aus seiner verletzten Nase über die geschwollenen und aufgeplatzten Lippen und suchten sich ihren Weg über den Hals auf die Brust. Der ganze Körper war ein einziger brennender Schmerz.
Rons Tag hatte ganz normal angefangen. Nichts deutete auf dieses schreckliche Ereignis hin. Er hatte gerade den Volvo vor seiner Wohnung geparkt und abgeschlossen. Plötzlich blitzten Lichter in seinem Kopf auf, dann fiel er in absolute Dunkelheit.
Sie hatten ihn in dieses kalte, muffige und feuchte Rattenloch verfrachtet, um ihn auszuquetschen, zu foltern und vielleicht sogar zu töten. Angeblich hätte er sich eingemischt. Womit sie auch Recht hatten. Ron wusste daher genau, was sie mit »sich einmischen« meinten, und was sie von ihm wollten. Es war ihnen ernst mit dieser Aktion, daran ließen sie keine Zweifel aufkommen. Sie verstanden eine Menge von der Anwendung schmerzhafter Verhörmethoden.
Immer wieder wurde sein Kopf an den verklebten Haaren hochgerissen, und er musste durch die geschwollenen Augenlider in das grelle Licht eines Scheinwerfers starren. Dieser wurde von einem lautstarken und stinkenden Generator mit Strom versorgt.
Alle drei Entführer waren große und bullige Typen mit Gesichtsmasken, in denen nur Löcher für Augen und Mund sichtbar waren. Sie wollten nicht, dass er die Gesichter erkennen würde. Da sie mit dem Rücken zur grellen Beleuchtung standen, waren sie nur mit ihren schwarzen Umrissen zu erkennen. Vielleicht wollten sie ihm nur eine Lektion erteilen, ausquetschen und ihn dann laufen lassen. Ron gab sich aber keiner Illusion diesbezüglich hin. Er war erledigt.
Wie aus dem Nichts kamen die Schläge. Regelmäßig, hart und präzise, gerade so, dass er nicht sofort bewusstlos wurde. Begleitet wurden die Schläge von immer den gleichen geflüsterten Fragen. Er sollte sich wohl an keine Stimme erinnern können. Obwohl das lächerlich war, da sie ihn doch sowieso töten wollten.
»Warum mischt du dich ein? Was willst du von uns? Warum hast du einem von uns die Kniescheibe zertrümmert? Wer hat dich auf uns angesetzt? Wieso beobachtest du uns in Mukran?
Warum hast du bei uns auf dem Clubgelände drei Kumpels fertiggemacht? Was willst du von unseren Freundinnen, die uns aus Schweden besuchen?«
Ron konnte keine der Fragen zufriedenstellend beantworten. Er starrte wortlos durch die geschwollenen Augenschlitze in die schwarzen Masken.
Einer der Typen hatte ein braunes und ein blaues Auge. Ron konnte das deutlich erkennen, als dieser bis auf wenige Zentimeter an sein zerschundenes Gesicht herankam. Iris Heterochromie zuckte es ihm durch den Kopf. Sehr selten. Wie kam er bloß in diesem Moment auf diese wissenschaftliche Bezeichnung? Anscheinend funktionierte sein Gehirn noch.
Niemand hatte ihn geschickt. Er hatte nur einem Schüler helfen wollen, der in dem Seitenweg neben dem Schulgebäude von zwei Schlägertypen in die Zange genommen worden war. Dass er bei seinem Eingreifen einem der Angreifer die Kniescheibe zertrümmerte, basierte auf einer von Ron erlernten Kampftechnik aus der Zeit beim Militär. Sein präziser Fußtritt gegen das Knie des Angreifers war daher kein Zufallstreffer. Glück für ihn oder Pech für den Schläger, je nach Sichtweise. War aber auch egal. Jetzt hatte er Pech.
Der zweite Schläger, ebenfalls ein bulliger und fetter Typ, versuchte erst gar nicht, sich mit ihm anzulegen, sondern schleppte seinen vor Schmerz brüllenden Freund davon. Er war sich wohl sicher, dass Rons Aktion gegen die Kniescheibe seines Kumpels kein Zufall war.
Ein paar Mal war Ron während der Behandlung weggetreten und hatte in der dunklen Schmerzlosigkeit Zuflucht gefunden. Ein deutliches Zeichen seiner nachlassenden Widerstandskraft. Sie waren doch keine Profis, da sie sich beim Dosieren ihrer Angriffe gegen Gesicht und Körper nicht immer im Griff hatten. Für ein paar Sekunden konnte er den klatschenden Schlägen, den grellen Blitzen im Gehirn und dem beißenden Schmerz entkommen. Licht aus, Angst vergessen.
Sie hatten mehrere Rippen mit ihren groben Springerstiefeln bearbeitet. Diese waren mit neonfarbenen Schnürsenkeln geschmückt. Unter seinen Achseln hatten sie Zigaretten auf der nackten Haut ausgedrückt, um ihn zum Reden zu bringen.
Immer wenn er bewusstlos wurde, holten sie ihn mit einem Schwall kalten Wassers zurück. Sein Körper war ein einziges zuckendes Bündel. Aber er hielt durch und sagte nichts. Was hätte er auch sagen können. Betteln und bitten wollte er nicht, Informationen hatte er nicht.
Seine Chancen, hier wieder lebend rauszukommen, sanken von Minute zu Minute. Wenn sie ihn nicht direkt umbrachten, würde sein Organismus bald von allein den Dienst quittieren.
Es war ein verdammt schlechter Moment, um in diesem stinkenden Verließ zu sterben.
Noch einmal röchelte er: »Ich bin hier ein neuer Lehrer und unterrichte den Jungen, den zwei von euch angegriffen haben. Zwei gegen einen Schüler, wie mutig. Da musste ich ihm doch helfen! Ihr solltet ihn nur in Ruhe lassen.«
Danach ließ er seinen Kopf wieder sinken und rührte sich nicht mehr. Sie sollten glauben, dass er fertig war, ohne Aussicht, wieder zu sich zu kommen. Das war seine einzige Chance.
»Schmeißt ihn in den Bodden. Am besten in Altefähr in den Strelasund vor der Brücke. Dann treibt er in der Fahrrinne in den Kubitzer Bodden. Ihr könnt mein kleines Schlauchboot nehmen, das am Anfang des Bootshafens bei Café Oelmann vertäut liegt. Es hat einen leisen silbernen 5 PS-Motor und wird nur ab und zu zum Angeln benutzt. In Deckung des kleinen Cafés hält sich dort um diese Zeit kein Mensch auf. Niemand wird euch bemerken. Das Boot ist leicht zu finden. Wickelt das Dreckschwein beim Transport in eine Persenning, die hinten im Transporter liegt. Das Schlauchboot kann aber nur einer steuern, es ist zu klein für drei Mann.«
Anscheinend war der Typ mit den unterschiedlichen Augen der Boss. Er warf einem der beiden anderen schwarzgekleideten Männern einen Schlüssel zu.
Als der Anführer verschwunden war, nahmen sich die beiden Typen noch einmal Ron vor. Er fühlte die brutalen Schläge nicht mehr, die Dunkelheit war gnädig, hatte ihn geholt und hielt ihn fest.
***
Das Rattern eines kleinen Außenbordmotors und das Schaukeln und Plätschern eines Schlauchbootes weckten Ron auf. Halb besinnungslos fühlte er, dass er unter einer Plane lag. Sie hatten ihn mit Kabelbindern an den Handgelenken und Fußgelenken gefesselt. Durch seine geschwollenen Augenlider konnte er nur das schmutzige Wasser auf dem Boden des Bootes erkennen. Ein paar Springerstiefel mit gelben Schnürsenkeln standen dicht neben seinem schmerzenden Kopf. Es war eng hier im kleinen Boot. Er war gezwungen, wie ein Embryo zusammengekrümmt zu liegen.
Ron erfasste instinktiv, dass seine Chance aufs Überleben davon abhing, ob der Lenker des Bootes ihn für tot hielt. Er schloss die Augen und versuchte die Atemfrequenz ganz flach und langsam zu halten. Eine andere Wahl hatte er auch nicht, da seine schwer geprellten Rippen fürchterlich schmerzten. Tiefes Durchatmen wäre deshalb auch gar nicht möglich gewesen, selbst wenn er gewollt hätte.
Der Schein einer Taschenlampe leuchtete kurz in sein Gesicht, das kaum noch als ein solches zu erkennen war. Getrocknetes und verkrustetes Blut unterdrückte jede Bewegung und setzte ihm eine braune Maske auf. Das Einzige, das Ron erkennen konnte, war, dass dem schwarz gekleideten Typen an der rechten Hand ein Glied des kleinen Fingers fehlte.
Der Mann an der Pinne räusperte sich und spuckte auf Rons Gesicht. Dann riss er die Plane zur Seite und packte Ron fluchend an der Schulter, um ihn über den Wulst des Bootskörpers ins Wasser zu rollen. Erst im dritten Versuch schaffte er es. Mit einem klatschenden Geräusch fiel er über Bord.
Das letzte, was er hörte, war »hoffentlich fressen dich die Fische«. Danach schlug das kalte Wasser über ihm zusammen. Sofort verschwand seine Lethargie und sein Gehirn und damit sein Überlebenswille funktionierten wieder. Er hielt den Atem an, damit kein Wasser in die Lunge kam. Bewegungslos trieb er wieder an die Oberfläche.
»Scheiße, der geht so nicht unter«, murmele der Typ und holte ein Teleskop-Gaff hervor, mit dem Angler normalerweise große Fische ins Boot zogen.
Er verlängerte den Schaft des Angelgerätes und drückte mit der...




