E-Book, Deutsch, 324 Seiten
Schmidt Stadt in Angst
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7407-7857-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ostseekrimi
E-Book, Deutsch, 324 Seiten
ISBN: 978-3-7407-7857-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ehemalige DDR-Größen (Stasi) versuchen mit terroristischen Mitteln einen Stimmungswandel in der Bevölkerung gegen das herrschende demokratische System herbeizuführen. Sie schrecken vor dem Einsatz von Bomben, chemischen Waffen und Mord in Stralsund nicht zurück. Dabei bedienen sie sich modernster digitaler Techniken. Sie haben Zugriff auf das Netzwerk der Polizei und sind den Ermittlungen immer einen Schritt voraus. Hauptkommissar Bergmann führt mit seinem Team einen fast aussichtslosen Kampf gegen diese Terrorgruppe.
Udo Schmidt schrieb mehr als zwanzig Jahre lang erfolgreiche populärwissenschaftliche Bücher. Kurz nach seiner Pensionierung begann der Oberstudienrat Kriminalromane zu schreiben. Nach den Romanen "Phönix - Alte Wölfe spielen nicht" und "Jenseits der Idylle" präsentiert der Autor seinen dritten Kriminalroman "Stadt in Angst". Der Handlungen spielen auf Rügen und in der Hansestadt Stralsund.
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K2 – Das Statement
Der rote Toyota, ein sogenannter Pickup mit großer Fahrerkabine, war bis auf wenige Meter ans Ufer gefahren und stand mit seinen riesigen und wuchtigen Rädern im feuchten Sand. Er besaß eine große Ladefläche. Aus Sicherheitsgründen hatten sie vor dem Beladen ihre gummierten Handschuhe angezogen. Unter der Aufsicht von Ludwig Marin wurden die vier Transportboxen vorsichtig aufgeladen. Jede einzelne davon wurde mit Spanngurten gesichert. Den Transporter hatten sie vor einigen Stunden von dem Ausstellungshof eines Autohändlers für Importwagen gestohlen. Er sollte noch in der gleichen Nacht, sofort nach dem Transport, in einer Nebenstraße in Stralsund abgestellt werden. Sorgfältig kontrollierten sie nach dem Beladen noch einmal den Anlandungsplatz der Schlauchboote. Sie wollten sicher gehen, dass die versteckten Überreste der Boote in den nächsten Tagen nicht gefunden würden. Leise fluchend stiegen die fünf Männer in die Kabine des Pickups ein. Zum Reden war ihnen nicht. Sie hatten sich kaum bewegt auf den Booten und froren entsetzlich. Die nasse Kälte saß ihnen in den Knochen und hatte sie trotz der dicken Jacken und Hosen fast erstarren lassen. Jede Bewegung schmerzte. Sie spürten in jeder Sekunde ihr Alter, das weit jenseits von 50 Jahren lag. Zum Glück waren die nächtliche Bergung und Transport der Kanister reibungslos über die Bühne gegangen. Es gab keine Zeugen. Die beiden toten Taucher waren, so hofften sie, im Bodden für immer verschwunden. Alle Spuren waren nach strenger Anweisung sorgfältig beseitigt worden. Somit war der erste wichtige Schritt zur Durchführung ihrer verschwörerischen Pläne erfolgreich verlaufen. Der Kopf ihrer Gruppe, der Planer, der Graue, war schon verschwunden und hatte sich in seinem blauen Wagen auf den Weg nach Stralsund gemacht. Er würde dort auf sie warten. Einigen von ihnen war nicht wohl bei dem Gedanken, ihn wiederzusehen. Als sie losfuhren, schauten sie sich stumm an. Trotz der erfolgreich verlaufenen Aktion war die Stimmung gedrückt. Die Stille lag wie Blei auf ihnen. Ihnen war klar, dass sie in der Falle saßen. An eine Hinrichtung der Taucher hatte bis auf Ludwig Marin und sein Kumpel Manfred Luk niemand gedacht. Als Beteiligte und Mitwisser hing die komplette Gruppe fest an der Angel ihres Anführers. Angst machte sich breit. »Sag mal Ludwig«, Konrad Wirner, der neben seinem Freund Rolf Wüsthof saß, gab sich einen Ruck, beugte sich nach vorn und schaute Ludwig Marin an, der den Wagen steuerte. »War es wirklich nötig, die beiden Taucher umzubringen? Beide waren wie wir Leute aus Mecklenburg-Vorpommern. Also Landsleute. Sie hätten Kumpels von uns sein können. Von Mord oder Hinrichtung war bei unseren Treffen nie die Rede!« Bevor der Angesprochene antworten konnte, fauchte Manfred Luk den Fragenden von der Seite an. »Was soll diese dämliche Frage? Egal wer sie sind und woher sie kamen. Die beiden hätten uns identifizieren können. Damit wären unsere Aktionen zum Scheitern verurteilt gewesen, bevor es richtig losgegangen wäre. Und…«, Luk suchte einen Moment nach Worten, »glaubst du, die wären mit den 5000 Euro zufrieden gewesen, wenn sie von unseren Aktionen aus der Presse erfahren hätten? Sie hätten zwei und zwei zusammengezählt und uns erpressen können. Oder, noch schlimmer, sie hätten die Polizei informieren können. Von ihrer Seite aus hatten sie nichts Verbotenes gemacht. In solch einem Fall wären wir geliefert und alles wäre umsonst gewesen. Nein, es gab keinen anderen Weg, unsere Pläne erfolgreich durchzuführen. Wir können nur uns allein vertrauen, Mitwisser sind Gift für uns.« Wirner schaute betreten zu Boden. Er war in etwas hineingerutscht, das nach seiner Ansicht eine Nummer zu groß für ihn war. Er war nur ein unbedeutende Druckereibesitzer und sein Freund und Mitarbeiter Rolf Wüsthof, hatte sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Für die Polizei war er ein unbeschriebenes Blatt. Sie hatten über ein bisschen Terror, Anschläge auf Einrichtungen gesprochen. Der einzige Zweck dieser Aktionen war, Angst und Schrecken zu erzeugen. Das ging in Ordnung, das passte zu ihrer Wertvorstellung. Sie waren bereit, die Politik mit Druck zu verändern. Jetzt aber nach den beiden Morden hatte er schlichtweg Angst vor dem, was noch kommen würde. »Und was sagst du dazu?« In Wirner regte sich der Trotz. Nochmals sprach er Ludwig Marin an. Er versuchte ruhig und sachlich zu wirken, aber innerlich zitterte er. »War das die einzige Möglichkeit, die möglichen Probleme mit den Tauchern auf so brutale Weise zu lösen? Werden noch weitere Morde folgen?« Rolf Wüsthof neben ihm nickte zustimmend. Auch er hatte Angst und Gewissensbisse. Ludwig Marin steuerte konzentriert den Wagen und suchte nach Worten. Man fühlte, wie es in ihm arbeitete. Dann brach es plötzlich aus ihm heraus. »Das kann ich nicht vorhersagen. Und… was heißt hier Mord?«, schrie er. »Sind Soldaten, die für eine Sache kämpfen, die sich in einem Krieg befinden, gemeine Mörder? Ich verbitte mir den Begriff Mord in unserem Zusammenhang. Es gibt große Ziele, die den Tod von Menschen rechtfertigen. Die Geschichte wird darüber urteilen, ob wir gemeine Mörder sind oder Freiheitskämpfer, die für eine großartige und gerechte Sache kämpfen.« Ludwig Marin sammelte sich und unterdrückte seine Erregung. Er hatte diese Diskussion kommen sehen und war darauf vorbereitet. »Wir sitzen verdammt nochmal in einem Boot und steuern ein gemeinsames Ziel an. Wir wollen die Kapitalistenschweine aus dem Westen und die korrupten Behörden hier fertig machen. Das heißt, die Bevölkerung soll erst verunsichert und dann sensibilisiert werden. Wofür? Ein Beispiel: Der größte Teil der Produktionsmittel hier in Mecklenburg-Vorpommern liegt seit der kampflosen Übernahme durch die Kapitalisten in den Händen von verdammten Wessis. Und was tun die? Sie saugen unsere Bevölkerung aus. Ja sie lutschen sie regelrecht aus.« Marin schlug bei jeder Silbe heftig auf das Lenkrad und nickte gleichzeitig dabei mit dem Kopf. Er schien außer sich zu sein. »Die Gewinne, die bei uns erwirtschaftet werden, fließen fast alle in die Konzernzentralen in Frankfurt, Hamburg oder München, um nur einige Zentren im Westen zu nennen. Uns bleiben nur die Reste, die man uns hinwirft, damit wir nicht krepieren. Als der Westen uns annektierte, hat der Fettwanst Kohl uns blühende Landschaften versprochen. Und was ist passiert? Wir haben Landschaften, die vielleicht blühen. Aber nicht so, wie Kohl uns das vorgegaukelt hat.« Er wischte mit dem Handrücken den Speichel vom Kinn, der von seinen Lippen herunterlief und atmete schwer. »Die armen Schweine werden immer ärmer und die vollgefressenen und skrupellosen Geldheinis aus dem Westen immer reicher. Und die meisten hier im Land merken noch nicht einmal, dass sie in der Mausefalle sitzen. Sie schlucken einfach die Tatsache, dass in allen vergleichbaren Jobs rund 20% weniger verdient wird als im Westen.« Marins Hände umklammerten vor Erregung das Lenkrad so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Ich wollte damals, Anfang 90, mit knapp 25 Jahren der neuen Situation eine Chance geben. Genau wie ihr! Wir hatten alle Hoffnung auf einen Neuanfang, der für alle bessere Lebensbedingungen bedeuten würde. Wir waren bereit, hart zu arbeiten und zu lernen. Klar, wir hätten irgendwo in Westdeutschland nach einer Ausbildung an einer Werkbank stehen können. Aber wir leben hier in Mecklenburg-Vorpommern. Das ist unsere Heimat. Die Gelder für den Neuaufbau sind investiert worden. Wo? Na klar, in westdeutsche High-Tech-Maschinen in Westdeutschland oder in Edelhotels an der Küste, wo unsere Landsleute für fünf Euro die Stunde mit billigen polnischen Saisonarbeitern konkurrieren und arbeiten müssen. Was machen die jungen Leute, wenn sie hier keine Perspektive oder wenigstens Arbeit haben? Sie hauen ab in den Westen, wo sie genauso verarscht werden, wie hier.« Es herrschte betretenes Schweigen, nur das dumpfe Grollen des Motors war zu hören. Marin wurde noch heftiger. »Die Chancen sind vertan, unsere Geduld ist erschöpft. Jetzt wird abgerechnet, bevor wir zu alt geworden sind und uns nicht mehr wehren können. Wir haben unsere Lebenschancen der Siegermacht aus dem Wessiland überlassen. Mit unserer Ausbildung in unserer geliebten DDR hat man uns auf die Rutschbahn ins Elend gesetzt und ausgemustert, bevor wir überhaupt in der Lage waren, unsere Qualitäten beweisen zu können. Schluss, aus und vorbei! Jeder von uns hat sich für die DDR und damit für eine gute Sache eingesetzt. Ist das ein Grund, uns wie Parias oder den letzten Dreck zu behandeln? Nein, wir müssen uns nach deren Meinung schämen für unsere Liebe zum alten und gerechten Vaterland.« Marin warf einen Blick über die Schulter. Er bemerkte die Unsicherheit in den Gesichtern. »Konrad und Rolf«, sprach Ludwig zwei von ihnen...




